Freitag, 24. Mai 2013
Auf Wiedersehen, To4ka-Blog!
Liebe Leser! Wir hören auf, unseren To4ka-Blog zu schreiben, aber nehmen somit keinen Abschied von Euch. In unseren Gruppen Vkontakte und auf Facebook werden wir nach wie vor erreichbar und kommunukationsbereit. Bis demnächst!
Mittwoch, 15. Mai 2013
Es geht weiter
So, da bin ich wieder. Mein Roman ist so weit fertig und wird Korrektur gelesen. Bin ja sehr gespannt, wie das erste Feedback sein wird. Einen Verlag hab ich auch schon gegründet und eine Freundin hat versprochen, ein Cover zu gestalten. Wenn alles gut läuft, werde ich den Roman also in ungefähr zwei Wochen schon mal auf Kindle veröffentlichen können. Wow! Also, ich freu mich natürlich schon, weil ich ungefähr mein halbes Leben davon geträumt hab, einen Roman zu schreiben, aber wenn ich jetzt jemandem davon erzähle, bin ich immer über die positiven Reaktionen verwundert, weil ja letzten Endes noch niemand den Roman gelesen hat. Aber anyway...
Widmen wir uns nun also dem Kriegshandwerk. Ende April hat das Pentagon einen Waffendeal mit Israel über zehn Milliarden Dollar bekannt gegeben, der auch Tankflugzeuge, mit denen man Kampfjets in der Luft nachtanken kann, und modernste Raketen (wohl auch welche, mit denen man Bunker brechen kann) einschließt. Damit wird Israel in die Lage versetzt, selbständig einen Schlag gegen das iranische Atomprogramm ausführen zu können. Es besteht wenig Grund zu der Annahme, dass Israel von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen könnte.
Am 14. Juni stehen im Iran Präsidentenwahlen an. Vielleicht ist die neue Regierung dann kompromissbereiter. Ein israelischer Militärschlag dürfte also frühestens dann stattfinden, wenn die Position der neuen iranischen Regierung absehbar ist. Bis August sollten wir also noch Ruhe haben. Allerdings steht zu befürchten, dass ein solcher Militärschlag die verheerendsten Folgen für die ganze Welt haben könnte. Denn der Iran wird sich das bestimmt nicht einfach bieten lassen. Vielleicht wird er seine gelegentlich geäußerte Drohung, die Straße von Hormuz zu blockieren, über die vierzig Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt werden, wahr machen. Dann stünde ein längerer Krieg in der Region bevor. Und für die Weltwirtschaft könnte eine Ölkrise in der gegenwärtig angespannten Lage der endgültige Knock-Out bedeuten. Dann könnte eine Lawine ins Rollen kommen, die alle Bemühungen, beispielsweise den Euro zu retten und die hiesige Wirtschaft zu stabilisieren, zu belanglosem und wirkungslosem Kleinklein machen würde.
Natürlich muss man Verständnis für Israels Sicherheitsbedürfnis haben. Aber selbst wenn die Iraner jetzt ihre erste Atombombe entwickeln, bräuchten sie doch mindestens zehn oder fünfzehn weitere Jahre, um das ganze Arsenal drumrum so weit aufzubauen, dass es eine realistische Konkurrenz zu dem israelischen wäre. Die Bedrohung Israels liegt also weit in der Zukunft, die Bedrohung für die Weltwirtschaft ist jetzt aktuell. Ganz abgesehen davon, dass Angriffskriege moralisch sowieso verwerflich sind.
Aber wenigstens in Syrien scheint der Westen allmählich von seinem Hang zur Intervention geheilt zu sein. Zumindest hat Obama die ersten Chemiewaffeneinsätze, die wahrscheinlich sowohl auf das Konto der Assad-Anhänger als auch auf das der Rebellen gehen, nicht zum Anlass für eine Intervention genommen. Lange wurde ja darüber spekuliert, dass die einseitige westliche Parteinahme für das Anti-Assad Lager sozusagen die Ouvertüre für eine längst beschlossene Intervention darstellte, bei der man hinter vorgeschobenen humanitären Gründen die eigene geopolitische Agenda voran gebracht hätte. Aber dem ist zum Glück nicht so. Wäre zu hoffen, dass der Westen nun auch das legitime Lebensinteresse des Assad Lagers und der Alewiten anerkennt. Denn sollten die Rebellen tatsächlich gewinnen, muss man mittlerweile wohl von einem Genozid an den Alewiten ausgehen. Denn wenn die Konfliktparteien schon so weit sind, damit anzufangen, gegeneinander Chemiewaffen einzusetzen, ist kein Punkt absehbar, an dem die Gewalt aufhören könnte. Wahrscheinlich ist der syrische Staat als solcher sowieso nicht mehr zu retten und das Humanste wäre, ihn zu teilen, auf dass jede der Konfliktparteien in ihrer Hälfte in Frieden leben könnte.
Widmen wir uns nun also dem Kriegshandwerk. Ende April hat das Pentagon einen Waffendeal mit Israel über zehn Milliarden Dollar bekannt gegeben, der auch Tankflugzeuge, mit denen man Kampfjets in der Luft nachtanken kann, und modernste Raketen (wohl auch welche, mit denen man Bunker brechen kann) einschließt. Damit wird Israel in die Lage versetzt, selbständig einen Schlag gegen das iranische Atomprogramm ausführen zu können. Es besteht wenig Grund zu der Annahme, dass Israel von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen könnte.
Am 14. Juni stehen im Iran Präsidentenwahlen an. Vielleicht ist die neue Regierung dann kompromissbereiter. Ein israelischer Militärschlag dürfte also frühestens dann stattfinden, wenn die Position der neuen iranischen Regierung absehbar ist. Bis August sollten wir also noch Ruhe haben. Allerdings steht zu befürchten, dass ein solcher Militärschlag die verheerendsten Folgen für die ganze Welt haben könnte. Denn der Iran wird sich das bestimmt nicht einfach bieten lassen. Vielleicht wird er seine gelegentlich geäußerte Drohung, die Straße von Hormuz zu blockieren, über die vierzig Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt werden, wahr machen. Dann stünde ein längerer Krieg in der Region bevor. Und für die Weltwirtschaft könnte eine Ölkrise in der gegenwärtig angespannten Lage der endgültige Knock-Out bedeuten. Dann könnte eine Lawine ins Rollen kommen, die alle Bemühungen, beispielsweise den Euro zu retten und die hiesige Wirtschaft zu stabilisieren, zu belanglosem und wirkungslosem Kleinklein machen würde.
Natürlich muss man Verständnis für Israels Sicherheitsbedürfnis haben. Aber selbst wenn die Iraner jetzt ihre erste Atombombe entwickeln, bräuchten sie doch mindestens zehn oder fünfzehn weitere Jahre, um das ganze Arsenal drumrum so weit aufzubauen, dass es eine realistische Konkurrenz zu dem israelischen wäre. Die Bedrohung Israels liegt also weit in der Zukunft, die Bedrohung für die Weltwirtschaft ist jetzt aktuell. Ganz abgesehen davon, dass Angriffskriege moralisch sowieso verwerflich sind.
