
Du bist bald nicht mehr da.
Last Exit Zivilisation: Nach zwei Stunden Autofahrt durch eine (zum Teil nur wenige Meter breite) Landzungenschaft, die streckenweise mehr nach afghanischer Wüste als nach asiatischen Subtropen aussieht, werden wir in einem gerümpeligen Hinterhof ausgeladen, über einen zugemüllten Strand gelotst und auf ein Boot Richtung Insel verfrachtet. Die ganze Bucht eine schwimmende Müllhalde, darin ein handgebasteltes Dorf: auf Fässern schwimmende Hütten, lange Stegwegen, weit verzweigt: Fischfarm, Hummerfarm, Perlenfarm in beinahe industriellem Ausmaß. Und Waschküche: Dem Regen sind wir nicht entkommen, und es ist herrlich zu sehen, wie das miese Wetter selbst die romantischste Pazifikinsel in einen Wuppertaler Vorort verwandeln kann: Bei Sprühregen ist der Ruhrpott überall. Kommt mir gerade recht: Nach so viel Hitze und Schwitzen ziehe ich mir in seligem Erstaunen die Jacke über: Ist das auf meinen Unterarmen etwa eine Gänsehaut?



Bambus-Bungalow bezogen, Robinson-Taste fest gedrückt: Müllsack mit Kapuze übergezogen - und auf zu einer Regen-Wald-Begehung: Die Affen schreien, wie es sich gehört, ein Uh-uh-uh-uh-aaah!, das man kaum für echt halten kann, wenn man es nur aus Tierfilmen kennt. Dann, anscheinend gleich hinterm nächsten Mango-Baum, ein erschreckend ochsenartiges Gebrüll, laut und tief, das uns für Momente in Städter-Schreck versetzt: Gibt's hier etwa Gorillas (oder entlaufene Stiere mitten im Dschungel)? Es siegt die Neugier: Mit hochgezogenen Knien durchs nasse Schilfgras, bis das Gebrüll von unten kommt: Dieser Gorilla kann nicht mehr als zehn Zentimeter hoch sein: Ist er auch nicht, denn das große Geräusch komt aus einem kleinen Tier: irgendeines Bull Frog's überdimensioniertes Balzen. Die Vogelwelt hingegen ist nach wie vor eklatant unterbesetzt (der vietnamesische Luftraum muss für Gefiedertes gesperrt sein), dafür stehe ich plötzlich Auge in Auge mit einer untertassengroßen Spinne im Netz, die mich genauso eklig findet wie ich sie, jedenfalls sucht sie dankenswerterweise bei meinem Anblick das Weite. Nach dieser Begegnung klettern wir auf allen Dreien statt auf allen Vieren weiter: die freie Hand schwingt ein Stöckchen, mit dem wir die Luft vor unseren Gesichtern in regelmäßigen Schlägen zerteilen: zwei tropfnasse Priester in Sandalen und Shorts, die den Wald segnen: Der Luftraum über dem schmalen Pfad ist während der nächsten zwei Stunden für Achtbeiner gesperrt.
Der Blick von oben auf eine weitere skurril-idyllische Bucht: der Ozean weigert sich standhaft, den Plastikmüll der Menschheit im Magen zu behalten: Er spuckt ihn zurück an die Strände.
Zurück im Bungalowdorf: Der Regen hat aufgegeben, noch ein leichtes Wetterleuchten über den felsigen Inselketten (und überall diese gigantischen, rund geschliffenen Steinbrocken: als hätten übermütige Riesenkinder die Welt mit Kieseln beworfen).
Das Meer schmiegt sich warm, ruhig und hellgrün wie ein Swimmingpool an die Ufer des Öko-Resorts; erstaunlich sauber auch: vier junge Männer in zwei Kanus sind von morgens bis abends damit beschäftigt, den Abfall mit Käschern von der Oberfläche zu fischen (und über Nacht rückt er nach, der endlose Dreck: Was für eine Sysiphosarbeit!). Mit Orangensaft und Wifi auf der Terrasse ...

