Das hatten wir lange nicht mehr: Ein Gedicht sorgt für Empörung. Und für was für welche! „Ein Hasspamphlet voller Verirrungen und Verwirrungen“ soll es sein, ein „durchschaubares Schmierentheater“, „mager, überflüssig, selbstbezogen und eitel“. Kurz, das Gedicht sei „geschmacklos“ – und sein Verfasser „der Prototyp des gebildeten Antisemiten“.
Günter Grass hat mit seinem Gedicht über Israel und den Iran die volle Breitseite abbekommen. Die Berichterstattung darüber war beispielsweise im Heute Journal ausschließlich negativ und gipfelte in der Behauptung, niemand brauche dieses Gedicht. Ich schon. Ich bewundere Menschen, die den Mut haben, sich allein gegen den Mainstream zu stellen und ihre Wahrheit zu sagen. Egal, ob sie nun Anna Politkowskaja oder Günter Grass heißen. Das mediale Echo auf Grass Tabuverletzung war nämlich so aggressiv, dass ich mich im falschen Land oder in einer falschen Zeit wähnte. So etwas in Deutschland? Unsere Politiker und Journalisten eine Meute, die aggressiv bellend und beißend über einen Dichter herfällt?
„Okay, Grass schlägt schon manchmal über die Stränge und Israel ist immer ein sensibles Thema“, dachte ich mir, „vielleicht muss ich das Gedicht gar nicht selber lesen, es soll ja auch gar nicht gut sein, es wird schon alles seine Richtigkeit haben...“
Dann las ich es doch – und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass die Meute nicht nur eine Meute ist, sondern offensichtlich auch nicht Lesen kann. Das muss man sich mal reinziehen: Da stellen sich aalglatte Politkarrieristen hin und maßen sich an, einen Jahrhundertschriftsteller abzubügeln, ohne seine Message überhaupt richtig verstanden zu haben.
Zuerst sprechen sie dem Gedicht den Status eines Gedichts ab, da es nicht lyrisch genug sei. Das war schon immer das Erkennungszeichen der Kulturlosigkeit. Natürlich dient das Gedicht vor allem der politischen Message. Aber dennoch erweitert die Gedichtform die politische Sprache um eine weitere subtilere Bedeutungsebene. Abgegriffene und bedeutungslos gewordene politische Phrasen gewinnen einen Hauch ihrer ursprünglichen Bildhaftigkeit zurück und die Kette der Bilder erzeugt eine Kohärenz und einen Sinngehalt, der einem bei oberflächlicher Lektüre entgeht.
So spricht Grass in der zweiten Strophe von einem israelischen „Erstschlag“, der das „iranische Volk auslöschen könnte“. Üblicherweise wird das Wort „Erstschlag“ nur im nuklearen Kontext verwendet, kommt hier aber ohne den Zusatz „nuklear“ aus. Dennoch behaupten Grass' Kritiker, er habe Israel Pläne für einen atomaren Angriff unterstellt – und unterstreichen damit ihre mangelnde Lesefähigkeit. Stattdessen kann man „Erstschlag“ hier auch als neutralen Ersatz für „Präventivkrieg“ oder andere euphemistische Redewendungen werten, der den Fokus auf die Eskalationsspirale von Kriegen lenkt, bei denen dem Erstschlag immer der Gegenschlag und so weiter folgt. Zwar wird auch am Ende eines solchen Krieges keine „Auslöschung des iranischen Volkes“ stehen (ebenso wenig, wie ein Atomkrieg den ganzen Iran auslöschen würde), doch verweist diese Übertreibung ins Unermessliche auf das unermessliche Leid, das den Opfern des Krieges bevor steht.
Die Strophen, in denen Grass sich mit seinem Schweigen auseinander setzt, bedürfen keiner weiteren Erörterung: Die geschlossen ignorant–aggressive Reaktion der Öffentlichkeit hat ihm Recht gegeben. Niemand hat Bock, sich einem solchen Shit–Storm auszusetzen.
Die Kernaussage des Gedichts – und der einzige Satz, in dem er wirklich ohne lyrische Unschärfe eine klare politische Message vertritt – ist der Vers: „Die Atommacht Israel gefährdet/ den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“
Wohl wahr. Denn anders noch als im Yom Kippur Krieg von 1973 ist Israel nicht mehr bereit, einen Angriff abzuwarten, sondern nicht mal, eine vermutete Aufrüstung eines Gegners durchgehen zu lassen. Über die Folgen eines solchen Angriffs wird aber viel zu wenig diskutiert. Möglicherweise wird der Iran sich wehren und die USA könnten in den Konflikt mit hineingezogen werden. Darüber hinaus dürfte die islamische Welt weiter radikalisiert werden und weitere Anschläge wären die Folge. Auch besteht ein ganz erhebliches ökologisches Risiko, wenn Atomanlagen bombardiert werden. Doch all diese Folgen erscheinen noch als relativ begrenzt. Wenn der Iran allerdings wie angekündigt die Straße von Hormuz blockiert, über die 40% des verschifften Erdöls transportiert werden, könnte die Weltwirtschaft kollabieren. Schließlich sitzen wir schon auf dem Pulverfass einer Finanzkrise – und ein Ölpreisschock könnte dieses zum Explodieren bringen. Das hätte Folgen für die ganze Welt (faschistische Regime und Expanisonskriege waren unter anderem die Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der großen Depression). Sind wir bereit, Israel ein solches Risiko eingehen zu lassen?
Das musste gesagt werden. Danke Günter Grass!
(Im Schluss des Gedichts taucht das Motiv der Gerechtigkeit auf: Alle sollen mit dem selben Maß gemessen werden. Sicher hat Grass Recht, wenn er Rechtsgleichheit als Voraussetzung für den Frieden ansieht.)
Was gesagt werden muss
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.
Günter Grass, 2012.


Тим Юнгеблут, Гамбург
Юлия Огородникова, Москва
Светлана Рыбка, Киев
Es wäre ja wirklich eine Ironie des Schicksals, wenn es den “Juden” (Israelis) gelänge, die ersten und letzten Arier dieser Welt (Iraner = “Arier”) mit Atombomben auszulöschen (oder umgekehrt: wenn die Iraner Hitler zu Ende führen würden).
Mein Gott, in was für einer primitiven Welt überall (mit Begriffen wie “Juden”, “Deutschen”, “Arier”, “Iraner”, etc.) muss ich denn überhaupt leben?
Schafft endlich alle Nationen und “Rassen” ab (sowie jegliches Denken, das mit Begriffen wie “Juden”, “Arier”, “Deutschen” etc. zu tun hat!).
Ich will endlich einmal in einer Welt leben ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistischen Blödsinn und Schwachsinn überall!!!
Jede Religion (auch die jüdische als die älteste…) ist nicht Opfer, sondern Täter!!
Nehmt euch mal die Amazonas-Indianer (Pirahas) zum Vorbild: die kennen keine "Geschichte", keine Mathematik und auch keine Ökonomie -- und daher auch keine industriell organisierten Kriege und Genozide (etc.).
Diese Leute sind viel zivilisierter als alles, was ich mir anhören muss auf der (fast) ganzen Welt.