Aber wenigstens in Syrien scheint der Westen allmählich von seinem Hang zur Intervention geheilt zu sein. Zumindest hat Obama die ersten Chemiewaffeneinsätze, die wahrscheinlich sowohl auf das Konto der Assad-Anhänger als auch auf das der Rebellen gehen, nicht zum Anlass für eine Intervention genommen. Lange wurde ja darüber spekuliert, dass die einseitige westliche Parteinahme für das Anti-Assad Lager sozusagen die Ouvertüre für eine längst beschlossene Intervention darstellte, bei der man hinter vorgeschobenen humanitären Gründen die eigene geopolitische Agenda voran gebracht hätte. Aber dem ist zum Glück nicht so. Wäre zu hoffen, dass der Westen nun auch das legitime Lebensinteresse des Assad Lagers und der Alewiten anerkennt. Denn sollten die Rebellen tatsächlich gewinnen, muss man mittlerweile wohl von einem Genozid an den Alewiten ausgehen. Denn wenn die Konfliktparteien schon so weit sind, damit anzufangen, gegeneinander Chemiewaffen einzusetzen, ist kein Punkt absehbar, an dem die Gewalt aufhören könnte. Wahrscheinlich ist der syrische Staat als solcher sowieso nicht mehr zu retten und das Humanste wäre, ihn zu teilen, auf dass jede der Konfliktparteien in ihrer Hälfte in Frieden leben könnte.
Montag, 13. Mai 2013
Unsichtbare Patienten: schon jetzt auf den Straßen Ihrer Stadt
Am 23. April hat sich in Kiew eine Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet: Im Zentrum der Stadt war ein verletzter Mann gestorben, dem jede ärztliche Hilfe verweigert wurde. Unbekannte hatten ihm ein Messer in die Brust gestoßen und dann das Weite gesucht. Der Verletzte hatte sich noch bemüht, die Wunde selber zu verbinden, was ihm jedoch nicht gelungen war. Nach Berichten von Augenzeugen starb er mit einem Stück Mullbinde zwischen den Zähnen, während sein Revolver neben ihm lag. Später stellte sich heraus, dass der Getötete in der Baubranche tätig gewesen sei und jemandem eine große Summe Geld geschuldet hatte.

Am Tatort befand sich auch eine Journalistin, die später auf Facebook über die Ereignisse nach dem Zwischenfall berichtete. Sie hatte sich bei der Privatklinik „Healthy&Happy Ukraina“, in deren unmittelbarer Nähe der Überfall stattgefunden hatte, um Hilfe für den Mann bemüht. Die Korrespondentin verlangte in den 25 bis zum Eintreffen der „ersten Hilfe“ und der Polizei vergangenen Minuten nachdrücklich von der Empfangsdame, einen Arzt herbei zu rufen. Diese hatte ihr ledigich geantwortet, dass Patienten nur mit Termin behandelt würden, und außerdem alle Ärzte beschäftigt seien. Erst nach der Drohung, die Öffentlichkeit einzuschalten, rief die Empfangsdame bei der Klinikleitung an, und einer der Ärzte kam dem Verletzten zu Hilfe – wobei er sich wohl nicht einmal die Zeit genommen hatte, das Blut von der Behandlung eines anderen Patienten von seinen Händen zu waschen.
„Er stürzt also wie in so einem üblen Hollywoodfilm in den mit einem Band abgesperrten Bereich, fällt auf die Knie und beginnt mit der künstlichen Beatmung... (übrigens kann ich gegen den Arzt selbst gar nichts sagen, er hat alles getan, was ihm unter den angenommenen Umständen möglich war). Aber das war´s dann auch schon! Er kam zu spät...“, schreibt ein Augenzeuge auf seiner Seite eines sozialen Netzwerks. Meiner Meinung nach ist dieser Bericht etwas widersprüchlich, und mit einem unpassenden Sarkasmus geschrieben.
Das Handeln der Klinikeitung wurde als Berufsverbrechen bezeichnet, und wegen unterlassener medizinischer Hilfeleistung Anzeige gegen sie erstattet. Obwohl sich, so hieß es, die Augenzeugen wohl nicht ganz an die richtige Adresse gewandt hatten – an eine Empfangsdame aso, die ja im Prinzip gar nichts mit der Medizin zu tun hat. Das unterstrich auch der Sprecher des Gesundheitsministers der Ukraine, Viktor Tschumak – na super, da hätte man sich auch mit gleichem Erfolg an das Wachpersonal wenden können. Eine andere Sache ist allerdings, dass die Mitarbeiterin die Leute gar nicht bis zum Leiter der Klinik vorgelassen hat. Sie wurde übrigens noch am gleichen Tag durch eine Kollegin ersetzt und ist jetzt erst einmal von ihrer Arbeit freigestellt.
Viele Kiewer waren empört: Ein Mensch stirbt eine halbe Stunde lang unmittelbar vor einem Krankenhaus, und niemand vom Personal hat das aus dem Fenster des Eingangsbereichs gesehen? Warum waren ihm keine Ärzte zur Hilfe geeilt? Oder was ist denn zum Beispiel, wenn die Ärzte, wie es bei privaten Unternehmen möglich ist, nur zu bestimmten Sprechzeiten dort sind, und einfach mal keiner da war? Schauen alle Mitarbeiter ständig aus dem Fenster? Und warum wurde so lange keine „erste Hilfe“ geleistet - an der, wie es scheint, überhaupt nichts auszusetzen war? Offensichtlich hat man sich bereits mit Vielem abgefunden?
Und dazu noch hatte keiner die Augenzeugen davon abgehalten, ihre Zeit nicht am Empfang zu verschwenden, sondern auf der Suche nach Ärzten selbst durch die Behandlungsräume zu rennen.
Ein anderer Fall ist der eines Touristen, der am Osterwochenende in den Bergen der Krim von einem Felsen abgestürzt war. Die Ärzte des Krankenhauses von Aluschta hatten die Ersthelfer nach dessen Aufnahme geradeheraus gefragt: „Warum habt ihr den denn zu UNS gebracht?“. Schließlich hatte der Verletzte ja nur eine Gehirnerschütterung, Verletzungen der inneren Organe und war bereits seit sechs Stunden ohne Bewusstsein. Was soll man schon mit solchen Patienten anfangen? Erst wehrte man sich noch dagegen, ihn aufzunehmen - aber im Endeffekt legte man ihn dann doch auf die Intensivstation.
Es ist zu vermuten, dass den Ärzten von Aluschta gar keine Bedingungen für die Behandlung solcher Patienten zur Verfügung stehen. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, und grundsätzlich wissen wir alle nur zu gut, worum es geht. Eigentlich sind vor dem Eid des Hippokrates alle gleich, aber es gibt eben solche, die noch gleicher“ sind als andere. Und was soll man schon über diejenigen sagen, die nicht einmal ein Gelübde abgelegt haben, sondern einfach nur am Empfang rumstanden und einer eintönigen Arbeit nachgingen? Die Zeit scheint gekommen, sich selbst medizinische Grundkenntnisse anzueignen. Schließlich hat man ja nicht immer ein dickes Portemonnaie dabei?

Am Tatort befand sich auch eine Journalistin, die später auf Facebook über die Ereignisse nach dem Zwischenfall berichtete. Sie hatte sich bei der Privatklinik „Healthy&Happy Ukraina“, in deren unmittelbarer Nähe der Überfall stattgefunden hatte, um Hilfe für den Mann bemüht. Die Korrespondentin verlangte in den 25 bis zum Eintreffen der „ersten Hilfe“ und der Polizei vergangenen Minuten nachdrücklich von der Empfangsdame, einen Arzt herbei zu rufen. Diese hatte ihr ledigich geantwortet, dass Patienten nur mit Termin behandelt würden, und außerdem alle Ärzte beschäftigt seien. Erst nach der Drohung, die Öffentlichkeit einzuschalten, rief die Empfangsdame bei der Klinikleitung an, und einer der Ärzte kam dem Verletzten zu Hilfe – wobei er sich wohl nicht einmal die Zeit genommen hatte, das Blut von der Behandlung eines anderen Patienten von seinen Händen zu waschen.