... unternehme ich einen Internetausflug in die vietnamesische Spinnenkunde. Das hätte ich mal besser unterlassen: Die Photos, die ich finde und die dummerweise von genau dieser Insel stammen, lassen mir das Blut in den Adern gefrieren: Dass die Viecher nur aussehen wie vergrößerte (!) Vogelspinnen, aber eigentlich fast gar nicht giftig sind, ist dem Arachnophobiker ein schwacher Trost. Giftig wäre okay, aber bitte mit weniger Haaren auf den Beinen! Und dann die Kommentare begeisterter Forenmitglieder: "Was für ein schöner Apparat!" Naja: "Apparat" trifft es in der Tat ziemlich genau, nur die Schönheit zu erkennen erweise ich mich als vollständig unfähig.
Mikrokosmisches Paralleluniversum: Hier versammelt sich ein Grüppchen Spezialtouristen, keine Brocken wie in Hoi An, sondern Natur-, Tauch- und Ruhe-Liebhaber. Einige verbringen ganze Jahreszeiten vor Ort: Diving Instructor, Jogalehrerin, Resortmanager. Leben ein inseliges Spezialleben, ohne ein Wörtchen Vietnamesisch zu sprechen, scheinen die einheimischen Barkeeper, Kellnerinnen und Müll-Fischer nicht mit Namen zu kennen, ja, behandeln sie wie Luft, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht: zwei Sorten Außerirdischer, die, unbemerkt voneinander, dennoch nebeneinander existieren, als fehlten ihnen die nötigen Sinnesorgane, um den anderen wahrzunehmen. Aber-aber-aber: Geht das überhaupt, auf dermaßen begrenztem Raum über Monate hinweg zugleich mit- und ohne einander zu existieren, einfach so, ohne Freund oder Feind zu werden - zwei Parallelen, die sich nicht einmal in der Unendlichkeit treffen? Möglicher- und traurigerweise wurde der Beweis wohl bereits erbracht: Schönen Gruß von der Kolonialgeschichte.
Da lese ich in einem Buch, wie das mit dem Reisen ist: Ein vietnamesischer Mönch soll es erklärt haben. Er zeigt auf die Tempelhunde, die sich, von Flöhen geplagt, mal in die eine, mal in die andere Ecke legen, immer wieder aufstehen und sich ein paar Meter weiter erneut fallen lassen, in der Hoffnung, die Quälerei möge an einem anderen Ort besser werden oder ganz vergehen: Flöhen und den eigenen Sorgen entkommt man durch Weglaufen gleich schlecht.
Das Meer schmatzt am Ufer, als wollte es bis morgen die ganze Insel aufgegessen haben. Ich vermisse das selbstzufriedene Gecko-Sein der Geckos (keine Feinde, genug zu essen, das ganze Jahr warm): Nur selten höre ich hier das vertraute Zwitschern und kann das dazu gehörende Tier nicht entdecken.
Wenn ich nicht stehen musste, habe ich gesessen; wenn ich nicht sitzen musste, habe ich gelegen: Das (sinngemäße) Lebens- und Gesundheitsmotto des alten Churchill (oder kommt es von einer andere Zitatenmaschine?) hat sich ganz Vietnam zu eigen gemacht: Wenn ich nicht laufen muss, fahre ich; wenn ich nicht fahren muss, sitze ich (am Boden auf den eigenen Fersen); wenn ich nicht sitzen muss, liege ich (auf dem Moped; auf dem Dach eines Autos; in einem Hauseingang; auf einer mobilen Hängematte mitten im Berufsverkehr oder einfach irgendwo auf dem Bürgersteig). Eine grundsympathische Einstellung, die allerdings für einen deutschen Aktivitäts- und Bewegungsfanatiker einem kalten Entzug gleichkommt: So wenig gelaufen wie in den letzten drei Wochen bin ich zuletzt in meinem ersten Lebensjahr. Mit welcher Lust ich nun der Insel über die verschiedenen Buckel krabbele! Wie der Geist plötzlich den Körper wiedererkennt (hallo, da bist du ja noch, ich dachte, du hättest dich längst verabschiedet und mir stattdessen einen schlappen Waschlappen angehängt); wie die Stille, der Regen, der ovale Himmel und die Gerüche des nassen Waldes allein mir gehören! Nichts gegen die Menschheit, aber von Zeit zu Zeit braucht man ihre Rückseite.
Der Resort-Hund verbellt das nächtliche Knirschen von Schritten auf den Sandwegen, und ich muss lachen: Wie einer mit dermaßen wenig Autorität für Ordnung zu sorgen versucht - das besitzt hinreißende Größe.
