Autobahndreieck-Embryonen. Shopping-Mall-Rohlinge. Als ich in eine Tempelanlage flüchte, die sich mit ihren geschwungenen Dächern in all dem Baudreck und Baulärm schützend über einen kleinen Park duckt und dabei aussieht, als hätte sie sich irgendwie aus dem vorletzten Jahrhundert herübergerettet, muss ich feststellen: Auch hier wird gebaut, und wie. Während im gerade fertiggestellten Hauptgebäude bereits ein buddhistischer Gottesdienst stattfindet, werden die Dächer der Nebengebäude noch gedeckt. Im Turm hängt bereits die Glocke; daneben hocken Arbeiter, die Zierelemente aus Holz mit Goldfarbe bemalen. Mit einem Schlag erahne ich die Dimensionen einer ganz besonderen Kunstfertigkeit: Neue Dinge so zu bauen, dass sie auf angenehme Weise antik aussehen: Wer schon einmal in einem Importgeschäft für Asia-Möbel war, weiß, was ich meine.
Und so dämmert es mir: Die Wohnviertel aus typischen Hanoi-Häusern, hoch und schmal, mit verzierten Balustraden und bemalten Säulen, jene Viertel, die zugunsten einer neuen Straße oder eines Hochhauses im Handumdrehen eingerissen werden, sind selbst nicht hundert, sondern gerade einmal zehn Jahre alt. Hochziehen, Plattmachen, Drüberbauen: Im Gegensatz zum Alter der Menschen besitzt das Alter der Dinge hierzulande keinen eigenen Wert.
Na klar: Auch New York wurde irgendwann einmal errichtet, vielleicht hat das ähnlich ausgesehen wie hier. Natürlich kennt jedermann die drei Arbeiter, hoch in der Luft auf ihrem ihrem Stahlträger sitzend. Aber für einen Europäer ist die Geburt einer Stadt immer ein historisches Ereignis. Von so etwas liest man; im amerikanischen Fall kauft man von so etwas vielleicht nocht Postkarten. Aber man ist nicht live dabei; man sieht es nicht mit eigenen Augen. Europäische Architektur als das immer schon Gegebene: Hier sieht man den Geburtsvorgang, und der sieht gruselig aus. Ohne Worte erzählen diese Baustellen, dass prachtvolle Gebäude, ganz gleich in welcher Epoche, immer nur auf dem Rücken der Massen gebaut werden. Dass sie Reisfelder, Wasserbüffel und Bananenplantagen verschlingen, Leute vertreiben, Arbeiter zu Hungerlöhnen beschäftigen. Und wo sind die hunderttausend Dollar-Millionäre, die in diese künstliche neue Luxusstadt ziehen sollen? Das ist der Clou: Die werden von der Großbaustelle gleich mitproduziert. Die wird es geben, wenn hier alles fertig ist.
Ein plötzlicher Regenguss wäscht die Roller fort: Sie ballen sich unter zukünftigen Brücken und in zukünftigen Unterführungen und zusammen. Plötzlich pflügen nur noch Autos auf der zukünftigen Straße durch plötzlich knietiefes Wasser. Hat die Zukunft eigentlich an eine Kanalisation gedacht?
Auf der Long-Bien-Brücke herrscht Linksverkehr: Eine Rollerrennbahn, die wahrscheinlich niemals verraten wird, warum sie sich nach englischem Vorbild sortiert.
In der Mitte Gleise, auf denen ein vergittertes Blechmonster von Personenzug kriecht. Der flachliegende Eiffel-Turm: Drei Kilometer laufe ich über Eiffels Stahlkonstruktion: Unten der Rote Fluss, mitten drin eine Insel mit Reisfeldern: Männer tragen geflochtene Kiepen, Frauen arbeiten mit gekrümmten Rücken und runden Hüten, während hoch über ihnen die Jugend Hanois auf jeweils zwei Rädern dahinbraust. Da unten scheint man nichts davon zu wissen, dass sich Hanoi ein paar Kilometer weiter eine neue Seele baut. Was soll man auch machen: Reis pflanzen und ernten, bis eines Tages der Skyscraper kommt. Ich gehe ins Hotel und ziehe mir die Decke über den Kopf. Der Schlaf wird mich abreißen und neu aufbauen über Nacht.
Nach drei Tagen Hanoi schmeißt einen die Stadt förmlich raus: Man will nur noch weg von Lärm und Smog: Also ab aufs Land.