„Er stürzt also wie in so einem üblen Hollywoodfilm in den mit einem Band abgesperrten Bereich, fällt auf die Knie und beginnt mit der künstlichen Beatmung... (übrigens kann ich gegen den Arzt selbst gar nichts sagen, er hat alles getan, was ihm unter den angenommenen Umständen möglich war). Aber das war´s dann auch schon! Er kam zu spät...“, schreibt ein Augenzeuge auf seiner Seite eines sozialen Netzwerks. Meiner Meinung nach ist dieser Bericht etwas widersprüchlich, und mit einem unpassenden Sarkasmus geschrieben.
Das Handeln der Klinikeitung wurde als Berufsverbrechen bezeichnet, und wegen unterlassener medizinischer Hilfeleistung Anzeige gegen sie erstattet. Obwohl sich, so hieß es, die Augenzeugen wohl nicht ganz an die richtige Adresse gewandt hatten – an eine Empfangsdame aso, die ja im Prinzip gar nichts mit der Medizin zu tun hat. Das unterstrich auch der Sprecher des Gesundheitsministers der Ukraine, Viktor Tschumak – na super, da hätte man sich auch mit gleichem Erfolg an das Wachpersonal wenden können. Eine andere Sache ist allerdings, dass die Mitarbeiterin die Leute gar nicht bis zum Leiter der Klinik vorgelassen hat. Sie wurde übrigens noch am gleichen Tag durch eine Kollegin ersetzt und ist jetzt erst einmal von ihrer Arbeit freigestellt.
Viele Kiewer waren empört: Ein Mensch stirbt eine halbe Stunde lang unmittelbar vor einem Krankenhaus, und niemand vom Personal hat das aus dem Fenster des Eingangsbereichs gesehen? Warum waren ihm keine Ärzte zur Hilfe geeilt? Oder was ist denn zum Beispiel, wenn die Ärzte, wie es bei privaten Unternehmen möglich ist, nur zu bestimmten Sprechzeiten dort sind, und einfach mal keiner da war? Schauen alle Mitarbeiter ständig aus dem Fenster? Und warum wurde so lange keine „erste Hilfe“ geleistet - an der, wie es scheint, überhaupt nichts auszusetzen war? Offensichtlich hat man sich bereits mit Vielem abgefunden?
Und dazu noch hatte keiner die Augenzeugen davon abgehalten, ihre Zeit nicht am Empfang zu verschwenden, sondern auf der Suche nach Ärzten selbst durch die Behandlungsräume zu rennen.
Ein anderer Fall ist der eines Touristen, der am Osterwochenende in den Bergen der Krim von einem Felsen abgestürzt war. Die Ärzte des Krankenhauses von Aluschta hatten die Ersthelfer nach dessen Aufnahme geradeheraus gefragt: „Warum habt ihr den denn zu UNS gebracht?“. Schließlich hatte der Verletzte ja nur eine Gehirnerschütterung, Verletzungen der inneren Organe und war bereits seit sechs Stunden ohne Bewusstsein. Was soll man schon mit solchen Patienten anfangen? Erst wehrte man sich noch dagegen, ihn aufzunehmen - aber im Endeffekt legte man ihn dann doch auf die Intensivstation.
Es ist zu vermuten, dass den Ärzten von Aluschta gar keine Bedingungen für die Behandlung solcher Patienten zur Verfügung stehen. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, und grundsätzlich wissen wir alle nur zu gut, worum es geht. Eigentlich sind vor dem Eid des Hippokrates alle gleich, aber es gibt eben solche, die noch gleicher“ sind als andere. Und was soll man schon über diejenigen sagen, die nicht einmal ein Gelübde abgelegt haben, sondern einfach nur am Empfang rumstanden und einer eintönigen Arbeit nachgingen? Die Zeit scheint gekommen, sich selbst medizinische Grundkenntnisse anzueignen. Schließlich hat man ja nicht immer ein dickes Portemonnaie dabei?
Mittwoch, 24. April 2013
Herr, lehre mich!
Die russischen Steuerzahler haben 300.000 Dollar in Wissenschaft und Lehre investiert. Und genau das kosteten auch zehn Vorlesungen des Staatsduma-Abgeordneten Ilja Ponomarjow, die er am Innovationszentrum Skolkowo gehalten hat. Die russischen Steuerzahler wussten davon natürlich nichts. Der Abgeordnete, der immerhin 30.000 Dollar (900.000 Rubel) für jede einzelne seiner zwanzigminütigen Vorlesungen bekommen hat, kann einen etwaigen Unmut über diese Situation überhaupt nicht nachvollziehen. So ist also wieder einmal eine der Seifenblasen, in die der Staat zu kräftig hineingeblasen hat, geplatzt. Und noch mehr: Den Leuten platzte irgendwie der Kragen, und das Vertrauen gegenüber sämtlichen Bildungsprojekten der Regierung ging flöten.

Als man anfing, über das Innovationszentrum Skolkowo zu sprechen, und das war vor drei Jahren, studierte ich noch an der Universität von Nowosibirsk-Akademgorodok. Wer es noch nicht weiß: Dieses Wissenschaftsstädtchen in Nowosibirsk ist ein Mekka des wissenschaftlichen Lebens. Dort gibt es die Universität, 33 Institute der sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften, einen technischen Gewerbepark und ganz in der Nähe auch noch – die Wissenschaftsstadt Kolzowo, wo die gefährlichsten Viren des Planeten aufbewahrt werden. All das kommt in einer kleinen Region von der Fläche einer mittleren Kleinstadt unter. So macht man hier Witze wie: „Wohin du auch spuckst: Entweder triffst du ein Mitglied der Akademie oder eben jemanden mit Doktortitel.“ Natürlich entfachten sich stürmische Diskussionen: Wieso soll man denn ein neues Wissenschaftszentrum aus dem Nichts aufbauen, wenn es doch schon einen Ort gibt, wo es alles gibt?
Und eigentlich gibt es ja in Russland auch nicht wenige dieser Wissenschaftsstädtchen. Sie sind einem vielleicht nicht so präsent, denn es ist nicht das Hauptanliegen eines wissenschaftlichen Instituts, Eigen-PR zu betreiben; so ist das nun mal. Aber es sind dort noch aus der Sowjetzeit heraus starke Wissenschaftsschulen und talentierte Forscher erhalten geblieben. Wenn man Glück hat, sogar junge und talentierte Forscher. Und wirklich wahr: Wieso sollte man das russische Silicon Valley nicht an einem bereits bestehenden Ort gründen? Vielleicht nicht gerade im geographischen Zentrum Russlands, in Nowosibirsk, aber eventuell in Tomsk, Dubna, Jekaterinburg oder den Dutzenden anderer Städte, in denen schon lange alles vorhanden ist und wo man nur ein bisschen Ordnung schaffen müsste? Doch es wurde beschlossen, Skolkowo in der Nähe von Moskau zu errichten.
Die Diskussionen verstummten, und man begann mit dem Bau des Innovationszentrums. Die Arbeiten werden noch bis in das Jahr 2020 andauern, aber die Stiftung Skolkowo hat ihre Tätigkeit schon jetzt aufgenommen. Einer ihrer Bestandteile ist auch das Skolkower Institut für Wissenschaft und Technologoie – eine von der Regierung unabhängige, technologisch-unternehmerische Universität. Sie bildet aktiv Innovatoren, Manager und Führungspersönlichkeiten aus. Die Regierung lädt ausländische Wissenschaftler, Manager und Geschäftsleute aus, die Vorlesungen abhalten. Wie zum Beispiel meinen früheren Englischlehrer, der auf großem Fuß lebte: in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Moskau und mit der Möglichkeit, ein paarmal im Monat nach Hause zu fliegen – nach Kalifornien, in die USA.
