Hue fällt erst einmal ins Wasser: Wegen einer Flut, die schon 40 Menschenleben gekostet hat, fahren keine Züge in den Süden. Unsere Mama auf Zeit (Achtung, wir unterbrechen diesen Text für eine kurze Lobpreisung: Marina May, du hast uns gefüttert, beruhigt ("keine Panik, der Fahrer kommt rechtzeitig, alles wird gut"), uns den Weg gezeigt und die Welt erklärt, dir unsere Wehwechen angehört ("Bauchweh!"), uns vor Regen geschützt und unsere Wäsche gewachsen - ein dreifaches Hoch auf dich, du sanfter Engel mit Nerven wie Drahtseile!) bucht flugs einen Flug nach Da Nang: dann wird Hue eben übersprungen und es geht direkt nach Hoi An: Nichts ist flexibler als ein Mensch auf Reisen, dessen Wo und Wann keinerlei Bedeutung für den Lauf der Dinge besitzt (so gesehen ist man wohl immer auf Reisen; "Urlaub" ist dann die Zeit, in der man es bemerkt).
Abschiedsgrüße aus der Gerüchteküche von Ha Noi: Wir sind schon auf dem Weg zum Flughafen, als wir es hören: Ein Bekannter von einem Bekannten einer Bekannten war heute morgen im 17. Stock der Ha Noi Towers beschäftigt, als er es durchs Fenster sah: in einigen Kilometern stieg ein Staubpilz über der Stadt auf wie nach einer großen Explosion: in der Nähe des Fußballstadions, wo das Militär für seine ultimative 1000-Jahre-Parade probt. Dann die ersten Handy-Photos im Internet: Zerstörung, Tote, Verletzte, Chaos, Polizisten, Feuerwehr. Sicher kein Anschlag, sondern irgendeine katastrophale Dummheit: was muss die Armee auch ihre Bomben wie Spielzeugpferdchen durch die Stadt ziehen und ganze Container mit Feuerwerkskörpern vollstopfen! Wenig später hat es sich ausgetwittert und ausgebloggt: Nachrichtensperre und digitales Reinemachen, bis die offizielle Version fertig gebastelt ist. Was bleibt, ist die Gerüchteküche, der noch kein Regime der Welt das Tuscheln verbieten konnte.
Mit dickem Hintern sitzt die Dunkelheit auf dem Land, als wir ankommen: schon fast Mitternacht: Nach der notorisch überfüllten Hauptstadt ist Hoi An wie die Hauptfigur in einem Film der Nouevelle Vague: dunkel, schön, schweigsam, geheimnisvoll, von Leben entleert. Kleine Häuser, breite Straßen, echte Bürgersteige - und nirgendwo eine Menschenseele zu sehen, weder auf zwei Rädern, noch auf vier; nicht auf niedrigen Stühlchen sitzend, nicht schlafend in einem Hauseinfang liegend. Einfach niemand. Das ist ein Schock: Ist hier was Schlimmes passiert? Wo sind die alle? Warum hupt keiner? - Und wenn wir schon nach einer Woche Ha Noi unsere 3 Millionen neuen Mitbürger vermissen - wie muss sich ein Vietnamese aus Ha Noi fühlen, wenn er zum ersten Mal ins leere Deutschland kommt? (Wir ahnen es gerade: Einsam, unwirklich, desorientiert, verloren.) Die Zikaden geben alles: Ein Geräusch, als würde die Nacht mit Starkstrom betrieben. Dazu quakende Frösche, zwitschernde Geckos, fiepende Ratten, die in allen Vorgärten spazieren gehen.
