
Am 25. Januar war Dmitrij Medwedew wieder einmal Gast der Fakultät für Journalismus an der MGU. Der vorangegangene Besuch des Präsidenten im Oktober 2011 hatte bei den angehenden JournalistInnen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen und war zum Medienskandal geworden: Denn für das Gespräch selbst wurden Studierende der journalistischen Fakultät nicht zugelassen. Protestierende waren in Seminarräume eingeschlossen und sogar in Polizeitransporter gesperrt worden. Außerdem hatte man unter den Teilnehmenden am Herbsttreffen AktivistInnen der regierungstreuen Jugendbewegung „Naschi“ ausgemacht. Lehrende wie Studierende mussten damals vor den Toren ihrer eigenen Hochschule die Abreise des Präsidenten abwarten.
Am Studierendentag hatte das Staatsoberhaupt ein weiteres Mal beschlossen, zu einem Treffen zu kommen. Diesmal hatte sich eine studentische Arbeitsgruppe der Vorbereitung und Organisation angenommen, und dem staatlichen Bewachungsdienst blieb es lediglich überlassen, für Fragen der Sicherheit zu sorgen.
Um die 200 Studierende, Doktoranden, Lehrende und JournalistInnen im Hörsaal, und Dmitrij Medwedew am Katheder vor der grünen Tafel. Die erwarteten schwierigen, sozialkritischen, juristischen und politischen Fragen, und ein unerwartet offenes Gespräch. Hier nur einige der Fragen: Wie würden Sie sich zu Zeiten einer Revolution verhalten? Was haben Sie vor, gegen den Braindrain zu unternehmen? Halten Sie es nicht für notwendig, bei Protesten herauszutreten und mit den protestierenden und enttäuschten Leuten ins Gespräch zu kommen? Kann man die Einreise von GeorgierInnen nach Russland irgendwie vereinfachen? Warum gibt es bei uns eine Zensur? Hilft ein Botschafterwechsel dabei, die russisch-amerikanischen Beziehungen zu verbessern? Was hat sich am toten Punkt der Ermittlungen um die ermordeten JournalistInnen bewegt? Beschäftigen Sie sich mit der Möglichkeit, dass Sie im Mai eventuell nicht Premierminister werden könnten?
Das Staatsoberhaupt übernahm eigenhändig die Aufgabe, die Diskussion zu moderieren: Es wurde abwechselnd den ersten Reihen und der oberen Saalhälfte das Wort erteilt. Als die Zeit schließlich knapp wurde, versuchten die Studierenden, durch das Hochhalten von I-Pods mit der russischen Flagge und Plakaten mit der Aufschrift „sehr ernstzunehmende Frage“ die Aufmerksamkeit Medwedews zu abzufangen. Dieser reagierte genauso auch auf Bemerkungen aus dem Saal, die Fragen der Ausbildung, den Fall Chodorkowskij und die Baupolitik Moskaus betrafen. „Sonst heißt es wieder, dass ich nur die hübschesten Mädchen aufgerufen habe – die dann auch noch Fragen gestellt haben, die angenehm für den Präsidenten waren“, scherzte das Regierungsoberhaupt.
Während des mehr als zweistündigen Austauschs bekamen die Studierenden Folgendes heraus: Medwedew tut der in Ungnade gefallene Oligarch Chodorkowskij leid. Er ist zwar untröstlich darüber, dass aus Russland Gehirne abgeworben werden, aber gleichzeitig sicher, dass mit der Ausbildung in Russland alles glatt laufen wird. Die Idee eines gesellschaftlichen Fernsehkanals sollte zurückgenommen werden, und den Bauleitern, die behindertengerechte Lösungen einfach übergehen, sollte man eins überziehen. Medwedew findet, dass man die zwischenmenschlichen Beziehungen mit Georgien vereinfachen sollte, hat aber nicht vor, Saakaschwili die Hand zu reichen. Das Regierungsoberhaupt kennt die Namen der ersten Verdächtigen im Fall des brutalen Übergriffs auf den Journalisten Kaschin und denkt, dass keine Zensur der Medien im Land existiert. Der russische Präsident ist überzeugt, dass es schwieriger geworden ist, einen Geschäftsmann für Wirtschaftsverbrechen zu verhaften, doch das Problem der „Wirtschaftsschädigung“ ist noch nicht gelöst. Und schlussendlich ist sich Medwedew sicher, dass die im vergangenen Dezember 2011 durchgeführten Parlamentswahlen die saubersten in der Geschichte des Landes waren. Mit unzufriedenen Menschen in einen Dialog zu treten, habe er zwar nicht vor, sei aber durchaus dazu bereit, sich mit VertreterInnen der Protestierenden auszutauschen.
Die Studierenden hatten also die Möglichkeit, dem Regierungsoberhaupt ihre Fragen zu stellen. Fragen, die kompliziert und unangenehm für den Präsidenten waren. Und das ist doch schon einmal ein erfreulicher Umstand. Doch eine Frage bleibt schlussendlich offen, und die muss nicht Medwedew beantworten, sondern seine Zuhörerschaft: Sind die zukünftigen und gegenwärtigen JournalistInnen mit den Antworten, die sie bekommen haben, zufriedengestellt?
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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 