Von diesen „Kleinigkeiten“ weiß natürlich kaum jemand etwas. Wir sind es ja gewohnt, dass unsere Steuern in die Wissenschaft und Bildung fließen – also für eine gute Sache verwendet werden. Da will man doch schließlich niemandem an die Karre fahren. Aber welche konkreten Summen, und für was das Geld wirklich draufgeht – davon hat doch niemand eine Vorstellung. Und dann wird eben plötzlich bekannt, dass eine Summe von 750.000 Dollar (prinzipiell ein Jahresgehalt) keinem Nobelpreisträger und nicht einmal einem in der ganzen Welt bekannten Wissenschaftler, sondern einem Abgeordneten ausgezahlt wurde. Ilja Ponomarjow selbst schämt sich nicht für diesen Stundenlohn: seiner Meinung nach hat Skolkowo ja erst durch seine Hilfe eine weltweite Berühmtheit erlangt (mehr unter: http://ilya-ponomarev.livejournal.com/582112.html#cutid1).
Fragen hat der Untersuchungsausschuss einige: So gibt es etwa den Verdacht, dass man Ausgaben vertuschen wollte, die durch den Vize-Präsidenten von „Skolkowo“ getätigt worden waren. Die strafrechtliche Verfolgung wurde aufgenommen, und es ist nur zu hoffen, dass irgendwann einmal bekannt werden wird, für was dieses Geld denn nun wirklich draufgegangen ist.
Aber das Wichtigste ist, dass sich die letzte Hoffnung auf ein erstklassiges Wissenschaftszentrum nach westlichen Maßstäben in Russland zerschlagen hat. Es wird für die Regierung jetzt sehr schwer werden, sich in den Augen der wissenschaftlichen Welt zu rehabilitieren.

Als man anfing, über das Innovationszentrum Skolkowo zu sprechen, und das war vor drei Jahren, studierte ich noch an der Universität von Nowosibirsk-Akademgorodok. Wer es noch nicht weiß: Dieses Wissenschaftsstädtchen in Nowosibirsk ist ein Mekka des wissenschaftlichen Lebens. Dort gibt es die Universität, 33 Institute der sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften, einen technischen Gewerbepark und ganz in der Nähe auch noch – die Wissenschaftsstadt Kolzowo, wo die gefährlichsten Viren des Planeten aufbewahrt werden. All das kommt in einer kleinen Region von der Fläche einer mittleren Kleinstadt unter. So macht man hier Witze wie: „Wohin du auch spuckst: Entweder triffst du ein Mitglied der Akademie oder eben jemanden mit Doktortitel.“ Natürlich entfachten sich stürmische Diskussionen: Wieso soll man denn ein neues Wissenschaftszentrum aus dem Nichts aufbauen, wenn es doch schon einen Ort gibt, wo es alles gibt?
Und eigentlich gibt es ja in Russland auch nicht wenige dieser Wissenschaftsstädtchen. Sie sind einem vielleicht nicht so präsent, denn es ist nicht das Hauptanliegen eines wissenschaftlichen Instituts, Eigen-PR zu betreiben; so ist das nun mal. Aber es sind dort noch aus der Sowjetzeit heraus starke Wissenschaftsschulen und talentierte Forscher erhalten geblieben. Wenn man Glück hat, sogar junge und talentierte Forscher. Und wirklich wahr: Wieso sollte man das russische Silicon Valley nicht an einem bereits bestehenden Ort gründen? Vielleicht nicht gerade im geographischen Zentrum Russlands, in Nowosibirsk, aber eventuell in Tomsk, Dubna, Jekaterinburg oder den Dutzenden anderer Städte, in denen schon lange alles vorhanden ist und wo man nur ein bisschen Ordnung schaffen müsste? Doch es wurde beschlossen, Skolkowo in der Nähe von Moskau zu errichten.
Die Diskussionen verstummten, und man begann mit dem Bau des Innovationszentrums. Die Arbeiten werden noch bis in das Jahr 2020 andauern, aber die Stiftung Skolkowo hat ihre Tätigkeit schon jetzt aufgenommen. Einer ihrer Bestandteile ist auch das Skolkower Institut für Wissenschaft und Technologoie – eine von der Regierung unabhängige, technologisch-unternehmerische Universität. Sie bildet aktiv Innovatoren, Manager und Führungspersönlichkeiten aus. Die Regierung lädt ausländische Wissenschaftler, Manager und Geschäftsleute aus, die Vorlesungen abhalten. Wie zum Beispiel meinen früheren Englischlehrer, der auf großem Fuß lebte: in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Moskau und mit der Möglichkeit, ein paarmal im Monat nach Hause zu fliegen – nach Kalifornien, in die USA.
Von diesen „Kleinigkeiten“ weiß natürlich kaum jemand etwas. Wir sind es ja gewohnt, dass unsere Steuern in die Wissenschaft und Bildung fließen – also für eine gute Sache verwendet werden. Da will man doch schließlich niemandem an die Karre fahren. Aber welche konkreten Summen, und für was das Geld wirklich draufgeht – davon hat doch niemand eine Vorstellung. Und dann wird eben plötzlich bekannt, dass eine Summe von 750.000 Dollar (prinzipiell ein Jahresgehalt) keinem Nobelpreisträger und nicht einmal einem in der ganzen Welt bekannten Wissenschaftler, sondern einem Abgeordneten ausgezahlt wurde. Ilja Ponomarjow selbst schämt sich nicht für diesen Stundenlohn: seiner Meinung nach hat Skolkowo ja erst durch seine Hilfe eine weltweite Berühmtheit erlangt (mehr unter: http://ilya-ponomarev.livejournal.com/582112.html#cutid1).
Fragen hat der Untersuchungsausschuss einige: So gibt es etwa den Verdacht, dass man Ausgaben vertuschen wollte, die durch den Vize-Präsidenten von „Skolkowo“ getätigt worden waren. Die strafrechtliche Verfolgung wurde aufgenommen, und es ist nur zu hoffen, dass irgendwann einmal bekannt werden wird, für was dieses Geld denn nun wirklich draufgegangen ist.
Aber das Wichtigste ist, dass sich die letzte Hoffnung auf ein erstklassiges Wissenschaftszentrum nach westlichen Maßstäben in Russland zerschlagen hat. Es wird für die Regierung jetzt sehr schwer werden, sich in den Augen der wissenschaftlichen Welt zu rehabilitieren.
Donnerstag, 11. April 2013
Fische aus dem eigenen Garten – durch das „große Wasser“
Die Einwohner des Dörfchens Sutiski im Gebiet Winnyzja machen sich seit einigen Tagen per Boot auf den Weg zur Arbeit und zum Einkaufen. Wegen des dortigen Hochwassers wurde eine Brücke über den südlichen Bug geflutet, und das andere Ufer des Siedlungspunktes lässt sich nur auf diese Art und Weise erreichen. Der abgesackte „Übergang“ wird damit schon im dritten Jahr in Folge überflutet, und doch konnten sich die Leute immer noch nicht an die damit verbundenen Abenteuer gewöhnen. Man kann sogar energische Omas beobachten, die sich hier verwegen in die Riemen schmeißen. Da hat die Arthritis keine Chance!