"You want to go to a bar? Good bar?" - Inmitten der dunklen Gasse, von romantischen alten Häuschen eingerahmt, kommt uns ein Rollerfahrer entgegen, einsamer Cowboy auf seinem Pferd: Die Menschheit ist also doch nicht ausgestorben, jedenfalls leben die Touristenfänger noch. Wir lassen ihn abblitzen, gehen links, rechts, links, rechts, bis der bräunliche Asphalt in bräunliche Wasseroberfläche übergeht, auf der ein paar Boote, die Nasen über den Bürgersteig gestreckt, ein Schläfchen halten - und landen von selbst bei der "Good Bar", die den ultimativen Kulturschock darstellt: keine Plastikstühlchen, sondern Korbsessel, aus denen voluminöse Touristen quellen: verschwitzte Gesichter unter albernen Hüten, haarige Pranken, die Humpen stemmen: umflitzt von zierlichen Vietnamesen in weißen Kellnerblusen sitzen die dicken Brocken und heben Nahrung (Pommes) und Flüssigkeit (Bier) an die aufgesperrten Schlünde. (Für eine delirierende Sekunde glaube ich zu wissen, wie es wahr, als die Amerikaner versuchten, sich hier zu Hause zu fühlen). Niemand spricht, alle schreien. Aus den Lautsprechern dringt Nirvana: "Come as you are ...", was in Bezug auf die anwesende Klientel den Nagel leider auf den Kopf trifft. Ein neuer Begriff wird geboren: Tourismus für dicke Brocken, oder kurz: Brockentourismus (und ich denke wehmütig an meine geblümten Bankräuber zurück). An den Wänden Plakate mit lustigen Sprüchen zum Vietnamkrieg: "I love the smell of MY PALM in the morning", dazu eine Figur, die sich die Hände vors Gesicht schlägt, und die Unterschrift: Apocalypse Now. Gegenüber ein Spruch, der mich verblüfft: "Google knows what you did last summer" - ich dachte, das wäre hierzulande eher das Zentralkomitee. Mit einem Fingerschnippen ins Paralleluniversum geschlüpft: Eine halbe Stunde warten wir darauf, von der Kellnerin nach unseren Wünschen gefragt zu werden. Sie spricht Englisch nicht nur fließend, sondern auch noch verständlich, schlängelt sich routiniert durch die Tische und erträgt stoisch das betrunkene Getue der Touristenbrocken. Ausgehungert, wie wir sind, bestellen wir Tuna Sandwich und Chicken Sandwich und warten eine weitere halbe Stunde aufs "Essen" (ich gebe es umunwunden zu: Mein noch immer stinkwütender und asienfeindlicher Magen freut sich über labberigen Toast und Mayonnaise). In Ha Noi erduldeten wir gequält die Belagerung durch Servicekräfte, gegen die wir jedes halbleere Glas und jeden beinahe abgegessenen Teller verteidigen mussten. Im Drei-Minuten-Takt unterbrachen wir das Gespräch durch ein leicht genervtes "No thank you" in Richtung der überprofessionellen Hilfsbereitschaft - und jetzt, wo man uns bis zur totalen Ignoranz in Ruhe lässt, ist es uns auch wieder nicht recht: Stets will der Mensch nichts und alles zugleich.
Das Gekreisch der weiblichen Brocken steigert sich bis zum zweigestrichenen C: Ich suche Blickkontakt mit den vietnamesischen Mopedtaxifahrern, die rings um den Eingang der Bar lagern, auf den Sitzen ihrer Roller ausgestreckt, den Kopf auf die Lenksäule gebettet; mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen gegen die Wand gelehnt; und ihre Gesichter sind friedlich; ihre Farben gedämpft: das sind echte Menschen, denke ich, und weil ich zu lange schaue, kommt einer von ihnen an den Tisch geschlendert, will aber nicht über konfuzianisches Wertebewusstsein plaudern, sondern fragt, ob ich ihm ein bisschen Geld für seine Sammlung ausländischer Banknoten schenke: Natürlich: Aus seiner Sicht unterscheide ich mich in nichts von den restlichen Milchkühen: Gin Tonic in der Hand, Thunfisch im Gesicht, die Taschen voller Dollar. Meine plötzliche Sehnsucht nach dem sperrigen Ha Noi sieht man ja nicht.
Am Morgen ein Lärmgemälde vor dem Fenster: "Hoi An" mag "Ruhige Gemeinschaft" heißen, aber nicht, wenn die Müllabfuhr kommt und mit 200 Dezibel ihre nervtötende Asia-Ramsch-Melodie spielt - und kaum wachgeklingelt, muss ich lachen: Es besitzt seltsame Aussagekraft, wenn Müllwagen einem Faschingsumzug gleichen. - Ha Noi war groß und laut, aber es kannte das Schallschutzfenster.
