Dienstag, 14. August 2012
Poetry Slam!
Der Meister war im Institut, Bas Böttcher, und hat uns einmal gezeigt, wie das eigentlich so geht, mit diesem Poetry Slam. Und wie geht das? Nun, sagen wir mal so: Wer bei Poetry Slam an eine gesittete Dichterlesung denkt, an diesen kleinen Tisch mit dem Wasserglas drauf, an leidend ausgehauchte Zeilen über den Verlust der letzten Liebe, an die verquälte Stille, die der Lesung folgt und die mit möglichst schlauen Fragen möglichst schnell und möglichst kurz gestopft werden soll, an den struppigen Oberstudienunrat, der dann, wenn ringsherum schon unruhig geruckelt und geraschelt wird, seinen Zeigefinger in die Höhe schnellen lässt und sich kritisch erkundigt, ob das eigentlich alles biografisch sei, der liegt falsch. Slam Poetry ist keine Wasserglas-Dichtung. Und ein Poetry Slam findet im Stehen statt. Und rhythmisch soll es sein, bewegt, groovy. Aber dass das dann alles einfach so spontan ins Mikrophon geplappert wird, das wäre ein weiterer Irrtum. Natürlich kennt auch die Slam Poetry das nächtelange Feilen an Worten und Zeilen. Yeah, reimt sich! Der Unterschied zur Lyrik ist aber das Ziel. Das Ziel ist nämlich nicht allein das Blatt und die Stille und die gedankenschwer zerknitterte Stirn, sondern auch die Stimme, das Sprechen, auch das Rauschen, oh ja, das sinnliche Rauschen der Worte.
Dass das in einer Fremdsprache alles noch ein bisschen schwieriger ist, kann man sich denken. Oder ist es leichter? Weil man die lautliche Dimension der Worte einer Fremdsprache nie ganz vergisst? Wie dem auch sei. Auf jeden Fall konnte Bas Böttcher mit seiner entspannten, unprätentiösen Art und seiner didaktischen Erfahrung aus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops einige schöne Ergebnisse hervorkitzeln. Hier sind drei Beispiele:
wasser.mp3
Von Jaana aus Schweden
technik.mp3
Von Charlotte aus Kanada
indisch_essen.mp3
Von Mohamed und seinem Team aus Ägypten
Slam-Poeten bei der Arbeit I
Hier gibt´s zu den akustischen Eindrücken auch ein paar visuelle: Slam-Poeten tragen ihr Gemeinschaftswerk im Plenum vor, wobei sie sich der freundlichen Unterstützung durch Bas Böttcher sicher sein können.
Slam-Poeten bei der Arbeit II
Na, und...? Kann sich das hören lassen? Es kann! (Siehe bzw. höre den Eintrag "Poetry Slam" weiter oben!)
Märchen als Bildgeschichten II: Märchencomics


Rotraut Susanne Berner © 2008 Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin
Einen ganz anderen Zugriff auf Rotkäppchen hat die Wimmelbuch-Autorin Rotraut Susanne Berner. Ihr Buch Märchencomics, das bei Jacoby & Stuart erschienen ist und acht Märchen jeweils auf vier, höchstens fünf Seiten verdichtet, zeigt die Grimmschen Figuren weniger großäugig als die Manga-Versionen von Kei Ishiyama, auch sind ihre Comic-Versionen näher am Grimmschen Original, aber dennoch arbeitet auch diese Zeichnerin mit leichten Verfremdungseffekten. Welche können Sie erkennen? Und was glauben Sie, wie diese Variante des Märchens auf den noch folgenden zwei Seiten, die hier nicht mehr gezeigt werden, wohl ausgeht?
Montag, 13. August 2012
Märchen als Bildgeschichten I: Grimms Manga

© Kei Ishiyama / TOKYOPOP GmbH. All rights reserved.
Schon der Titel bietet einen wunderbaren Sprechanlass! Aus Grimms Märchen werden Grimms Manga. Das M bleibt erhalten, doch schon das a erhält zwei märchenhafte Punkte. Lassen sich noch weitere, auch inhaltliche Veränderungen des Originals erwarten? Nun, es kommt natürlich auf Ihre Vorbildung in Sachen Bildgeschichten an. Eines aber erinnern Sie sicher noch, diese großen Augen nämlich, mit denen uns Mangafiguren für gewöhnlich anzuschauen pflegen.