Die Region dieser „Fährmänner auf Zeit“ steht auf einer Liste von bemitleidenswerten Gebieten, die seit Anfang April durch eine abrupte Erwärmung und die Schneeschmelze unter einem Ansteigen der Flüsse leiden – und das betrifft fast den ganzen Westen des Landes, sowie die Gebiete Tschernigowsk, Schitomir und Kiew. Starke Regenfälle gaben der Sache noch zusätzlich Zunder. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Einwohner von mindestens 68 Siedlungspunkten nicht gerade unglücklich über den Frühling sind – sie sehen ihn nur einfach nicht, weil sie ständig dichte Regenschlieren vor dem Gesicht haben!
Im Dorf Radul können sogar schon Fünftklässler mit einem Boot umgehen. Und wer weiß – schließlich hat so ein Unglück ja auch immer eine gute Seite – vielleicht bringt die Ukraine ja in der Zukunft haufenweise talentierte Ruderer und Weltmeistern im Rudersport hervor, die von Kindesbeinen an wissen, worauf es in dieser Disziplin ankommt.
Bug, Donau und Dnestr bekamen außerdem noch Gesellschaft von einem Teil der Donau, der in Transkarpatien über die Ufer getreten war. Im Ergebnis davon wurde die Stadt Uschgorod mit ihren verstopften Drainagesystemen und Wasserabflüssen bereits im Februar geflutet. Und einige Dorfbewohner aus dem Gebiet Kiew konnten wegen einer Überschwemmung von Teichen gleich mal im eigenen Garten fischen gehen.
Für die Einwohner von Dörfern, die in der Nähe von Flüssen liegen, in diese Situation nicht neu; sie wird sogar als eine örtliche Besonderheit gehandelt. Deswegen deckt man sich vor der „Flut“ auch rechtzeitig mit Essen und Wasserflaschen ein. In den letzten Jahren war zum Beispiel im Dorf Radul die Dorfverwaltung dazu bereit, den Leuten noch vor dem offiziellen Termin ihre Pension auszuzahlen.
Zur gleichen Zeit tauchten in den Medien Meldungen darüber auf, dass in Geschäften die Verkaufsstände mit Schiffen wie leergefegt waren, und an den städtischen Handelspunkten deckte man sich massenweise mit Gummistiefeln ein. Der Ansturm erreichte solche Ausmaße, dass bereits an den Türen der hauptstädtischen Läden Zettel hingen, Funktionsschuhe seien leider ausverkauft. In der Hauptstadt erstellte man selbst eine Karte mit den Orten, an denen Wasserschwälle und Erdrutsche am wahrscheinlichsten sein würden, und dort waren sogar die Metrostationen des Kiewer Höhlenklosters mit angegeben – unter insgesamt 55 Gefahrenpunkten.
Beamte hatten sofort nach den anormalen Schneefällen, die man in Kiew in dieser Stärke zum letzten Mal 1880 verzeichnet hatte, den Alarmzustand ausgerufen. Innerhalb weniger Tage waren einzelne Regionen derart mit der sonst für einen Monat normalen Schneemenge eingedeckt, dass der Autoverkehr quasi zum Erliegen kam und geparkte Fahrzeuge bis zum Dach eingeschneit wurden. Die weißen Flöckchen tanzten ohne Unterlass und machten auch in der Nacht keine Pause. Sie brachten den Menschen leere Brotregale in den Geschäften – und den in staatlichen Institutionen Beschäftigten einen freien Montag, der an einem anderen Tag wieder abgearbeitet werden soll. Während die Straßenwacht noch mit dem Schnee kämpfte, bevölkerten schon Ski- und Snowboardfahrer die Straßen, und in Kiew hatten ein paar Mädels keine Angst vor Gott und rodelten nackt auf Brettern unmittelbar neben der Andreewskij-Kathedrale den Berg runter. Andere mutige Extremsportler aus Saporoschje banden mit Seilen Körbe an Autos fest, setzten sich drauf und „bretterten“ so durch die Stadt. Für manche gibt die Lage natürlich Anlass zur Heiterkeit; andere aber kriegten von der Regierung wegen der kritischen Situation nach den Unwettern ganz schön was zu hören, und einige Beamten wurden entlassen.
Die Regierung hatte bereits im Vorhinein angekündigt, dass dem Land eine ernstzunehmende Überschwemmung droht, und der Premierminister der Ukraine, Nikolaj Asarow, kommentierte, dass die Uhr bereits tickt. Deswegen fing man in Erwartung des Taubeginns am 5. April auch damit an, die Rettungstechnik vorzubereiten, an gefährdeten Orten Materialien für Wasserschutzwälle abzulagern und Proviantvorräte anzulegen... beim Herannahen des Wasser wolle man es mit Pumpen aus überfluteten Höfen pumpen. Doch es steigt ja trotzdem weiter an, und es vollständig mit den Fluten aufzunehmen, schaffte man noch nicht einmal, wenn man Drainagen und Wasserabflüsse mal reinigen würde.
Und für die kommenden Jahrzehnte sagen Umweltexperten für die Ukraine sogar Orkane und Taifune mit Heuschreckenplagen voraus, was durch die globale Erwärmung hervorgerufen werden soll. Ob das wirklich so sein wird, davon überzeugen wir uns später – so lange messen die Ukrainer eben ihre Kräfte mit den ganz herkömmlichen Naturgewalten, laufen weiterhin in Stiefeln bis zu den Knien durchs Wasser und fahren in Booten die Straßen entlang. Ach ja, und dann muss ja noch der Fisch aus dem Vorgarten zubereitet werden! Für die anderen, „ruhigeren“ Regionen klingen Meldungen über solche Ereignisse wohl wie ein Märchen…

Die Region dieser „Fährmänner auf Zeit“ steht auf einer Liste von bemitleidenswerten Gebieten, die seit Anfang April durch eine abrupte Erwärmung und die Schneeschmelze unter einem Ansteigen der Flüsse leiden – und das betrifft fast den ganzen Westen des Landes, sowie die Gebiete Tschernigowsk, Schitomir und Kiew. Starke Regenfälle gaben der Sache noch zusätzlich Zunder. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Einwohner von mindestens 68 Siedlungspunkten nicht gerade unglücklich über den Frühling sind – sie sehen ihn nur einfach nicht, weil sie ständig dichte Regenschlieren vor dem Gesicht haben!
Im Dorf Radul können sogar schon Fünftklässler mit einem Boot umgehen. Und wer weiß – schließlich hat so ein Unglück ja auch immer eine gute Seite – vielleicht bringt die Ukraine ja in der Zukunft haufenweise talentierte Ruderer und Weltmeistern im Rudersport hervor, die von Kindesbeinen an wissen, worauf es in dieser Disziplin ankommt.
Bug, Donau und Dnestr bekamen außerdem noch Gesellschaft von einem Teil der Donau, der in Transkarpatien über die Ufer getreten war. Im Ergebnis davon wurde die Stadt Uschgorod mit ihren verstopften Drainagesystemen und Wasserabflüssen bereits im Februar geflutet. Und einige Dorfbewohner aus dem Gebiet Kiew konnten wegen einer Überschwemmung von Teichen gleich mal im eigenen Garten fischen gehen.
Für die Einwohner von Dörfern, die in der Nähe von Flüssen liegen, in diese Situation nicht neu; sie wird sogar als eine örtliche Besonderheit gehandelt. Deswegen deckt man sich vor der „Flut“ auch rechtzeitig mit Essen und Wasserflaschen ein. In den letzten Jahren war zum Beispiel im Dorf Radul die Dorfverwaltung dazu bereit, den Leuten noch vor dem offiziellen Termin ihre Pension auszuzahlen.