Hotel mit Swimmingpool, wo schon während des Frühstücks vier weibliche Brocken mit einem schlappen Wasserballspiel beginnen. Am Nebentisch ein militärhosiger, drei-tage-bärtiger Supertourist, der vor lauter Lässigkeit im Schneidersitz auf seinem Stuhl beim Frühstück sitzt und über die Vorzüge Südvietnams doziert. Jetzt gilt es, sich zusammenzureißen: Das ist hier alles für uns gemacht, Stühle mit langen Beinen, englische Schilder an den Shops, Fahrradverleih, Strandcafé und My-Son-Tour - das gilt es anzunehmen, den Kulturschock zu verdrängen, ohne weitere Kampfhandlungen zum Brocken zu werden. Widerstand ist ohnehin zwecklos. Ich gründe in meinen Kopf eine Zensurbehörde, deren Aufgabe fortan darin bestehen soll, Grübeln über den Tourismus aufs Strengste zu unterbinden.
Vegan Food, Organic Food, Slow Food: Hoi An hat verstanden, wohin der kulinarische Hase läuft: sicher nicht Richtung Hundefleisch (in der ganzen Stadt habe ich noch kein einziges Tith-Cho-Schild gesehen): da kommt auf einem großen Umweg über Westeuropa der Buddhismus ins buddhistische Vietnam zurück, jedenfalls was das Essen betrifft. "Slow Food" lernen wir allerdings in sehr direkter Bedeutung kennen: auf das vergane Mittagessen warten wir eine geschlagene Stunde: dafür können wir vier überforderten und vermutlich frisch gebackenen Köchinnen inmitten des noch halb im Bau befindlichen Restaurants beim ebenso umständlichen wie liebevollen Zubereiten der Speisen zusehen.
Überhaupt wird Buddha in dieser hübschen kleinen Stadt fürsorglich bedient: Jeder der geschätzt 20.000 Schneider, die alle dieselben drei Jackenmodelle auf Büsten vor der Tür ausgestellt haben, räuchert seine Stoffbestände mit dicken süßlichen Schwaden ein; die Altare sind gut gefüllt mit allerlei Care-Paketen, die vermittels des Rauchs zu den Toten im Himmel transportiert werden: vom System her einem Faxgerät nicht unähnlich: das Original (Stapel aus Bier- und Coladosen, dazu Nescafé, Früchte, Plastikautos, Süßigkeiten und natürlich Geld: was man als Toter eben so braucht) verbleibt beim Sender und kann nach der Zeremonie vom Altar entfernt und selbst verbraucht werden, während die Seligen mit den per Rauchpost übermittelten Kopien selig werden (kein Wunder, dass dieses Land unter "Copryright" das natürlich Recht aufs Kopieren versteht).

Papiermotorrad für die Toten
Für Touristentrottel wie uns ein Stolperstein: Auf der Treppe des Hotels finden wir zwei grüne Scheine: zwei Mal hunderttausend Dong, wie nett, das lassen wir klammheimlich in der Hosentasche verschwinden: nichts macht den Menschen glücklicher, als Geld auf der Straße zu finden (schon als Kind habe ich regelmäßig davon geträumt). Aber den Unlauteren straft Buddha sofort und beweist dabei durchaus Humor: Als wir an der Rezeption einen überteuerten Stadtplan für 50.000 erwerben wollen und einen der grünen Lappen aus der Tasche ziehen, bricht der Rezeptionist vor Lachen schier zusammen, zeigt den Geldschein seinen Kollegen und sorgt in der ganzen Lobby für Heiterkeit auf unsere (wohlverdienten) Kosten: Langsam aber sicher begreife ich, dass wir soeben versucht haben, mit dem Spielgeld zu zahlen, das auf den Altaren zugunsten der lieben Verstorbenen verbrannt wird (im vietnamesischen Himmel spielt man anscheinend viel Monopoly). Aber schön, dass wir euch den Tag retten konnten: Hinter der Rezeption wird noch immer gekichert, als wir beschämt von dannen ziehen.
Die Flut in Pinacoladas messen: Abends am Fluss schauen wir dem Wasser beim Steigen zu: nach dem ersten Drink schwappt es über die Bordsteinkante, nach dem zweiten stehen unsere Fahrräder im Wasser. Die angeleinten Holzboote nicken zufrieden im Schlaf. In Hue, heißt es, ist noch immer Land unter; in Hoi An schenkt dem Steigen des Wassers bislang niemand Beachtung: dann geht das Leben eben planschend mit hoch gezogenen Knien seinen gewohnten Gang. Zur Frage, wann eigentlich Regenzeit sei, vertreten 10 Vietnamesen mindestens 11 Meinungen: im Juli und August; nein: im September und bis in den Oktober hinein; nein: sie hat gerade begonnen, weshalb das Wetter erst zu Weihnachten wieder zuverlässig wird. Seit ich einmal zugehört habe, wie ein Bosnier in Bosnien auf Bosnisch versuchte, eine Pizza zu bestellen, bin ich nicht mehr der Auffassung, dass ein Land notwendig seine eigene Sprache sprechen oder sonstwie über sich selbst Bescheid wissen muss. Wenn's regnet, ist Regenzeit: So einfach können die Dinge liegen, wenn man sich mal ein bisschen entspannt.