Schade eigentlich, dass wir ausgerechnet diese Augen auf dem Bild dort oben gar nicht sehen können. Klarer Vorteil für unsere Seminargruppe, die diesen Manga von Kei Ishiyama studiert, didaktisch abgeklopft und abschließend präsentiert hat. Aber auch die anderen Gruppen hatten so ihre Vorteile. Schließlich standen fünf Materialien zur Debatte.
Der Anlass dazu war ein doppelter. Erstens wurde vor 200 Jahren zum ersten Mal eines jener Bücher veröffentlicht, das neben der Lutherbibel zu den bekanntesten der deutschen Literaturgeschichte zählt, die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm nämlich. Schneewittchen, Aschenputtel, Frau Holle, die Figuren dieser Bücher, die in 160 Sprachen übersetzt wurden, scheinen unsterblich. In Filmen, in der Werbung, in Musik-Videos, überall sind sie präsent. Grund genug also, zweitens, die Märchen, die ja gar nicht nur deutschen, geschweige denn rein hessischen Ursprungs sind, auch im DaF-Unterricht zu behandeln. Aber das geschieht ja längst. Meist mit vereinfachten Versionen, die zur Einführung des Präteritums genutzt werden. Natürlich, die Märchen in einer der Originalversionen zu lesen, zum Beispiel in jener von 1850, das ist schwierig. Doch abseits der komplizierten Texte sollte die Anschlussfähigkeit der Märchen an Geschichten, die Lernende aus der eigenen nationalen Literaturgeschichte oder sei es aus der elend süßen Disneywelt längst kennen, nicht unterschätzt werden.
Von Vorteil sind daher die vielen Comic-, Manga- oder Grafik-Versionen, die den Sprachanteil reduzieren, die Geschichten komprimieren und gelegentlich sogar fein verfremden. Und wer einmal eine alte Ausgabe der Grimmschen Märchen aufschlägt und dort die zeitgenössischen Illustrationen eines Moritz von Schwind oder die jugendstilartigen Zeichnungen von Otto Ubbelohde entdeckt oder gar das Grimm Museum in Kassel besucht, der weiß, dass Märchen schon immer Bilder hervorgerufen haben. Märchen und Bilder gehören zusammen. Das zeigt sich auch in der umfassenden Didaktisierung, die das Goethe-Institut zum Jubiläumsjahr 2012 in Form eines Märchenkalenders erstellt hat, der übrigens auch 12 neu bearbeitete Versionen der Märchen enthält.
Unsere fünf Gruppen beschäftigten sich mit vier Comic-, Manga- oder Grafik-Versionen der Grimmschen Märchen und mit einer Film-Variante. Die Gruppe, die Kei Ishiyamas Rotkäppchen-Variante präsentierte, hatte das obige Bild als einleitenden Sprechanlass gewählt. Wer sitzt hier zusammen? Welches Märchen könnte dieses Bild illustrieren? Wer ist der Stärkere von den beiden? Was denken die zwei? Warum tragen die eigentlich so komische Klamotten und Frisuren? Ist Ganzkörperbehaarung nicht total out?
Die japanische Mangaka Kei Ishiyama hat während ihrer Zeit in Deutschland zwei Bände Grimms Manga gezeichnet und geschrieben. Diese Bände sind im Tokyopop-Verlag Hamburg erschienen. Ihre Manga-Versionen zeigen die Grimms in verfremdeter Gestalt (und Leserichtung) und sind ein höchst märchenhaftes und zudem schülerfreundliches Vergnügen.
Apropos märchenhaft, wie verschieden kann man dieses Wort eigentlich verstehen? Sehr verschieden! Einige schöne Beispiele finden Sie auf der Seite des Turiner Goethe-Instituts.
Nach so vielen Worten wollen wir noch einmal die Bilder sprechen lassen. Das Eröffnungsbild haben wir oben schon gesehen. Jetzt springen wir mitten hinein in einen Ausschnitt aus der Manga-Version von Rotkäppchen. Aber Achtung, auch deutschsprachige und ins Deutsche übersetzte Mangas liest man in der japanischen Leserichtung von rechts oben nach links unten. Übrigens hat Kei Ishiyama eine andere Figur in den Mittelpunkt des Märchens gerückt, erkennen Sie wen? Fallen Ihnen überdies noch weitere Veränderungen des Originals auf?




© Kei Ishiyama / TOKYOPOP GmbH. All rights reserved.
