„Mamma Mia!“, „The Sound of Music“, „Zorro“, „Die kleine Meerjungfrau“, „Nord-Ost“ – das letzte der hier aufgezählten Musicals mit den anderen in eine Reihe zu stellen, ist zumindest taktlos. Denn „Nord-Ost“, das steht schon seit zehn Jahren nicht mehr für ein Musical, sondern für zwei Tage Hölle, 40 den eigenen Tod in Kauf nehmende Terroristen und 130 zu Tode gekommene Zuschauer, die entschieden hatten, sich am 23. Oktober 2002 die Liebesgeschichte zwischen Sascha und Katja vor dem Hintergrund der Eroberung des Nordpols auf der Bühne anzusehen.
Genau vor zehn Jahren hatten tschetschenische Terroristen das Musikspektakel „Nord-Ost“ im Moskauer Theaterzentrum an der Dubrowka zu Beginn des zweiten Aktes gestürmt. Zuschauer, Schauspieler und Mitarbeiter des Theaters wurden als Geiseln genommen – insgesamt 916 Menschen. Die Terroristen unter der Führung des 23-jährigen Mawsar Barajew hatten das Theatergebäude vollständig vermint und den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien gefordert. Erschießungen von Zuschauern, Unterredungen mit Ärzten, Journalisten und oppositionellen Politikern, ein paar wie durch ein Wunder entkommene Geiseln, ein paar freigelassene Kinder. Und die kategorische Haltung der Regierung: Keinerlei Verhandlungen mit den Terroristen. Lediglich die Eliminierung von Feinden.
Zwei Tage ohne Nahrung, Wasser und Medikamente in den stickigen Räumlichkeiten endeten mit dem Sturm auf das Gebäude: ein unbekanntes Gas war über Rohre in den mit Geiseln gefüllten Saal geleitet worden. Doch weder Rettungskräften noch Ärzten hatte der Stab, der diesen Sturm organisiert hatte, etwas über die Zusammensetzung jenes geheimnisvollen Gases mitgeteilt – darüber, welche Gegengifte man einsetzen, oder wie man die erstickenden Menschen überhaupt irgendwie retten könnte. Im Ergebnis starben 125 der insgesamt 130 Todesopfer während des Sturms und danach. Unabhängige Experten und Betroffene bestätigen, dass dies allein durch das Gas verschuldet war. Ärzte haben sich in all diesen Jahren nicht überzeugend dazu geäußert. In der Sparte „Todesursache“ finden sich bei den Opfern des Terroranschlags entweder ein Auslassungsstrich oder aber Standardformulierungen, die sich auf verschlechterte chronische Erkrankungen oder das Fehlen von Nahrung und medizinischer Hilfe im besetzten Theaterzentrum beziehen.
Die Angehörigen der Opfer warten nun schon seit zehn Jahren auf die Wahrheit. Sie in den russischen Gerichtshöfen zu finden, war nicht geglückt; doch 2011 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befunden, dass die russische Regierung das Lebensrecht der Geiseln missachtet hatte. Die Regierung zahlt zwar finanzielle Entschädigungen aus; doch die Gründe für eine Prüfung der Klage zu beseitigen, ist nicht beabsichtigt. Ein Strafprozess rund um die Operation im Theaterzentrum wurde – ungeachtet aller Bemühungen einer Initiativgruppe – nicht aufgenommen.
Einmal im Jahr, immer Ende Oktober, erinnern Journalisten an die Opfer und Verletzten des Terroranschlags „Nord-Ost“. Dieses Jahr haben alle föderalen Fernsehkanäle am 23. Oktober Interviews mit Menschen ausgestrahlt, die das „Nord-Ost“-Geiseldrama überlebt haben. Man berichtete über die Tragödie, zeigte „brandaktuelle“ Aufnahmen von vor zehn Jahren, nannte die genaue Anzahl der Todesopfer – betonte dabei jedoch nicht, dass fünf Menschen von den Terroristen erschossen worden waren, während 125 im Zuge der „Rettungsmaßnahmen“ den Tode fanden.
Vor zehn Jahren hatte ich es nicht ausgehalten, Zuhause herumsitzen, und war zum besetzten Theaterzentrum gefahren. Damals hatte ich noch geglaubt, dass nur Terroristen morden können.
Dienstag, 23. Oktober 2012
10 Jahre spaeter
Mittwoch, 10. Oktober 2012
Unruhe an den Unis
Letztes Wochenende sind in der Provinzstadt Tambow mehr als tausend Leute auf die Straßen gegangen. Für diese Stadt mit einer Bevölkerung von 200.000 Menschen war die Aktion ein bisher nie dagewesenes Ereignis. Vor allem deshalb, weil hier keine Kommunisten-Omas demonstriert hatten – sondern eine bis vor kurzem noch apolitische Jugend. Die Studierenden der Tambowsker Staatlichen Technischen Universität (TGTU) hatten ihre Unzufriedenheit in Bezug auf die Zusammenschließung ihrer Hochschule und der Tambowsker Staatlichen Derschawin-Universität (TGU) zum Ausdruck gebracht. „Solche Studierenden habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Die haben die Stadt echt auf den Kopf gestellt“, schrieb ein Abgeordneter der Staatsduma, Dmitrij Gudkow, in seinem Blog.
Die Frage der Angliederung der TGTU an die TGU war Mitte September im Rahmen der Reformen des Hochschulsystems entschieden worden. Heute existieren in Russland etwa 600 Hochschulen mit noch einmal 1.500 Filialen. Nach der Umstrukturierung bleiben dem Land aber nur noch 150 Hochschulen erhalten. Die Regierung glaubt, dass sich eine kleinere Anzahl an Universitäten auf die Qualität der Ausbildung und wissenschaftlichen Forschung auswirken kann, und ist sich sicher, dass so nicht nur die wichtigste Hochschule Russlands wieder in die Reihe der hundert besten Hochschulen der Welt zurückkehren, sondern auch andere Unis mit in das internationale Rating hineinziehen kann.
Aber ob das im Endeffekt wirklich so ist? Wird die Reform das Ausstattungsproblem an den Hochschulen lösen? Oder das der zur Verfügung stehenden Lehrenden, internationaler Praktika und so weiter und so fort? Viele Studierenden und Lehrenden sehen in den Neuerungen ausschließlich Nachteile. Was macht man mit den Fächern, die nun doppelt vorhanden sind? Welche Kürzungen kommen auf die Dozenten zu? Wie soll man es bei diesem wahnsinnigen Wettbewerb um die wenigen kostenfreien Studienplätze denn noch an eine Hochschule schaffen? Und wer entscheidet überhaupt, dass die Tätigkeit dieser oder jener Universität nicht effektiv ist? „Die Studierenden hat jedenfalls niemand nach ihrer Meinung gefragt, und deswegen gehen wir auch auf die Straße“, sagt Marija, eine 20-jährige TGTU-Studentin. Zur Hauptlosung des Meetings in Tambow wurde die Plakataufschrift „Unsere Uni – unsere Entscheidung“.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Jugend anderer russischer Städte ein Beispiel an den Studierenden von Tambow nimmt und ebenfalls auf die Straße geht. Nach Einschätzung des Ausbildungsministeriums steht in den kommenden drei Jahren eine Zusammenstreichung staatlicher Hochschulen um 20% sowie ihrer Filialen um 30% bevor. So ist unter anderem in Moskau geplant, die dortige Universität, ihre Unterfilialen und die Montanuniversität zusammenzulegen. Allerdings erhöht im Eifer der Reformen keiner das Gehaltsniveau. Heute liegen die Sätze für Dozenten bei 8.000 Rubel; weitere 3.000 kommen hinzu, wenn man einen Doktortitel führt. Deswegen will auch niemand Hochschullehrer werden. Da verdient man ja selbst bei McDonald´s ein Vielfaches mehr pro Monat. Vielleicht hätte man die Reform mit einer Erhöhung der Gehälter beginnen sollen? Doch das Ausbildungsministerium wird schon wissen, warum das nicht gemacht wurde…
Die Frage der Angliederung der TGTU an die TGU war Mitte September im Rahmen der Reformen des Hochschulsystems entschieden worden. Heute existieren in Russland etwa 600 Hochschulen mit noch einmal 1.500 Filialen. Nach der Umstrukturierung bleiben dem Land aber nur noch 150 Hochschulen erhalten. Die Regierung glaubt, dass sich eine kleinere Anzahl an Universitäten auf die Qualität der Ausbildung und wissenschaftlichen Forschung auswirken kann, und ist sich sicher, dass so nicht nur die wichtigste Hochschule Russlands wieder in die Reihe der hundert besten Hochschulen der Welt zurückkehren, sondern auch andere Unis mit in das internationale Rating hineinziehen kann.
Aber ob das im Endeffekt wirklich so ist? Wird die Reform das Ausstattungsproblem an den Hochschulen lösen? Oder das der zur Verfügung stehenden Lehrenden, internationaler Praktika und so weiter und so fort? Viele Studierenden und Lehrenden sehen in den Neuerungen ausschließlich Nachteile. Was macht man mit den Fächern, die nun doppelt vorhanden sind? Welche Kürzungen kommen auf die Dozenten zu? Wie soll man es bei diesem wahnsinnigen Wettbewerb um die wenigen kostenfreien Studienplätze denn noch an eine Hochschule schaffen? Und wer entscheidet überhaupt, dass die Tätigkeit dieser oder jener Universität nicht effektiv ist? „Die Studierenden hat jedenfalls niemand nach ihrer Meinung gefragt, und deswegen gehen wir auch auf die Straße“, sagt Marija, eine 20-jährige TGTU-Studentin. Zur Hauptlosung des Meetings in Tambow wurde die Plakataufschrift „Unsere Uni – unsere Entscheidung“.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Jugend anderer russischer Städte ein Beispiel an den Studierenden von Tambow nimmt und ebenfalls auf die Straße geht. Nach Einschätzung des Ausbildungsministeriums steht in den kommenden drei Jahren eine Zusammenstreichung staatlicher Hochschulen um 20% sowie ihrer Filialen um 30% bevor. So ist unter anderem in Moskau geplant, die dortige Universität, ihre Unterfilialen und die Montanuniversität zusammenzulegen. Allerdings erhöht im Eifer der Reformen keiner das Gehaltsniveau. Heute liegen die Sätze für Dozenten bei 8.000 Rubel; weitere 3.000 kommen hinzu, wenn man einen Doktortitel führt. Deswegen will auch niemand Hochschullehrer werden. Da verdient man ja selbst bei McDonald´s ein Vielfaches mehr pro Monat. Vielleicht hätte man die Reform mit einer Erhöhung der Gehälter beginnen sollen? Doch das Ausbildungsministerium wird schon wissen, warum das nicht gemacht wurde…
Montag, 10. September 2012
Lackmuspapier für Opposition
„Ich bin einfach zu spät, erst mit 30, zu einem Bürger geworden“, erklärt Ewgenija Tschirikowa, die Leitende der Bewegung Ökologische Abwehr des Moskauer Gebiets und seit gestern offizielle Kandidatin in den Bürgermeisterwahlen der Stadt Chimki.