Wenn im Nachbarzimmer das Telephon klingelt, gehe ich an den Apparat: Warmes Klima ist schlecht für die Privatsphäre. Wer weder dicke Wände, noch isolierte Fenster und Türen braucht, hört seinem Nachbarn beim Kinderzeugen zu. Oder australische Touristen, die im Urlaub ihr Sexleben wiederentdecken. Im Innenhof des Hotels hallt das Stöhnen einer Frau über dem Swimmingpool, während unten zwei Angestellte becherweise Chlor ins vielbenutzte Wasser kippen.
Der Wolkenpass heißt Wolkenpass, weil er in die Wolken passt. Und Individualtourismus ist, wenn man Dinge tut, die mühsam genug sind, dass sie sonst niemand machen will. Nach der ersten Stunde Dauervibrieren zwischen Ho An und Da Nang vergeht sogar mir eingefleischten Rollerverrückten langsam die Mopedromantik: Beine und Arme kribbeln, als wäre ich seit einer Stunde an die Steckdose angeschlossen. Und was, wenn das klapprige Zweirad irgendwo im Nirgendwo liegen bleibt? Oder wenn ein korrupter Bulle auf die Idee kommt, uns vom Moped zu holen und tüchtig zu melken? Oder wenn in den Bergen einer der unberechenbaren Stürme aufzieht, derentwegen wir schweren Herzens auf unseren Auslug zu den Cham Inseln verzichten mussten? Oder wenn uns im Bienenstockverkehr ein stinkender Lastwagen überrollt? Oder-oder-oder wenn ich vor lauter Sorgen vergesse, die Landschaft zu genießen? - Schluss mit der Bedenkenträgerei: Spaß macht es doch.
Als rollende Europäer sind wir eine Sensation: Hello-hello-Rufe vom Straßenrand begleiten unseren Weg. Hinter Da Nang noch eine Packung Schokokekse als Proviant erworben, dann geht es mit 12 Prozent Steigung die Serpentinen hinauf. Seit der Tunnel nach Hue gebaut wurde, klettert kaum noch ein Auto den Wolkenpass hinauf; Kühe und Ziegen gehen gemütlich in den verwaisten Kurven spazieren, steigen über Leitplanken, um an den steilen Hängen zu grasen. Der Blick ist atemberaubend: Tiefgrüner Wald, weit unten der weiße Saum des Sandstrands und dann das Meer. Das Töck-töck der Fischerboote klingt hier oben zum Greifen nah, obwohl sie auf die Entfernung nur als kleine bunte Flecken im Wasser liegen. In den Bäuchen der Wolken regnet es: Am Straßenrand verwandeln wir uns in zwei fahrende Ein-Mann-Zelte: den grünen Regencapes vom Goetheinstitut sei Dank: und weiter quälen wir unsere altersschwachen Blechesel in den Himmel hinauf.
Auf dem Pass lauern die Hyänen: Wer den ganzen Tag mit Kaffee, Postkarten und Perlenketten auf einen Touristen gewartet hat, lässt sich nicht mit ein bisschen "No, thank you" vertreiben. Wir sind es, die schließlich die Flucht ergreifen: Mit einer Where-are-you-from-come-to-my-shop-Meute am Ellenbogen wird die schönste Aussicht ungenießbar. Also nur eine Stippvisite auf dem Wolkenpass: Wir waren da, das ist die Hauptsache. Und vorsichtig in die motorbremsengebremste Abwärtsfahrt: Wenn die Blechesel ins Schießen kommen, hält sie nichts mehr, jedenfalls nicht die vor Jahrzehnten vom Hersteller vorgesehenen Bremsbeläge.
