Kern der Affäre um den Bundespräsidenten Wulff sind seine kleinen menschlichen Schwächen. Er möchte gerne so wenig wie möglich für seine Kredite bezahlen und sich gerne von reichen Freunden in den Urlaub einladen lassen. Außerdem reagiert er ziemlich giftig, wenn Journalisten darüber nachforschen und pöbelt ihnen auf den Anrufbeantworter, als sei er Präsident des Dschungelcamps. Zwar alles ziemlich unschön, befreit ihn aber wenigstens von seinem Schwiegersohn-Softie Image. Aha, dieser Sunnyboy hat also auch seine dunklen Seiten. Oder wenigstens halbschattigen...
Denn das eigentlich Bemerkenswerte an der Empörung über Wulff ist ja der Kontrast, worüber man sich stattdessen nicht empört. So hat der amerikanische Präsident Obama vor nicht mal einem Jahr Bin Laden ermorden lassen (die Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen – hier: Rache und Angst vor unangenehmen Enthüllungen bei einem eventuellen Prozess – heißt „Mord“) und die Kanzlerin hat sich sogar darüber gefreut. Obamas Vorgängerregierung hat sogar den schlimmsten Angriffskrieg (Irak) seit Langem vom Zaun gebrochen und auch die deutsche Regierung Schröder/ Fischer hatte sich dereinst an einem grundgesetzwidrigen Angriffskrieg (Jugoslawien) beteiligt (wenn auch nur mit einem dutzend Flugzeugen, was zur Ehrenrettung hinzugefügt werden kann). Alles das, ohne dass es irgendwelche politischen oder gar juristischen Konsequenzen gegeben hätte, weil diese Verbrechen von der Staatsräson gedeckt waren und also keinen Verstoß gegen die politischen Spielregeln dargestellt haben.
Und Wulff soll jetzt zurücktreten, weil er sich aufs Oktoberfest hat einladen lassen?! Auf ein Bier oder auf eine Karussellfahrt?!
Nein, niemand zwingt die Öffentlichkeit dazu, den eigenen moralischen Kompass gegen den Kodex der politischen Spielregeln einzutauschen. Es ist unsere Wahl, ob wir unsere Wertmaßstäbe so durcheinander bringen lassen wollen oder nicht.


Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 