Rings um Berlin stehen die Pferde in ihren Regenmänteln auf den Weiden und lassen die Ohren hängen. Auch in Hanoi, sagt das Internet, regnet es, und zwar angeblich noch die ganze kommende Woche. Allerdings nicht bei 8, sondern bei 35 Grad Lufttemperatur. Beim Packen ist mir aufgefallen, dass ich keine Regenjacke besitze. Habe ich tatsächlich in den letzten 36 Jahren keine gebraucht – ausgerechnet in Deutschland?
Total erschlagen: Der Trick am Verreisen besteht darin, dass es in den Wochen vor der Abreise dermaßen viel zu tun gibt, dass man sich danach wirklich urlaubsreif fühlt. Sämtlichen Auftraggebern ist eingefallen, dass sie vor Vietnam dringend noch einen Text, ein Konzept, ein Interview oder eine Entscheidung von mir brauchen. Als bestünde die Gefahr, dass ich nicht wiederkomme. Mit größtem Vergnügen habe ich einen Autoresponder eingerichtet, der behauptet, sämtliche E-Mail würden während meiner Abwesenheit erstens nicht gelesen und zweitens automatisch gelöscht – was beides nicht stimmt, denn in Vietnam, heißt es, findet man leichter Zugang zum Internet als in der Brandenburger Provinz (was kein Kunststück ist). Aber so ein Autoresponder fühlt sich mindestens so gut an wie eine hochgezogene Zugbrücke.
Klein-Vietnam, Klein-Thailand, Klein-China und Klein-Kambodscha liegen in der Asiensektion des Frankfurter Check-in-Bereichs direkt nebeneinander. Ein erster Eindruck von Land und Leuten: Hübsch die Frauen, artig die Kinder, segelohrig die Männer. Allesamt lachlustig, obwohl die Warteschlange bis Hanoi zu reichen scheint.
Gefühlt eine halbe Stunde dauert die Abfertigung pro Passagier: Rings um die wartenden Menschen sieht es aus wie in einer Spedition. Unsere vietnamesischen Mitreisenden transportieren Mikrowellen, Mixer, Staubsauger, Laserdrucker und sogar Reiskocher nach Hanoi; einer hat eine komplette Dusche dabei, inklusive Wanne, Seitenwänden und Armatur, auf fünf gigantische Kartons verteilt. Made in Vietnam: Die Hälfte dieser großformatigen Souvenirs kehren wahrscheinlich gerade in ihre Heimat zurück, zwanzig Mal teurer, irgendwie zu deutscher Qualitätsware geworden durch den Erwerb in Frankfurt am Main. Förmlich hören kann ich den dazu gehörenden Soundtrack: „Der Ventilator ist einfach super – hat mein Cousin aus Deutschland mitgebracht.“ Ich sehe an mir herunter: Jack-Wolfskin-Jacke, Nike-Sandalen – alles made in Vietnam.
In der Tat: Den Westeuropäer auf dem Weg nach Asien erkennt man an Plastikrucksack, Plastikhose, Plastikjacke, Plastikturnschuhen, Plastikbauchbeutel und Plastikumhängetasche. Egal ob Männlein oder Weiblein - auf jedem Reisenden steht mindestens fünf Mal „Jack Wolfskin“ oder „The Northern Face“. Die Welt jenseits von Schengen eine einzige Himalaya-Besteigung.
Einen Satz habe ich mitgenommen, mit dem ich morgens erwacht bin und der in der Abreisehektik nicht mehr notiert werden konnte: „Sie fühlte sich, als hätte sie eine gelungene Party verlassen, um kurz vor der Tür frische Luft zu schnappen, und als säße nach ihrer Rückkehr plötzlich ein Mann am Eingang, der sie nach ihrer Einladungskarte fragte und sie ohne diese Karte nicht mehr hineinlassen wollte - ihr Leben hatte sich in eine geschlossene Gesellschaft verwandelt, und sie stand draußen.“
Das Krankenhausgefühl des Fliegens: Brennende Augen, Druck auf den Ohren, laufende Nase, schmerzender Hals. In Decken gewickelt, eingeklemmt unter dem längst verzehrten Abendessen warten wir darauf, dass die mürrische Pflegerin in roter Air-Vietnam-Schürze endlich abräumt, damit wir auf die Toilette gehen können. Unter der Decke machen die Füße Sport gegen drohende Thrombosen. Gelegentlich ein neidvoller Blick durch den Vorhang auf die Privatpatienten im vorderen Flugzeugteil. Der Fernseher läuft, alles tut weh, an Schlaf ist nicht zu denken. Immer schön unauffällig bleiben: Vielleicht wird man bei guter Führung vorzeitig entlassen.
Die lange, rumpelige, schlaglochreiche Straße des Landeanflugs und fertig: Vorhang auf: Hanoi. Das Joch der Müdigkeit. Luft wie im Tropenhaus. Bei den vorbeifliegenden Ufos handelt es sich in Wahrheit um kleine Jungs, deren Turnschuhe beim Laufen wie Discokugeln leuchten.