Freitag, 10. August 2012
Berlin im Musik-Video-Vergleich V: Von Schwarz zu Blau
Das letzte Video, das den Seeed-Sänger Peter Fox als Affen in einer Affenstadt zeigt, präsentiert Berlin als schmutzige Schönheit und bildet damit eine Art Gegenstück zur (sprachlich anspruchsvollen) 2001er Berlin-Hymne Dickes B.
Als Beobachtungsaufgabe sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die visuellen Mittel achten, die Peter Fox nutzt, um sein Berlin darzustellen. Diese Aufgabe, die zahlreiche Antworten produzierte, wollen wir hiermit weitergeben an alle Gäste unseres Blogs, und abschließend eine Frage erörtern, die in den Präsentationen der Videos Thema war, nämlich: Lässt sich eigentlich sagen, für welche Niveaustufe ein Video sich eignet? Die Frage tauchte häufig in Form des Zweifels auf, ob man mit diesem Video, das ja doch einen ziemlich anspruchsvollen und schwer zu verstehenden Text habe, im Unterricht arbeiten könne. Ein durchaus angebrachter Zweifel, schließlich sind Lieder und Videos im DaF-Unterricht eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite bilden sie oft äußerst anspruchsvolle Hörverstehensaufgaben und sind von daher wenig attraktiv, wenn nicht gar frustrierend. Auf der anderern Seite bieten sie authentisches, wenn möglich sogar aktuelles Material und sind von daher doch attraktiv. Wie so viele Unterrichtsprobleme entscheidet sich auch dieses an der Frage, die man an das Material richtet. Die Frage, mit welchem Wort endet eigentlich die dritte Zeile der ersten Strophe, also klassische Lückentextfragen konzentrieren sich auf das selektive Hörverstehen und fokussieren die Aufmerksamkeit einseitig auf den Text. Vor allem bei Videos, die derart mit reinen Hörverstehensaufgaben versehen werden, verfehlt man das visuelle Medium. Gerade angesichts des Videos von Peter Fox wäre das schade. Also noch einmal: Welche visuellen Mittel nutzt Peter Fox zur Darstellung seines Berlins? Oder auch: Warum tragen Sänger und alle anderen Berliner Affenmasken? Beziehungsweise: Sind Großstädter Tiere? Oder: Wird Berlin als touristisch interessante Stadt präsentiert? Oder: Welche Tiere sind im Video zu sehen? Oder: Zu welchem Bild passt die Zeile: Jeder hat einen Hund, aber keinen zum Reden? Oder: Welche Adjektive charakterisieren die musikalische Atmosphäre? Oder, oder, oder! Die Frage, für welche Niveaustufe ein Video passt, hängt also entscheidend von der Frage ab, die ich an das Video richte.
Übrigens, mit seiner negativen Feier Berlins als Schmuddelstadt, die man dennoch zum Atmen braucht, steht Peter Fox nicht allein. Neben Rainald Grebes Lied zum Prenzlauer Berg und Annette Humpes Neuauflage des alten NDW-Klassikers Ich steh auf Berlin ist in der letzten Zeit vor allem Christiane Rösingers herrlicher, mitternächtlich versoffener Berlin-Song aufgefallen. Natürlich gibt es auch noch jede Menge anderer Berlin-Lieder, wie man auf diese Liste sehen kann.
Donnerstag, 9. August 2012
Berlin im Musik-Video-Vergleich IV: Mein Block
Nach den niedlichen Torpedo Boyz, der Jungsmusik für Mädchen von Kraftklub und dem geschichtslastigen Stück von Peter Heppner flimmerte schließlich ein optisch wie textlich etwas rüdes Stück von Sido über die unschuldige Wand des Seminarraums. Landeskunde, Landeskunde, beschwichtigten die Seminarleiter die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die jetzt doch teilweise etwas kritisch zusammengedrückte Lippenlinien im Gesicht trugen. Aber es musste sein. Sido, der Vorzeigerüpel aus dem Märkischen Viertel, aus dem übrigens auch die bekanntesten Comicschweine Berlins stammen, muss sein, wenn es um Berliner Musik-Videos geht. Und zwar nicht nur, weil das Video über 5 Millionen Klicks bekommen und viele Parodien hergerufen hat, Mein Dorf zum Beispiel, sondern auch und vor allem, weil Berlin hier auf eine ganz bestimmte Weise portraitiert wird und weil es Teil der Berliner Rap-Geschichte ist.