Kaffee auf halber Höhe in palmenblattgedeckter Hütte: Vier kartenspielende Polizisten am Nebentisch: Die wissen, dass wir keine vietnamesische Fahrerlaubnis besitzen; wir wissen, dass die es wissen; und die wissen, dass wir wissen, dass die wissen ... Der Blickkontakt ist ausgiebig, die Uniformierten schätzen ab, wie viel Ärger wir im Zweifelsfall machen würden, und mein Gesichtsausdruck versucht zu sagen: viel Ärger, eine Menge Ärger, so großen Ärger, dass die paar Dong den Stress nicht lohnen. Voller Ernst nicken wir uns zu; das Kartenspiel geht weiter; wir setzen uns: Glück gehabt. Auch hier versucht man, zum Kaffee ein paar Glasperlen zu verkaufen (tragen wir vielleicht Baströckchen und Blumenkränze?). Eine Alte sitzt am Boden und kaut etwas Rotes: Lippen und Zähne blutig verfärbt, als hätte sie gerade in etwas Lebendes gebissen. Als feststeht, dass unser Konsumpotenzial mit Kaffee, Mineralwasser und Pfefferminzbonbons ausgeschöpft wurde, verwandelt sich die hysterische Freundlichkeit in Totalignoranz: Selbst unser höfliches Bye-bye bleibt unerwidert.
Das Problem ist: Hello-hello-Land macht einen langsam aber sicher zum abgestumpften Idioten: Am Abend spricht mich ein junges Mädchen an, um mich netterweise darauf hinzuweisen, dass mir soeben ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche gefallen ist: sie sagt "Excuse me" - ich schaue im ersten Impuls in die andere Richtung und beschleunige den Schritt. Und könnte mich anschließend selbst ohrfeigen: Nur weil Teile der Bevölkerung wie auf Knopfdruck die Bauernfänger-Schallplatte abspielen, sobald sie eines Nicht-Vietnamesen ansichtig werden, bin ich demnächst soweit, jede normale Alltagskommunikation zu verweigern. Ich ertappe mich dabei, wie ich aufhöre, den Menschen in die Gesichter zu schauen: Scheu senke ich den Blick zu Boden, wenn Augenkontakt droht: aus Angst vor einer How-are-you-today-buy-some-peanuts-Attacke. Den merkantilen Interessen leistet die Aufdringlichkeit indessen einen Bärendienst: Hello-hello hat uns bislang zuverlässig vom Eingang jedes Klamottenladens vertrieben.

Wasserpalmenwald
Zensur ist dazu da, sie zu umgehen, erst recht die selbst auferlegte: Als beim Frühstück im Hotel drei weibliche Brocken plötzlich als jene jungen Neuseeländerinnen entpuppen, die mich im Bus nach Ha Long mit ihrem penetranten "It's just like, you know, like, I mean: Wow!" in den Wahnsinn getrieben haben, wird ein erneutes Nachdenken über Touristen bzw. das Phänomen des Tourismus unausweichlich. Also los: Warum eigentlich hassen wir Deutsche den Tourismus wie der Teufel das Weihwasser? Warum wollen ausgerechnet die Angehörigen einer so reisefreudigen Nationen partout keine Touristen sein, nicht mit dem Tourismus in Verbindung gebracht werden und sich selbst an den touristischsten Reiseorten möglichst untouristisch fühlen? Warum senken Deutsche im Ausland die Stimme, wenn sie am Nebentisch im Café andere Deutsche orten? Warum verkneifen sie sich an den schönsten Orten das Photographieren und verlaufen sich lieber, als durch die Benutzung eines Stadtplans als Tourist erkannt zu werden? Warum tragen sie gedeckte Farben, dezente Frisuren und lange Leinenhosen und beäugen die Sehenswürdigkeiten verstohlen aus dem Augenwinkel, während Spanier, Engländer, Chinesen, Japaner und Australier breitbeinig und gutgelaunt in Hawaiihemden und Shorts ihre giga-große Kamera in Stellung bringen? Ist es das Mallorca-Trauma? Oder haben wir immer noch Angst, als Eroberer, Aggressoren, Invasoren in fremde Länder zu kommen? Schämen wir uns grundsätzlich des Deutsch-Seins, und weil das eigene Deutsch-Sein vor allem im Ausland auffällt, setzen wir Deutsch-Sein mit Tourismus gleich? (Das beste Spottlied zum Thema stammt von der schärfsten Spottdrossel Deutschlands, Rainald Grebe: "Schäm dich für deine Heimat / schäm dich für dein Gebiet / tu alles um dich zu verleugnen / tu alles dass man dich nicht sieht ...) Aber-aber-aber: Gleichzeitig gibt es das Gegenbild zum bösen Touristen, nämlich den guten Reisenden. Reisender darf man sein, Tourist hingegen nicht. Der Reisende zeichnet sich dadurch aus, dass er das Land, das er bereist, "erfährt". Er verlässt