Im Moskauer Gebiet fand ein nicht ganz gewöhnliches Ereignis statt: Die politische Oppositionsaktivistin Ewgenija Tschirikowa wurde offiziell im Rennen um den Bürgermeisterposten der Stadt Chimki als Kandidatin aufgestellt. Doch werden die Wahlen dieses Mal ehrlich verlaufen? Werden die Einwohner Chimkis Tschirikowa wählen? Wenn ja, wird sie es schaffen, eine Stadt mit 220 000 Einwohnern in eine europäische Stadt ohne Korruption, Staus, Luftverschmutzung und ohne hunderte anderer Probleme, die den Einwohnern bestens bekannt sind, zu verwandeln?
Als die Unternehmerin und Ingenieurin Ewgenija Tschirikowa 2007 mit ihrem Gatten im Wald spazieren ging, bemerkte die Bürgermeisterkandidatin Markierungen an den Bäumen. Später fand die Dreißigjährige im Internet heraus, dass durch den Wald, nicht weit von ihrem Haus entfernt, ein neuer Straßenabschnitt auf der Strecke Moskau–St. Petersburg verlegt werden soll. So begann Ewgenija Tschirikowa ihren Kampf um die Erhaltung des Waldes, und zwar indem sie Infoblätter an die Hauseingänge klebte. Sie entfachte dadurch nicht nur einen wahren Kampf um den Wald, sondern auch einen auf Leben und Tod. Denn ein Jahr später wurde ein Attentat auf Michail Beketow verübt, den Chefredakteur der Zeitung „Chimkinskaja Prawda“, der die Pläne, den Wald abzuholzen, zuvor heftig kritisiert hatte. In den eineinhalb Jahren, die Beketow im Krankenhaus verbrachte, musste er insgesamt sieben Mal operiert werden, wobei ihm sogar ein Teil seines Gehirns entfernt wurde.
2009 begann man auch Ewgenija Tschirikowa zu bedrohen, was aber die Aktivistin nicht davon abhielt, sich für den Schutz des Waldes einzusetzen. Im Gegenteil, sie involvierte sogar Umweltschutzorganisationen: So holte Greenpeace Russland, den WWF, das Zentrum für den Schutz der Wildnis sowie den Verein für den Schutz von Vögel Russlands in die Koalition, welche sich für den Schutz der Wälder im Gebiet um Moskau einsetzt. Im Sommer desselben Jahres versammelten sich auf der Demonstration gegen die Abholzung des Chimki-Waldes im Moskauer Zentrum über 1500 Menschen. Man hörte zwar Gerüchte darüber, dass einige Moskauer nur wegen dem Konzert von Juri Schewtschug kamen, jedoch war dieses Ereignis eine der ersten oppositionellen Massendemonstrationen in der Geschichte Russlands.
2011 wurde der Wald um Chimki zum Veranstaltungsort des Oppositionsforums „Anti-Seliger“ und Ewgenija Tschirikowa zu einem der Aktivistenanführer der Bürger- und Politikbewegungen. Ohne sie ist derzeit kein einziges Oppositionsereignis mehr denkbar. Sie reist quer durch das Land, teilt ihre Erfahrungen mit Politik- und Umweltaktivisten in den Regionen Russlands und veranstaltet regelmäßig Zeltlager im heimischen Wald von Chimki. Doch eine Aufhebung des Beschlusses über die Abholzung des regionalen Waldes ist leider nicht in Sicht.
Am 19 August 2012 beschloss Ewgenija Tschirikowa, für den Posten des Bürgermeisters in der Stadt Chimki zu kandidieren. Nach Aussage der Aktivistin, welche sich selbst nie als Politikerin sah, hat sie nur deswegen die Kandidatur angenommen, weil viele ihrer Befürworter diesen Wunsch geäußert hatten. Ihre Gegner und viele andere hingegen glauben, dass sich die Probleme der Stadt mit Umweltschutz nicht lösen lassen bzw. die Aktivistin sowieso nicht in der Lage ist, andere Fragen zu lösen. Auf Kritik antwortet Ewgenija Tschirikowa damit, dass sie ihre administrativen Mängel mithilfe ihrer Erfahrungen, die sie in der Wirtschaft gesammelt hat, kompensiert. Außerdem verspricht Tschirikowa im Falle eines Wahlsiegs, Gleichgesinnte damit zu beauftragen, die akuten Probleme der Stadt zu lösen.
Nach Angaben einer Umfrage, auf die sich das Radio „Echo Moskwy“ stützt, wird Tschirikowa von jedem dritten Einwohner, der zur Wahl geht, unterstützt. Jedoch ist noch unklar, wie die Wahlen verlaufen werden, denn genaue Angaben darüber zu machen, ist derzeit sehr schwierig. Es kann lediglich gesagt werden, dass die Bürgermeisterwahlen zeigen werden, ob die Opposition dazu im Stande ist, zu siegen, und ob sie im Falle eines Sieges tatsächlich das Leben der einfachen Stadtbewohner verbessern kann. Bis zu den Bürgermeisterwahlen in Chimki bleibt nämlich nur etwas mehr als ein Monat.
Im Moskauer Gebiet fand ein nicht ganz gewöhnliches Ereignis statt: Die politische Oppositionsaktivistin Ewgenija Tschirikowa wurde offiziell im Rennen um den Bürgermeisterposten der Stadt Chimki als Kandidatin aufgestellt. Doch werden die Wahlen dieses Mal ehrlich verlaufen? Werden die Einwohner Chimkis Tschirikowa wählen? Wenn ja, wird sie es schaffen, eine Stadt mit 220 000 Einwohnern in eine europäische Stadt ohne Korruption, Staus, Luftverschmutzung und ohne hunderte anderer Probleme, die den Einwohnern bestens bekannt sind, zu verwandeln?
Als die Unternehmerin und Ingenieurin Ewgenija Tschirikowa 2007 mit ihrem Gatten im Wald spazieren ging, bemerkte die Bürgermeisterkandidatin Markierungen an den Bäumen. Später fand die Dreißigjährige im Internet heraus, dass durch den Wald, nicht weit von ihrem Haus entfernt, ein neuer Straßenabschnitt auf der Strecke Moskau–St. Petersburg verlegt werden soll. So begann Ewgenija Tschirikowa ihren Kampf um die Erhaltung des Waldes, und zwar indem sie Infoblätter an die Hauseingänge klebte. Sie entfachte dadurch nicht nur einen wahren Kampf um den Wald, sondern auch einen auf Leben und Tod. Denn ein Jahr später wurde ein Attentat auf Michail Beketow verübt, den Chefredakteur der Zeitung „Chimkinskaja Prawda“, der die Pläne, den Wald abzuholzen, zuvor heftig kritisiert hatte. In den eineinhalb Jahren, die Beketow im Krankenhaus verbrachte, musste er insgesamt sieben Mal operiert werden, wobei ihm sogar ein Teil seines Gehirns entfernt wurde.
2009 begann man auch Ewgenija Tschirikowa zu bedrohen, was aber die Aktivistin nicht davon abhielt, sich für den Schutz des Waldes einzusetzen. Im Gegenteil, sie involvierte sogar Umweltschutzorganisationen: So holte Greenpeace Russland, den WWF, das Zentrum für den Schutz der Wildnis sowie den Verein für den Schutz von Vögel Russlands in die Koalition, welche sich für den Schutz der Wälder im Gebiet um Moskau einsetzt. Im Sommer desselben Jahres versammelten sich auf der Demonstration gegen die Abholzung des Chimki-Waldes im Moskauer Zentrum über 1500 Menschen. Man hörte zwar Gerüchte darüber, dass einige Moskauer nur wegen dem Konzert von Juri Schewtschug kamen, jedoch war dieses Ereignis eine der ersten oppositionellen Massendemonstrationen in der Geschichte Russlands.
2011 wurde der Wald um Chimki zum Veranstaltungsort des Oppositionsforums „Anti-Seliger“ und Ewgenija Tschirikowa zu einem der Aktivistenanführer der Bürger- und Politikbewegungen. Ohne sie ist derzeit kein einziges Oppositionsereignis mehr denkbar. Sie reist quer durch das Land, teilt ihre Erfahrungen mit Politik- und Umweltaktivisten in den Regionen Russlands und veranstaltet regelmäßig Zeltlager im heimischen Wald von Chimki. Doch eine Aufhebung des Beschlusses über die Abholzung des regionalen Waldes ist leider nicht in Sicht.
Am 19 August 2012 beschloss Ewgenija Tschirikowa, für den Posten des Bürgermeisters in der Stadt Chimki zu kandidieren. Nach Aussage der Aktivistin, welche sich selbst nie als Politikerin sah, hat sie nur deswegen die Kandidatur angenommen, weil viele ihrer Befürworter diesen Wunsch geäußert hatten. Ihre Gegner und viele andere hingegen glauben, dass sich die Probleme der Stadt mit Umweltschutz nicht lösen lassen bzw. die Aktivistin sowieso nicht in der Lage ist, andere Fragen zu lösen. Auf Kritik antwortet Ewgenija Tschirikowa damit, dass sie ihre administrativen Mängel mithilfe ihrer Erfahrungen, die sie in der Wirtschaft gesammelt hat, kompensiert. Außerdem verspricht Tschirikowa im Falle eines Wahlsiegs, Gleichgesinnte damit zu beauftragen, die akuten Probleme der Stadt zu lösen.
Nach Angaben einer Umfrage, auf die sich das Radio „Echo Moskwy“ stützt, wird Tschirikowa von jedem dritten Einwohner, der zur Wahl geht, unterstützt. Jedoch ist noch unklar, wie die Wahlen verlaufen werden, denn genaue Angaben darüber zu machen, ist derzeit sehr schwierig. Es kann lediglich gesagt werden, dass die Bürgermeisterwahlen zeigen werden, ob die Opposition dazu im Stande ist, zu siegen, und ob sie im Falle eines Sieges tatsächlich das Leben der einfachen Stadtbewohner verbessern kann. Bis zu den Bürgermeisterwahlen in Chimki bleibt nämlich nur etwas mehr als ein Monat.
Montag, 20. August 2012
Rund um "Pussy Riot"
Rund um „Pussy Riot“
Zwei Jahre Strafkolonie für eine Aktion in der Hauptkirche des Landes. Zwei Jahre für jedes der Mitglieder von „Pussy Riot“, von denen zwei Kinder im Alter von unter fünf Jahren haben. Nun ist es schon nicht mehr wichtig, wer den Vorfall in der Christ-Erlöser-Kirche wie bewertet. War es ein origineller Punk-Mob, ein politischer Protest, eine antireligiöse Aktion oder einfach nur ein dummer, platter Streich, der von der Administration geahndet werden muss? Jetzt ist es zu spät, solche Fragen zu stellen. Die 22-jährige Nadjeschda Tolokonnikowa, die 24-jährige Marija Alechina und die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch kommen für ihren ein halbes Jahr zurück liegenden Anruf an die Gottesmutter, „Putin zu vertreiben“, in eine Strafkolonie allgemeinen Typs.