Der Focus liegt auf dem Stadtrand-Milieu, konkret auf dem Märkischen Viertel, das, wer sich nicht selber hintraut, schön beim Landeanflug auf Tegel studieren kann. Solange Tegel noch offen sein wird. Was ja vermutlich noch lange, noch sehr lange, aber nein, Stopp, das ist ein anderes Thema. Also, Sido schildert die weißen Türme des MV mit viel Witz und mit Zuschnitt auf das Publikum seines damaligen Labels Aggro Berlin, das Sammelbecken für den Hip Hop von unten, also den schmuddeligen und rabaukigen Rap, der mit den frühen Spaßfraktionen aus dem Stuttgart oder Hamburg der 90er Jahre nichts zu tun haben will. Die Beobachtungsaufgabe für die Sido-Gruppe lautete: In welchem sozialen Milieu spielt das Video?
Dieser wüste und aggressive Elternschreck-Hip-Hop ist allerdings schon wieder Geschichte. Sido hat mittlerweile ein Lied mit Kinderchor aufgenommen, war Mitglied in der Jury der 7. Popstars-Staffel und mahnte die Jugend zur Bundestagswahl 2009, wählen zu gehen. Kurzum, die Entwicklung vom Underground- zum Mainstream-Rapper ging dann doch ziemlich schnell. Nichtsdestotrotz bleibt sein frühes Video eine, sagen wir mal so akademisch, interessante Konstruktion des Märkischen Viertels als vermeintlich ghettoartiger Trabantenstadt am Rande Berlins. 2005 übrigens nahm Sido, dessen Name sich laut Selbstaussage mit Super Intelligentes Drogenopfer übersetzen lässt, seine Maske ab. Das war aber noch eine chromblitzende Totenkopfmaske, die mit dem Kuschelpanda dieser Tage, Cro nämlich, nicht viel zu tun hat.
Berlin im Musik-Video-Vergleich III: Ich bin Ausländer (leider zum Glück)
Für die Torpedo Boyz ist Berlin eine Mischung aus Heimat und Fremde. Da werden schön touristisch die Highlights der Stadt inszeniert, manchmal frontal wie das Brandenburger Tor, manchmal eher von hinten wie der Potsdamer Platz. Die Beobachtungsaufgabe für die Torpedo-Boyz-Gruppe lautete entsprechend: Welche Berlin-Orte können Sie im Video erkennen? Andererseits ist Berlin auch die Stadt des ansässigen, wenn auch nie ganz heimisch gewordenen Sushikochs, der daran zweifelt, ob Deutschland ihn mag: Germany, I don't know! Dennoch, die grammatisch, sagen wir mal, mutige Titelzeile lädt zum Mitsingen ein oder besser noch zum Mitrufen und schafft so eine Vereinigung von so genannten Bürgern mit Migrationsgeschichte genauso wie von Berlinern und Neu- und Wahlberlinern. Wer nämlich einmal den gefühlte sieben Monate sich hinstreckenden Berliner Winter kennengelernt hat, der weiß ein Paar offener Arme schwer zu schätzen.
Berlin im Musik-Video-Vergleich II: Zu jung (to rock 'n roll)
Ein ganz anderes Berlin-Bild bot uns das Video der derzeit mächtig angesagten Berlinhasser aus Chemnitz von Kraftklub, die im Herbst 2011 mit ihrem Song Ich will nicht nach Berlin beim Bundes-Vision-Song-Contest für das Land Sachsen angetreten waren. Das erste Album ihrer "Jungsmusik für Mädchen", die die fünf Chemnitzer nach eigenen Angaben machen, ist im Februar diesen Jahres erschienen und wurde teilweise euphorisch gelobt, teilweise aber auch streng kritisiert.
Ihre erste Single "Zu jung", ein Crossover aus rockig treibenden Gitarren und hip-hop-haftem Sprechgesang, ist textlich und als Video originell. Berlin wird hier von wild gewordenen, oder besser von wild gebliebenen Opas beherrscht (die sichtlich viel Spaß an diesem Video-Dreh hatten). Die Beobachtungsaufgabe für die Krafklub-Gruppe lautete daher: Können Sie das Problem, das Kraftklub mit ihren Eltern haben, mit eigenen Worten formulieren? Vielleicht so: Im Vergleich mit der Elterngeneration kommt sich die Jugend bieder und brav vor. Weniger Randale, weniger Drogen, weniger Party. Freilich reicht der Blick hier weniger weit zurück als bei Peter Heppner, hörten doch Kraftklubs Eltern den erst 1994 gestorbenen Kurt Cobain. Erst? Aber Herr Seminarleiter, wie alt sind Sie denn? Nun ja, also, man kann schon noch älter sein als ich. Auf jeden Fall ist das Video ein schönes, wenn auch raues Beispiel für eine Jugend, die ebenso ironisch wie ernsthaft an ihren mangelnden Aufmuckerqualitäten leidet.