Zur gleichen Zeit tauchten in den Medien Meldungen darüber auf, dass in Geschäften die Verkaufsstände mit Schiffen wie leergefegt waren, und an den städtischen Handelspunkten deckte man sich massenweise mit Gummistiefeln ein. Der Ansturm erreichte solche Ausmaße, dass bereits an den Türen der hauptstädtischen Läden Zettel hingen, Funktionsschuhe seien leider ausverkauft. In der Hauptstadt erstellte man selbst eine Karte mit den Orten, an denen Wasserschwälle und Erdrutsche am wahrscheinlichsten sein würden, und dort waren sogar die Metrostationen des Kiewer Höhlenklosters mit angegeben – unter insgesamt 55 Gefahrenpunkten.
Beamte hatten sofort nach den anormalen Schneefällen, die man in Kiew in dieser Stärke zum letzten Mal 1880 verzeichnet hatte, den Alarmzustand ausgerufen. Innerhalb weniger Tage waren einzelne Regionen derart mit der sonst für einen Monat normalen Schneemenge eingedeckt, dass der Autoverkehr quasi zum Erliegen kam und geparkte Fahrzeuge bis zum Dach eingeschneit wurden. Die weißen Flöckchen tanzten ohne Unterlass und machten auch in der Nacht keine Pause. Sie brachten den Menschen leere Brotregale in den Geschäften – und den in staatlichen Institutionen Beschäftigten einen freien Montag, der an einem anderen Tag wieder abgearbeitet werden soll. Während die Straßenwacht noch mit dem Schnee kämpfte, bevölkerten schon Ski- und Snowboardfahrer die Straßen, und in Kiew hatten ein paar Mädels keine Angst vor Gott und rodelten nackt auf Brettern unmittelbar neben der Andreewskij-Kathedrale den Berg runter. Andere mutige Extremsportler aus Saporoschje banden mit Seilen Körbe an Autos fest, setzten sich drauf und „bretterten“ so durch die Stadt. Für manche gibt die Lage natürlich Anlass zur Heiterkeit; andere aber kriegten von der Regierung wegen der kritischen Situation nach den Unwettern ganz schön was zu hören, und einige Beamten wurden entlassen.
Die Regierung hatte bereits im Vorhinein angekündigt, dass dem Land eine ernstzunehmende Überschwemmung droht, und der Premierminister der Ukraine, Nikolaj Asarow, kommentierte, dass die Uhr bereits tickt. Deswegen fing man in Erwartung des Taubeginns am 5. April auch damit an, die Rettungstechnik vorzubereiten, an gefährdeten Orten Materialien für Wasserschutzwälle abzulagern und Proviantvorräte anzulegen... beim Herannahen des Wasser wolle man es mit Pumpen aus überfluteten Höfen pumpen. Doch es steigt ja trotzdem weiter an, und es vollständig mit den Fluten aufzunehmen, schaffte man noch nicht einmal, wenn man Drainagen und Wasserabflüsse mal reinigen würde.
Und für die kommenden Jahrzehnte sagen Umweltexperten für die Ukraine sogar Orkane und Taifune mit Heuschreckenplagen voraus, was durch die globale Erwärmung hervorgerufen werden soll. Ob das wirklich so sein wird, davon überzeugen wir uns später – so lange messen die Ukrainer eben ihre Kräfte mit den ganz herkömmlichen Naturgewalten, laufen weiterhin in Stiefeln bis zu den Knien durchs Wasser und fahren in Booten die Straßen entlang. Ach ja, und dann muss ja noch der Fisch aus dem Vorgarten zubereitet werden! Für die anderen, „ruhigeren“ Regionen klingen Meldungen über solche Ereignisse wohl wie ein Märchen…
Dienstag, 26. März 2013
Ausdrückliche Leichtigkeit
Wenn jemand im Gespräch einen unangemessenen Ausdruck fallen lässt, schüttelt es mich. Besonders „angenehm“ sind Unterhaltungen, in denen Schimpfwörter wie Füllwörter gebraucht werden. Die russische Sprache ist schließlich reich an Vulgärausdrücken – was soll man also sagen. Und wenn dann noch ein Ausländer beginnt, Russisch zu lernen, dann paukt er die Schimpfwörter in der Regel gleich als erstes. Ich habe mehr als einmal beobachtet, wie ein neuer pikanter Ausdruck als Ergänzung einer bereits beeindruckenden Anzahl Wörter und Redewendungen auf einem Notizblock festgehalten wurde.
Nur zu gern würde ich da ein paar interessante Beispiele anführen, aber das darf ich ja leider nicht mehr. Denn am 22. März hat die Staatsduma ein neues Gesetz bezüglich Kraftausdrücken in den Medien verabschiedet. Von jetzt an ist, wenn jemandem zum Beispiel in einer Sendung des Ersten Kanals oder auf den Zeitungsseiten des „Kommersant“ ein Schimpfwort herausrutscht, eine Strafe bis zu 200.000 Rubeln vorprogrammiert.
Einerseits ist das ja ganz richtig. Fluchen ist schließlich keine „Schriftsprache“, und wenn den Medien immer noch einen Bildungsauftrag zukommt, dann muss man es eben verbieten, dass sich Schimpfwörter auf offizieller Ebene breitmachen – also zum Beispiel in den Medien. Wieso sollte man dabei schon die Meinung derjenigen berücksichtigen, die sowieso nie Schimpfwörter in den Mund nehmen? Andererseits: Ist es denn etwa nicht die Aufgabe der Medien, Realitäten objektiv widerzuspiegeln? Nun, argumentieren da die Russen gerne, das Fluchen hat ja in der russischen Sprache eine jahrhundertealte Tradition. Diese Ausdrucksform und die Möglichkeit, seine Gedanken kompakt zu formulieren, indem man zwei bis drei Worte benutzt und in ihrem Dunstkreis noch ein paar Dutzend mehr mitschwingen lassen kann – das ist es doch, was die Vulgärsprache so attraktiv macht… und weshalb man gar nicht um sie herum kommt. Wieso sollten wir also etwas hinter dem Berg halten, was im Endeffekt alles auf den Punkt bringt?

Insgesamt gesehen ist das Fluchen in der russischen Sprache ein schwieriges Thema. Die Idee, ein Nachschlagewerk für Schimpfwörter zusammenzustellen, war mehrfach aufgekommen – doch Linguisten bekreuzigen sich bei diesem Thema nur. Schimpfwörter sind bis heute ein Tabuthema. Die Einstellung ihnen gegenüber ist teilweise subjektiv geprägt und an einen bestimmten sozialen Austausch und Bildungsstand gebunden. Der eine findet es super, ein Schimpfwort zu benutzen, andere wiederum meinen, dass es sich dabei um ganz normale Wörter handelt, die Gedanken klar und allseits verständlich beschreiben, und wieder andere empfinden sie als Gotteslästerung.
Ein Verbot von Kraftausdrücken ist in der Druckgeschichte Russlands viel stärker ausgeprägt gewesen als in der mündlichen Rede. Im Gespräch kann einem schon mal ein unangemessener Ausdruck rausrutschen; ihn aber zum Beispiel innerhalb eines sozialen Netzwerks zu gebrauchen, überlegt man sich in der Regel gut. Was die Medien angeht, so sind sie ein noch viel effektiverer „Filter“ für Schimpfwörter. Erstens gibt es da diese „innere Barriere“, die ich weiter oben beschrieben habe, und zweitens gibt es Gesetze, in denen es schwarz auf weiß geschrieben steht: Die Geldstrafen für „Beleidigungen“ gehen bis zu 100.000 Rubeln, „leichtere Verstöße“ werden mit bis zu 1.000 Rubeln oder einer Freiheitsstrafe von maximal 15 Tagen geahndet.