die "Trampelpfade des Tourismus", er setzt sich der Fremde aus, macht ungewöhnliche Begegnungen mit den Einheimischen und stolpert dabei von einem inspirierenden Moment in den nächsten, denn hinter jeder Ecke wartet eine wundersame Überraschung auf ihn. Vor allem unterhält er sich ständig ausgiebig (in welcher Sprache, bleibt unklar) mit diesen liebesnwerten Originalen, die es nur im Ausland (vor allem in Asien) zu finden gibt und von denen jeder-jede-jedes über eine faszinierende "Geschichte" verfügt: Der alte, zahnlose und faltige Bauer, der umwerfende Sinnsprüche auf Lager hat; ein weiser Mönche hoch oben in irgendwelchen Bergen, der den Reisenden zur Meditation einlädt; die junge weibliche Taxifahrerin, die willfährigen Kunden ihre Liebesdienste an schummrigen Straßenecken anbietet; die steinreiche Bar-Besitzerin in einer schillernden Großstadt (Saigon oder Bangkog oder Shanghai), eine moderne Geisha, die hinter ihrer ungerührten Fassade ein unglaubliches Schicksal verbirgt; der Vietnam-Krieg-Veteran, der inzwischen den Amis, den Kommunisten, den Franzosen und überhaupt der ganzen Welt verziehen hat; vielleicht auch mal ein Amerikaner, der nach einem bewegten Leben irgendwo im Busch gestrandet ist und sich als bemitleidenswerte Kurtz-Imitation der Trunksucht hingibt (man kennt diese inspirierenden Begegnungen, ganz gleich, ob man sie gehabt hat oder nicht). - Alle diese "Geschichten" trinkt der Reisende in sich hinein: sie sind der verdiente Lohn dafür, dass er sich in klapprigen, überfüllten, unklimatisierten Reisebussen durchs Land quält, während jeder Vietnamese, der es sich irgendwie leisten kann, das Flugzeug, den Zug oder wenigstens einen modernen Bus mit Liegesitzen nimmt. Aber, so lautet das Credo des Reisenden: Auf einem Liegesitz lernt man niemals eine spannende Persönlichkeit kennen, sondern nur bietrinkende Touristen. Reisen muss weh tun, und wenn es weh tut, weiß der Reisende, dass er alles richtig macht, und deshalb fühlt er sich dem gewöhnlichen Touristen so haushoch überlegen. Der Reisende hasst Bequemlichkeit jeder Art; Bequemlichkeit tötet die Inspiration und verhindert die Selbsterfahrung. Diese Auffassung vertritt er unbeschadet der Tatsache, dass in der Bequemlichkeit eine der wichtigsten Triebfedern der menschlichen Zivilisation liegt. So rein und unschuldig ist der Reisende in seinem Hass auf den Liegesitz, dass ihm auch die Ungerechtigkeit nicht auffällt, mit der er seinem Reiseland jenen technischen Fortschritt missgönnt, der bei ihm zu Hause seit Jahrzehnten selbstverständlich ist: Für ihn ist ein Land nur dann "authentisch", wenn es ausreichend Armut und miserable Infrastruktur bereit hält. Während der Tourist sich ärgert, weil der Bus nicht kommt, ist der Reisende glücklich, weil er den nicht-kommenden Bus (anders als den pünktlich vorfahrenden) als Erfahrung betrachten kann. - Ist es die Sehnsucht nach Abenteuer, die sich im Ideal des Reisenden verwirklicht? Der rührende Wunsch, die Welt möge nach wie vor ein geheimnisvoller Ort voller Wunder sein, die es von ihm persönlich zu entdecken gilt? Muss deshalb auf einer Reise (im Gegensatz zu einem touristischen Aufenthalt) 24 Stunden am Tag die Romantisierungsmaschine laufen, damit man am Ende stolz darauf sein kann, sich nicht nur amüsiert und erholt, sondern etwas über sich selbst und die Welt erfahren zu haben (in sicherem Abstand zu der profanen Erkenntnis, dass sich Menschen vor allem dadurch auszeichnen, überall und unter allen Bedingeunen eine alltägliche Normalität zu erreichten)? - Ein amerikanischer Astronaut wurden nach einem mehrmonatigen Aufenthalt im All von einem Journalisten gefragt, welche tieferen Einsichten er in dieser Extremsituation durchlebt habe. Der Astronaut antwortete sinngemäß: Erstaunlicherweise war ich die ganze Zeit mit meinen üblichen kleinen Problemen beschäftigt. - Was ist angesichts dieser (wirklich tiefgehenden) Einsicht verlogener: das Reisen oder der Tourismus? - Keine Ahnung. Jedenfalls beweist sich wieder einmal die alte Regel, dass Nachdenken, ganz gleich, in welche Richtung, stets an den Punkt führt, an dem man nur noch allein zu Hause auf einem Stühlchen sitzen darf.