Vietnam, es ist Zeit dich zu preisen: Wenn ich mich seit 20 Tagen in die verbeiße wie ein Welpe im Handtuch, das er sich, "Beute" spielend, um die Ohren schlägt: Das ist meine Art, das Lieben zu lernen! Herauszufinden gilt es, ob etwas standhält, und du hältst, schon seit halben Ewigkeiten, stand: Dein Himmel, dein Wald, dein Meer und dazwischen die rätselhafte, lächelnde Geduld deiner Menschen: Geheimnis der Unverwundbarkeit. Für das Land Bosnien fuhr es mir schon einmal mit unheimlicher Klarheit in die Knochen: Wenn etwas schön ist, wollen es alle besitzen, sie kommen (immer wieder quer durch die Epochen) vorbei, um zu besetzen, zu rauben, zu plündern, zu vergewaltigen: und wenn sie erkennen, dass Schönheit nichts ist, das man weg- und mit nach Hause nehmen kann, beginnen sie zu zerstören. Irgendwann, am zwischenzeitlichen Ende eines blutigen Wegs, mögen sie einsehen, dass sich Schönheit auch nicht zerstören lässt: Dann schließen sie Verträge, sprechen von Frieden und kommen wieder, um aufzukaufen, was sie nicht rauben konnten. Während die Schönheit weiterhin unangetastet zwischen Himmel und Erde und zwischen den Menschen schwebt: Das Dazwischen kann weder gestohlen noch vernichtet werden.
Das Problem mit der Eigentlichkeit: Fünf Kapitel mit Schluss. Eins: Ein russisches Pärchen, nennen wir die beiden Fjodor und Nastasja, am vietnamesischen Strand. Fjodor schaut nach links, schaut nach rechts: niemand zu sehen (die Schriftstellerin steht hinter der Palme): er nimmt sich eins der kreisrunden Korbboote der Fischer, lässt es zu Wasser und klettert hinein (huch, nicht einfach, in einer schwankenden Halbkugel das Gleichgewicht zu halten!). Er greift nach dem Paddel und versucht, das Boot mit kleinen Schlägen vorwärts zu bewegen (beziehungsweise rückwärts: Fjodor glaubt, ein Paddel ist immer hinten, während jeder, der die waghalsig-wellenbrechenden Fischer in Cua Dai beobachtet hat, weiß, dass die runden Dinger im Bug angetrieben werden: mit reiner Armeskraft, dabei breitbeinig stehend: auf diese Weise fahren die lebenslustigen Lebensmüden aufs offene Meer hinaus, um ihre Netze zu kontrollieren: selbst wenn vor dem In-See-Stechen alles mit süßen Stäbchen eingeräuchert wird, damit die lieben Ahnen dafür sorgen, dass Boot und Strand nach vollbrachter Arbeit wieder zueinander finden: Moses im Weidenkörbchen auf dem launischen Ozean bleibt eine Zirkusnummer ohne Sicherheitsnetz). Fjodor also, im 50 Zentimeter tiefen, brandungslosen Wasser der Öko-Bucht, paddelt falsch herum, aber frohgemut zwei schlingernde Meter voran.
Zwei: Damit Nastasja ein Photo machen kann. Aufgemerkt: Nicht: Fjodor paddelt und Nastasja knipst. Sondern: Fjodor und Nastasja haben das Photo verabredet: Er paddelt, damit sie knipst. Also: Kaum ist das Bild im Kasten, wird das (saumäßig schwere: in Cua Dai habe ich versucht, einem älteren Fischer bei der Rückkehr ans Ufer zu helfen: wir zogen und schoben mit vereinten Kräften: keinen Zentimeter bewegte sich das dumme Ding über den Sand!) Korbboot zurück an Land gehievt, gedreht, gestoßen, gerollt und schließlich, kein leichter Job für Fjodor und Nastasja, in seine Ausgangsposition zurückgebracht.