Es gibt aber auch Medien, die aktiv Vulgärsprache einsetzen – zum Beispiel in Interviews, wenn nämlich die Worte anderer wiedergegeben werden. Das sind dann Lifestyle- und Jugendmedien, die „im Trend liegen“. Aber mal ehrlich: Ich rümpfe die Nase, wenn ich solche Beiträge lese – selbst, wenn da irgendjemand anders zitiert wird. Das ist so ein Gefühl, als ob jemand die Grenze des Erlaubten überschritten, kulturelle Codes gesprengt und, Entschuldigung: die Luft verpestet hat. Es ist ja auch irgendwie so, dass es Dinge gibt, die alle wissen, aber über die Stillschweigen gewahrt wird, weil es anstößig ist, darüber zu sprechen. Seid ihr da anderer Meinung? Nur immer her damit!
Aber zurück zum Gesetz. Was machen wir denn nun mit der Vulgärsprache? Noch ist unklar, ob die „Piep!“-Wörter einer Fernsehsendung oder für den Druck „geschliffene“ Worte als Verwendung von Schimpfwörtern ausgelegt werden können. Man kann nur mutmaßen, dass im Einzelfall linguistische Gutachten herangezogen werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Was nämlich jetzt als unflätiger Ausdruck gilt und was nicht, steht eben nicht im Gesetz. Und genau deswegen soll es jetzt noch einmal nachgebessert werden. Na ja, schauen wir mal – vielleicht wird das neue Gesetz ja wirklich einen Nutzen mit sich bringen.
Nur zu gern würde ich da ein paar interessante Beispiele anführen, aber das darf ich ja leider nicht mehr. Denn am 22. März hat die Staatsduma ein neues Gesetz bezüglich Kraftausdrücken in den Medien verabschiedet. Von jetzt an ist, wenn jemandem zum Beispiel in einer Sendung des Ersten Kanals oder auf den Zeitungsseiten des „Kommersant“ ein Schimpfwort herausrutscht, eine Strafe bis zu 200.000 Rubeln vorprogrammiert.
Einerseits ist das ja ganz richtig. Fluchen ist schließlich keine „Schriftsprache“, und wenn den Medien immer noch einen Bildungsauftrag zukommt, dann muss man es eben verbieten, dass sich Schimpfwörter auf offizieller Ebene breitmachen – also zum Beispiel in den Medien. Wieso sollte man dabei schon die Meinung derjenigen berücksichtigen, die sowieso nie Schimpfwörter in den Mund nehmen? Andererseits: Ist es denn etwa nicht die Aufgabe der Medien, Realitäten objektiv widerzuspiegeln? Nun, argumentieren da die Russen gerne, das Fluchen hat ja in der russischen Sprache eine jahrhundertealte Tradition. Diese Ausdrucksform und die Möglichkeit, seine Gedanken kompakt zu formulieren, indem man zwei bis drei Worte benutzt und in ihrem Dunstkreis noch ein paar Dutzend mehr mitschwingen lassen kann – das ist es doch, was die Vulgärsprache so attraktiv macht… und weshalb man gar nicht um sie herum kommt. Wieso sollten wir also etwas hinter dem Berg halten, was im Endeffekt alles auf den Punkt bringt?

Insgesamt gesehen ist das Fluchen in der russischen Sprache ein schwieriges Thema. Die Idee, ein Nachschlagewerk für Schimpfwörter zusammenzustellen, war mehrfach aufgekommen – doch Linguisten bekreuzigen sich bei diesem Thema nur. Schimpfwörter sind bis heute ein Tabuthema. Die Einstellung ihnen gegenüber ist teilweise subjektiv geprägt und an einen bestimmten sozialen Austausch und Bildungsstand gebunden. Der eine findet es super, ein Schimpfwort zu benutzen, andere wiederum meinen, dass es sich dabei um ganz normale Wörter handelt, die Gedanken klar und allseits verständlich beschreiben, und wieder andere empfinden sie als Gotteslästerung.
Ein Verbot von Kraftausdrücken ist in der Druckgeschichte Russlands viel stärker ausgeprägt gewesen als in der mündlichen Rede. Im Gespräch kann einem schon mal ein unangemessener Ausdruck rausrutschen; ihn aber zum Beispiel innerhalb eines sozialen Netzwerks zu gebrauchen, überlegt man sich in der Regel gut. Was die Medien angeht, so sind sie ein noch viel effektiverer „Filter“ für Schimpfwörter. Erstens gibt es da diese „innere Barriere“, die ich weiter oben beschrieben habe, und zweitens gibt es Gesetze, in denen es schwarz auf weiß geschrieben steht: Die Geldstrafen für „Beleidigungen“ gehen bis zu 100.000 Rubeln, „leichtere Verstöße“ werden mit bis zu 1.000 Rubeln oder einer Freiheitsstrafe von maximal 15 Tagen geahndet.
Es gibt aber auch Medien, die aktiv Vulgärsprache einsetzen – zum Beispiel in Interviews, wenn nämlich die Worte anderer wiedergegeben werden. Das sind dann Lifestyle- und Jugendmedien, die „im Trend liegen“. Aber mal ehrlich: Ich rümpfe die Nase, wenn ich solche Beiträge lese – selbst, wenn da irgendjemand anders zitiert wird. Das ist so ein Gefühl, als ob jemand die Grenze des Erlaubten überschritten, kulturelle Codes gesprengt und, Entschuldigung: die Luft verpestet hat. Es ist ja auch irgendwie so, dass es Dinge gibt, die alle wissen, aber über die Stillschweigen gewahrt wird, weil es anstößig ist, darüber zu sprechen. Seid ihr da anderer Meinung? Nur immer her damit!
Aber zurück zum Gesetz. Was machen wir denn nun mit der Vulgärsprache? Noch ist unklar, ob die „Piep!“-Wörter einer Fernsehsendung oder für den Druck „geschliffene“ Worte als Verwendung von Schimpfwörtern ausgelegt werden können. Man kann nur mutmaßen, dass im Einzelfall linguistische Gutachten herangezogen werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Was nämlich jetzt als unflätiger Ausdruck gilt und was nicht, steht eben nicht im Gesetz. Und genau deswegen soll es jetzt noch einmal nachgebessert werden. Na ja, schauen wir mal – vielleicht wird das neue Gesetz ja wirklich einen Nutzen mit sich bringen.
Freitag, 15. März 2013
Die Unterseite der Wellen
So, nun ist mein letzter Blogeintrag schon wieder anderthalb Monate her und bevor ich völlig in der Versenkung verschwinde, will ich doch mal wieder etwas schreiben. Bloß was? Natürlich ist es nicht so, dass in der Zwischenzeit nicht wichtige Dinge geschehen wären. Dass es keine Wellen gegeben hätte, die mit einer gewissen Kraft gegen die Küste unseres Alltags gebrandet sind. Es waren schon echte Hingucker dabei, deren Gischt weit über den Kai schäumte und so manchem wohl nasse Füße beschert hat.
Zuerst muss man da wohl den Papst-Rücktritt erwähnen, der wohl alle überrascht hat. Dessen politische Hintergründe sollen ja in einem kriminellen Netzwerk innerhalb des Vatikans liegen, das harmlose Kirchenmänner wegen ihrer homosexuellen Handlungen erpresst. Ob das wohl stimmt?
