Und wieder treibt mich das Gefühl um, noch nicht alles gesagt zu haben über diese Stadt und ihre Menschen.
Fünf Tage Belgrad im November, fünf Tage des Nachhausekommens. Dieser Besuch ist mehr als eine Reise in die Vergangenheit. In keiner Stadt wüsste ich mehr Freunde, mehr Orte, die ich wiedersehen wollte. Der Herzschlag beruhigt sich, der Atem entspannt: Ein Hauch von Heimat liegt in der Luft.
Vielleicht ist es das, wofür ich diese Stadt liebe. Natürlich werden ihre Menschen wie alle Menschen von Sorgen umgetrieben und von Ängsten geplagt. Einzig mich erreichten meine Sorgen in Belgrad nie. Vielleicht, weil sie keinen Platz in meinem Herzen fanden, das voll mit Freuden war. Vielleicht, weil sie auf Serbisch zu mir sprachen und ich die Sprache nicht verstand. Vielleicht, weil ich am Stadtrand wohnte. Die Anbindung war schlecht, sie hätten lange warten müssen.
Es ist mir gleich. Diese Leichtigkeit, die ich in Belgrad fühle, ist ein unbeschreibliches Gefühl, das mich vom Kalemegdan über sämtliche Sprachbarrieren hinweg in die Herzen der Menschen dieser Stadt führt. Menschen, die die Stadt nicht zurücklassen, die stattdessen den täglichen Kampf, die täglichen Freuden aufnehmen und dabei die Stadt verändern und dabei sich selbst.
Ich habe viele Gespräche geführt in den letzten Tagen und wenn ich etwas als Abschiedsgruß anfügen dürfte, wäre es: Ihr seid alle großartig. Und wenn dann noch Zeit wäre und man mir noch zuhörte: Ihr macht Belgrad zu dem, was es für mich ist, und dafür danke ich euch.
Diese Stadt ist wahrlich mehr als meine Vergangenheit.
Tuesday, December 20. 2011
Abschied
Liebes Belgrad,
nun ist der Tag da, von dem wir beide wussten, dass er kommen würde. Wir müssen Abschied nehmen.
Der Abschied wird nicht für immer sein. Ich werde dich besuchen kommen und schauen, wie es dir geht. Vielleicht kommst du ja auch mal vorbei?
Aber sind das nicht die traurigsten Abschiede?
Denn lass uns ehrlich sein: Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Wir müssen und werden beide weitergehen.
Und wie wird es sein, wenn wir uns wiedersehen? Wird es das Gleiche sein? Werden wir uns verändern? Werden wir uns noch erkennen?
Ich verlasse dich schweren Herzens, Belgrad. Aber irgendwann wird es wieder leichter werden, und du wirst immer noch in ihm sein - immer noch und für immer.
Pass gut auf dich auf, ja?
Vergiss mich nicht!
Andreas
nun ist der Tag da, von dem wir beide wussten, dass er kommen würde. Wir müssen Abschied nehmen.
Der Abschied wird nicht für immer sein. Ich werde dich besuchen kommen und schauen, wie es dir geht. Vielleicht kommst du ja auch mal vorbei?
Aber sind das nicht die traurigsten Abschiede?
Denn lass uns ehrlich sein: Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Wir müssen und werden beide weitergehen.
Und wie wird es sein, wenn wir uns wiedersehen? Wird es das Gleiche sein? Werden wir uns verändern? Werden wir uns noch erkennen?
Ich verlasse dich schweren Herzens, Belgrad. Aber irgendwann wird es wieder leichter werden, und du wirst immer noch in ihm sein - immer noch und für immer.
Pass gut auf dich auf, ja?
Vergiss mich nicht!
Andreas
Sunday, June 19. 2011
Gazela
Es gibt mache Dinge im Leben, über die man einfach hinwegkommen muss. Gazela gehört auf alle Fälle dazu.
Wir Gazela-Überquerer haben jedoch unsere Brücke liebengelernt. Und das kam so:
Anfangs waren wir entnervt von der täglichen Warterei im Bus oder im Auto, die uns den Wecker vorstellen ließ und den Feierabend verkürzte. Immer wieder aufs Neue überraschte uns das plötzliche Stauende, auf das wir jeden Morgen, jeden Nachmittag auffuhren. Gestresst spuckte uns Gazela eine Stunde später auf der anderen Seite des Flusses wieder aus.
Dann fingen wir an aufzumerken und verstanden, dass Gazela uns etwas zu lehren hatte. Dass bei dieser Brücke der sprichwörtliche Weg das Ziel sei. Und wir wurden ihre Schüler.
Wir verstanden, dass es Zeit bräuchte, wenn viele Menschen das gleiche Ziel hätten, und lernten, aufeinander zu achten und uns in unserem Vorankommen zu unterstützen. Wir verstanden, dass Gazela uns die Zeit gab, über wichtige Dinge nachzudenken, die wir sonst vernachlässigten. Wir verstanden, dass wir mit innerer Ruhe leichter über Gazela und schließlich leichter durchs Leben kommen würden.