Viele Weltstädte rühmen sich ihres Verkehrschaos', das für Ausländer kaum zu überleben sei. Paris, Rom, Peking, New York, Moskau, sogar Berlin: Als wäre Stau für eine Metropole das, was dicke Arme für einen Türsteher sind. Vor Ort ist dann alles halb so wild. Aber hier, Gott sei mein Zeuge!, ist es doppelt so wild, zehn Mal so wild: Das ist kein Straßenverkehr, das ist ein kollektiver Zaubertrick. Ich wusste nicht, dass auf eine Straße so viele Roller und Mopeds passen wie Wasser in einen Fluss. Ich wusste nicht, dass eine Familie mit zwei Kindern bequem auf einer Vespa Platz findet. Ich wusste nicht, dass es möglich ist, eine Kühltruhe auf einem Moped zu transportieren. Ich wusste nicht, dass man gleichzeitig eine Zigarette rauchen, auf dem Handy telefonieren und ein Baby am Bauch kitzeln kann, während man einen Roller lenkt. Jeder einzelne Roller hat genau so viel Platz, wie der Roller groß ist, weil jenseits des Rollers der nächste Roller beginnt, gelegentlich auch mal ein Auto, ein Fahrradfahrer oder ein Fußgänger (wir oder andere Westtouristen). Zu allem Überfluss bewegt sich dieses Gesamtkunstwerk nicht in eine, sondern in alle denkbaren Richtungen, strömt ineinander, auseinander, umeinander, trennt sich, vereinigt sich, bringt sich ununterbrochen selbst hervor. Ein Naturschauspiel, hervorgerufen durch rasante Motorisierung in Kombination mit der konsequenten Abwesenheit von irgendeiner Form öffentlichen Nahverkehrs. In Hanoi gibt es: Keine U-Bahn, keine S-Bahn, keine Tram, keine Regionalzüge, keine Schwebebahn; nur eine verschwindende Anzahl Buslinien mit einer verschwindenden Anzahl Fahrzeuge, die nie irgendwo ankommen, weil sie im Stau stecken. Wenn demnächst alle so reich sind, sich ein Auto leisten zu können, beziehungsweise wenn Vietnam eines Tages von der WTO gezwungen wird, die 200 Prozent Einfuhrzoll auf Autos zu senken, dann gute Nacht.
Dienstag, 5. Oktober 2010
Rings um Berlin
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Das Julie Zeh das machen wird, die Frau die auf so nachhallend wundervolle Art die "interkulturellen" Probleme zwischen Haushund und Hausmensch beleuchtet hat, ist umso besser.
Ja, Hanoi ist schon eigenwillig. Als ich meinen ersten Abend in Hanoi verbracht habe, war schon damals (fast drei Jahre her) mein Eindruck, daß die Geschichte mit den Mopeds dringend mal geregelt werden müßte. Ich war im Army Hote and der Pham Ngu Lao abgestiege und mein erster Spaziergang führte mich natürlich zur Oper und dann eigentlich immer nur um die Oper herum. Ich habe einfach nicht gewußt, wie zum Teufel man über die Straße kommen soll. Da es in Hanoi am Abend auch nicht eben viele Fußgänger gibt, von denen man das abgucken könnte, habe ich schließlich aufgegeben, zurück ins Hotel und nach der Lösung gegoogelt, wie man das eben so macht zuhause. Das ist lange her und inzwischen überquere ich alles zu jeder Zeit.
Unmerklich führen solche Probleme zu ersten Fragen nach Regeln, erinnern an die vielen lustigen und oft sinnlos bemühten Vorbereitungen inclusive ausgiebigem "interkulturellem Training" und kommen immer wieder zur gleichen Ausgangsfrage zurück, man möchte nämlich immer ganz gerne wissen, wo in unserem weltläufig gewachsenen und jeder Partykonversation standhaltendem Setzkasten sich diese seltsamen Mopedfahrerinnen und Fahrer - samt ihrer zahlenmässig unbedeutenden Umgebung - wohl am besten unterbringen lassen. Und scheitert, bis man irgendwann auch selbst auf dem Moped sitzt, telefoniert, in der Nase bohrt und dabei mit seinem Kollegen - der nicht gerade weit weg zur linken das gleiche tut - die wichtigsten Wettererscheinungen bespricht.
Letzte Woche hat mich die Frage dann doch wieder eingeholt und ich habe gemerkt, daß ich auch nach drei Jahren immer noch keine wirklich befriedigende Antwort auf die Frage gefunden habe, was denn nun unsere liebenswürdigen Mitbürger - außer daß Sie eben auf eine ziemlich originelle Weise liebenswürdig sind, was ja schon einen Menge und vielleicht auch genug ist - so ganz grundsätzlich auszeichnet. Gelernt ist gelernt und schnell war die Frage weitergegeben: David, der Land und Leute nun auch schon eine Weile und recht intensiv kennt und in einem der besten Blogs zu dieser Stadt und dem Leben in ihr zum besten gibt, brachte immerhin auf Anhieb zwei wertvolle Anfangshinweise ins Spiel: Die Menschen sind nicht gerne alleine und Familie ist eben eine wirklich wichtige und nützliche Medizin gegen die Unlust am Alleinsein. Und man hat es auch nicht gerne ganz ruhig - schließlich erinnert Ruhe auch ein wenig an Alleinsein - und deshalb liebt man ganz allgmein das Machen von Geräuschen.
Vielleicht bringt mich Julie Zeh's Blog ja ein bi8chen weiter auf die Spur, immerhin habe ich da schon mal wieder einen Anfang gefunden.
Viel Spaß auf der Reise...wünsche ich uns allen.... !