
Die aktuelle Studie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen „
Charting a New Low-Carbon Route to Development“ betont die Schlüsselfunktion der örtlichen Behörden und Gemeinden beim Ausbau der Anstrengungen für den Klimaschutz; zum einen, weil es die Aufgabe der örtlichen Interessenvertreter ist, politische Entscheidungen in die Tat umzusetzen, und zum anderen, weil sie mit den Besonderheiten ihrer Region am besten vertraut sind und daher die Anforderungen und dafür geeigneten Maßnahmen am besten einschätzen können. Dieser Ansatz wird „Bottom-up“ (von unten nach oben) genannt.
In Russland kommt dieser Strategie eine äußerst wichtige Rolle zu. Das Land ist riesig. Es hat eine Ost-West-Ausdehnung von knapp 10000 km und umfasst neun (!) Zeitzonen. Das schlägt sich in den enormen klimatischen, geografischen, sozio-ökonomischen und selbst kulturellen Unterschieden zwischen den 83 Regionen und ihrer Entfernung vom geografischen und politischen Zentrum nieder. Es erfordert gewöhnlich viel Zeit und Mühe, die in Moskau getroffenen Entscheidungen an die Behörden in entfernten Landesteilen wie Kamtschatka zu übermitteln (in Russland steht „Kamtschatka“ sogar als Synonym für Abgelegenheit). Dort kostet es die örtlichen Vertreter vermutlich noch mehr Zeit und Mühe, die Botschaft einer Babuschka (alten Frau) aus einem entlegenen Dorf verständlich zu machen. Häufig kommen die Entscheidungen überhaupt nicht an oder werden unterwegs falsch gedeutet – wie beim beliebten Spiel „Kaputtes Telefon“ (dem russischen Äquivalent von „Stille Post“.)
Warum soll man aber am Telefon sitzen und wie eine verliebte Frau auf den Anruf des Angebeteten warten? Bei dringenden Angelegenheiten ist es für die lokalen Behörden und Gemeinden manchmal einfacher, sofort Maßnahmen einzuleiten, anstatt auf Anweisungen von oben zu warten. Das trifft umso mehr auf Umweltprobleme und besonders auf den Klimawandel zu.
Die 10/10/10-Kampagne, die in ganz Russland als Teil der „10/10/10 Global Work Party“-Initiative stattfand, demonstrierte das eindrücklich. Hauptziel der Kampagne war es, in der Öffentlichkeit sowie bei Vertretern öffentlicher und privater Sektoren russischer Regionen ein erhöhtes Bewusstsein zu schaffen für Klimarisiken und wie man diesen durch Entscheidungsfindung und der Senkung der persönlichen CO2-Bilanz entgegenwirken kann.

Unter dem Motto „Klimawandel: Zeit zum Handeln!“ führten Oxfam Russia, Ecowiki.ru und andere Organisationen dutzende Aktionen zum Thema Klimawandel am gleichen Tag – dem 10. Oktober 2010 – in 20 Regionen Russlands durch. Mehr als 5000 Menschen unterschiedlichen Alters und Berufs beteiligten sich daran. Damit war es die größte russische Klimawandel-Kampagne aller Zeiten. Die Teilnehmer pflanzten Bäume, sammelten Müll und Altpapier (in Murmansk kamen an jenem Tag mehr als 300 kg Papier zusammen), ersetzten Leuchtstoffröhren durch Energiesparlampen, verbesserten die Wärmedämmung öffentlicher Gebäude wie Schulen und Kindergärten, entwarfen und verteilten Stoffbeutel (in Moskau wurde diese Aktion vom Goethe-Institut unterstützt), besuchten Workshops, Diskussionsrunden und … hatten viel Spaß dabei.
Da möchte ich fast fragen: Warum ist nicht jeder Tag ein 10.10.2010? Ändern wir die Welt von der Basis aus.
Übersetzung: Christiane Wagler