Friedhöfe und Baustellen: Die Häuschen der Toten sind nicht nur hübscher, sondern auch wesentlich stabiler und regendichter als die selbstgebastelten Hütten der Bauarbeiter. Auch 20 Kilometer außerhalb der Stadt hört Hanoi nicht auf, sich selbst zu errichten: Keine Skyscraper, sondern Privathäuser, die meisten erstaunlich geschmackvoll. Man sollte sämtliche deutschen Architekten einfangen und für ein paar Monate nach Vietnam verfrachten: Hier können sie dann studieren, wie man neu und trotzdem ansprechend baut. Vielleicht wird ihnen in einem Land, das weitaus ärmer als Deutschland ist und trotzdem gigantische Bodenpreise kennt, ihr Lieblingsargument im Hals stecken bleiben: Dass nämlich alles, was besser aussieht als ein Schuhkarton, angeblich auf gar keinen Fall finanzierbar sei.
Die ersten Hügel: Felsbrocken, die auf dem flachen Land liegen wie vom Himmel gefallen, von lebenslustigem Grünzeug bewuchert. Natur heißt allerdings nicht, dass man seinen Müll nicht in die Gegend schmeißt.
Autobahn: Kühe weiden auf dem Mittelstreifen, und auf den Fahrbahnen kommt einem gern mal ein vorwitziger Roller als Geisterfahrer entgegen, der glaubt, dass es falsch herum schneller gehen muss. Flugangst haben, aber unangeschnallt über vietnamesische Autobahnen brausen: Ich habe nie behauptet, logisch zu funktionieren.
Ein Schwimmbad mit Sprungturm, neben dem ein Kettenpanzer parkt. Ein Lkw, überladen mit Hühnerkäfigen: Wieder einmal Leben als Frischhaltefunktion. Eingebettet in die beginnenden Berge eine riesige Golfanlage, 45 Loch unter Palmen: Am Straßenrand Stände, die leuchtende Pyramiden aus weißen Kugeln zum Verkauf anbieten: "What's this?", fragt der Guide, und wir tun ihm den Gefallen und antworten: "Hühnereier", damit er triumphierend: "No, golf balls!" sagen kann. Außer Golfbällen wird verkauft, was das Roden der Anlage zutage förderte: Mannshohe Specksteinbrocken in bizarren Formen; riesige Wurzelstrünke, blank poliert: Mit ein bisschen Müdigkeit, Alkohol, Opium oder einfach nur Phantasie kann man je nach Vorliebe phantastische Tiere oder nackte Frauen darin sehen.
Kaffeepause am Straßenrand: Tischtennisplatte, eingelegte Kobra im Glas (ein Potenzmittel, wie so ziemlich alles, was Vietnamesen in Gläser einlegen), ein Gecko, der zu faul ist zum Fliegenfangen. Langsam verstehe ich das Apocalypse-Now-Gefühl: Europäer, die träge unterm Ventilator liegen, ohne Antrieb, ohne Sinn, schon fast ohne Ich: Wenn der Guide nicht riefe, würde ich stundenlang hier sitzen bleiben, im Schatten, gedankenlos in die Landschaft schauend, die Hirntätigkeit auf ein Minimalmaß heruntergeschraubt.
Wenn's dann schief geht: Polizisten sperren die Serpentinenstraße, um die Abstände zwischen über den Asphalt verteilten Gegenständen zu messen: ein umgestürzter Roller, ein einzelner Turnschuh, die Splitter eines hellblauen Helms, zerbrochen wie Eierschalen.
Keine Autofahrer-Nation: Wahrscheinlich ist es so, dass eine Deutsche das Geräusch eines bei korrekter Drehzahl geschalteten Autos mit der Muttermilch aufgesogen hat. Unser notorisch untertourig kutschierende Fahrer, der noch bei 12 Prozent Steigung versucht, in den vierten Gang zu kommen, raubt mir jedenfalls den letzten Nerv.
Keine Autofahrer: Ich sehe zum ersten Mal im Leben einen Ort, an dem es fast keine Autos gibt. Mal ein abgestellter Lastwagen am Straßenrand; ein einzelner Roller. Ansonsten nur Schwärme von Fahrrädern: Gymnasiasten in Jeans und weißen Blusen, die Mädchen mit Pferdeschwänzen, die bis in die Kniekehlen reichen.
Ein Mikro-Paradies: Schmales und steiles Tal, der Boden Reisfeld, die Wände Fels mit Bambuswald, der Deckel blauer Himmel, von unbarmherziger Sonne verziert.
Das Ganze am unteren Rand von Dörfern gesäumt: Pfahlbauten, Fischteiche, Schweinkoben, grasende Büffel, Unmengen von niedlichen Hunden, die aussehen, als hätten sie alle denselben Vater. (Wohlgenährt sind sie, jung sind sie, gesund sehen sie aus. Kuscheltiere sind sie mit Sicherheit nicht - einen Vietnamesen, der einen Hund streichelt, habe ich noch nie gesehen; zum Rattenfangen sind sie zu faul; als Wachhunde eignen sie sich auch nicht: Liegen nur dösend im Schatten: Sagt mal, werdet ihr eigentlich alle gegessen?)