Sind aus den jungen Frauen politisch Verfolgte geworden, oder haben sie eine gerechte Haftstrafe bekommen? Die BürgerInnen Russlands hatten diese Frage nicht eindeutig beantworten können: Nach Umfragewerten des Analysezentrums „Lewada-Zentrum“ haben 44 Prozent der Befragten angegeben, dass „der Prozess um die Mitglieder der Gruppe fair, objektiv und unparteiisch verlaufen ist“. Doch zumindest diejenigen anderthalb tausend Menschen, die sich am Tag der Urteilsverkündung vor dem Chamownitscheskij-Gericht der Stadt Moskau versammelt hatten, dachten anders. Anders dachten auch die mehr als hundert bekannten Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Musiker, die zur Verteidigung der drei Angeklagten eine Petition an den höchsten Gerichtshof der Russischen Föderation und an das Moskauer Stadtgericht unterschrieben hatten. Anders dachte auch die Weltgemeinschaft: Der Vorgang „Pussy Riot“ wurde von 86 Prozent der weltweiten Massenmedien aufgegriffen, wobei 88 Prozent aller Wortmeldungen einen für die russische Regierung negativen Ton hatten.
Unmittelbar vor der Urteilsverkündung hatten sich auch westliche Musiker auf die Seite der drei Mitglieder von „Pussy Riot“ gestellt: Björk, Paul McCartney, Madonna, Sting und die Red Hot Chili Peppers. Am 17. August hatte es außerdem in Dutzenden Städten weltweit zivilgesellschaftliche Aktionen zur Verteidigung der drei jungen Frauen gegeben. In Moskau waren vor dem Chamownitscheskij-Gericht mehr als 1.500 Menschen zusammengekommen, unter ihnen auch bekannte Personen des öffentlichen künstlerischen Lebens, Bürgerrechtler und Journalisten. Doch Richterin Syrowa, die immerhin ein Urteil über den lautesten Prozess der letzten Jahre in Russland zu bewerten hatte, war es – wie es sich für eine unbefangene Richterin gehört – offensichtlich ganz egal, was Madonna und Tschulpan Chamatowa so denken. Richterin Syrowa hat, wie unser „menschlichstes Gericht der Welt“ jetzt beteuert, ihre Entscheidung eigenständig getroffen – und Folgendes hat sie entschieden: „Die Mitglieder von „Pussy Riot“ haben blasphemische, schändliche Handlungen begangen, welche die Gefühle der Gläubigen in hohem Maße beleidigen und somit wahrhaft gläubige, orthodoxe Bürger verspotten.“
Die Beteuerungen der Angeklagten dahingehend, dass sie nicht das Ziel verfolgt hätten, zu religiösem Hass und zu Feindschaft aufzurufen, sondern ausschließlich aus politischen Beweggründen heraus gehandelt haben, bewertete das Gericht als hinfällig. Nicht hinfällig hielt der Gerichtshof dagegen die Verlesung der Anamnese-Daten zur psychologischen Verfassung der drei jungen Frauen. So verfüge etwa das jüngste Mitglied von „Pussy Riot“, Nadjeschda Tolokonnikowa, über „eine gemischte Persönlichkeitsspaltung... in Form einer aktiven Lebenseinstellung auf Grundlage eigener Erfahrung im Treffen von Entscheidungen, eines Strebens nach Selbstverwirklichung unter Beharrung auf sozialen Werten, ihres Selbstbewusstseins und einer erhöhten Sensitivität in Bezug auf kritische Bemerkungen mit einem Hang zum kategorischen Äußern ihrer Meinung“.
In den ganzen drei Stunden, in denen das Urteil verlesen wurde, wurden draußen vor dem Gebäude Bürger von Ordnungshütern dazu aufgerufen, nicht die öffentliche Ordnung zu stören – und aus prophylaktischen Gründen setzte man regelmäßig die am aktivsten Protestierenden in Mannschaftsbusse und brachte sie in die umliegenden Polizeiwachen. Die verbliebenen Bürgerrechtler erkundigten sich bei den Polizisten, in welcher Weise sie denn die öffentliche Ordnung stören würden, bekamen darauf aber keine Antwort. Am 17. August hatten die Richter, die sich mit dem „Vorgang Pussy Riot“ beschäftigen, weder Angeklagte noch Verteidiger zu Wort kommen lassen. Und auch außerhalb des Saales war es nicht gelungen, einen Dialog zwischen Gesellschaft und Regierung herzustellen.
Zwei Jahre Strafkolonie für eine Aktion in der Hauptkirche des Landes. Zwei Jahre für jedes der Mitglieder von „Pussy Riot“, von denen zwei Kinder im Alter von unter fünf Jahren haben. Nun ist es schon nicht mehr wichtig, wer den Vorfall in der Christ-Erlöser-Kirche wie bewertet. War es ein origineller Punk-Mob, ein politischer Protest, eine antireligiöse Aktion oder einfach nur ein dummer, platter Streich, der von der Administration geahndet werden muss? Jetzt ist es zu spät, solche Fragen zu stellen. Die 22-jährige Nadjeschda Tolokonnikowa, die 24-jährige Marija Alechina und die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch kommen für ihren ein halbes Jahr zurück liegenden Anruf an die Gottesmutter, „Putin zu vertreiben“, in eine Strafkolonie allgemeinen Typs.
Sind aus den jungen Frauen politisch Verfolgte geworden, oder haben sie eine gerechte Haftstrafe bekommen? Die BürgerInnen Russlands hatten diese Frage nicht eindeutig beantworten können: Nach Umfragewerten des Analysezentrums „Lewada-Zentrum“ haben 44 Prozent der Befragten angegeben, dass „der Prozess um die Mitglieder der Gruppe fair, objektiv und unparteiisch verlaufen ist“. Doch zumindest diejenigen anderthalb tausend Menschen, die sich am Tag der Urteilsverkündung vor dem Chamownitscheskij-Gericht der Stadt Moskau versammelt hatten, dachten anders. Anders dachten auch die mehr als hundert bekannten Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Musiker, die zur Verteidigung der drei Angeklagten eine Petition an den höchsten Gerichtshof der Russischen Föderation und an das Moskauer Stadtgericht unterschrieben hatten. Anders dachte auch die Weltgemeinschaft: Der Vorgang „Pussy Riot“ wurde von 86 Prozent der weltweiten Massenmedien aufgegriffen, wobei 88 Prozent aller Wortmeldungen einen für die russische Regierung negativen Ton hatten.
Unmittelbar vor der Urteilsverkündung hatten sich auch westliche Musiker auf die Seite der drei Mitglieder von „Pussy Riot“ gestellt: Björk, Paul McCartney, Madonna, Sting und die Red Hot Chili Peppers. Am 17. August hatte es außerdem in Dutzenden Städten weltweit zivilgesellschaftliche Aktionen zur Verteidigung der drei jungen Frauen gegeben. In Moskau waren vor dem Chamownitscheskij-Gericht mehr als 1.500 Menschen zusammengekommen, unter ihnen auch bekannte Personen des öffentlichen künstlerischen Lebens, Bürgerrechtler und Journalisten. Doch Richterin Syrowa, die immerhin ein Urteil über den lautesten Prozess der letzten Jahre in Russland zu bewerten hatte, war es – wie es sich für eine unbefangene Richterin gehört – offensichtlich ganz egal, was Madonna und Tschulpan Chamatowa so denken. Richterin Syrowa hat, wie unser „menschlichstes Gericht der Welt“ jetzt beteuert, ihre Entscheidung eigenständig getroffen – und Folgendes hat sie entschieden: „Die Mitglieder von „Pussy Riot“ haben blasphemische, schändliche Handlungen begangen, welche die Gefühle der Gläubigen in hohem Maße beleidigen und somit wahrhaft gläubige, orthodoxe Bürger verspotten.“
Die Beteuerungen der Angeklagten dahingehend, dass sie nicht das Ziel verfolgt hätten, zu religiösem Hass und zu Feindschaft aufzurufen, sondern ausschließlich aus politischen Beweggründen heraus gehandelt haben, bewertete das Gericht als hinfällig. Nicht hinfällig hielt der Gerichtshof dagegen die Verlesung der Anamnese-Daten zur psychologischen Verfassung der drei jungen Frauen. So verfüge etwa das jüngste Mitglied von „Pussy Riot“, Nadjeschda Tolokonnikowa, über „eine gemischte Persönlichkeitsspaltung... in Form einer aktiven Lebenseinstellung auf Grundlage eigener Erfahrung im Treffen von Entscheidungen, eines Strebens nach Selbstverwirklichung unter Beharrung auf sozialen Werten, ihres Selbstbewusstseins und einer erhöhten Sensitivität in Bezug auf kritische Bemerkungen mit einem Hang zum kategorischen Äußern ihrer Meinung“.
In den ganzen drei Stunden, in denen das Urteil verlesen wurde, wurden draußen vor dem Gebäude Bürger von Ordnungshütern dazu aufgerufen, nicht die öffentliche Ordnung zu stören – und aus prophylaktischen Gründen setzte man regelmäßig die am aktivsten Protestierenden in Mannschaftsbusse und brachte sie in die umliegenden Polizeiwachen. Die verbliebenen Bürgerrechtler erkundigten sich bei den Polizisten, in welcher Weise sie denn die öffentliche Ordnung stören würden, bekamen darauf aber keine Antwort. Am 17. August hatten die Richter, die sich mit dem „Vorgang Pussy Riot“ beschäftigen, weder Angeklagte noch Verteidiger zu Wort kommen lassen. Und auch außerhalb des Saales war es nicht gelungen, einen Dialog zwischen Gesellschaft und Regierung herzustellen.
Samstag, 11. August 2012
Citius, altius, fortius
„Im Kreml gesteht man sich den Misserfolg auf der Olympiade ein“, „Russische Schwimmerin entschuldigte sich für Bronzemedaille“, „Stabhochspringerin enttäuschte die Russen“: Gegen Ende der Hauptwettkämpfe dieses Sommers wimmelte es in den russischen Medien nur so vor Schlagzeilen über die Fehlstarts russischer Sportler.
Vor ihrer Abfahrt nach London war die russische Olympiamannschaft, die in allen olympischen Sportarten außer Fußball und Rasenhockey vertreten war, von Wladimir Putin und Sportminister Witalij Mutko auf den Weg gebracht worden. Die Verantwortlichen im Dienste des Sportes hatten versprochen, dass die Russen bei den Spielen nicht weniger als den dritten Platz in der mannschaftsübergreifenden Medaillenwertung belegen würden. Eine Woche nach dem Beginn der Olympischen Spiele sagen jedoch alle – vom Verwaltungsleiter des Präsidenten bis zum einfachen Kellner – zeitgleich eine Katastrophe voraus. Die Sportler haben die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, und Punkt. Sie haben viel zu viele zweite und dritte Plätze belegt, und viel zu wenig erste. Das kann wohl kaum nur Pech gewesen sein, und außerdem sind die Richter in ihrer Wertung bestimmter Sportarten, wie zum Beispiel beim Geräteturnen, voreingenommen.
Trainer bestätigen, dass diese „Misserfolge“, wenn man sie denn als solche bezeichnen kann, durch einen starken Druck auf die Sportler bedingt sind. Schließlich darf man ja nicht nur an das Ergebnis denken, wenn man an den Start geht. Doch das Problem ist eben, dass bei uns nur erste Plätze wirklich wertgeschätzt werden. Man hat Hoffnungen in dich und deinen Sieg gesetzt, du aber hast das Land blamiert und einfach nur „Bronze“ bekommen. Und schon sind patriotische Gefühle angekratzt: In allen Foren schimpfen die User über die Stabhochspringerin Jelena Isinbaewa, die es nicht geschafft hatte, den ersten Platz zu belegen. „Das hat sie jetzt von ihren Starallüren“, „Unsere Leute haben´s mal wieder verhauen“ und „Jelena hat nur angegeben und sich nicht mehr angestrengt“, knallen die Internetuser ihre Kommentare unter Artikel mit Überschriften à la „Isinbaewa hat die Olympiade verloren“ auf Nachrichtenportalen.