Montag, 30. Juli 2012
Berlin im Musik-Video-Vergleich I: Wir sind wir
Am Mittwoch stand dann endlich die Popmusik auf dem Programm. In der zweiten Halbzeit des Vormittags verglichen wir fünf Berliner Musik-Videos. Dabei ging es zwar auch um die Prüfung eines eventuellen Didaktisierungspotentials der einzelnen Videos, doch im Vordergrund stand die Frage, wie unterschiedlich Berlin in Musik-Videos präsentiert wird. Zu den fünf Videos wurden fünf Gruppen gebildet, die jeweils eine Beobachtungsaufgabe hatten, ein Standbild als einführenden Sprechanlass heraussuchen und sich eine Beobachtungsaufgabe für das Plenum überlegen sollten.
Die klarste und interessanteste Kontroverse entspann sich am Beitrag von Paul van Dyks und Peter Heppners Video "Wir sind Wir". Zunächst kam Beifall von französischer Seite. Véronique erklärte, das sei ein Video, das sie ohne Bedenken im Unterricht verwenden würde. Sogleich gab es Einspruch von polnischer Seite. Gosia hätte Bedenken, dieses Video in ihrer Schule zu zeigen. Nanu, eine Kontroverse? Wie schön! Aber worin bestand die Kontroverse eigentlich? Bietet das Video, das 2004 produziert und 2005 sogar in einer Orchesterversion zum 15. Tag der Deutschen Einheit neu aufgenommen wurde, nicht einen fantastischen Überblick über die deutsche Nachkriegsgeschichte? Von der Stunde Null, den Trümmerfrauen und der Luftbrücke über das Wunder von Bern, die Wirtschaftswunderjahre und den Bau der Berliner Mauer bis hin zum Mauerfall ist alles dabei. Natürlich, der Überblick ist gerafft und komprimiert, aber es handelt sich ja schließlich auch nicht um einen zehnstündigen Geschichtslehrflim, wie Bella aus Tel Aviv erklärte, sondern um ein knapp vierminütiges Musik-Video - zu dem es übrigens auch eine sehr gute Didaktisierung des Goethe-Instituts San Francisco gibt.
Und trotzdem kam es im Seminar sogleich zur Kontroverse. Woran lag das? Nunja, unter anderem daran, dass in der Zeit zwischen Mauerbau und Mauerfall etwas fehlt, wie Bernd aus Reykjavik einwarf. 1968, zum Beispiel, also die Zeit des großen Augenreibens und der Frage: Was haben meine Eltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht? Nun könnte man sagen, na gut, stimmt, das fehlt, aber das Meiste ist ja da, oder? Könnte man. Aber würde man dann auch das komplexe und komplizierte Verhältnis der Deutschen zur Nation verstehen? Zuletzt wurde anlässlich der Fähnchenschwenkerei zur WM 2006 sowohl in Deutschland als auch im Ausland darüber diskutiert. Ohne 1968 und die Folgen (die Studentenproteste, die Emanzipationsbewegung, die Entstehung des Umweltbewusstseins sowie des linksradikalen Terrors) wäre diese Diskussion unverständlich.
Interessant ist nun, dass sich zu Beginn der 2000er Jahre gleich mehrere Popsongs diesem Thema genähert haben. Neben "Wir sind wir" war das nationale Liebeslied "Was es ist" von Mia Auslöser einer popkulturellen Nationalismusdebatte. Das Versprechen der Popkultur, das sich alle in einem globalen Sehnsuchtsraum treffen, schien durch die Nationalisierung der Popmusik bedroht. Heute ist diese Debatte vorbei. Ist das Verhältnis zur Nation, das sich in Popsongs und Musikvideos spiegelte, normaler und unverkrampfter geworden oder problematischer und unkritischer? Wie immer man es sehen mag, diese Kontroverse lässt sich an dem Video "Wir sind wir" noch einmal auf das Wunderbarste entzünden.
