Wieso hab ich bloß keine Lust, mich mit den Piraten zu beschäftigen? Etwa, weil absehbar ist, dass sie schneller noch als die Grünen weichgespült werden und nichts bewirken werden?
Jedenfalls hatte es mich natürlich gefreut, als die Piraten bei der Berlin- Wahl vor ein paar Monaten 10% bekommen hatten und danach begannen, sich als neue Partei zu etablieren.
Doch ernsthaft zu interessieren, das Feuer in mir zu wecken begannen die Piraten erst, als ich ein Interview mit Marina Weisband las. Die hat sich auf dem Piraten- Parteitag grade zwar nicht mehr zur Wahl als politische Geschäftsführerin gestellt, doch macht ihre Begründung („wegen Überarbeitung“) sie gleich doppelt sympathisch. Außerdem ist sie eine entfernte Namensvetterin von Adam Weishaupt, dem legendären Gründer der Illuminaten (he, he).
Jedenfalls sagte die in Kiew geborene Weisband da:
„Stellen Sie sich vor, Fürst Myschkin (der Held aus Dostojewskis „Idiot“) hätte online gehen können und sich mit anderen „Idioten“ vernetzt. Dann wären sie plötzlich zu einer Gruppe geworden. Und eine solche Gemeinschaft kann diskutieren, neue Lösungen finden, Visionen entwickeln. Ich glaube, genau das geschieht grade bei den Piraten.“
Und in der Tat nutzen die Piraten das Internet und ein Programm namens „Liquid Democracy“, damit die Basis sich in Diskussionen und Abstimmungen auf Positionen einigen kann. Insofern sind die Piraten die erste Partei, in der die Mitglieder wirklich etwas zu sagen haben. Wenn es gut läuft, ist das der Beginn dessen, was vielleicht mal als Demokratie 2.0 bezeichnet werden wird. Die ist auch dringend nötig.
Denn unsere Milchmädchen- Demokratie leidet unter einem erschreckenden Mangel an Transparenz. So sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass es zu jedem Gesetz/ Verordnung eine Dokumentation gibt, bei der offengelegt wird, welche Lobbygruppen welchen Einfluss genommen haben. Doch derartiges wird der Öffentlichkeit natürlich vorenthalten. Stattdessen werden alle wichtigen Entscheidungen (und vor allem die super wichtigen wie Banken-/ Eurorettung) hinter verschlossenen Türen und in Absprache mit der (Finanz)wirtschaft getroffen und uns als „alternativlos“ vorgesetzt.
Und natürlich werden uns die genauen Verflechtungen zwischen Politik und Hochfinanz vorenthalten. Wer sich zu sehr dafür interessiert, wird auch schnell als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert. Dabei würde man ja schon gerne wissen, was bei den „Info- und Vernetzungstagen“ der Weltelite (aka „Bilderberger“ Treffen) so alles besprochen wird.
Andererseits ist es natürlich auch verständlich, dass die Größen aus Politik& Wirtschaft auch mal im informellen und lockeren Rahmen relaxt miteinander quatschen wollen. Irgendwie macht sie das ja fast schon wieder sympathisch. Dann würde es bloß auf die Frage hinaus laufen: Können wir ihnen vertrauen? Ist es im Endeffekt nicht vielleicht für alle am besten so, wie es ist? Ist Transparenz dann vielleicht sogar schädlich, wenn sie das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft stört?
Na ja, ich sag nur: Illuminaten?! – Ein Fall für die Piraten!
Mittwoch, 2. Mai 2012
Die Piraten – eine neue Partei für neue Illusionen?
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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 