Klar, dass unsere Sportler da den Austausch mit Psychologen gesucht und sich bemüht haben, das Erbe der sowjetischen Sportschule hinter sich zu lassen, wo die Nerven immer bis an Äußerste angespannt waren und du, wenn du nicht gewonnen hast, gleich das Vertrauen einer Supermacht enttäuscht hattest. Einige Sportverbände unternehmen bereits erste Schritte in diese Richtung. So berichtete zum Beispiel die russische Schwimmerin Anastasija Suewa, dass sie vor dem Medaillen-Wettschwimmen entspannt und sogar in Trance versetzt worden war. Und dadurch ist sie dann auch ohne die Angst geschwommen, möglicherweise verlieren zu können.
Ebenso klar ist, dass auch die Mehrheit der russischen Sportfans eine psychologische Betreuung nötig hat. Es ist langsam Zeit, damit aufzuhören, die Olympischen Spiele mit dem Kalten Krieg oder mit einem Wettrüsten gleichzusetzen. Man darf schließlich nicht die ganze Welt, und in erster Linie die russischen Sportler, verfluchen – selbst dann nicht, wenn sie von den Amerikanern etwas haben einstecken müssen. Denn schließlich ist das hier doch die Olympiade, wo nicht der Sieg alles ist, sondern das Dabei sein.
Vor ihrer Abfahrt nach London war die russische Olympiamannschaft, die in allen olympischen Sportarten außer Fußball und Rasenhockey vertreten war, von Wladimir Putin und Sportminister Witalij Mutko auf den Weg gebracht worden. Die Verantwortlichen im Dienste des Sportes hatten versprochen, dass die Russen bei den Spielen nicht weniger als den dritten Platz in der mannschaftsübergreifenden Medaillenwertung belegen würden. Eine Woche nach dem Beginn der Olympischen Spiele sagen jedoch alle – vom Verwaltungsleiter des Präsidenten bis zum einfachen Kellner – zeitgleich eine Katastrophe voraus. Die Sportler haben die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, und Punkt. Sie haben viel zu viele zweite und dritte Plätze belegt, und viel zu wenig erste. Das kann wohl kaum nur Pech gewesen sein, und außerdem sind die Richter in ihrer Wertung bestimmter Sportarten, wie zum Beispiel beim Geräteturnen, voreingenommen.
Trainer bestätigen, dass diese „Misserfolge“, wenn man sie denn als solche bezeichnen kann, durch einen starken Druck auf die Sportler bedingt sind. Schließlich darf man ja nicht nur an das Ergebnis denken, wenn man an den Start geht. Doch das Problem ist eben, dass bei uns nur erste Plätze wirklich wertgeschätzt werden. Man hat Hoffnungen in dich und deinen Sieg gesetzt, du aber hast das Land blamiert und einfach nur „Bronze“ bekommen. Und schon sind patriotische Gefühle angekratzt: In allen Foren schimpfen die User über die Stabhochspringerin Jelena Isinbaewa, die es nicht geschafft hatte, den ersten Platz zu belegen. „Das hat sie jetzt von ihren Starallüren“, „Unsere Leute haben´s mal wieder verhauen“ und „Jelena hat nur angegeben und sich nicht mehr angestrengt“, knallen die Internetuser ihre Kommentare unter Artikel mit Überschriften à la „Isinbaewa hat die Olympiade verloren“ auf Nachrichtenportalen.
Klar, dass unsere Sportler da den Austausch mit Psychologen gesucht und sich bemüht haben, das Erbe der sowjetischen Sportschule hinter sich zu lassen, wo die Nerven immer bis an Äußerste angespannt waren und du, wenn du nicht gewonnen hast, gleich das Vertrauen einer Supermacht enttäuscht hattest. Einige Sportverbände unternehmen bereits erste Schritte in diese Richtung. So berichtete zum Beispiel die russische Schwimmerin Anastasija Suewa, dass sie vor dem Medaillen-Wettschwimmen entspannt und sogar in Trance versetzt worden war. Und dadurch ist sie dann auch ohne die Angst geschwommen, möglicherweise verlieren zu können.
Ebenso klar ist, dass auch die Mehrheit der russischen Sportfans eine psychologische Betreuung nötig hat. Es ist langsam Zeit, damit aufzuhören, die Olympischen Spiele mit dem Kalten Krieg oder mit einem Wettrüsten gleichzusetzen. Man darf schließlich nicht die ganze Welt, und in erster Linie die russischen Sportler, verfluchen – selbst dann nicht, wenn sie von den Amerikanern etwas haben einstecken müssen. Denn schließlich ist das hier doch die Olympiade, wo nicht der Sieg alles ist, sondern das Dabei sein.
Mittwoch, 20. Juni 2012
Eurozone

Drei Spiele, drei unterschiedliche Spielausgänge – der Sieg über Tschechien, das Unentschieden gegen Polen, die Niederlage gegen Griechenland, und dann war er da: Der Abschied vom Viertelfinale der Europameisterschaft. Das russische Team hat es nicht einmal geschafft, die wohl schwächste Gruppe der EURO 2012 hinter sich zu lassen, in der es als Favorit gehandelt worden war. Und in Warschau konnten der Mannschaft weder der in Europa bestbezahlteste Trainer Dick Advocaat noch die Unterbringung im Elite-Hotel Bristol gegenüber vom Präsidentenpalast (wo ein Tag Aufenthalt die Mannschaft 36.000 Euro gekostet hat) oder die Zehntausenden Fans helfen, die aus verschiedenen russischen Regionen nach Europa angereist waren.
Das mit den Fans ist übrigens ein ganz eigenes Thema. Denn die russischen Fans haben während der EM nicht unbedingt abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit gestanden. Die UEFA hatte die russische Fußballunion für das Verhalten ihrer Landsleute beim Match Russland – Tschechien mit einer Strafe von 120.000 Euro belegt; davon 30.000 Euro für Vorfälle gegenüber den Gastgebern des Championats während des Spielverlaufs. Außerdem waren 25.000 Russen wegen Zusammenstößen mit polnischen Fans auf den Straßen Warschaus verhaftet worden, und einige von ihnen befinden sich immer noch in Polizeigewahrsam.
Ferner ist für viele Fußballfans aus den russischen Regionen die Fahrt zur EM praktisch ihre erste Reise ins Ausland.
Konstantin aus Saratow ist nicht der einzige, der beschlossen hat, nach dem Besuch des Spiels noch ein bisschen durch Europa zu touren. Nachdem er sich das Spiel gegen Tschechien im Warschauer Stadion angesehen hatte, war der 28-jährige nach Tschechien, Deutschland und Italien weitergereist. Das Unentschieden gegen Polen hat er mit hellem Ungefiltertem in einer Münchener Kneipe runtergespült, und bei der Niederlage gegen das griechische Team mit einer Flasche trockenem Rotwein am schiefen Turm von Pisa mitgefiebert. Insofern mag Russland zwar bei der EM 2012 rausgeflogen sein – doch dafür sind die Russen eben auch nach Europa geflogen und haben dort eine großartige Zeit verbracht. Ich hoffe nur, dass das ohne Folgen für örtliche Sehenswürdigkeiten und friedliche Anwohner abgegangen ist.
Foto: CC BY-NC-ND - Emyan
Übersetzung Anna Brixa
Samstag, 2. Juni 2012
Kein Kinderspiel

Am internationalen Kindertag ist in einem der zentralen Ausstellungsorte Moskaus, dem „Winzavod“, die Ausstellung „Kein Kinderspiel“ zu Ende gegangen. Organisiert worden war sie vom Suchtrupp „Liza Alert“.
Das Hauptanliegen dieses Suchtrupps ist jedoch nicht die Organisation von Ausstellungen, sondern die Suche nach vermissten Kindern. Die Gruppe „Liza Alert“ war im September 2010 gegründet worden, und sie hat in den weniger als zwei Jahren ihrer Tätigkeit schon mehr als hundert Menschen aufgespürt. Die Aktivisten haben den Namen ihrer Vereinigung im Andenken an Lisa Fokina gewählt, die am 13. September 2010 in den Wäldern des Moskauer Umlands verlorengegangen und neun Tage später an Unterkühlung gestorben war. Am fünften Tag nach Lisas Verschwinden, sofort, nachdem Informationen darüber im Internet aufgetaucht waren, hatten sich Freiwillige auf die Suche nach dem vermissten Mädchen gemacht. Doch es war ihnen nicht mehr gelungen, Lisa zu retten. Einen Tag nach Eintritt des Todes wurde ihre Leiche gefunden.
Die Vermisstenstatistik in Russland ist erschreckend hoch: Allein nach offiziellen Angaben wurden 2011 im Land 21.000 verschwundene Kinder und Teenager registriert. Das Katastrophenministerium und die Polizei beginnen dem Gesetz nach mit der Suche nach Vermissten – unabhängig vom Alter – erst am dritten Tag nach deren Verschwinden. Die Freiwilligen von „Liza Alert“ aber reagieren schon auf den ersten Hinweis. „Wir sind bereit, 24 Stunden am Tag zu helfen, und bei uns gibt es weder Wochenenden noch Feiertage“, schreiben die Organisatoren des Projekts auf der Website der Vereinigung.
Auf der Ausstellung werden neun Geschichten aus dem Leben des Suchtrupps vorgestellt. Jede besteht aus dem Foto eines Kindes, einer Karte der Umgebung, in denen der oder die Vermisste zum letzten Mal gesehen wurde, Posts zur Suche aus dem Forum der Truppe, Artikeln aus den Medien und einer kurzen Zusammenfassung in einem schwarzen oder orangenen Rahmen, die darüber berichtet, wie die Arbeit der Freiwilligen ausgegangen ist. Ein schwarzer Rahmen bedeutet, dass es nicht gelungen ist, den vermissten Menschen zu retten – und ein orangener, dass er lebend gefunden wurde. „Ich bin zufällig auf diese Ausstellung geraten und… erst nach drei Stunden wieder rausgekommen. Ich habe darüber das Treffen mit meinen Freundinnen vergessen und mein Telefon gar nicht klingeln gehört. Es ist ganz unmöglich, unberührt zu bleiben, wenn man von dem Schicksal dieser Kleinen liest“, sagt Irina, Mutter von zwei Kindern. Die 30-jährige Moskauerin will sich bald mit den Organisatoren des Projekts in Verbindung setzen und ihnen ihre Hilfe anbieten. „Den Wald durchkämmen kann ich zwar nicht, aber schließlich werden auch Leute gebraucht, die Telefondienst machen – und dazu habe ich auf jeden Fall genug Kraft.“
Die Schicksale der Freiwilligen werden auf der Ausstellung zwar nicht thematisiert, doch dadurch sind sie nicht weniger interessant. Einige von ihnen haben den Verlust eines nahestehenden Menschen erlebt. Manch einer will sich Hilfe „verdient haben“, falls er selbst einmal in Bedrängnis geraten sollte. Andere interessieren sich für Tourismus und streifen gerne durch Wälder, Sümpfe und Felder – nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern auch im Sinne einer gemeinsamen Sache. Alle zu retten, ist nicht möglich – das wissen die Aktivisten der Bewegung. Aber zumindest versuchen muss man es doch. „Jedes wiedergefundene Kind ist ein Schritt in Richtung der Lösung eines enormen gesellschaftlichen Problems“, meinen die Organisatoren des Projekts.