Wat is'n ditte, Gentrifizierung?
Gentrifizierung und Jugendkultur, passt das eigentlich zusammen? Und überhaupt, was ist das eigentlich, Gentrifizierung? Nun, zunächst könnte man sagen: Das ist eines der städtischen Aufreger-Themen der letzten Jahre, das derzeit bloß vom Planungschaos am BER-Flughafen überlagert wird - den übrigens einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Landeflughafen auf ihren Tickets stehen hatten. Aber zur Gentrifizierung! Vielen war der Begriff neu oder zumindest ein bisschen dunkel. In Berlin ist er in aller Munde und stand nicht nur in unzähligen schlauen Leitartikeln, sondern auch auf dem Titelblatt des Stadtmagazins Zitty. Er beschreibt Prozesse der sozialökonomischen Umstrukturierung.
Äh, 'tschuldigung, der sozialöko... wat?
Okay, man könnte auch sagen, es geht um Segregationsprozesse.
Sag mal, hast du zum Frühstück ein Fremdwörterlexikon verspeist oder was?
Ja, tut mir leid, aber auf der Uni, da...
Das heißt: An der Uni!
Ach, du bist mir ja ein Schlaumeier!
Na, das sagt der Richtige!
Jetzt lenk nicht ab und erklär mal den Begriff!
Na gut. Es geht immer damit los, dass die Mieten in einem bestimmten Teil der Stadt billig sind. In Berlin waren das zum Beispiel in den Neunziger Jahren der Prenzlauer Berg, zu Ostzeiten vor allem von Künstlern und Lebenskünstlern bewohnt, oder in Friedrichshain die Gegend ums Ostkreuz oder am Boxhagener Platz. Wegen der niedrigen Mieten ziehen Leute mit niedrigen Einkünften hin, Studenten, Künstler, Musiker aus der Subkultur. Über kurz oder lang beginnt damit die - Achtung, schnall dich an, es kommt noch ein Fremdwort - symbolische Aufwertung.
Du wieder!
Das meint die Ausgeh-Qualitäten des Bezirks, die alternativen Bars mit Sperrmüllsofas, die günstigen Konzerte der Schrammelkönige von Nebenan, die netten, kleinen Wohnzimmer-Galerien mit Rotwein aus Tetrapacks und so weiter.
Aber das ist doch toll!
Zu Beginn ja. Da kommen die Leute nur abends und das Publikum auf den Straßen ist sehr gemischt. Studenten, Künstler, Migranten, da wohnt ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft.
Und dann?
Nun, man soll es nicht für möglich halten, aber irgendwann haben die Studenten auch mal fertigstudiert. Dann verdienen sie Geld und gründen Familien. Damit steigen die Wohnraumansprüche. Jetzt soll das bitte schön mal alles ein bisschen netter aussehen.
Von wegen: Können die nicht mal die Ofenheizung ausbauen und die Dielen abschleifen und das Graffiti wegmachen und bitte nachts nicht immer so betrunken herumjohlen.
Genau! Kurzum, der Bezirk wird ökonomisch attraktiv. Jetzt wird saniert und investiert, die Mieten steigen und die alten Bewohner müssen irgendwann wegziehen. Das meint Segregation, Entmischung oder Konzentration bestimmter Bevölkerungsgruppen.
So wie das Bionade-Biedermeiertum am Prenzlauer Berg.
Genau, und der Bezirk um den es aktuell geht, das ist Neukölln. Um Neukölln ging es auch im Seminar, einmal während der interreligiösen Tour durch den Schillerkiez, organisiert von Wir sind Berlin, und einmal bei Ades Zabel im BKA. Dabei wurden auch unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Mitmachen animiert. Das obige Bild zeigt Diana aus Russland. Protest macht offenbar Spaß! Genau wie Ades Zabel selber, der, oder die, schließlich spielte er wieder seine fantastische Edith Schröder, die ganze Gentrifizierungsgeschichte durch den Neuköllner Kakao zog und dabei trotzdem ernst nahm.
Donnerstag, 26. Juli 2012
Interreligiöse Stadtführung im Neuköllner Schillerkiez III

Josi ruft die Mannschaft zusammen. Wir stehen vor der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz, mitten im Schillerkiez in Neukölln und fragen uns, weshalb der Kirchturm so kurz geraten ist. Die Antwort: So ein Kirchturm kann störend für den Flugverkehr sein, der sich bis vor einigen Jahren auf dem direkt hinter der Kirche samt Schillerpromenade liegenden Tempelhofer Feld abgespielt hat - und musste deshalb etwas kürzer ausfallen als normalerweise.
