Rollerfahrende Mädchen tragen die Kapuzen ihrer bunt gemusterten Jacken tief ins Gesicht gezogen, dazu gemusterten Mundschutz, Sonnenbrille und gemusterten Helm. Blitzschnell schnappt sich die Sprache das Phänomen, schluckt, verdaut und spuckt den passenden Begriff aus: Die Armee der geblümten Bankräuber. Glücklich betrachte ich den Begriff von allen Seiten: Brave Sprache, gut gemacht.
Und dann: Die Armee der geblümten Bankräuber als friedensstiftende Kraft im Kampf der Kulturen: Wir erzählen den Westeuropäern einfach, dass es sich bei der moslemischen Burka zwar unzweifelhaft um ein religiöses Symbol handele, dass die Burka aber wie die meisten religiösen Symbole zugleich einen unschätzbaren praktischen Nutzen besitze: Sie schützt vor Sonneneinstrahlung (Hautkrebs) ...
Autoabgasen (Staublunge) ...
Pollenflug (Allergien) ...
Passivrauchen (Lungenkrebs) ...
und bewahrt zudem die Haut vor dem Austrocknen und die Frisur vor dem Zerzausen.
Beweis: Hanoi! Die geblümten Bankräuber machen es vor (und vergiss nicht, Europäer, Asien kann und weiß, wie du selbst seit Jahren fürchtest, alles besser!): der Ganzkörpermundschutz als Mode-Accessoire des Gesundheitsfanatikers. Prompt fehlt dem Islam das Alleinstellungsmerkmal und den Christen das Feindbild. Adieu, Clash of Civilizations. (Das bin nicht ich, das ist der Jetlag.)
Gut sortiert, die Vietnamesen: Jedes Haus ist ein Shop, und mit den Shops ist es wie mit dem Wetter: Statistisch besteht die sicherste Wetterprognose darin, für den morgigen Tag dasselbe Wetter wie heute vorherzusagen. Die sicherste Geschäftsprognose für den vietnamesischen Shop besteht darin, das gleiche Produkt zu verkaufen wie der Nachbar. Deshalb gibt es die Korbstraße, Waagenstraße, Fischstraße, Ziegelstraße, Rattanstraße, Segeltuchstraße, Kofferstraße und Pfeifenstraße; es gibt auch die Straße der Hüte und Mützen, eine Straßenseite der Knöpfe und eine Straßenseite der Haarspangen, die Straße des Kinderspielzeugs, die Straße der Reiskocher, die Straße der Handtaschen, die Straße der Perlenvorhänge und sogar (danach höre ich auf, versprochen) die Straße der Klebebandrollen. Selbst das größte Chaos ist immer nur eine Verkleidung für die Gesetzmäßigkeit.
Und ich dachte immer, vietnamesischer Kitsch würde exklusiv für Deutschland hergestellt. Die Markthalle belehrt mich entschieden eines Besseren: Wir Deutschen picken nur Kitschkrümel vom großen Kitschkuchen. Aus irgendeinem Grund ist das eine Erleichterung.
Die Angst vor der Ruhr: Neulich erst habe ich ein spannendes Buch darüber gelesen, dass und warum die Westeuropäer den asiatischen Kontinent stets als Krankheitsherd betrachtet haben. Das Buch analysierte vor allem die zeitgenössische westliche Medien-Rhetorik, welche (russisch-asiatische) Kommunisten und (islamisch-asiatische) Terroristen und (chinesisch-asiatische) Wirtschaftswunderkinder bis heute als Parasiten oder Viren zeigt, die die europäischen Gesellschaften infizieren oder infiltrieren oder pandemisch überrollen; die (Krebs-) Zellen bilden (Al Quaida) oder sich virengleich vermehren (die Gelbe Gefahr), so wie ja „Asien an sich“ für den Europäer etwas Ameisenstaathaftes hat - das Insektenhafte, meinen wir, liege „in der asiatischen Mentalität“. Ich las das Buch und fand es erhellend, fühlte mich aufgeklärt und im (selbst-) kritischen Bewusstsein gestärkt ...
... und jetzt sitze ich hier in einem Restaurant in der Altstadt Hanois, das wir in zweistündiger Kleinstarbeit mühsam für uns ausgewählt haben: Es sollte natürlich keine Touristenfalle sein (das macht die Selbstachtung des deutschen Reisenden nicht mit), aber doch über eine englischsprachige Speisekarte verfügen (wie weiß ich sonst, was ich esse?); es muss gut besucht (hoher Durchlauf sorgt für frische Zutaten) und einigermaßen sauber sein (beim Gang zur Toilette besser nicht in die Küche gucken - die findet auf dem Boden statt); tatsächlich haben wir dann etwas Passendes gefunden und erfolgreich bestellt, und ich habe vorsorglich Hefetabletten gegen den Durchfall geschluckt, und jetzt betrachte ich die Eiswürfel in meiner Cola (nur die mit Löchern in der Mitte sind industriell hergestellt) und wende mein Gemüse hin und her (wurde es lang genug gekocht?) und nippe vorsichtig am Tee (wie heiß wird der eigentlich zubereitet?) und betrachte misstrauisch das Geschirr (wurde es mit Leitungswasser abgespült?) und sortiere frischen Salat aus (der wurde auf jeden Fall mit Leitungswasser gewaschen) und schwöre bei Gott, das Obst auf jeden Fall zu schälen -
- denn wovor Reiseführer und Freunde und überhaupt alle europäischen Asienexperten warnen, sind nicht Taifuns oder Lungenentzündungen wegen der kühlschrankartigen Klimaanlagen, sondern: Keime, Erreger, Bakterien, Viren, die den westeuropäischen Körper über das Essen infiltrieren, infizieren, vielleicht sogar pandemisch überrollen. Vor lauter Angst gluckern mir schon die Gedärme, bevor ich die Stäbchen zum Mund führe.