Dienstag, 15. Mai 2012
Eine Chronik der Spaziergänge
Mit dem Antritt des Frühlings und des neuen Präsidenten hat sich Moskau auf einen ausufernden Spaziergang begeben. Zehntausende Menschen gingen als Zeichen ihres Protestes gegen die herrschenden Machtstrukturen auf die Boulevards und zentralen Straßen der Stadt. Erst gab es in der Hauptstadt am Vorabend der Vereidigung eine Prozession und ein Meeting mit tausendfacher Beteiligung, in dessen Ergebnis es zu harten Zusammenstößen mit der OMON kam. Dabei wurden einige Dutzend Menschen, darunter auch Angehörige der Sicherheitskräfte, verletzt. Mehr als 400 Leute wurden außerdem auf Polizeiwachen festgehalten.
Am Tag darauf haben aktive Bürger die Protestaktionen auf ungewöhnliche Art und Weise fortgesetzt. Tausende von Moskauern gingen mit gut erkennbaren weißen Bändern – den Symbolen des Protests – auf die Straßen… und zwar zu einem Spaziergang. Zuerst pickten sich die Polizisten die Leute mit den Bändern aus der Menge heraus, danach aber verfrachteten sie die „Spaziergänger“ schon ziemlich wahllos aufgrund ihrer weißen Socken, weißen Schals oder weißen Hemden in die Mannschaftswagen. Was man mit den Verhafteten machen sollte, wusste aber offensichtlich niemand. Nachdem man die Bürger ein paar Stunden lang durch die Stadt gefahren und deren Personalien aufgenommen hatte, schickten die Polizisten die „Gesetzesbrecher“ wieder nach Hause. Doch die Leute kehrten sowieso wieder auf die Straßen zurück und gingen dort… spazieren.
Dieses unorganisierte Schlendern über die Straßen der Stadt endete in einem Lager im Zentrum Moskaus, an den Tschistyje Prudy („Saubere Teiche“). Schon fast seit einer Woche hatten sich dort um die Hundert Bürgerrechtsaktivisten eingerichtet. Sie halten Vorträge, diskutieren die politischen Perspektiven des Landes, führen Theaterstücke auf, geben eine Zeitung heraus und schlafen am Denkmal des kasachischen Dichters Abaj Kunanbajew in Schlafsäcken. Die Teilnehmenden dieses Lagers bezeichnen ihre vorübergehende Unterkunft als eine ideale Regierung, in der jeder versuchen kann, mitzuhelfen, eine Führungsrolle zu übernehmen und Reformen umzusetzen. Zufällig Vorübergehende sehen sich hier interessiert nach allen Seiten um. Die Einwohner der umliegenden Häuser unterstützen das Lager zum Teil, andere hingegen schimpfen auf die geräuschintensiven Aktivisten. Jeden Abend kommen die Anführer der Oppositionsbewegung raus zu den Tschistyje Prudy. Doch offensichtlich kann man sagen, dass sich die Bewohner des Boulevards auch ohne Wortführer gar nicht schlecht selbst organisieren. „In Bezug auf die Toiletten haben wir bereits eine Einigung erreicht, nun fehlt nur noch die Einigung mit Putin“, hatte die Journalistin Ksenija Sobtschak vor einigen Tagen geschrieben. Welchen Ausgang aber diese Moskauer Analogie zu „Occupy Wallstreet“ nimmt, weiß bisher noch niemand. Vielmehr wusste es bis heute niemand.
Am 15. Mai hat ein Moskauer Gericht die oppositionelle Aktion im Zentrum Moskaus verboten und die Stadt dazu verpflichtet, das Lager der Bürgerrechtsaktivisten zu räumen. „Das Gericht hat unseren Traum vernichtet – unsere kleine, rechtskräftige Regierung“, sagt die Aktivistin Olga. Deshalb hat sie aber nicht vor, schon aufzugeben. „Wir finden auf jeden Fall bald einen neuen Ort und bauen das Lager dort wieder auf.“ „Endlich treibt man die mal auseinander und lässt uns hier ruhig unsere eigenes Viertel bewohnen“, freut sich dagegen die Einwohnerin eines an das Lager angrenzenden Hauses, die 45-jährige Irina. „Sollen die Typen doch lieber mal ein bisschen Geld verdienen gehen“, fügt sie noch hinzu.
Nach Umfragedaten des Instituts für angewandte Politik beträgt das Durchschnittsalter der Lagerbewohner 31 Jahre. Zwei Drittel der Teilnehmenden des unbefristeten Protestes haben mindestens einen Hochschulabschluss, jeder Zehnte zwei oder sogar mehr. 45 Prozent der Befragten sind Büromitarbeiter, 15 Prozent sind selbständig. Das heißt also, dass die Aktivisten –abgesehen von den Protestaktionen – schon auch noch etwas anderes zu tun hätten. Aber sie beschäftigen sich aus irgendwelchen Gründen damit, herauszufinden, wie man das Lager wieder aufbauen könnte. „Entschuldigen Sie den Pathos, aber die Zukunft des Landes ist mir wichtiger als alles andere“, sagt Olga. Offensichtlich sind Olga und ihre Gleichgesinnten überzeugt davon, dass es ihnen gelingen wird, etwas zu ändern.
Foto: Nuriya Fatykhova
Übersetzung: Anna Brixa
Mittwoch, 11. April 2012
Hungerstreik
Copyright Foto: Nikolai Levshiz
Meine Freunde Irina und Pjotr sind schon seit 15 Jahren in der Astrachan-Gasse ansässig, beehren regelmäßig – den Wenik geschultert – die Astrachaner Banjas, die ganz um die Ecke liegen, und kommen bei der Frage „Nach was ist denn das alles hier benannt?“ erst einmal leicht in Rudern – um aber dann, nach nur ein paar Minuten und bestürzt über die eigene Schlagfertigkeit, einstimmig auszurufen: Natürlich nach der Stadt Astrachan. „Das ist irgendwo im Süden, ich denke, an der Wolga“, erinnert sich Pjotr. „Und da wachsen auch noch diese Astrachaner Melonen“, ergänzt Irina überzeugt.
Noch vor zwei Wochen hatte sich der Kenntnisstand der meisten Moskauer über diese ruhmreiche Halbmillionenstadt am kaspischen Meer auf das Terrain längst vergessener Schulstunden in Geschichte und Erdkunde beschränkt. Mittlerweile lesen Irina, Pjotr und alle ihre Bekannten Tag für Tag Berichte aus dem Astrachaner Feld, wo sich ein Kampf um den Posten des Bürgermeisters entfacht hat, in den Online-Medien. Der oppositionelle Kandidat Oleg Schein und 20 seiner Anhänger aus der Partei „Gerechtes Russland“ waren als Zeichen ihres Protestes gegen die, ihrer Meinung nach gefälschten, Wahlen um das Oberhaupt von Astrachan in den Hungerstreik getreten. Diesen Hungerstreik hatten die Politiker nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse begonnen, wonach der Vertreter von „Einiges Russland“, Stoljarow, gewonnen hatte. Eine Zeitlang blieb diese Situation mit den Wahlen aus dem Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit, doch letzte Woche hatte sich dann ein junges Promi-Paar, bestehend aus Aleksej Navalnyj, Kämpfer gegen die Korruption, und Ksenija Sobtschak, mondäne Journalistin, dorthin aufgemacht. Und so haben auch Irina und Pjotr damit angefangen, sowohl die Reise dieser Medienpersönlichkeiten als auch die Protestaktionen, zu denen oppositionell eingestellte Leute aus anderen Städten Russlands gekommen waren, gebannt zu verfolgen.
Nach Angaben der Zeitschrift „Russkij Reporter“ in Astrachan wissen dort nur fünf von 100 Studierenden, was facebook und die Blogger-Plattform livejournal sind; und daher wird es wohl nicht gelingen, die Moskauer Erfahrung einer Massen-Agitation über soziale Netzwerke zu wiederholen. Daher rechnen auch die Organisatoren selbst nicht damit, auf diesen Aktionen zur Unterstützung Scheins mehr als ein paar Tausend Leute zusammen zu trommeln. Doch selbst wenn nur tausend Bürger auf die Straßen der südlichen Stadt gehen würden, wäre das ein großer Sieg für die Zivilgesellschaft – da sind sich die Organisatoren der Aktion sicher. Und bis dahin klebt die Initiativ-Gruppe Flyer auf Informationstafeln und teilt auf den Astrachaner Hauptstraßen Einladungen zu den Meetings aus. Wie die ganze Sache ausgeht, werden wir in ein paar Tagen sehen.
Dienstag, 27. März 2012
Zukunft der Oppostion?
Einer dreimonatigen Abfolge an Meetings ist die Luft ausgegangen: Die vorläufig letzte Massenkundgebung „Für ehrliche Wahlen“ hat am 10. März in Moskau stattgefunden. Die Opposition plant die nächsten Veranstaltungen für den 5. Mai – dem Tag, an dem der neue russische Präsident vereidigt wird.
„Die ersten Meetings waren besser: Die hatten eine schlechte Tonübertragung. Wir haben nicht einmal gehört, wozu auf der Bühne aufgerufen wurde, sondern nur die Gesichter der schönen, mitdenkenden und engagierten Leuten um uns herum gesehen“, erinnert sich ein Teilnehmer aller Protestaktionen, der 26-jährige Programmierer Aleksej. Aleksej zählt sich selbst nicht zur politischen Opposition, sondern „will einfach nur in einem normalen Land leben“. Bis zum Dezember 2011 hatte er überhaupt keinen Anteil am gesellschaftlichen Leben genommen. Heute stellt er sich als Bezirksabgeordneter zur Wahl und versucht, die Situation in seinem Wohnbezirk zu verändern. Aleksej hat zu niemandem von den politischen Oppositionellen Vertrauen: „Wir brauchen keine Politiker – denn in den letzten drei Monaten hat sich in Moskau die Zahl derjenigen Bürger, die soziale Verantwortung tragen wollen, erheblich erhöht – jetzt müssen wir die Situation von unten ändern.“
Die Opposition hat verloren, finden viele Experten mit Blick auf neuerliche Gerichtsurteile und Propaganda-Fernsehsendungen, die finanzielle Zuwendungen an gegen die Wahlfälschungen Protestierende „aufdecken“. Für die Regierenden haben sich die Prioritäten ihrer Arbeit eben nicht geändert.
Die Opposition hat verloren – drei Monate lang haben in Ungnade gefallene Politiker politische Dividenden auf Meetings aufgeteilt und es dabei nicht geschafft, eine einheitliche Handlungsstrategie auszuarbeiten. Die Protestierenden unter einer einzigen Flagge zu vereinigen und ein reelles Handlungsmodell anzubieten, ist keinem der Initiatoren dieser Protestwelle gelungen.