Erst um 22h schließen die Schneiderläden (für vietnamesische Verhältnisse mitten in der Nacht: der Tag beginnt um fünf: Aber wer will schon schweißglasiert bei 35 Grad im Schatten einen Wollanzug anprobieren?) Die Schneiderinnen tragen die Büsten mit jenen Ausstellungsstücken rein, die den ganzen Tag von zögernden Touristenhänden gestreichelt wurden, und geißeln sie mit Staublappen und Handtüchern: Böse Jacke, schon wieder nicht verkauft, du böse Jacke!
Völlig ungerührt von menschlichen Belangen gehen die Geckos ihren Gecko-Angelegenheiten nach (definitiv: ein neues Lieblingstier! Auch wenn die Sorte, die an den Wänden Hoi Ans sitzt, etwas Science-Fiction-Mäßiges an sich hat: Sie werden alle als Weibchen geboren, die Spezies kennt kein männliches Geschlecht. Aggressiv sind sie trotzdem, die Echsen-Damen: Beim niedlichen Zwitschern handelt es sich in Wahrheit um Kampfschreie: Ganz offensichtlich brauchen sie zum Kriegführen keine Männer. Das Problem der männerfreien Vermehrung wurde ebenfalls gelöst: Man klont sich halt schnell mal selbst).
Das Meer küsst uns die Füße, während es unsere Vorfahren verdaut. Jede Nacht zieht ein Schrottsammler auf dem Fahrrad durch die Straßen und fährt dabei die eigene Stimme (auf Tonband) im Lenkerkörbchen spazieren: Sie ruft (für europäische Ohren), seltsam genug: "What should I try? What should I try?" Gärten gibt's hier: Wie direktes Copy-Paste aus dem Paradies: Dafür, dass man den Toten Bier und Zigaretten ins Jenseits faxt, faxen sie anscheinend hier und da ein paar Quadratmeter Eden zurück.
Die Gerüchteküche aus Ha Noi sendet Lachnummern: Das große, seit einer halben Ewigkeit vorbereitete Feuerwerk zum Abschluss der Tausend-Jahr-Feier wurde in letzter Minute abgesagt; Begründung: Das verlange der Respekt vor den Opfern der Flut in Zentralvietnam: Das Geld könne man sinnvoller in humanitäre Hilfe investieren. Potztausend: Habt ihr die Feuerwerkskörper zehn Minuten vor dem Großereignis etwa noch gar nicht eingekauft? Ist es nicht viel eher so, liebe Kunstmaler im Dienste der Wirklichkeitsbegradigung, dass ihr letzte Woche drei international anerkannte Pyrotechniker mitsamt ihrem Material versehentlich in die Luft gesprengt habt und jetzt so schnell keinen Ersatz bekommt???
Hoi An entlässt uns mit Dauergewitter und Wolkenbrüchen: Die Flut kommt näher, wir ziehen nach Süden. Vietnam Airlines fliegt uns holperig, aber sicher durch die wütende Luft, und ich Flugangst-Neurotikerin muss zugeben: Zwei Stunden Mopedfahren im Berufsverkehr auf der total überfüllten "National One", nach irgendeinem Cham-Tower (nein, nicht My Son) suchend, der sich dann doch als unauffindbar erweist - das ist anscheinend keine schlechte Therapie gegen Luftlöcherpanik. Die intuitive Risikoeinschätzung meldet: So sehr es auch rüttelt und beutelt: Hier oben gibt es wenigstens keine geisterfahrenden Roller und keine Helldriver-Busfahrer, die kaltlächelnd bereit sind, den langen Weg von Saigon nach Hanoi mit zweirädrigen Leichen zu pflastern.