Liebe Aufklärung, liebes kritisches Bewusstsein, ihr ward schon immer theoretisch spannend, aber praktisch ziemlich unwirksam.
Bilder im Text: Copyright 2010 David Finck



Vor kurzer Zeit habe ich mal wieder meine aufmerksame Begleiterin Jacqueline gefragt, wa-rum es sein kann, daß Menschen Spaß daran haben Krach zu machen. Sie vermutet, daß insbesondere Männer im Lärm baden wie weiland Siegfried im Drachenblut: Um sich unver-wundbar zu machen.
Dies zu einer Zeit, da etwa zehn Meter westlich von meinem häuslichen Schreibtisch der Nachbar-Landlord (seltsame Bezeichnung für Angehörige einer höchst zweifelhaften Kaste, deren wesentlicher Lebenszweck sich darin zu erschöpfen scheint, täglich mit stolzer Brust die inneren und äußeren Perimeter eines irgendwie ergatterten Fetzen Lands abzuschreiten und über die Errichtung weiterer Schmalsthäuser, Mopped-Abstellplätze etc. zu grübeln) plötzlich zehn bis zwanzig Quadratmeter ungenutzter Grundfläche erkannte, lediglich zuge-stellt mit einem blöden tropischen Baum und seinem reichlichen, niedrigwachsendem Geäst. Schon war die Idee geboren, Baum weg, ein bisschen Laub wegkratzen und nun entsteht ein prachtvoller (bisher) fünfgeschossiger Appartementbau direkt dort, wo früher der Blick immer wieder in den dichten Fächern eines tropischen Baumes hängen blieb. Das Land entwickelt sich eben unaufhörlich.
Klopfen, Rattern, hämmern und immer natürlich auch schreien, palavern, gackern und wie-der schreien von morgens gegen sechs Uhr bis abends mindestens gegen 9.00. In Europa würden ringsherum die Mieten gegen Null gekürzt, Horden von Mieteranwälten stoßweise Schriftsätze produzieren, die lokale Presse aufmarschieren, Abgeordnete um ihre Wieder-wahl fürchten…. Jeden Morgen, jeden Abend wäre die Polizei zu Besuch, und womöglich hätte die „Untere Baubehörde“ das ganze Ding aus kommunal-, landes-, bundes- und euro-parechtlichen Gründen längst stillgelegt.
Hier würde selbst ein mittelmässig erzürnter, ärgerlich fragender Blick aus dem Fenster ei-nes Nachbarn nur für Verwunderung sorgen. Erstens geht es den Nachbarn nämlich nun wirklich nix an, was zehn Zentimeter vor seinem Fenster passiert (ca. 10 cm ist nach zwei-jährigen Erfahrungen der im Mittel einzuhaltende Mindestabstand zwischen zwei Bauwerken, der vermutlich gegen Zahlung einer geringen Abstandsverminderungsgebühr an die entspre-chende Abstandsaufsichtsbehörde auch noch um einige Zentimeter verringert werden kann), zweitens ist Bauen von Häusern eine wichtige Form der Lebensäußerung hierzulande und drittens bietet Baustellemachen einen besonders legitimen Rahmen für Lautsein, sollte es dafür überhaupt irgendeiner Legitimation bedürfen.
Lärm machen die Leute, so meine aufmerksame Begleiterin im zweiten Anlauf, weil sie sich vergewissern wollen, daß sie erstens nicht alleine und zweitens wichtig für diese Welt sind. Ähnlich wie die Violinensaite, die ohne den Resonanzkörper erstens nur ein Stück seltsam geformten Drahts und zweitens nur als solcher alleine eben nahezu komplett überflüssig wenn nicht unwichtig wäre. Nur lärmt eben die Violinensaite nicht einfach vor sich hin…
Na ja, da haben wir’s dann wieder. Erstens sind meine Mitmenschen drumherum nicht gerne alleine (daß hatte ja David schon herausgefunden) und zweitens haben Sie Freude an phon-starken Lebensäußerungen (auch hier war David auf der Erkenntnisstrecke weiter). Vielleicht gibt es da ja eine Verknüpfung, ich meine Lärmen als notwendiger und zugleich hinreichen-der Existenzbeweis…das regionale cogito ergo sum in seiner phonetischen Ausgabe.