Die Opposition hat verloren. Dafür sind aber im Land neue Bürgerrechtsaktivisten zum Vorschein gekommen, von denen sich wahrscheinlich viele während der Protestmaßnahmen zum ersten Mal in ihrem Leben dafür entschieden hatten, für konkrete Veränderungen im Land einzutreten. Die Aktiven unter ihnen sind es mittlerweile Leid, „Russland ohne Putin“ zu schreien, und deshalb haben sie angefangen, zu handeln: Als Bezirksabgeordnete zu kandidieren, den Ablauf der Wahlen und die Tätigkeit der Gerichtshöfe zu beobachten, der Bevölkerung aus der Hauptstadt und den Regionen demokratische Wertvorstellungen nahe zu bringen und Bürgerrechtsinitiativen zu entwickeln.
Die Opposition hat verloren. Doch in Reaktion auf die Proteststimmung hat die Zivilgesellschaft in Russland begonnen, sich zu entwickeln. Und das allein ist schon ein großer Sieg. Das Wichtigste ist jetzt, den Enthusiasmus nicht zu verlieren.
„Die ersten Meetings waren besser: Die hatten eine schlechte Tonübertragung. Wir haben nicht einmal gehört, wozu auf der Bühne aufgerufen wurde, sondern nur die Gesichter der schönen, mitdenkenden und engagierten Leuten um uns herum gesehen“, erinnert sich ein Teilnehmer aller Protestaktionen, der 26-jährige Programmierer Aleksej. Aleksej zählt sich selbst nicht zur politischen Opposition, sondern „will einfach nur in einem normalen Land leben“. Bis zum Dezember 2011 hatte er überhaupt keinen Anteil am gesellschaftlichen Leben genommen. Heute stellt er sich als Bezirksabgeordneter zur Wahl und versucht, die Situation in seinem Wohnbezirk zu verändern. Aleksej hat zu niemandem von den politischen Oppositionellen Vertrauen: „Wir brauchen keine Politiker – denn in den letzten drei Monaten hat sich in Moskau die Zahl derjenigen Bürger, die soziale Verantwortung tragen wollen, erheblich erhöht – jetzt müssen wir die Situation von unten ändern.“
Die Opposition hat verloren, finden viele Experten mit Blick auf neuerliche Gerichtsurteile und Propaganda-Fernsehsendungen, die finanzielle Zuwendungen an gegen die Wahlfälschungen Protestierende „aufdecken“. Für die Regierenden haben sich die Prioritäten ihrer Arbeit eben nicht geändert.
Die Opposition hat verloren – drei Monate lang haben in Ungnade gefallene Politiker politische Dividenden auf Meetings aufgeteilt und es dabei nicht geschafft, eine einheitliche Handlungsstrategie auszuarbeiten. Die Protestierenden unter einer einzigen Flagge zu vereinigen und ein reelles Handlungsmodell anzubieten, ist keinem der Initiatoren dieser Protestwelle gelungen.
Die Opposition hat verloren. Dafür sind aber im Land neue Bürgerrechtsaktivisten zum Vorschein gekommen, von denen sich wahrscheinlich viele während der Protestmaßnahmen zum ersten Mal in ihrem Leben dafür entschieden hatten, für konkrete Veränderungen im Land einzutreten. Die Aktiven unter ihnen sind es mittlerweile Leid, „Russland ohne Putin“ zu schreien, und deshalb haben sie angefangen, zu handeln: Als Bezirksabgeordnete zu kandidieren, den Ablauf der Wahlen und die Tätigkeit der Gerichtshöfe zu beobachten, der Bevölkerung aus der Hauptstadt und den Regionen demokratische Wertvorstellungen nahe zu bringen und Bürgerrechtsinitiativen zu entwickeln.
Die Opposition hat verloren. Doch in Reaktion auf die Proteststimmung hat die Zivilgesellschaft in Russland begonnen, sich zu entwickeln. Und das allein ist schon ein großer Sieg. Das Wichtigste ist jetzt, den Enthusiasmus nicht zu verlieren.
Dienstag, 7. Februar 2012
Битва за Большой

Meine Oma will ins Bolschoi-Theater. Sie wird nächste Woche 75. Oma ist noch zu Sowjetzeiten, auf Zuteilung ihres Betriebs hin, im wichtigsten Theater des Landes gewesen. Damals hatte sie in der allerletzten Reihe gesessen und nur einen massiven Kristall-Lüster mit einem Gewicht von über zwei Tonnen gesehen. Die Bühne verschwand – war ja klar – irgendwo hinter diesem Lüster; doch die Musik war anscheinend trotzdem zu hören.
Aber lassen wir die Dramatik mal beiseite: Oma will ins Bolschoi-Theater. Und wer wird ihr schon dabei helfen, wenn nicht ich. Ein paar Wochen vor Beginn des offiziellen Ticketverkaufs für das Ballett „Romeo und Julia“ studiere ich also detailliert die Webseite des wichtigsten Landessymbols. Ich bin kein Tschernobyl-Opfer, weder behindert noch Kriegsveteranin, habe keine drei Kinder – was alles bedeutet: Ich gehöre zu keiner der Kategorien, die Ermäßigungen bekommen. Deswegen schicke ich, wie mir auf der Seite des Bolschoi geraten wird, vorab eine E-Mail-Anfrage: „Reservieren Sie mir bitte zwei Karten fürs Ballett. Egal wo, Hauptsache nicht in der letzten Reihe hinter dem Lüster.“ Die Antwort darauf kommt nicht erst innerhalb einer Woche, sondern überhaupt nicht. Am Telefon antwortet mir eine Kassiererin nachdrücklich: „Warten Sie eine Antwort ab.“
Am ersten Verkaufstag werden an den Kassen von 11-12 Uhr Tickets für Leute aus den ermäßigten Kategorien abgegeben. Ab 12 Uhr an alle anderen. Ich nehme meinen Pass mit hin. Vor dem Hintergrund des Skandals um die Hamsterkäufe Ende letzten Jahres, als ein Bolschoi-Besuch Kulturliebhaber Zehntausende von Euros kosten sollte, werden die heißersehnten Karten jetzt nur noch gegen Vorlage des Passes verkauft, und nicht mehr als zwei Stück pro Nase. Ich reihe mich ehrlich in die Schlange ein und stehe zwei Stunden bei -20 Grad Kälte herum, komme aber nicht einen einzigen Meter weiter. Dann verlassen angeschlagene VertreterInnen der ermäßigten Kategorien das Theater: Auch sie haben keine guten Tickets mehr bekommen. Aber ich bin ja an allen Fronten bewaffnet: Ich habe ein Netbook und ein internetfähiges Handy dabei. Ab 13 Uhr werden nämlich die Karten für den Online-Verkauf freigegeben. Ich lasse die Website des Bolschoi-Theaters auf zwei technischen Geräten alle zehn Sekunden konsequent wieder neu aufbauen – aber ohne Erfolg: Alle 1768 Tickets für „Romeo und Julia“ sind bereits reserviert. Wie das gehen soll, bleibt im Unklaren, doch der Fakt ist unbestreitbar. Ich lade die Seite zum zwanzigsten Mal, und – oh Wunder – zwei Plätze im Amphitheater-Bereich, zwei von denen, die am doofsten gelegen sind, für 100 Euro das Stück, aber immerhin zwei, und immerhin nebeneinander. Und was macht man nicht alles für seine Oma. Ich klicke auf „Online kaufen“. Die Seite baut sich nicht auf. Den ganzen Tag lang, und auch an den beiden darauffolgenden, gehe ich 300 Mal pro Tag auf die Website des Bolschoi-Theaters, doch es sind keine Tickets zu bekommen. Ich schaffe es also nicht, das ersehnte Geschenk zu kaufen.
Aber meine Oma soll sich mal keine Sorgen machen – wir fahren nach Petersburg und gehen zusammen ins Mariinskij-Theater. Die ganze Reise ist zusammen mit den Zugtickets günstiger als ein Besuch im Bolschoi. Dahin können ja die BürgerInnen aus den ermäßigten Kategorien gehen, die es geschafft haben, Karten zu ergattern, und dann noch jene legendären MoskauerInnen und Gäste der Stadt, die es in nur zwei Sekunden bewerkstelligt bekamen, einen ganzen Saal leerzukaufen.
Ach ja: Und noch einer von denen, die ins Bolschoi-Theater gehen, ist mein guter Bekannter, Pawel. Pawel ist kein großer Opern-Fan, er arbeitet als Instructor in einem elitären Fitness-Club. Das Ticket hat er von einer Kundin, einer Pop-Sängerin, zu Weihnachten bekommen. Pawel hatte noch lange hin- und herüberlegt, ob er die erhaltene Karte vielleicht für so, sagen wir, 400 Euro weiterverkaufen sollte. Doch der Sog der Kultur war stärker. Und als Fitness-Trainer lässt sich eben so einiges leichter stemmen.
Copyright: Foto Bolschoj Teatr
Donnerstag, 26. Januar 2012
Beim zweiten Anlauf durch Examen

Am 25. Januar war Dmitrij Medwedew wieder einmal Gast der Fakultät für Journalismus an der MGU. Der vorangegangene Besuch des Präsidenten im Oktober 2011 hatte bei den angehenden JournalistInnen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen und war zum Medienskandal geworden: Denn für das Gespräch selbst wurden Studierende der journalistischen Fakultät nicht zugelassen. Protestierende waren in Seminarräume eingeschlossen und sogar in Polizeitransporter gesperrt worden. Außerdem hatte man unter den Teilnehmenden am Herbsttreffen AktivistInnen der regierungstreuen Jugendbewegung „Naschi“ ausgemacht. Lehrende wie Studierende mussten damals vor den Toren ihrer eigenen Hochschule die Abreise des Präsidenten abwarten.
Am Studierendentag hatte das Staatsoberhaupt ein weiteres Mal beschlossen, zu einem Treffen zu kommen. Diesmal hatte sich eine studentische Arbeitsgruppe der Vorbereitung und Organisation angenommen, und dem staatlichen Bewachungsdienst blieb es lediglich überlassen, für Fragen der Sicherheit zu sorgen.
Um die 200 Studierende, Doktoranden, Lehrende und JournalistInnen im Hörsaal, und Dmitrij Medwedew am Katheder vor der grünen Tafel. Die erwarteten schwierigen, sozialkritischen, juristischen und politischen Fragen, und ein unerwartet offenes Gespräch. Hier nur einige der Fragen: Wie würden Sie sich zu Zeiten einer Revolution verhalten? Was haben Sie vor, gegen den Braindrain zu unternehmen? Halten Sie es nicht für notwendig, bei Protesten herauszutreten und mit den protestierenden und enttäuschten Leuten ins Gespräch zu kommen? Kann man die Einreise von GeorgierInnen nach Russland irgendwie vereinfachen? Warum gibt es bei uns eine Zensur? Hilft ein Botschafterwechsel dabei, die russisch-amerikanischen Beziehungen zu verbessern? Was hat sich am toten Punkt der Ermittlungen um die ermordeten JournalistInnen bewegt? Beschäftigen Sie sich mit der Möglichkeit, dass Sie im Mai eventuell nicht Premierminister werden könnten?
Das Staatsoberhaupt übernahm eigenhändig die Aufgabe, die Diskussion zu moderieren: Es wurde abwechselnd den ersten Reihen und der oberen Saalhälfte das Wort erteilt. Als die Zeit schließlich knapp wurde, versuchten die Studierenden, durch das Hochhalten von I-Pods mit der russischen Flagge und Plakaten mit der Aufschrift „sehr ernstzunehmende Frage“ die Aufmerksamkeit Medwedews zu abzufangen. Dieser reagierte genauso auch auf Bemerkungen aus dem Saal, die Fragen der Ausbildung, den Fall Chodorkowskij und die Baupolitik Moskaus betrafen. „Sonst heißt es wieder, dass ich nur die hübschesten Mädchen aufgerufen habe – die dann auch noch Fragen gestellt haben, die angenehm für den Präsidenten waren“, scherzte das Regierungsoberhaupt.