Gazela hielt unser Leben kurzzeitig an – jeden Tag zweimal. Wir bewegten uns in Zeitlupe, achteten auf jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Gedanken, achteten auf uns und unseren Nebenmann. Konnten wir uns das leisten? Hatten wir die Zeit? Ja, denn wir mussten nicht fürchten, überholt zu werden. Dieses gemeinsame Langsamsein, das war der Vorzug, den wir wie einen Schatz hüteten und den uns nur Gazela geben konnte.
An unsere anfängliche Unruhe bezüglich Gazela zurückdenkend, fragten wir uns später: „Hätten wir es nicht schon vorher sehen müssen? Wenn Gazela nur eine wichtige Brücke gewesen wäre, hätte man uns dann nicht mit ihrer Lahmlegung auch eine geeignete Umgehung angeboten?“
Die Lehren Gazelas sind frei. Der Unterricht findet in der Regel im Stillen statt. Die Kursteilnehmer kennen sich untereinander, gesprochen wird dennoch wenig. Jeden Morgen und jeden Nachmittag beginnen die Kurse. Einstieg jederzeit und zu beiden Seiten der Save möglich. Gebühren werden keine erhoben.
Wir Gazela-Überquerer haben jedoch unsere Brücke liebengelernt. Und das kam so:
Anfangs waren wir entnervt von der täglichen Warterei im Bus oder im Auto, die uns den Wecker vorstellen ließ und den Feierabend verkürzte. Immer wieder aufs Neue überraschte uns das plötzliche Stauende, auf das wir jeden Morgen, jeden Nachmittag auffuhren. Gestresst spuckte uns Gazela eine Stunde später auf der anderen Seite des Flusses wieder aus.
Dann fingen wir an aufzumerken und verstanden, dass Gazela uns etwas zu lehren hatte. Dass bei dieser Brücke der sprichwörtliche Weg das Ziel sei. Und wir wurden ihre Schüler.
Wir verstanden, dass es Zeit bräuchte, wenn viele Menschen das gleiche Ziel hätten, und lernten, aufeinander zu achten und uns in unserem Vorankommen zu unterstützen. Wir verstanden, dass Gazela uns die Zeit gab, über wichtige Dinge nachzudenken, die wir sonst vernachlässigten. Wir verstanden, dass wir mit innerer Ruhe leichter über Gazela und schließlich leichter durchs Leben kommen würden.
Gazela hielt unser Leben kurzzeitig an – jeden Tag zweimal. Wir bewegten uns in Zeitlupe, achteten auf jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Gedanken, achteten auf uns und unseren Nebenmann. Konnten wir uns das leisten? Hatten wir die Zeit? Ja, denn wir mussten nicht fürchten, überholt zu werden. Dieses gemeinsame Langsamsein, das war der Vorzug, den wir wie einen Schatz hüteten und den uns nur Gazela geben konnte.
An unsere anfängliche Unruhe bezüglich Gazela zurückdenkend, fragten wir uns später: „Hätten wir es nicht schon vorher sehen müssen? Wenn Gazela nur eine wichtige Brücke gewesen wäre, hätte man uns dann nicht mit ihrer Lahmlegung auch eine geeignete Umgehung angeboten?“
Die Lehren Gazelas sind frei. Der Unterricht findet in der Regel im Stillen statt. Die Kursteilnehmer kennen sich untereinander, gesprochen wird dennoch wenig. Jeden Morgen und jeden Nachmittag beginnen die Kurse. Einstieg jederzeit und zu beiden Seiten der Save möglich. Gebühren werden keine erhoben.
Sunday, May 15. 2011
Belgrad
Belgrad ist wie das Lied, das man im Radio hört, und von dem man glaubt, es laufe gerade nur für einen selbst. Weil es die eigene Situation so genau beschreibt, die eigenen Freuden oder das eigene Leid. Ebenso gibt die Stadt einem für jede Stimmungslage genau das Richtige. Es gibt das hässliche Belgrad, das graue, traurige. Und es gibt das schöne Belgrad, das helle und fröhliche. Es gibt das stille Belgrad und das laute Belgrad, das nachdenkliche und das wilde. Die Stadt ist wie das Leben selbst: Sie trägt alles in sich. Doch zeigt sie nie alles zugleich.
Belgrad ist eine Sommerstadt wie Berlin. Im Winter ist Belgrad furchtbar grau. Jetzt ist Belgrad strahlend weiß. Im Nachmittagslicht strahlt einem das satte Weiß der Stadt schon von weitem entgegen. Es ist das richtige Aussehen für diese Stadt. Alle Farbtöne bündeln sich in diesem Weiß und bieten jeden Tag aufs Neue die Chance, darin etwas zu entdecken. Bieten die Chance, genau den Farbton zu sehen, der dem eigenen Gemüt entspricht.
Belgrad ist darum mein Spiegel. Wenn ich die Stadt sehe, sehe ich mich selbst. Es ist zuweilen erschreckend. Dann ist es wieder in Ordnung. Es gibt mir eine tiefe Ruhe zu wissen, dass die Stadt jeden Morgen als eine andere erwacht, als die sie abends einschlief. Obwohl sie schon am Abend alles in sich trug.