Gänse, Enten, Hühner, Schweine, Gäsenküken, Entenküken, Hühnerküken, Schweineküken: Alles läuft frei und friedlich umeinander und miteinander ...
... so eine gottverdammte Idylle: Da müssen wenigstens die Menschen bettelarm sein und im Winter hungern und frieren (denkt der Europäer, denn das verlangt die Dialektik - oder auch die demokratisch-kapitalistische Ideologie: Achtung, Achtung: kein Glück ohne industriell angefertigte Güter möglich! Ich wiederhole: Kein Glück ohne ...): Aber nein, behauptet der Guide, das Tal bringt genug Essen für alle hervor, und im Winter wird es niemals kälter als zehn Grad über Null (misstrauisch beäugen wir ihn: vielleicht ist das Propaganda?). Der Tourismus tut das Übrige (und da hat er sicher recht):
Nach bewähtem vietnamesischen Sortierungsprinzip hat sich ein Dorf (nur eins!) komplett in eine Gästehaus-Siedlung verwandelt: Die Familien haben ihre Pfahlbauten ausgebaut, einen der großen, unmöblierten Räume den Besuchern gewidmet (man sieht die bunten Teppiche und weichen Kissen und fragt sich verwundert: wozu haben wir in den letzten paar Tausend Jahren eigentlich Möbel gebraucht?) ...
...und verkaufen bunte Seidenschals: folkloretypisch für die Region. Vor den Seidenschals nimmt der Deutsche Reißaus, weil er sich gleich wieder zu sehr als Tourist behandelt fühlt: Wir kaufen nichts und laufen lieber durch die naturbelassenen Dörfer, sehen den Reisbauern beim Reisbauen ...
... den Ziegelbrennern beim Ziegelbrennen, den Büffeln beim Karrenziehen, den Schweinen beim Schlafen und den Hühnern beim Huhn-Sein zu (vielleicht ist es doch nicht der schlechteste Job, einfach nur auf den Tod zu warten).
Ich hake die Zehn-Punkte-Liste ab: Ruhe und Frieden? Jede Menge. Freundlich Menschen? Noch gerade im Rahmen. Glückliche Tiere? Kaum zu glauben, aber wahr (und sie beweisen mal wieder, dass sie partout keine Kriege miteinander führen, solange der Mensch sich nicht einmischt).
Fließend Wasser? Jawohl, aus unterirdischer Quelle, im Sommer kühl, im Winter warm. Heizung? Nicht unbedingt nötig, warme Kleidung reicht auch. Telephon? Ja. Strom? Ja. Internet? Höre und staune, liebe Bundesrepublik Deutschland: In den Bergen Vietnams gibt es Internet! (Ganz anders als in Brandenburg, wo man sich mit Modem ins Netz einwählt und stundenlang irgendwelchen PDF-Dokumenten beim Laden zusieht. Das kommt davon, wenn man seine Infrastruktur für den "Standort" statt für die Menschen plant.) Eine Poststelle, bei der man seine Amazon-Bestellungen abholen kann? Positiv. Kindergarten, Grundschule, Gymnasium? Vorhanden. Gutes Bauchgefühl? Definitiv. Die Antwort lautet mit 10 von 10 Punkten: Hier könnte ich leben. Und wäre vielleicht die einzige Person im Tal mit einem Möbelstück: Schreibtisch.
(Vogelscheuche: Rollerfahrer in alternativer Verwendung)
Manche Schmetterlinge sind groß wie Handteller und leuchtend blau. Erstaunlicherweise gibt es sonst kaum Tiere, die nicht dem Menschen dienen: Ich sehe eine Wasserschlange im Bewässerungsgraben, einen Gecko am Mast einer Straßenlaterne, ein paar Motten und Mücken - das war's. Keine Rehe, keine Möwen, keine Greifvögel, keine Hasen, keine Bienen, keine Wespen; auch am Straßenrand keine plattgefahrenen Füchse, Waschbären, Igel, wie man es aus Deutschland kennt. Nicht einmal Spinnen gibt es (wofür ich dankbar bin). "Agent Orange", sagt D., der einfach zu viele Vietnam-Filme guckt. - Wo sind die alle? Ausgewandert? Aufgegessen? Ausgestorben wie die Tiger, für die man sich ursprünglich die Pfahlbauten ausgedacht hat? Selbst die Mini-Stelzenhäuser an den Fischteichen, in denen immer ein Familienmitglied übernachten muss, sollen die Karpfen nicht gegen Reiher, sondern gegen menschliche Fischdiebe verteidigen.