Während des mehr als zweistündigen Austauschs bekamen die Studierenden Folgendes heraus: Medwedew tut der in Ungnade gefallene Oligarch Chodorkowskij leid. Er ist zwar untröstlich darüber, dass aus Russland Gehirne abgeworben werden, aber gleichzeitig sicher, dass mit der Ausbildung in Russland alles glatt laufen wird. Die Idee eines gesellschaftlichen Fernsehkanals sollte zurückgenommen werden, und den Bauleitern, die behindertengerechte Lösungen einfach übergehen, sollte man eins überziehen. Medwedew findet, dass man die zwischenmenschlichen Beziehungen mit Georgien vereinfachen sollte, hat aber nicht vor, Saakaschwili die Hand zu reichen. Das Regierungsoberhaupt kennt die Namen der ersten Verdächtigen im Fall des brutalen Übergriffs auf den Journalisten Kaschin und denkt, dass keine Zensur der Medien im Land existiert. Der russische Präsident ist überzeugt, dass es schwieriger geworden ist, einen Geschäftsmann für Wirtschaftsverbrechen zu verhaften, doch das Problem der „Wirtschaftsschädigung“ ist noch nicht gelöst. Und schlussendlich ist sich Medwedew sicher, dass die im vergangenen Dezember 2011 durchgeführten Parlamentswahlen die saubersten in der Geschichte des Landes waren. Mit unzufriedenen Menschen in einen Dialog zu treten, habe er zwar nicht vor, sei aber durchaus dazu bereit, sich mit VertreterInnen der Protestierenden auszutauschen.
Die Studierenden hatten also die Möglichkeit, dem Regierungsoberhaupt ihre Fragen zu stellen. Fragen, die kompliziert und unangenehm für den Präsidenten waren. Und das ist doch schon einmal ein erfreulicher Umstand. Doch eine Frage bleibt schlussendlich offen, und die muss nicht Medwedew beantworten, sondern seine Zuhörerschaft: Sind die zukünftigen und gegenwärtigen JournalistInnen mit den Antworten, die sie bekommen haben, zufriedengestellt?
Foto Copyright: Kremilin.ru
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Wahl meiner Lehrer
4. Dezember 1991: Meine Lehrer beauftragen mich, eine Erstklässlerin, die Rolle des Abc-Buchs auf dem Schulfest zu spielen. Ich fühle mich geschmeichelt und bin dankbar für das große Vertrauen. Denn meine Lehrer sind äußerst gerecht. Sie haben bestimmt alle möglichen Kandidaten vor dem pädagogischen Rat besprochen und haben mich nicht einfach so ausgewählt, sondern sich an meine Erfolge beim Schreiben und im Sportunterricht erinnert.
4. Dezember 1995: Meine Lehrer bringen mir Prozentrechnen bei. Wie viel Prozent sind 520 von 2000? Ich beiße mir auf die Zunge und schreibe fleißig den Bruch in mein kariertes Heft. Ich multipliziere, teile… und erhalte 384. Meine Lehrer schütteln vorwurfsvoll den Kopf und schreiben die Lösung an die Tafel – 26. Ich bin begeistert von den mathematischen Kräften und der Gelehrtheit meiner Lehrer. Wer sonst kann in ein paar Sekunden die richtige Antwort geben?
4. Dezember 1998: Meine Lehrer geben mir eine Fünf wegen eines zerbrochenen Kolbens mit Phenolphthalein im Chemieraum. Hätte man doch besser meinen Nachbar bestraft, der hat mich geschubst. Meine Lehrer erklären: Mit chemischen Farbstoffen muss man äußerst ordentlich umgehen. Petzen tut man nicht, jeder ist für sich verantwortlich. Meine Lehrer haben vollkommen Recht: Jede Arbeit muss sorgfältig ausgeführt werden. Anderen die Schuld zuschieben ist eine unwürdige und ehrlose Tat. Zumal mich gar niemand geschubst hat– ich wollte nur übertreiben, damit Mama nicht in die Schule kommen muss.
4. Dezember 2011: Meine Lehrer setzen sich heute, an einem Sonntag, in den Sportsaal der Schule. Meine Lehrer verteilen höflich die Stimmzettel, begrüßen mich und meine Klassenkameraden erfreut mit dem Vornamen und loben unser bürgerliches Pflichtbewusstsein. In den Augen meiner Lehrer verbirgt sich die Müdigkeit: Die Wahl hat um acht Uhr morgens begonnen und ihnen steht die Auszählung der Stimmen noch bevor. Meine Lehrer können schnell Prozente berechnen, sie sind gerecht, ehrlich und arbeiten mit filigraner Genauigkeit. Aber irgendwas passt da nicht zusammen. Erst um sieben Uhr morgens verkünden meine Lehrer das Urteil: „Einiges Russland“ erhält 50,7 % der Stimmen. Meine Lehrer irren sich nie, doch warum haben nach den Exit-polls an unserem Wahllokal durchschnittlich nur halb so viel Wähler für die Regierungspartei gestimmt?
Foto: Copyright - Fernsehkanal Rossja1
4. Dezember 1995: Meine Lehrer bringen mir Prozentrechnen bei. Wie viel Prozent sind 520 von 2000? Ich beiße mir auf die Zunge und schreibe fleißig den Bruch in mein kariertes Heft. Ich multipliziere, teile… und erhalte 384. Meine Lehrer schütteln vorwurfsvoll den Kopf und schreiben die Lösung an die Tafel – 26. Ich bin begeistert von den mathematischen Kräften und der Gelehrtheit meiner Lehrer. Wer sonst kann in ein paar Sekunden die richtige Antwort geben?
4. Dezember 1998: Meine Lehrer geben mir eine Fünf wegen eines zerbrochenen Kolbens mit Phenolphthalein im Chemieraum. Hätte man doch besser meinen Nachbar bestraft, der hat mich geschubst. Meine Lehrer erklären: Mit chemischen Farbstoffen muss man äußerst ordentlich umgehen. Petzen tut man nicht, jeder ist für sich verantwortlich. Meine Lehrer haben vollkommen Recht: Jede Arbeit muss sorgfältig ausgeführt werden. Anderen die Schuld zuschieben ist eine unwürdige und ehrlose Tat. Zumal mich gar niemand geschubst hat– ich wollte nur übertreiben, damit Mama nicht in die Schule kommen muss.
4. Dezember 2011: Meine Lehrer setzen sich heute, an einem Sonntag, in den Sportsaal der Schule. Meine Lehrer verteilen höflich die Stimmzettel, begrüßen mich und meine Klassenkameraden erfreut mit dem Vornamen und loben unser bürgerliches Pflichtbewusstsein. In den Augen meiner Lehrer verbirgt sich die Müdigkeit: Die Wahl hat um acht Uhr morgens begonnen und ihnen steht die Auszählung der Stimmen noch bevor. Meine Lehrer können schnell Prozente berechnen, sie sind gerecht, ehrlich und arbeiten mit filigraner Genauigkeit. Aber irgendwas passt da nicht zusammen. Erst um sieben Uhr morgens verkünden meine Lehrer das Urteil: „Einiges Russland“ erhält 50,7 % der Stimmen. Meine Lehrer irren sich nie, doch warum haben nach den Exit-polls an unserem Wahllokal durchschnittlich nur halb so viel Wähler für die Regierungspartei gestimmt?
Foto: Copyright - Fernsehkanal Rossja1
Donnerstag, 24. November 2011
Schlange stehen für seelische Kost
„Eine Reliquie! Selbst das kleinste Stück davon… und jetzt haben sie einen ganzen Gürtel hergebracht!“, freut sich meine Bekannte, die Übersetzerin Marija, via Google-Talk. Die 27-jährige hat sich vorgenommen, heute nach der Arbeit zusammen mit Gleichgesinnten zur Christus-Erlöser-Kirche zu pilgern, um diesen Gürtel der Gottesmutter kurz zu berühren.
Die Reliquie ist vom 18. bis 27. November aus dem griechischen Männerkloster Afonsk nach Moskau gebracht worden – und allein am ersten Tag waren 70.000 Menschen zur Hauptkirche des Landes gezogen. Schlange gestanden haben die MoskauerInnen – und auch EinwohnerInnen anderer Städte und Länder, denn Pilger waren aus praktisch allen GUS-Ländern extra angereist – nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen sechs und 20 Stunden. Die Kirche hat die Verehrung des Gürtels bereits zum größten kirchlichen Massenereignis der letzten 100 Jahren ernannt. Marija jedenfalls schrecken die Außentemperaturen und die sich über einige Kilometer hinziehende Schlange nicht ab: „Ich möchte die Muttergottes, wie auch viele andere Frauen hier, um ein Kind bitten.“
Wir sind schon daran gewöhnt, dass an großen Feiertagen Gottesdienste aus den Kirchen live im Fernsehen übertragen werden. Und zwischen den Betenden fischt sich die Kamera auch immer zuverlässig den Präsidenten oder Premier-Minister des Landes heraus. Sich aber zu vergegenwärtigen, dass entlang der Moskwa eine ganze Woche lang rund um die Uhr orthodoxe Pilger stehen – in den ersten sechs Tagen war fast eine halbe Million dort gewesen – war nicht ganz einfach. Und noch schwieriger die Vorstellung, dass sich unter ihnen die erfolgreiche und ehrgeizige Marija befindet.
Im Jahre 1991 hat sich nach Erhebungen des Levada-Zentrums jede/r vierte russische StaatsbürgerIn zum orthodoxen Glauben bekannt. Analoge Umfragen zwanzig Jahre darauf haben gezeigt, dass fast 70 Prozent der Bevölkerung im Land sich als orthodox bezeichnet. Darunter sind nicht nur Omas vom Dorf, sondern auch durchaus erfolgreiche junge Leute: Der Großteil von Marias Kirchgängertruppe besteht aus ManagerInnen der mittleren Führungsschicht in großen Unternehmen. Und auch SchülerInnen werden sehr bald erfahren, wie man Heilige anbetet und zur Beichte geht: Ab nächsten Jahr wird das Fach „Grundlagen religiöser Kulturen und mondäner Ethik“ an allen russischen Schulen Pflicht.
Den heiligen Gürtel kann man jetzt übrigens nicht mehr küssen. Der Schrein mit dem Gürtel wurde auf einen kleinen Sockel gestellt, um die Anzahl der Passierenden von 40 auf 80 pro Minute zu erhöhen. Wer es trotzdem nicht schafft, sich vor dem heiligen Gürtel zu verneigen, braucht sich aber keine Sorgen zu machen. Die Moskauer Regierung plant einen Rundflug des heiligen Gürtels über Moskau zu organisieren. Der Hubschrauberflug des Heiligtums wird die ganze Hauptstadt weihen, sowie sämtliche Moskauer, die es bisher noch nicht geschafft haben ihren Teil der Reliquie abzubekommen – oder dies gar nicht wollten.