Interreligiöse Stadtführung im Neuköllner Schillerkiez II

Als wir schon ein Weilchen gelaufen waren und allerhand interessante Informationen bekommen hatten, boten Josi und Lukas uns als Stärkung Gummibärchen an, und zwar so genannte "Helal"-Gummibärchen, also solche, bei deren Herstellung keine Gelatine aus Schweinefett verwendet wird. Ob man den Unterschied zu herkömmlichen Gummibärchen schmecken kann? Einfach mal kosten...!
Interreligiöse Stadtführung im Neuköllner Schillerkiez I

Am Montag bekamen wir eine Stadtführung der besonderen Art, sowohl was das Thema, als auch was unsere beiden Stadtführer betrifft: Das waren nämlich zwei Berliner Schüler, Josi und Lukas, sechzehn und siebzehn Jahre alt, die diese Führung erst vor kurzem selbst entwickelt haben, zusammen mit einigen anderen Jugendlichen. Das Thema der Führung: Religionen in Bewegung. Bei dem interreligiösen Stadtspaziergang geht es um die drei großen monotheistischen Religionen bzw. um die Orte und Spuren, die im Neuköllner Schillerkiez von ihnen zu finden sind. Organisiert werden Stadtführungen wie diese von dem Unternehmen Wir sind Berlin, einer jungen Bildungsinitiative, deren Ziele in der "Förderung von Bildung, Kultur und Toleranz von Jugendlichen" bestehen. Über die noch relativ neue interreligiöse Führung und ihre Entstehung hat Deutschlandradio-Kultur am 2.6.12 einen informativen Beitrag gesendet. - Nun stelle man sich also vor: zwei junge Schüler machen eine Stadtführung mit einer Gruppe, die aus 27 (siebenundzwanzig!) Lehrerinnen und Lehrern besteht, die aus etwa zwanzig verschiedenen Ländern kommen. Keine leichte Aufgabe, könnte man meinen. Aber die beiden haben diese Aufgabe souverän und charmant gemeistert und mit ihrer Führung unsere Aufmerksamkeit auf interessante Einzelheiten und historische Hintergründe gelenkt, die man hier in dieser Dichte nicht vermutet hätte.
Dienstag, 24. Juli 2012
Tutorials zu Voki und ToonDoo
Im Anschluss an die Voki-Arbeit möchte hier noch zwei Tutorials posten, in denen ich versucht habe, den Umgang mit Voki und außerdem mit ToonDoo zusammenfassend zu erläutern. Diese kleinen Erklär-Filmchen sind zwar nicht explizit für das Jugendszene-Seminar entstanden, sondern für einen Workshop zum Thema "Märchen medial übersetzen", den ich im Frühjahr 2012 an den Goethe-Instituten San Francisco, Chicago und New York sowie an der University of British Columbia in Vancouver und am Institute for Innovation in Second Language Education in Edmonton durchgeführt habe, aber sie unterstützen die Erinnerung an unsere Arbeit im Seminar, so im Falle von Voki, und bieten, so im Falle von ToonDoo, Möglichkeiten der eigenständigen Erweiterung eines internet-unerschrockenen DaF-Unterrichts. Während sich nämlich auf Voki Monologe schreiben lassen, so kann man auf ToonDoo, einer Seite zum Erstellen von Online-Cartoons, Dialoge schreiben.
Der hier zitierte Filmausschnitt stammt übrigens aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.
Da ToonDoo nicht immer bester Laune ist und manchmal einfach nicht mehr mitspielen mag, möchte ich hier noch auf bitstrips hinweisen, eine weitere Seite zum Erstellen von Online-Cartoons, die zwar nicht ganz so facettenreich gestaltet ist, dafür aber solide funktioniert.
Der hier zitierte Filmausschnitt stammt übrigens aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.
Da ToonDoo nicht immer bester Laune ist und manchmal einfach nicht mehr mitspielen mag, möchte ich hier noch auf bitstrips hinweisen, eine weitere Seite zum Erstellen von Online-Cartoons, die zwar nicht ganz so facettenreich gestaltet ist, dafür aber solide funktioniert.
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