„Kanonenfutter oder Urinkellner?“, fragten Jungs der Abschlussklasse noch vor einem Jahr auf dem Schulhof. Die meisten jungen Männer mussten damals nicht großartig den Kopf darüber zerbrechen, was sie gleich nach der Schule machen. Wer nicht zu den ausgemusterten Glückspilzen gehörte musste zur Bundeswehr. Es sei denn, er verweigerte den Dienst an der Waffe. Dann musste er sich im gesellschaftlichen Bereich nützlich machen – am häufigsten im Zivildienst.
In den Sechzigen dauerte der Zivildienst noch 20 Monate, er wurde aber nach und nach auf sechs verkürzt. Zivildienstleistende, kurz Zivis, wurden in Altenheimen, Krankenhäusern, Behindertenbetreuung und Jugendhäusern eingesetzt. Meist halfen sie in sozialen Einrichtungen: Sie pflegten, kochten und halfen im Pflege- und Fahrdienst. Viele Einrichtungen verließen sich auf die vergleichsweise billigen Arbeitskräfte. Manch böse Zunge (die oft einem Soldaten gehörte) nannte die Zivis jedoch H.O.N.K.s – Helfer Ohne Nennenswerte Kenntnisse.
Im Mai 2010 setzte der damalige Verteidigungsminister Guttenberg die Wehrpflicht aus, damit wurde auch der Zivildienst nicht mehr verpflichtend. Seitdem diskutiert niemand mehr den „Tausend und einen Weg ausgemustert zu werden“. Die Gruselgeschichten über den Hodencheck beim Kreiswehrersatzamt sind Geschichte. Und wer sich sich darüber beschwert, wie er die grauselige Oma Schmidt zur Dialyse fahren musste, macht es meist freiwillig. Wer keine Lust hat, zu dienen, muss nicht – ob an der Waffe, oder and er Gesellschaft. Seit Oktober 2010 wurden Zivildienstleistende nur noch auf eigenen Wunsch einberufen. Und ab morgen gibt es gar keine Zivis mehr.
Der Zivildienst wird ab heute durch den Bundesfreiwilligendienst (BFD) ersetzt. Praktisch unterscheidet er sich kaum vom Zivildienst. Wie der Name schon sagt, ist der BFD aber nicht verpflichtend. Frauen und Männern, unabhängig vom Alter können ihn machen, für ihre Arbeit bekommen sie 330 Euro im Monat. Ähnliche Freiwilligendienste gab es schon früher: Zum Beispiel das Freiwillige Soziale Jahr und Freiwilliges Ökologische Jahr. Sie waren jedoch für Menschen bis 27 Jahre vorgesehen.
Momentan beschäftigt viele die Frage, ob die BFDler die Zivis ersetzten können. Bisher hatte der neue Dienst einen chaotischen Start. Seit der Abschaffung fallen über 90 000 Helfer weg. Bis heute wurden aber nur 2000 bis 3000 Verträge mit den neunen Freiwilligen abgeschlossen. Noch gibt es Hoffnung, dass sich in den nächsten Monaten mehr Menschen anmelden – sobald die Schule oder die Ausbildung abgeschlossen sind. Solange wirbt das Bundesfamilienministerium mit einer Kampagne für den Bundesfreiwilligendienst: „Zeit, das Richtige zu tun.“ Die potentiellen Freiwilligen lassen sich damit aber noch Zeit.

Die Werbekampagne des BFD. Bisher hat sie nicht genug Freiwillige überzeugen können.





Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 