Antiseliger, das in der Gegenwartsgeschichte Russlands erste Forum für zivilgesellschaftliche AktivistInnen und Oppositionelle jeder Couleur, fand nämlich vom 17.-20. Juni in der Nähe von Moskau statt. Und diese Veranstaltung, die als Gegengewicht zur regierungstreuen „NASCHI“-Bewegung am Seliger-See organisiert worden war, versprach eines der wichtigsten Ereignisse dieses Sommers zu werden.
Der Veranstaltungsort im Himkinskij-Wald war nicht zufällig so gewählt worden. Schon seit einigen Jahren kämpft die Bewegung „Umweltdefensive Gebiet Moskau“ gegen den Bau einer Schnellstraße von Moskau nach Petersburg, die durch dieses Waldgebiet führen soll. Vorläufig wurde der Bau um ein halbes Jahr verschoben – und der große Kampf, in dessen Verlauf schon lokale JournalistInnen und zivilgesellschaftliche AktivistInnen gelitten haben, steht noch bevor.
Die OrganisatorInnen hatten sich voll ins Zeug gelegt. Unter den angekündigten SprecherInnen waren der oppositionelle Politiker Boris Nemcov, der Anti-Korruptions-Kämpfer und nebenbei einer der beliebtesten Blogger, Aleksej Navalnyj, der Musik-Kritiker Artemij Troickij, die Elite der russischen Journalistik, vertreten durch Oleg Kashin und Leonid Parfenov, die Ökologin Evgenija Chirikova, AktivistInnen der Künstler-Gruppe „Voina“ und viele andere.
Natürlich gab es keine Reklame im Fernsehen, doch UserInnen sozialer Netzwerke und BloggerInnen hatten den Link mit dem Veranstaltungsprogramm aktiv untereinander herumgeschickt. Außerdem wurden Ankündigungen über das Radio ausgestrahlt und in Internet-Massenmedien veröffentlicht.
Dementsprechend groß war meine Verwunderung, als ich feststellte, dass im Zeltlager um die 100 (Hundert!) Leute lebten. Tagsüber hatten sich zu den Auftritten der „Headliner“ etwa 250 Leute eingefunden. Zur allgemeinen Verstimmung waren in den vier Tagen dieser einmaligen und mit nichts zu vergleichenden Antiseliger-Plattform für ziviles Engagement nur ungefähr zweitausend Moskauer und Gäste der Stadt gekommen. Ein vielfältiges Programm mit Vorlesungen, der Organisation von zivilgesellschaftlichen Aktionen, Ausflügen für Kinder, musikalischen Darbietungen und Diskussionen in schöner Umgebung, mit seltsamerweise sogar höflichen Polizeikräften und – nicht unwichtig – Snackpunkten… und dann nur zweitausend Leute, von denen mindestens ein Drittel – den Kameras und Diktiergeräten nach zu schließen – JournalistInnen waren.
Im Antiseliger-Manifest heißt es: „Zur Teilnahme am Forum sind alle interessierten BürgerInnen eingeladen, die bereit sind, sich für den Umweltschutz und die Entwicklung einer Zivilgesellschaft einzusetzen. Es sind vier Sommertage für diejenigen, denen noch nicht alles egal ist.“
Es stellte sich also heraus, dass man von den 12 Millionen Einwohnern der Hauptstadt diejenigen, denen noch nicht alles egal ist, in einem Standard-Hochhaus einer Schlafregion unterbringen könnte. „Das ist doch Politik, warum bist du da nur hingefahren“, wunderten sich meine Freunde, als ich ihnen Fotos vom Antiseliger zeigte.

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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 
Всего,
Дмитрий