(Foto Agentur Itar-Tass)
Die Reliquie ist vom 18. bis 27. November aus dem griechischen Männerkloster Afonsk nach Moskau gebracht worden – und allein am ersten Tag waren 70.000 Menschen zur Hauptkirche des Landes gezogen. Schlange gestanden haben die MoskauerInnen – und auch EinwohnerInnen anderer Städte und Länder, denn Pilger waren aus praktisch allen GUS-Ländern extra angereist – nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen sechs und 20 Stunden. Die Kirche hat die Verehrung des Gürtels bereits zum größten kirchlichen Massenereignis der letzten 100 Jahren ernannt. Marija jedenfalls schrecken die Außentemperaturen und die sich über einige Kilometer hinziehende Schlange nicht ab: „Ich möchte die Muttergottes, wie auch viele andere Frauen hier, um ein Kind bitten.“
Wir sind schon daran gewöhnt, dass an großen Feiertagen Gottesdienste aus den Kirchen live im Fernsehen übertragen werden. Und zwischen den Betenden fischt sich die Kamera auch immer zuverlässig den Präsidenten oder Premier-Minister des Landes heraus. Sich aber zu vergegenwärtigen, dass entlang der Moskwa eine ganze Woche lang rund um die Uhr orthodoxe Pilger stehen – in den ersten sechs Tagen war fast eine halbe Million dort gewesen – war nicht ganz einfach. Und noch schwieriger die Vorstellung, dass sich unter ihnen die erfolgreiche und ehrgeizige Marija befindet.
Im Jahre 1991 hat sich nach Erhebungen des Levada-Zentrums jede/r vierte russische StaatsbürgerIn zum orthodoxen Glauben bekannt. Analoge Umfragen zwanzig Jahre darauf haben gezeigt, dass fast 70 Prozent der Bevölkerung im Land sich als orthodox bezeichnet. Darunter sind nicht nur Omas vom Dorf, sondern auch durchaus erfolgreiche junge Leute: Der Großteil von Marias Kirchgängertruppe besteht aus ManagerInnen der mittleren Führungsschicht in großen Unternehmen. Und auch SchülerInnen werden sehr bald erfahren, wie man Heilige anbetet und zur Beichte geht: Ab nächsten Jahr wird das Fach „Grundlagen religiöser Kulturen und mondäner Ethik“ an allen russischen Schulen Pflicht.
Den heiligen Gürtel kann man jetzt übrigens nicht mehr küssen. Der Schrein mit dem Gürtel wurde auf einen kleinen Sockel gestellt, um die Anzahl der Passierenden von 40 auf 80 pro Minute zu erhöhen. Wer es trotzdem nicht schafft, sich vor dem heiligen Gürtel zu verneigen, braucht sich aber keine Sorgen zu machen. Die Moskauer Regierung plant einen Rundflug des heiligen Gürtels über Moskau zu organisieren. Der Hubschrauberflug des Heiligtums wird die ganze Hauptstadt weihen, sowie sämtliche Moskauer, die es bisher noch nicht geschafft haben ihren Teil der Reliquie abzubekommen – oder dies gar nicht wollten.

(Foto Agentur Itar-Tass)
Dienstag, 25. Oktober 2011
Netzleben
„Und wieder mal habe ich einen Vortrag zu Umweltfragen, ein Roofer-Treffen und eine Fotoausstellung verpasst“, jammert der 25-jährige Marktforscher Denis. „Selbst schuld, schaff dir eben einen Account auf Vkontakte, Facebook und Google+ an“, raten ihm seine KollegInnen im Betrieb.
Denis ist eine Ausnahme von den Regeln des modernen Lebens. Seit dem Jahr 2006, als in Russland das erste soziale Netzwerk – „Odnoklassniki.ru“ – aufgetaucht war, und bis zum heutigen Tag hat er sich von sozialen Netzen ferngehalten. „Ich wollte meine persönlichen Daten nicht aus der Hand geben und hatte Angst, im virtuellen Austausch hängenzubleiben“, gibt er zu. „Aber mittlerweile wird mir das zu doof, weil du einfach immer außen vor stehst, während dort Filmpremieren, weltweite Tendenzen, die letzten Partys und überhaupt alles mögliche bequatscht wird.“
Der Statistik nach verbringt jede/r EinwohnerIn Russlands im Schnitt 10,3 Stunden pro Monat in sozialen Netzwerken. Von 2006 bis 2008 haben wir bei „Odnoklassniki“ rumgehangen, bis wir es leid waren, uns gegenseitig die Bestnote 5+ für jedes Bikini-Foto zu geben und bei Zusatzfunktionen draufzuzahlen. 2008 sind dann alle auf „Vkontakte“ umgezogen und haben lange „Interface“ benutzt, eine Facebook-Analogie für den russischen Raum. Bei Vkontakte konnte man bereits Treffen ausmachen, Diskussionen erstellen und vor allem Filme und Musik hochladen. Hier interessierte sich schon niemand mehr dafür, wer bei wem auf der Seite zu Gast gewesen war und die schlechtmöglichste Punktzahl auf den Fotos der oder des Ex hinterlassen hatte. Es schien also, dass man wieder ruhig durchatmen konnte – doch die Freunde aus dem Ausland blieben schließlich auch nicht untätig. Man war also gezwungen, sich einen Account auf Facebook anzulegen. Aber Pustekuchen: Als wir gerade jede/r 150 Fotos in das neue soziale Netzwerk hochgeladen, uns erneut mit allen befreundet, alle europäischen Freunde aufgetrieben und die interessantesten Massenmedien abonniert haben, gibt es schon einen neuen Trend. „Ich mach´ mir einen Account auf google+, hol´s dir auch, aber schnell!“.
Im Endeffekt hatten wir dann alle so an die drei-vier Profile zusammengesammelt. In sozialen Netzwerken werden Jobs vergeben, Party-Einladungen verteilt, Fotos und Nachrichten veröffentlicht, und es wird sich einfach nur „über das Leben“ ausgetauscht. Ich begegne dort einem Freund aus Kindertagen und habe keine Ahnung, über was ich mit ihm reden soll. Ich bin auch so darüber im Bilde, dass er zwei Kinder und eine Geliebte hat, seinen Job hasst und im Urlaub auf einer Yacht durch die Adria segelt. Wir haben uns seit acht Jahren nicht mehr gesehen, aber ich weiß, dass er gestern zum Abendessen usbekischen Plow gegessen hat.
Nach dem Aufwachen gehe ich als erstes auf Facebook, finde so heraus, dass meine Kollegin in den Ural geflogen ist, und vor dem Einschlafen lese ich die die Nachrichten auf Vkontakte: Mein früherer Mitschüler hat sich scheiden lassen und hört jetzt wieder Zoi. Auf Google+ habe ich echt Angst, mich anzumelden – denn um mir eine weitere Informationsleiste anzusehen, fehlt mir einfach die Zeit.
Soll sich doch Denis, der Marktforscher, alle denkbaren Accounts anschaffen. Am Anfang ist das sogar noch ganz witzig. Mir dagegen reicht´s: Morgen lösche ich alle Profile und habe dann pro Tag ganze anderthalb Stunden mehr Zeit zum Schlafen. Ich schau´ mir nur noch eben schnell die Fotos meiner KommilitonInnen an, beschwere mich bei meiner Freundin in einem Kommentar über das Leben, diskutiere mit meinen KollegInnen Jobfragen und sage meiner Mama im Chat „Gute Nacht“, ja und dann nur noch schnell…
Denis ist eine Ausnahme von den Regeln des modernen Lebens. Seit dem Jahr 2006, als in Russland das erste soziale Netzwerk – „Odnoklassniki.ru“ – aufgetaucht war, und bis zum heutigen Tag hat er sich von sozialen Netzen ferngehalten. „Ich wollte meine persönlichen Daten nicht aus der Hand geben und hatte Angst, im virtuellen Austausch hängenzubleiben“, gibt er zu. „Aber mittlerweile wird mir das zu doof, weil du einfach immer außen vor stehst, während dort Filmpremieren, weltweite Tendenzen, die letzten Partys und überhaupt alles mögliche bequatscht wird.“
Der Statistik nach verbringt jede/r EinwohnerIn Russlands im Schnitt 10,3 Stunden pro Monat in sozialen Netzwerken. Von 2006 bis 2008 haben wir bei „Odnoklassniki“ rumgehangen, bis wir es leid waren, uns gegenseitig die Bestnote 5+ für jedes Bikini-Foto zu geben und bei Zusatzfunktionen draufzuzahlen. 2008 sind dann alle auf „Vkontakte“ umgezogen und haben lange „Interface“ benutzt, eine Facebook-Analogie für den russischen Raum. Bei Vkontakte konnte man bereits Treffen ausmachen, Diskussionen erstellen und vor allem Filme und Musik hochladen. Hier interessierte sich schon niemand mehr dafür, wer bei wem auf der Seite zu Gast gewesen war und die schlechtmöglichste Punktzahl auf den Fotos der oder des Ex hinterlassen hatte. Es schien also, dass man wieder ruhig durchatmen konnte – doch die Freunde aus dem Ausland blieben schließlich auch nicht untätig. Man war also gezwungen, sich einen Account auf Facebook anzulegen. Aber Pustekuchen: Als wir gerade jede/r 150 Fotos in das neue soziale Netzwerk hochgeladen, uns erneut mit allen befreundet, alle europäischen Freunde aufgetrieben und die interessantesten Massenmedien abonniert haben, gibt es schon einen neuen Trend. „Ich mach´ mir einen Account auf google+, hol´s dir auch, aber schnell!“.
Im Endeffekt hatten wir dann alle so an die drei-vier Profile zusammengesammelt. In sozialen Netzwerken werden Jobs vergeben, Party-Einladungen verteilt, Fotos und Nachrichten veröffentlicht, und es wird sich einfach nur „über das Leben“ ausgetauscht. Ich begegne dort einem Freund aus Kindertagen und habe keine Ahnung, über was ich mit ihm reden soll. Ich bin auch so darüber im Bilde, dass er zwei Kinder und eine Geliebte hat, seinen Job hasst und im Urlaub auf einer Yacht durch die Adria segelt. Wir haben uns seit acht Jahren nicht mehr gesehen, aber ich weiß, dass er gestern zum Abendessen usbekischen Plow gegessen hat.
Nach dem Aufwachen gehe ich als erstes auf Facebook, finde so heraus, dass meine Kollegin in den Ural geflogen ist, und vor dem Einschlafen lese ich die die Nachrichten auf Vkontakte: Mein früherer Mitschüler hat sich scheiden lassen und hört jetzt wieder Zoi. Auf Google+ habe ich echt Angst, mich anzumelden – denn um mir eine weitere Informationsleiste anzusehen, fehlt mir einfach die Zeit.
Soll sich doch Denis, der Marktforscher, alle denkbaren Accounts anschaffen. Am Anfang ist das sogar noch ganz witzig. Mir dagegen reicht´s: Morgen lösche ich alle Profile und habe dann pro Tag ganze anderthalb Stunden mehr Zeit zum Schlafen. Ich schau´ mir nur noch eben schnell die Fotos meiner KommilitonInnen an, beschwere mich bei meiner Freundin in einem Kommentar über das Leben, diskutiere mit meinen KollegInnen Jobfragen und sage meiner Mama im Chat „Gute Nacht“, ja und dann nur noch schnell…
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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 