An einem Wochenendtag, dem 16. April, machte sich meine Mama im Zentrum Moskaus wie üblich in eines der umliegenden Geschäfte auf, um eine leckere Torte zu kaufen. In der näheren Umgebung liegen nicht so viele Wohnhäuser, und darum freuen sich die drei größeren Supermarktketten über jeden einzelnen Kunden. Ausnahmen davon gibt es nur die paar Mal im Jahr, wenn die Pro-Putin-Bewegung „Naschi“ unweit vom Haus meiner Eltern irgendwelche Massenkundgebungen organisiert.
An diesem ersten warmen Aprilsamstag hatten 50.000 Mitglieder der Bewegung aus 20 Städten in Russland an einer Initiative gegen die Korruption teilgenommen, somit ihre Bürgerpflicht erfüllt und waren außerdem auch schnell mal Chips, Bier und hochprozentigere Getränke kaufen gegangen. Aufgrund dieser Umstände kostete der Tortenkauf meine Mama eine ganze Stunde. Aber heute soll es ja nicht um die besagte Torte gehen, sondern um eine demokratische Jugendbewegung.
Die auf die Bänke der umliegenden Häuser verteilten „Naschi“-AktivistInnen erfreuten sich also einträchtig an dem Umstand, dass sie – Zitat: „für lau in Moskau sind und hier, weit entfernt von den Eltern, saufen können“. In dem Hof, an dem meine Eltern wohnen, wurde schon nicht mehr von Politik und Maßnahmen gegen die Korruption gesprochen. Gegen Abend schoben sich die jungen Nowgoroder, Petersburger, Kursker und Lipezker widerstrebend in ihre Busse und vergaßen dabei gänzlich, ihre leeren Blechdosen und Semechki-Tüten wieder mitzunehmen. Offensichtlich sind Umweltfragen bei der „Naschi“-Bewegung erst nächstes Mal dran.
Und am Samstag stand dann der Kampf gegen die Korruption auf der Tagesordnung. Die StudentInnen aus den verschiedenen russischen Städten banden sich weiße Schürzen um und liefen mit Flaggen in der Hand über den Sacharow-Prospekt. Auf die Frage „Warum diese weißen Schürzen?“ antworteten die AktivistInnen einmütig: „Sie symbolisieren Ehrlichkeit und Transparenz“. Dass Sacharow ein Menschenrechtler und Nobelpreisträger gewesen ist, wussten allerdings längst nicht alle.
Im Verlauf dieser groß angelegten Aktion (die TeilnehmerInnen aus ganz Russland wurden nach den Worten des Vorsitzenden der Verwaltungsorgane für öffentliche Ordnung, Aleksander Blagov, in 500 Bussen nach Moskau gebracht) wurde die Gründung des Anti-Korruptions-Komitees „Stopkorrupcija“ und der Einrichtung der Website „Weiße Schürzen“ verkündet, auf der Fragen zu Fakten rund um die Korruption veröffentlicht werden. Besondere Aufmerksamkeit wollen die AktivistInnen auf Großprojekte wie den Bau der Wissenschaftsstadt Skolkovo und die Vorbereitung der Olympiade in Sotschi lenken.
Wirklich toll, dass die russische Jugend ihr Augenmerk auf die Korruption richtet. Doch die, die sich aus eigenem Antrieb oder unter Zwang (Zutreffendes bitte ankreuzen) auf dem abgesperrten Akademik-Sacharow-Prospekt versammelt hatten, sind wohl kaum wirklich dazu bereit, für eine glückliche Zukunft zu kämpfen. Als den TeilnehmerInnen das Ende der Aktion bekannt gegeben wurde, schrien sie sofort erfreut: „Wir können gehen!“ und stürmten das nächstgelegene Geschäft. Meine Mama war mit dem Schrecken davon gekommen
Dienstag, 19. April 2011
Mit weißer Schürze gegen Korruption
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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 