Die Reliquie ist vom 18. bis 27. November aus dem griechischen Männerkloster Afonsk nach Moskau gebracht worden – und allein am ersten Tag waren 70.000 Menschen zur Hauptkirche des Landes gezogen. Schlange gestanden haben die MoskauerInnen – und auch EinwohnerInnen anderer Städte und Länder, denn Pilger waren aus praktisch allen GUS-Ländern extra angereist – nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen sechs und 20 Stunden. Die Kirche hat die Verehrung des Gürtels bereits zum größten kirchlichen Massenereignis der letzten 100 Jahren ernannt. Marija jedenfalls schrecken die Außentemperaturen und die sich über einige Kilometer hinziehende Schlange nicht ab: „Ich möchte die Muttergottes, wie auch viele andere Frauen hier, um ein Kind bitten.“
Wir sind schon daran gewöhnt, dass an großen Feiertagen Gottesdienste aus den Kirchen live im Fernsehen übertragen werden. Und zwischen den Betenden fischt sich die Kamera auch immer zuverlässig den Präsidenten oder Premier-Minister des Landes heraus. Sich aber zu vergegenwärtigen, dass entlang der Moskwa eine ganze Woche lang rund um die Uhr orthodoxe Pilger stehen – in den ersten sechs Tagen war fast eine halbe Million dort gewesen – war nicht ganz einfach. Und noch schwieriger die Vorstellung, dass sich unter ihnen die erfolgreiche und ehrgeizige Marija befindet.
Im Jahre 1991 hat sich nach Erhebungen des Levada-Zentrums jede/r vierte russische StaatsbürgerIn zum orthodoxen Glauben bekannt. Analoge Umfragen zwanzig Jahre darauf haben gezeigt, dass fast 70 Prozent der Bevölkerung im Land sich als orthodox bezeichnet. Darunter sind nicht nur Omas vom Dorf, sondern auch durchaus erfolgreiche junge Leute: Der Großteil von Marias Kirchgängertruppe besteht aus ManagerInnen der mittleren Führungsschicht in großen Unternehmen. Und auch SchülerInnen werden sehr bald erfahren, wie man Heilige anbetet und zur Beichte geht: Ab nächsten Jahr wird das Fach „Grundlagen religiöser Kulturen und mondäner Ethik“ an allen russischen Schulen Pflicht.
Den heiligen Gürtel kann man jetzt übrigens nicht mehr küssen. Der Schrein mit dem Gürtel wurde auf einen kleinen Sockel gestellt, um die Anzahl der Passierenden von 40 auf 80 pro Minute zu erhöhen. Wer es trotzdem nicht schafft, sich vor dem heiligen Gürtel zu verneigen, braucht sich aber keine Sorgen zu machen. Die Moskauer Regierung plant einen Rundflug des heiligen Gürtels über Moskau zu organisieren. Der Hubschrauberflug des Heiligtums wird die ganze Hauptstadt weihen, sowie sämtliche Moskauer, die es bisher noch nicht geschafft haben ihren Teil der Reliquie abzubekommen – oder dies gar nicht wollten.

(Foto Agentur Itar-Tass)


Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 