Drei: Ein Blick in die Zukunft: Fjodor und Nastasja in ihrer Wohnung in (sagen wir:) Moskau: Gute Freunde zum Abendessen zu Besuch: Zum Verdauungswodka werden die Urlaubsbilder aus Vietnam hervorgeholt. Und jetzt: Guckt mal, Fjodor im Fischerboot! - Anerkennendes Gemurmel: Wie schön! - Fjodor: Gar nicht so einfach zu rudern, die Dinger: Gelächter. Und während sie sich zu viert über die Aufnahme beugen, geschieht das Wunder: In diesem Augenblick fährt Fjodor tatsächlich zum ersten und einzigen Mal Fischerboot, nicht zwanzig Sekunden fürs Photo, sondern (sagen wir:) eine schöne Stunde lang: Er paddelt gemächlich (falsch herum) am Ufer entlang, spürt den Wind im Haar, hat den Blick entspannt auf das Wolken-Berge-Gemälde am Horizont gerichtet (ganz so, wie es auf dem Bild zu sehen ist). Er genießt den Urlaub und seinen kleinen Dumme-Jungen-Streich. - Zurück zu Nastasja am Auslöser und damit zum Futur Zwei: Was für ein glücklicher Nachmittag wird das gewesen sein! (Vorausgesetzt, das Bild ist scharf: an der Farbe von Wasser und Himmel kann man ja noch was machen.)
Vier: Und nun das Problem mit der Eigentlichkeit: Hat Fjodor "eigentlich" wirklich etwas erlebt oder nicht? Hat er seine Spritztour mit dem Korbboot "eigentlich" unternommen und genossen, und wann "eigentlich": auf der Insel oder beim gemeinsamen Betrachten der Photos? Fjodor und Nastasja: Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler und Kameraleute in einer bzw. 2 Personen: produzieren einen Standbilder-Film mit Titel "Urlaubserinnerungen in Vietnam" (14 Drehtage), sind damit von morgens bis abends schwer beschäftigt und werden sich, zu Hause zurück, erst einmal am Arbeitsplatz von diesen Strapazen erholen müssen. Nastasja Arm in Arm mit einer zahnlosen Alten, die Maiskolben verkauft und auf dem Bild lacht, als wären sie beste Freunde geworden. Verschiedene Sonnenuntergänge, im Vorbeigehen aufgenommen. Fjodor, wie er eine mit Cham-Schrift bedeckte Steinplatte entziffert und dabei die Stirn runzelt, als könnte er etwas verstehen. Nastasja mit einer Gruppe Kinder, die das Betteln unterbrechen, um in die Kamera zu grinsen. Fjodor, wie er im schmalen Eingang zum ehemaligen Partisanentunnel in Cu Chi stecken bleibt. Und so weiter: zwei Wochen auf Bilderfang, Urlaub für die Konserve, von der man sich dann zu Hause ernähren kann - während ich vor lauter Willen zum gegenwärtigen Sein kaum zum Photographieren komme und mich deshalb später an nichts erinnern werde ("Und was habt ihr in Vietnam so gemacht?" - "Äh ... wie ... gemacht?")
Fünf: Kürzer gefragt: Lebt es sich intensiver imVersuch, dem flüchtigen Augenblick durch möglichst bewusstes Wahrnehmen wenigstens ein kleines bisschen Substanz zu verleihen, oder opfert man besser (wie Fjodor) diese semi-fiktive Angelegenheit namens Gegenwart zugunsten der voll-fiktiven (und deshalb für den Menschen behaglicheren) Sache namens Erinnerung: indem man durch jedes Betätigen des Auslösers eine ebenso alte wie schlaue Gleichung bestätigt: Gegenwart (klick) = zukünftige Vergangenheit?
Schluss: D. löst das Problem der Eigentlichkeit mit einer Regel, den er vor 20 Jahren im Deutschunterricht gelernt hat: "Sätze mit 'eigentlich' sind eigentlich aussagelos."



Mein Vorschlag für die perfekte Kamera für Touristen, es braucht gar nicht fotografiert werden, die Personen werden auf bei Google Pictures gespeicherten Bildern draufkopiert, perfekte Aussicht am Wolkenpass! immer Sonnenutergang am Meer!immer das Postkartenmotiv im Hintergrund! Für Fjodor und Nastasja aus Novosibirsk!
Radeln ist für mich die schönste Art zu reisen und ich habe es sogar zum Beruf machen können, meine Tour jetzt ist "Aufklärung" für eine Tour im Februar, auch eine, die weh tun kann: Hanoi-Saigon auf dem Ho Ch Minh Pfad mit dem Rad:
www.tomtomtravel.com
Weiter gute Reise!
Gruss, Sandra