(Ein Karpfen-Wachturm im Bau)
Dafür haufenweise Kinder, und das ist wirklich ein Phänomen: Während deutsche Kinder in der Regel die reinste Kondomwerbung sind, weil man sie in der Öffentlichkeit vor allem plärrend, nörgelnd, kreischend, jammernd und notorisch unzufrieden erlebt, sieht man hier (und das nicht nur in Mai Chau, sondern genauso in Hanoi) nur lächelnde Babys, fröhliche kleine Mädchen und Jungs, die selbstvergessen ihren geheimnisvollen Spielen folgen, Kleinkinder, die brav wie Äffchen zwischen ihren Eltern auf den Mopeds sitzen: lauter hübsche kleine Wunder an Artigkeit. Vielleicht weil es hier keine Kinderwagen gibt, und schon gar nicht solche, die wie militärische Amphibienfahrzeuge aussehen? Weil Kinder hier nicht um acht ins Bett gesteckt und zum Schlafen gezwungen werden? Weil sie weder als Dauerkrise noch als Retter der Nation, sondern schlicht als Teil des Lebens behandelt werden? - Das klingt wohl nach Zurück-zur-Natur und Simple-Life-Kitsch? Tja, die Wahrheit ist es trotzdem, tut mir leid. Und wie etwas klingt, entscheidet schließlich allein das Ohr desjenigen, der es hört.
Nach einer Nacht unterm Moskitonetz, das selbst die dicksten Motten eingelassen hat (ich habe keine Angst vor Malaria! Nein, ich habe KEINE Angst vor Malaria), schaue ich in den Regen: Die Berge donnern, der Himmel erleichtert sich, der Strom ist ausgefallen. In der Nacht habe ich geträumt, wie unsere Gastfamilie in die winzige Schlafkabine kommt, redet, lacht, uns anspricht, sich schließlich hinsetzt und direkt neben dem Bett das Frühstück vorzubereiten beginnt. Ist vielleicht doch ein bisschen viel WG-Romantik hier mit den rundum offenen Häusern, in denen jeder jedem bei allem zuschauen kann. D. hat auf Vietnamesich geträumt und kein Wort verstanden.
Wieso kommt sämtliches Mineralwasser entweder von Nestlé oder von Pepsi? Hat man hier früher nur Tee getrunken? Oder hat der Kapitalismus das Leitungswasser erst in Gift verwandelt, um dann das saubere in Flaschen zu verkaufen?
Die in den Reiseführen gepriesene vietnamesische Gastfreundschaft reißt sich in Wahrheit kein Bein aus (aber wenn man den Reiseführern glaubt, sind sowieso alle Länder außer Deutschland gastfreundlich). Sicher, die Gleichung Tourist=Milchkuh ist vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte, aber selbst in einem deutschen Gästehaus wäre es üblich, ankommenden Besuchern eine Tasse Tee anzubieten und ein "How do you do" über die Lippen zu bringen. Hier spricht man nur mit uns, um Anweisungen zu erteilen (Fensterläden und Türen bei Nacht geschlossen halten, wahrscheinlich um das Haus vor Karpfendieben zu schützen) oder um etwas zu verkaufen ("Sssopping", "Daughter Dancing, five hundred thousand", "Bia", "Coca"). Das Essen ist lecker, aber rationiert, und kurz vor der Abreise stellt sich heraus, dass selbst das Wasser, das wir zum Essen getrunken haben, extra bezahlt werden muss. Eine Tasse Kaffee zum Frühstück war umsonst. Da versteht man wenigstens, wie die romantischen, traditionellen Pfahlbauten zum spiegelblanken Parkett in den privaten Bereichen gekommen sind.