Belgrad ist eine Sommerstadt wie Berlin. Im Winter ist Belgrad furchtbar grau. Jetzt ist Belgrad strahlend weiß. Im Nachmittagslicht strahlt einem das satte Weiß der Stadt schon von weitem entgegen. Es ist das richtige Aussehen für diese Stadt. Alle Farbtöne bündeln sich in diesem Weiß und bieten jeden Tag aufs Neue die Chance, darin etwas zu entdecken. Bieten die Chance, genau den Farbton zu sehen, der dem eigenen Gemüt entspricht.
Belgrad ist darum mein Spiegel. Wenn ich die Stadt sehe, sehe ich mich selbst. Es ist zuweilen erschreckend. Dann ist es wieder in Ordnung. Es gibt mir eine tiefe Ruhe zu wissen, dass die Stadt jeden Morgen als eine andere erwacht, als die sie abends einschlief. Obwohl sie schon am Abend alles in sich trug.
Sunday, April 24. 2011
Der Aktionskünstler
Demokratie sei ein zartes Pflänzchen, heißt es zuweilen. Sie müsse gepflegt und vor radikalen Kräften geschützt werden. Zweifellos lebt sie von Partizipation im Zusammenspiel der zur Wahl Stehenden und der Wähler. Und Partizipation setzt Interesse an Politik voraus.
Die aktuelle deutsche Demokratie ist wohl so stabil wie nie. Diese glückliche Entwicklung für mein Land hat aber einen Nebeneffekt. Politik in Deutschland ist nicht besonders spannend. Die in den Medien präsenten Parteien und Politiker unterscheiden sich - betrachtet man einmal das große Ganze - nur marginal und zudem nicht in fundamentalen Feldern der Politik. Dadurch nimmt das Interesse an Politik ab, was die Demokratie auf lange Sicht schwächt.
Es könnte eine der Demokratie innewohnende Schwäche sein, dass sie in ihrer Blüte zur Erosion ihrer eigenen Grundvoraussetzungen beiträgt.
Keine Frage – der Auftritt des Oppositionsführers Nikolić in den letzten Tagen war eigenartig. Man konnte ihn beleidigend nennen, da er das ernsthafte Fasten vor Ostern karikiert. Man konnte ihn erpresserisch nennen, da er die Umsetzung politischer Forderungen erzwingen möchte. Nüchtern betrachtet konnte ihn man auch selbstdarstellerisch und lächerlich nennen. Ich sah in ihm aber mehr:
Serbien ist momentan auf der spannendsten Stufe, die Demokratie erreichen kann. Zur Zeit werden Entscheidungen getroffen, die die Entwicklung des Landes in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Jetzt ist es wichtig, eine an Demokratie interessierte Gesellschaft zu haben.
Genau darin liegt meiner Ansicht nach die Leistung Nikolićs. Er stimuliert das serbische Demokratiebewusstsein.
Es ist beruhigend zu sehen, dass Politik hierzulande ein wichtiges Thema ist, und dass über die verschiedenen Parteien, Politiker und Optionen diskutiert wird. Dann ist die Demokratie am Leben. Wenn der Aufhänger dafür ein Aktionskünstler wie Nikolić ist – warum nicht?
Die aktuelle deutsche Demokratie ist wohl so stabil wie nie. Diese glückliche Entwicklung für mein Land hat aber einen Nebeneffekt. Politik in Deutschland ist nicht besonders spannend. Die in den Medien präsenten Parteien und Politiker unterscheiden sich - betrachtet man einmal das große Ganze - nur marginal und zudem nicht in fundamentalen Feldern der Politik. Dadurch nimmt das Interesse an Politik ab, was die Demokratie auf lange Sicht schwächt.
Es könnte eine der Demokratie innewohnende Schwäche sein, dass sie in ihrer Blüte zur Erosion ihrer eigenen Grundvoraussetzungen beiträgt.
Keine Frage – der Auftritt des Oppositionsführers Nikolić in den letzten Tagen war eigenartig. Man konnte ihn beleidigend nennen, da er das ernsthafte Fasten vor Ostern karikiert. Man konnte ihn erpresserisch nennen, da er die Umsetzung politischer Forderungen erzwingen möchte. Nüchtern betrachtet konnte ihn man auch selbstdarstellerisch und lächerlich nennen. Ich sah in ihm aber mehr:
Serbien ist momentan auf der spannendsten Stufe, die Demokratie erreichen kann. Zur Zeit werden Entscheidungen getroffen, die die Entwicklung des Landes in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Jetzt ist es wichtig, eine an Demokratie interessierte Gesellschaft zu haben.
Genau darin liegt meiner Ansicht nach die Leistung Nikolićs. Er stimuliert das serbische Demokratiebewusstsein.
Es ist beruhigend zu sehen, dass Politik hierzulande ein wichtiges Thema ist, und dass über die verschiedenen Parteien, Politiker und Optionen diskutiert wird. Dann ist die Demokratie am Leben. Wenn der Aufhänger dafür ein Aktionskünstler wie Nikolić ist – warum nicht?
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