Natürlich lohnt sich für Europäer immer eine weitergehende, differenziertere, vieldimensional vernetzte und für alle Fälle integrierte Betrachtung. Und wenn es nicht so laut wäre, könnte man sicher mit meßbarem Wissens- und Lustgewinn auch über diese manchmal so unfaßli-che Lärmlawine über Hanoi nachdenken. So muß man sich dem Thema hin und wieder und vereinzelt nähern, singuläre Lärmquellen in vereinfachender Betrachtung würdigen:
Das Hupen: Während es in Vietnam grundsätzlich geboten scheint, seine Teilnahme an was auch immer mit der nächsten verfügbaren Hupe erstens möglichst laut und zweitens mög-lichst ständig anzuzeigen, ist ihr Gebrauch in Deutschland feinstgeregelt. Einerseits brau-chen alle Kraftfahrzeuge über 50 Kubikzentimeter so ein Ding, zweitens darf man es grund-sätzlich nicht benutzen. Das versteht natürlich außerhalb Europas kein Mensch. Warum auch ?
Allerdings gibt es, wie immer, Ausnahmen vom grundsätzlichen Verbot: Mensch darf hupen, um andere Verkehrsteilnehmer vor drohenden Gefahren zu warnen oder außerorts eigene Überholabsichten anzukündigen. Wer immer sonst in Deutschland wann immer und wo im-mer hupt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Strafe von (zur Zeit) 10 Euro belegt wird. Wenn man solches Regeln – mal für eine Sekunde und nur verrückterweise - für ratio-nal begründet hält und unter Missachtung aller interkulturellen Differenzen mal einfach als naturgesetzlich naheliegende Regel nach Hanoi überträgt und außerdem – auch mal einfach so – annimmt, sämtliche Vietnamesen würden sämtliche Gesetze kennen und sich pausen-los regelkonform verhalten, dann kann die Huplärmlawine nur bedeuten: Es droht erstens ständig Gefahr für jeden und zweitens will jeder dringend jedem Überholabsicht anzeigen. Als Orientierungshypothese ist dieses Gedankenspiel nicht ganz ungeeignet.
Zu einem zunehmenden Problem von Huper und Huperin wird es neuerdings, daß niemand wirklich sicher sein darf, daß die Umwelt sein oder sogar Ihr Hupen überhaupt zur Kenntnis nimmt, oder, wenn sie Hupen zur Kenntnis nimmt, darauf überhaupt reagiert. Damit wird, so mir nichts dir nichts, Frage nach dem Sinn des Hupens ist losgetreten:
Manchmal, zuletzt auf der Fahrt zum Flughafen Noibai stellt sich der Eindruck ein, daß Hu-pen entweder gehört wird und die beabsichtigte Wirkung zeigt, oder gehört wird, aber wir-kungslos verpufft, oder nicht gehört wird, aber trotzdem Wirkung zeigt (unerkannte interve-nierende Variable, Gehörstörungen, intellektuelle Fehlschaltungen) oder ungehört verpufft. Womit nur der Schluß bleibt, daß nicht wirklich klar ist, ob Hupen mit irgendeiner Wahr-scheinlichkeit zu irgendwas führt.
Eine Form der Problemlösung scheint vorerst darin zu bestehen, die Hupintervalle zu einer Art Hupsinfonie zu verdichten, einen ursprünglich diskreten Hinweis einem kontinuierlichen Lamento zu steigern. Vor kurzem fiel mir das bei meinem längst vertrauten und sehr beson-nenen Fahrer Loi auf. Kaum auf die Autobahn gekurvt, verschärfte er mit Hilfe seines plötz-lich heillos verkrampften Signalgeberdaumens das normale Hupsignal zu einem Dauergejau-le. Weil es schon spät und kaum jemand auf der Autobahn zu erkennen war, habe ich mir ausnahmesweise die Frage nach dem Sinn der Huperei erlaubt. Erkenntnis: Es gibt keinen, warum auch. Es gehört schlicht zu den üblichen Sicherheitsmaßnahmen.
Eine zweite Form der Problemlösung liegt darin, einfach lauter zu werden, den Wettbewerb schlicht phonetisch zu entscheiden. Neuerding scheint es hierzu eine Art kritischer öffentli-cher Diskussion zum Thema zu geben. Anlaß war der Tod eines Babies, von seiner Mutter beim Überqueren einer Straße vor Schreck fallengelassen, weil ein Lastwagen mit Hilfe einer immerhin 300 dezibel lauten Hupe wohl eine Überholabsicht ankündigen wollte.
Wenn nicht alles täuscht, scheint die Hupkultur vor einer herausfordernden Diskussion zu stehen. Nur ändert das am Lärmteppich solange gar nichts, wie ausreichende Alternativen Themen wie Selbstvergewisserung und Gesellschaftlichkeit zum Ausdruck bringen. Schließ-lich hätten wir da noch Bohrmaschinen oder Karaoke Anlagen….. Was wird aber, falls he-rauskäme, daß Selbstvergewisserung und Gesellschaftlichkeit sich nicht vor allem hupend oder schlagbohrend erledigen lassen..