Aufklärung und kritisches Bewusstsein hin oder her: Schon den sechsten Tag in Folge Verdauungsprobleme, als hätte sich der Darm in eine Fabrik zur Herstellung von Schmutzwasser verwandelt. Dazu die Wut auf den eigenen Körper: drei Tage Schwächeln zur Eingewöhnung wären noch okay, aber das hier grenzt an innerbetriebliche Sabotage und muss bestraft werden. Da man der eigenen Verdauung nicht kündigen kann, sanktioniere ich den Ungehorsam mit zwei Tassen grünen Tees (aus frischen Blättern, sehr schmackhaft) in einer Garküche am Straßenrand: "Brother and Sister" findet der Verkäufer und stößt mit mir an. Ab 22h wird zurückgeschossen: Das Fieber beginnt zu steigen. Ab 23h Schüttelfrost, ab 24h Herzrasen und Schweißausbrüche, als würde ich permanent von mir selbst geduscht. Stundenlang liege ich in einer kalten Pfütze, kein Laken zum Wechseln, keine trockene Decke, mich zu wärmen, und weiß nicht, wohin mit mir. Halbstündige Messungen: Sollte das Fieber über die 39-Grad-Marke klettern, hole ich Hilfe. Von den Zuständen in vietnamesischen Krankenhäusern habe ich gehört: Hohes Schmiergeld muss man bezahlen, um einen Platz am Boden neben zehn weiteren Patienten zu erhalten; Verwandte braucht man, die einen mit Essen und Trinken versorgen; die Schwester muss man schmieren, damit sie einen zum Röntgen bringt; und der Arzt will sowieso bestochen werden, um dann zu offenbaren, dass er weder über die nötige Ausrüstung noch Ausbildung verfügt, um eine sinnvolle Behandlung durchzuführen. In den Apotheken der Stadt gibt es Zuckerpillen in westeuropäischen Medikamentenverpackungen; die Kräuterläden verkaufen Wohlriechendes, mit dem man von Mumps bis Nierensteine alles selbst behandeln kann; im Hinterzimmer hält sich eine Art Medizinmann bereit, der aus Pulsmessungen und Betrachtung des Zungenbelags eine Diagnose bastelt. Wenn ich mir das vorstelle, weiß ich nicht mehr, ob das Herzrasen vom Fieber oder von der Panik kommt. Kein Wunder, dass sich die Vietnamesen zum Abschied Gesundheit für die ganze Familie wünschen. Voller Zärtlichkeit denke ich an das angeblich so marode deutsche Gesundheitssystem, an die BARMER und unser kleines, sauberes Provinzkrankenhaus in Brandenburg. Alter Trick: Fahr ins Ausland, wenn du lernen willst, dein eigenes Land zu lieben.
Nach einer schlaflosen Nacht bin ich weichgekocht und verspreche meinem Körper, ihn nie wieder als sabotierenden Verräter zu bezeichnen, sonden zu ehren und zu pflegen, wenn er mich nur nicht zwingt, diese Reise abzubrechen, bevor sie richtig angefangen hat. Der beste Reiseführer der Welt (Achtung, wir unterbrechen diese Sendung für eine kleine Werbepause: Christian Oster, www.hanoikultour.com - wer hierher kommt und sich nicht bei ihm meldet, ist selber schuld) versorgt mich mit einer Pille, die das Fieber binnen 30 Minuten niederschlägt. Noch ein dreifaches Hoch auf die Pharmaindustrie, vorausgesetzt, man kann sie sich leisten.



Vietnam ist eines der Länder mit den meisten Verkehrstoten der Welt und da erscheint es mir nicht mehr ganz so witzig, wenn der neben mir fahrende Mopedfahrer sich eine Zigarette anzündet oder sich am Handy mit seiner Frau streitet. Gedrückt, gedrängelt und geschnitten wird bis zum Erbrechen, Rücksicht aufander Verkehrsteilnehmer gibt oder gar Fußgänger wird nicht genommen, sondern man heizt, wo es geht auch über den Gehweg. Das die bis zu vier Kinder hinter und vor dem Fahrer keinen Helm tragen, kann man einfach nur als verantwortungslosen Wahnsinn beschreiben. Nebenbei dümpeln wir in Deutschland bei ca. 5000 Verkehrstoten im Jahr, in Vietnam sind es 20.000, die Einwohnerzahl beider Länder ist fast gleich, vielleicht sollte man Ansätze der Verkehrspolitik unter diesem Blickwinkel betrachten.Sollten wir also nicht lieber die Vietnamesen mal zum Rollerfahren nach Deutschland einladen? Also Schnallen Sie den Helm enger, Frau Zeh, und halten schon mal die Krankenversicherungskarte bereit, die die Vietnamesen nicht haben, die Alternative sind Räucherstäbchen im Tempel.
Gute Reise: Thomas aus Hanoi
www.tomtomtravel.com
Bin gespannt auf weitere Folgen...
Moni
Habe soeben diesen Blog gefunden und mich köstlich amüsiert. Ich werde morgen in Vietnam ankommen und freue mich Dank dieser Schilderungen schon auf den Wahnsinn!
Zum Schlafen zwingen musste ich auch in Deutschland meine drei Kinder nie, ich habe mich mit ihnen und sie ordentlich beschäftigt, schöne Rituale durchgezogen und bis so oft um 8 Uhr abends gleich selbst mit eingeschlafen, das tut hier kaum einer, zumindest habe ich noch keinen Papa gesehen, der mit seinem Kind Fußball spielt oder ein Kind mit einer von der Mama selbst gemachten Puppe. Man kann die Kinder hier wunderbar vorm Fernseher parken, dumme Kindersendungen mit brutalen Comics rund um die Uhr, fördern die Kreativität und einen ruhigen Nachtschlaf. Die Kids hier sind Teil des normalen Lebens, da haben sie Recht Frau Zeh, da müssen sie durch und wenn sie das nicht wollen, dann wird schon mal "erzieherisch wirksam" durchgegriffen.....
