Der März ist rum. Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich bilde mir ein, meine Facebookfreudesliste sei eine recht gute (wenn auch keineswegs empirische) Quotenstichprobe junger Menschen in Deutschland. Journalisten aus den Metropolen sind in meiner Timeline benachbart mit meinen Schulkumpels und Freunden aus dem Sportverein, die heute Industriemechanik in Darmstadt studieren oder als Krankenschwester in Diedorf arbeiten. Ihre Statusmeldungen (bereinigt um Wetterinfos / körperliche Bedürfnisse / Kühlschrankinhalt / und ♥ ♥ ♥ ) müssten so gesehen ein Pimaldaumen davon abgeben, was junge Menschen in Deutschland beschäftigt. Wenn meine Theorie stimmt, dann waren im März die folgenden drei Sachen wichtig für die Nation:
Guttenbergwitze

"Str C, Str V, Str C, Strg V... Nicht stören, ich promoviere gerade“, schreib eine befreundete Journalistin, die gerade an ihrer Doktorarbeit tüfftelt. Ganz Facebook kicherte, als der Deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg am 1. März seinen Entlassungssgesuch einreichte. Den Doktortitel hatte ihm die Universität Bayreuth schon vorher aberkannt. Guttenberg soll in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben (oder einen Ghostwriter abschreiben lassen). Im Februar erhob die Süddeutsche Zeitung erste Plagiatsvorwürfe, danach glühte das Netz: Ein
Guttenplag-Wiki wurde errichtet, 60.000 Doktoranten unterschrieben online einen offenen
Brief an die Kanzlerin. Für viele war die Plagiatsaffäre vor allen Dingen ein super Schleifstein, um ihren Geisteswitz zu schärfen. Universität Bayreuth wurde in Buy Right übersetzt, für Guttenbergs Note „Summa Cum Laude“ die Domain www.summacumklau.de errichtet. Die
Songs und die Witze sind unzählig. Nur noch den einen: „Vielleicht sind die zehn Vornamen vom Guttenberg ja einfach Quellenangaben der Mutter im Bezug auf die möglichen Väter.“
Holofernes vs. BILD
Judith Holofernes ist Sängerin der Pop-Rock-Gruppe „Wir sind Helden“ und nie um ein Wort verlegen. Erst recht nicht als BILD, Deutschlands größte Boulevardzeitung, sie um ihre Meinung für ihre Werbekampagne bat. Nicht
nur ein Wort hat Holofernes der BILD Zeitung gegeben, sondern über
600 Kurzzusammenfassung ihrer Antwort: „Ich glaube, es hackt.“ Langfassung: Man dürfe die BILD-Zeitung nicht verharmlosen, sie sei ein „gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößern des Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht.“
Die BILD-Zeitung wird vom Axel Springer Verlag herausgegeben. Mit der Auflage von drei Millionen ist sie die auflagestärkste Zeitung Deutschlands und weltweit (außer Japan). Für 50 Cent bekommt der Leser Klatsch, Unterhaltung und stark vereinfachte und zugespitzte Infos aus Gesellschaft und Politik. Desöfteren macht BILD mit Skandalen und Presserat-Rügen von sich reden.
Holofernes schrieb also: „Die BILD -Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash - Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle -Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.“
Diese Antwort entfachte eine immer wieder aufflammende Diskussion über Boulevardmedien in Deutschland an. Zuerst wurde Holofernes als Heldin gefeiert: Die Seite von „Wir Sind Helden“ brach vor lauter Zustimmung zusammen, der Antwortbrief wurde überall im Netz weitergeleitet. Doch dann wurde bekam die Begeisterung ein Geschmäckle: Macht Holofernes mit ihrem Brief nicht unfreiwillig Werbung für BILD? Schlechte Aufmerksamkeit ist schließlich auch Aufmerksamkeit. Und Tatsache: Nur wenige Tage später schaltete BILD eine Werbeanzeige im üblichen Kampagnenlogo. Als Inhalt: Holofernes Brief.
Alkoholtampons
Nicht die Atomdebatte schafften es auf Platz Drei in der Häufigkeit der Statusmeldungen. Nicht
„Manifest der Vielen“ - die Antwort der Künstler mit Migrationhintergrund auf das Buch von Thilo Sarrazin. Nicht die bahnbrechende Regierungswechsel in Baden-Württemberg (Die Grünen, eine eher kleine Partei mit dem Schwerpunkt auf Umweltpolitik, löste zusammen mit der SPD die CDU ab, die dort traditionell regierte.)
Platz Drei im März geht an: Wodka-Tampons, den neuen Trinktrend unter Teenagern. Minderjährig, die heimlich und ohne Fahne trinken wollen, führen sich in Alkohol getränkte Tampons ein. Und landen oft im Krankenhaus: Wodka untenrum haut nämlich stärker und schneller rein, als oben rein. Der Alkohol geht der Alkohol direkt ins Blut – und der Magen kann nicht ausgepumpt werden.
Foto von Pascal Paukner