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Jedem, der eine Weile im Land ist wird klar, Vietnamesen bauen gerne Häuser. Übereinander, untereinander nebeneinander egal wie. Das schmalste Haus Hanoi’s habe ich irgendwann mal gesehen, ich kann mich an knapp 1,20m Breite erinnern (dafür natürlich prächtig hoch) aber das hat mich damals schon nicht mehr richtig gewundert, wenn man länger als ein paart Wochen in Hanoi ist, kommt einem so was höchstens ein bisschen eng vor, niemals aber weltrekordverdächtig. Das höchste Haus entsteht gerade in diesem vorsichhinbauenden Süden der Stadt, einige Dutzend Stockwerke hoch, sechzig fertige habe ich vor kurzem mal gezählt, wie viele es dann mal werden, juckt den Alt-Hanoier dann auch wieder nicht. Das Bewusstsein von Größe schleicht sich irgendwann ganz automatisch ein.
Als die Stadt im Jahre 2008 eine ganze Serie von „Eingemeinden“ benachbarter Provinzen und Teilprovinzen vorgenommen hat, musste auch dem letzten Ignoranten die Entwicklung zu wahrer Grösse klar geworden sein. Die Fläche wurde in diesem Jahr glatt verdreifacht und Hanoi zählt endlich (flächenmässig) zu den größten Hauptstädten der Welt: Ha Noi rüstet sich also, nachdem es lange genug auf die Nachbarn in Bangkok, Kuala Lumpur, Djakarta und Seoul, insbesondere aber auf Singapore, Hongkong, Shanghai und Beijing geguckt hat, für die Zukunft. Und die muß, so hat man vermutlich entschieden, wirklich groß werden. Groß werden und insbesondere dann auch in Ha Noi stattfinden.
Nehmen wir mal alles zusammen, scheint ein Teil der Wachstumsphantasien nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Weil Kinder haben einfach Klasse ist (eine Perspektive, die für zentraleuropäische Denkgewohnheiten schlichtweg archaisch ist), weil man bereits auf einem relativ hohen „Bestandsniveau“ operiert und scheinbar auch gar nicht genug kriegen kann, wird weiter gewachsen: Die Bevölkerung nimmt (!) jährlich (!) um rund 1 Mio Menschen, also um über den Daumen gepeilte 1,1% (!!) jährlich zu. Wenn die Kim Ngocs und Minh Longs also in den nächsten dreissig Jahren so weiter machen - und es spricht erst einmal nicht viel dagegen, weil das Land eben einfach kinderlieb und -freundlich und -gaga ist, dann landet Vietnam so ca. im Jahre 2040 bei rund 160 Millionen Einwohnern. Da schon jetzt etwa 20% der Einwohner (ungefähr 18 Mio) in Einzugsgebiet der städtischen Ballungsgebieten um Da Nang, Hai Phong, Ha Noi und Sai Gon leben, würde sich – liebe Demographen, Wahrsager, Malthusianer, Sozio- und Ethnologen, verzeiht mir die ungebildete Frische – bei unverändertem Siedlungsverhalten rund 12 Millionen Menschen in Hanoi leben und – oh Graus ! - Moped fahren. Wahrscheinlich werden es wohl ein paar Millionen mehr, weil die ärmere Landbevölkerung traditionell den wahren Wohlstand – mindestens aber die Aussicht auf deutlich mehr Moppeds in der Familie – in der Stadt vermutet.
Warum bauen unsere vietnamesischen Freunde also ?
Einen Grund hätten wir damit erledigt, weil es nämlich einfach so viele Menschen gibt und weil es immer mehr werden und weil jeder Einzelne eben ein paar Quadratmeter für sich braucht. Punkt.
Und warum noch ? Und jetzt gibt es jede Menge Anschauungsmeinung, d.h. durch bloßes Hingucken ohne jedes systematische Zutun von Analyse erzeugte Auffassung:
Zum Beispiel wird auch vieles neu gebaut, weil eben alles, was halbwegs neu ist, rasend schnell alt wird. Und je mehr rasend schnell alt wird, umso mehr muß rasend schnell neu gebaut werden.
Wieso ? Ich denke mal an das Haus, in dem wir nun mindestens ein Jahr (bis die Baustellen kamen) glücklich gewohnt haben. Klassizistische Bauweise, pärchenweise Schmucksäulen mit klassischen Kapitellen, vier Meter Raumhöhe mit verhalten ornamentierter Stuckdecke. Holzsprossenfenster, Natursteinboden, gewundene Treppengeländer, säulchenbewehrte Terassen- und Balkonbalustraden, jedes Berliner Lehrerehepaar mit Anti-AKW Geschichte und Friedenstaubenaufkleber auf der Espressomaschine von Saeco käme ins uferlose Schwärmen. Das ganze stammt aber nicht, wie man meinen möchte, direkt aus dem Herzen der Kolonialzeit sondern ist gerade mal fünf Jahre alt. Um die Ecke wurde gerade wieder ein solches Häuschen fertig, die Architekturzeichnung muß aus den zwanziger Jahren sein. Diese Dinger sind also alle ziemlich neu, aber wenn man in die Ecke, an die Decke auf die Infrastruktur oder sonst wohin guckt, sieht alles schon ziemlich alt aus. Dieses schnelle Altwerden liegt vermutlich – Entschuldigung liebe Archtekturhistoriker, Sanierungsexperten, Stadtplaner – an diesen einzigartigen Umweltzuständen. Es ist erstens zu heiss und zweitens zu feucht, weshalb drittens natürlich kein Mensch versteht, wieso überhaupt jemals Menschen auf die Idee kommen konnten dort, im Deltagebiet des Roten Flusses zu siedeln.
Das kann man aber nur wirklich verstehen, wenn man nicht die Klimakarte studiert, sondern mal so einen kompletten Hanoier Sommer im Original erlebt. Im Grunde ab Mitte April fallen die Temperaturen nur ungerne mal unter dreissig Grad (auch nicht Nachts) und die Luftfeuchtigkeit bleibt – immer hautfreundlich – gerne deutlich über 60%. Mit einigen Ausreißern nach oben - das heißt dann Temperaturen über 36 Grad und Luftfeuchtigkeitsmeßwerten über 75% - bleibt das so bis irgendwann im Oktober eine Art Herbst beginnt, in dem es noch feuchter wird, dafür aber nur noch gnädige 28 Grad warm. Im Winter wird es selten kalt, dafür kann es aber bei knapp über zehn Grad tagelang in feuchten Staubwolken regnen oder nieseln. Dagegen schützt schlicht garnix, alles wird nass, kalt und schimmelt auch gerne ungehemmt los, sobald es mal etwas wärmer wird.
Die Wetterlage messe ich gerne an der Reaktion meiner Hunde – wir haben vor drei Jahren drei langhaarige Hütehunde mit nach Hanoi gebracht. Verzichten Sie im Sommer darauf, nach dem Aufstehen kurz durch unseren Riesengarten (rund 100 qm mit Blumentöpfchen vollgestellt) – zum Pinkeln an den nächsten Topf zu laufen und gucken mich nur mitleidig an, weiß ich Bescheid. Man muß nicht freiwillig draußen sein, sondern nur, wenn es eben gar nicht mehr anders geht. Prima.
In solchem Klima scheinen auch Mauerwerk, Holz, Farben oder Metall nicht gerne lange überdauern zu wollen. Bauingenieure oder Materialwissenschaftler könnten das vermutlich gut erklären, hier kann man nur das Ergebnis bewundern. Nach spätestens fünf Jahren sieht das in ortsüblicher Qualität hingeklotzte Haus aus als wäre es gerade mal so über die letzten hundert Jahre gekommen. Kurz und gut: irgendwann wird das einfach entweder unansehlich oder unvermietbar oder unbewohnbar und abgerissen. Zack. Wo abgerissen wird, wird dann auch wieder neu gebaut.
Viel und vor allem groß gebaut, weil Baudenkmäler eben immer auch besondere Denkmäler sind. In den nächsten Jahren wird z.B. in Ha Noi eine neue Oper gebaut, die sich das Land oder die Stadt oder wer auch immer zum tausendjährigen Jubiläum und wegen Größe und wegen Denkmal und Schönheit etc. unbedingt schenken muß. Renzo Piano hat den Entwurf mit geschlossenen Augen am Ufer des West Lakes erträumt, das Ministerium seinem Entwurf zugestimmt, der Grundstein ist bereits verbuddelt.
Nicht das Ha Noi keine Oper hätte, nee mitnichten. Die Stadt verfügt über eines der schönsten Opernhäuser Asiens, einem maßstabsgetreuen Miniaturausgabe der Pariser Oper. Eine Anlage, von der die meisten Städte in dieser Region nur träumen können. Renoviert, etabliert und zentral. Auch nicht unbedingt zu klein, bedenkt man, daß man zu beinahe allen Veranstaltungen problemlos Karten bekommen kann, es keine wirkliche Sprechbühne und auch keine wirkliche Oper gibt und sich auch kein nationales oder kommunales oder anderes Orchester finden lässt, was den Raum dauerhaft so nutzen würde, daß man ernsthaft und kurzfristig über eine Erweiterung nachdenken müsste.
Egal. Die Stadt wird groß und Renzo hat also einen wirklich sehenswerten Entwurf einer Oper für eine große Stadt zusammengeträumt, die – damit sie auch dauerhaft sichtbar ist - gerade mal ungefähr 100 m hoch sein wird, etwa 3500 Menschen spielend Platz bietet und ein Gesamtareal von 22ha nahe am Westufer des West Lakes beanspruchen oder dominieren wird..Neben der New York Met, der Pariser Oper und der Mailänder Scala zählt die Thanh Long Oper dann zu den Riesenopernhäusern der Welt. Gerne gönnen wir der sympathischen Stadt dieses Kunstwerk, aber wir gönnen ihr auch die Verkehrssysteme, m it denen man dahin kommen kann, die Energieproduktion, mit deren Hilfe man das Teil angemessen beleuchten kann und die kulturellen Großereignisse, die gerne von 3000 und mehr Menschen verfolgt werden.
Und gebaut wird eben meistens leider auch, weil spekulative Investmentfonds, überwiegend sogenannte Private Equity Fonds aus der Schattenwelt des Weltfinanzsystems, gerne auf der Bugwelle der Preisphantasien in den Emerging Markets bewegen, immer bereit zur Investition mit hohem Leverage und ebenso hohem Risiko und immer bereit zum flinken Absprung, wenn die Welle hart ans Ufer schlägt und die Schaumkronen versickern.
Ein Großteil der Immobilien-Investitionen wird aus sogenannten Offshore – Zentren finanziert. Das sind „niedrigregulierte“ (ein wundervolles Wort für einen gesetzlosen Zustand) Steueroasen, in denen üblicherweise steuerhinterzogene Schwarzgelder aus allerlei seltsamen Geschäften angeschwemmt, gewaschen und neu arrangiert werden. Mit Recht vermutet niemand auf den Virgin Islands, Cayman Island oder den Cook Inseln weitblickende Industriekapitäne oder Welthelden der Dienstleistungsindustrie. Solche Investorengesellschaften mit ihren offshore Briefkästen sind eher kurzfristig orientiert, eben spekulativ, interessieren sich im Normalfall einen Scheiss für langfristige oder nachhaltige Entwicklung von irgendetwas, sondern packen ihren Klüngel wieder zusammen, wenn die Wirklichkeit sich der Phantasie bemächtigt und die Träumereien zu Ende sind. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter, wie es der Vorsitzende eines in Deutschland ansässigen Ablegers der Private Equity „Industrie“ (was wird da eigentlich produziert ?) mal so hübsch formuliert hat. Nur die leeren Büchsen, ein kaltes Feuer und ein Haufen Dreck bleiben zurück, wie man locker ergänzen könnte.
Das diese Art von Bauen nicht unbedingt gesund sein muß für das Land, insbesondere dann nicht, wenn solche Fonds ihre Baulust in großem Maße mit Hilfe von Krediten der vietnamesischen Banken finanzieren, ist inzwischen ruchbar geworden. Bleiben nämlich all diese Pracht - Resorts, 18-Loch Golf Anlagen, Zehn Sterne Hotels und Residenzen für den sehr gehobenen Mittelstand (der ja gerade in Vietnam nicht leicht auszumachen ist) leer und müssen Banken Ihre Forderungen an die Bauträger abschreiben, dann haftet am Ende doch wieder der Staat. Während die Karawane also weiter zieht, plagt sich dann der Staat – wer das wohl sein mag, muß man nicht lange raten – mit ihrem ökonomischen Erbe ab. Manchmal ganz schön lange. Das Spiel hatten wir doch schon mal vor kurzem…..nur auf der anderen Seite der Erde und dort wird man wohl noch eine ganze Weile die Hinterlassenschaften der Karawane wegräumen müssen.
Nur wenn man ganz und gar nicht mutlos ist und sich Grosses zutraut empfindet man uneingeschränkte und sorgenfreie Freude an diesem täglichen Bauwahnsinn. Also sind wir mal mutig und helfen den Mutlosen ihren Glauben nicht zu verlieren. Glauben wir also mal an den Grand Plan, der die Grundlinien der gesellschaftlichen Entwicklung fein abgestimmt vorgibt. Und befragen wir ihn hin und wieder mal, den Grand Plan und hoffen auf Antwort, es steht nämlich so verdammt viel für uns alle auf dem Spiel.