Na ja, wie dem auch sei. Verändert hat der Papst die katholische Kirche mit seinem Rücktritt auf jeden Fall, denn mit diesem Rücktritt gerät das Unfehlbarkeitsdogma ins Wanken. Dessen Preis besteht in der Starrheit: Auf keinen Fall und unter gar keinen Umständen nachgeben. Diese Starrheit kann aber ziemlich schmerzhaft und quälend sein, wenn man sie bis zum bitteren Ende durchzieht, siehe Johannes Paul II. Demgegenüber hat Benedikt XVI sich dann doch lieber fürs Nachgeben entschieden. Also ein Triumph des Fühlens über die Dogmatik, der noch langfristige Folgen haben kann.
Des Weiteren spielt sich natürlich auch eine Routine der Eurokrise ein, die ganz erstaunliche Züge annimmt. Plötzlich haben wir nämlich auch in Europa eine „Vertikale der Macht“, für dessen Einführung Putin in Russland so kritisiert wurde. Die Vertikale der Macht innerhalb der EU verläuft aber im verhältnis der Staaten zueinander. Die südeuropäischen Staaten sind nämlich nun Deutschland gegenüber rechenschaftspflichtig. Zumindest tanzen deren Staatschefs regelmäßig vor oder nach Wahlen in Berlin zum Report an und es macht schon den Eindruck, als würden sie sich auf diese Gespräche in etwa so freuen, als seien sie plötzlich zum Chef zitiert worden.
Auf der anderen Seite muss aber auch Frau Merkel des Öfteren schlucken. Zum Beispiel dann, wenn der britische Premier Cameron eine Rede zur EU hält und im Grunde verkündet, dass Großbritannien weniger zahlen oder über einen Austritt nachdenken sollte. Ein paar Tage später, auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz, traf sich Merkel dann mit Cameron zu einem Vier-Augen Gespräch, nach dem sie alle Forderungen Camerons unterstützte und noch versuchte, dabei zu lächeln, was ihr aber nicht unbedingt überzeugend gelungen ist. Na ja, so ist das halt...
Aber es scheint schon ziemlich im Gebälk zu knacken. Zumindest meldete sich Luxemburgs Regierungschef und Vorzeige-Europäer Juncker bei Spiegel-Online
mit der Warnung zu Wort, dass das Gespenst des Krieges in Europa nicht dauerhaft gebannt sein müsse. Zwar verwies er dabei auf die neu aufgebrochenen nationalistischen Ressentiments in der Bevölkerung – aber wann hat je die Bevölkerung über Krieg und Frieden entschieden?! Eben. Es sind die Regierungschefs, die ihre Position in der internationalen Vertikale der Macht austauschen wollen.
Na ja, solche Gedanken gehen mir schon durch den Kopf, wenn ich die Wellen des Tagesgeschehens plätschern sehe, aber ich nehme keinen Anteil. Still und behaglich ist es auf der Unterseite der Wellen. Nur wird man irgendwann auftauchen müssen, um Luft zu holen...
P.S. Und der neue Papst wird´s schon richten
Zuerst muss man da wohl den Papst-Rücktritt erwähnen, der wohl alle überrascht hat. Dessen politische Hintergründe sollen ja in einem kriminellen Netzwerk innerhalb des Vatikans liegen, das harmlose Kirchenmänner wegen ihrer homosexuellen Handlungen erpresst. Ob das wohl stimmt?
Na ja, wie dem auch sei. Verändert hat der Papst die katholische Kirche mit seinem Rücktritt auf jeden Fall, denn mit diesem Rücktritt gerät das Unfehlbarkeitsdogma ins Wanken. Dessen Preis besteht in der Starrheit: Auf keinen Fall und unter gar keinen Umständen nachgeben. Diese Starrheit kann aber ziemlich schmerzhaft und quälend sein, wenn man sie bis zum bitteren Ende durchzieht, siehe Johannes Paul II. Demgegenüber hat Benedikt XVI sich dann doch lieber fürs Nachgeben entschieden. Also ein Triumph des Fühlens über die Dogmatik, der noch langfristige Folgen haben kann.
Des Weiteren spielt sich natürlich auch eine Routine der Eurokrise ein, die ganz erstaunliche Züge annimmt. Plötzlich haben wir nämlich auch in Europa eine „Vertikale der Macht“, für dessen Einführung Putin in Russland so kritisiert wurde. Die Vertikale der Macht innerhalb der EU verläuft aber im verhältnis der Staaten zueinander. Die südeuropäischen Staaten sind nämlich nun Deutschland gegenüber rechenschaftspflichtig. Zumindest tanzen deren Staatschefs regelmäßig vor oder nach Wahlen in Berlin zum Report an und es macht schon den Eindruck, als würden sie sich auf diese Gespräche in etwa so freuen, als seien sie plötzlich zum Chef zitiert worden.
Auf der anderen Seite muss aber auch Frau Merkel des Öfteren schlucken. Zum Beispiel dann, wenn der britische Premier Cameron eine Rede zur EU hält und im Grunde verkündet, dass Großbritannien weniger zahlen oder über einen Austritt nachdenken sollte. Ein paar Tage später, auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz, traf sich Merkel dann mit Cameron zu einem Vier-Augen Gespräch, nach dem sie alle Forderungen Camerons unterstützte und noch versuchte, dabei zu lächeln, was ihr aber nicht unbedingt überzeugend gelungen ist. Na ja, so ist das halt...
Aber es scheint schon ziemlich im Gebälk zu knacken. Zumindest meldete sich Luxemburgs Regierungschef und Vorzeige-Europäer Juncker bei Spiegel-Online
mit der Warnung zu Wort, dass das Gespenst des Krieges in Europa nicht dauerhaft gebannt sein müsse. Zwar verwies er dabei auf die neu aufgebrochenen nationalistischen Ressentiments in der Bevölkerung – aber wann hat je die Bevölkerung über Krieg und Frieden entschieden?! Eben. Es sind die Regierungschefs, die ihre Position in der internationalen Vertikale der Macht austauschen wollen.
Na ja, solche Gedanken gehen mir schon durch den Kopf, wenn ich die Wellen des Tagesgeschehens plätschern sehe, aber ich nehme keinen Anteil. Still und behaglich ist es auf der Unterseite der Wellen. Nur wird man irgendwann auftauchen müssen, um Luft zu holen...
P.S. Und der neue Papst wird´s schon richten
Dienstag, 12. März 2013
Attacke auf den Mars?
„Wer sind die ersten vier Menschen, die den Mars betreten und dort leben werden?“, diese Frage stammt von der Website des holländischen Privatprojekts „Mars One“, in dessen Rahmen menschliche Siedlungen auf dem Roten Planeten errichtet werden sollen. Von den Astronauten mit One-Way-Ticket, die bereit sind, Bäume und Meeresstrände gegen eine wüsten- und höhlenartige Ungewissheit einzutauschen, erfahren wir im Jahre 2021 mehr.
Bis zum Juni nimmt das Projekt von Interessenten noch Bewerbungen an – und davon sind schon einige zusammen gekommen. Ausländische Medien berichten über Hunderte von Freiwilligen, unter denen selbst Kindermädchen, Rentner und Anwälte sein sollen. Und schon jetzt hat sich die Projektleitung für einen ersten potentiellen Kandidaten entschieden: für den 22-jährigen Ukrainer Dmitrij Nosow.
Dieser studiert an der Kiewer Hochschule für Luftfahrt mit dem Studienziel Ingenieur und Mechaniker und ist zudem Reserve-Leutnant der Luftstreitkräfte. Übrigens hat sein Opa am Kosmodrom Baikonur mitgearbeitet, und jetzt ist es möglich, dass ihn der Enkel mit seinen Leistungen in den Schatten stellt.
Der Student ist dazu bereit, für acht Monate auf den Planeten Mars zu fliegen – doch vorher erwarten ihn und 23 andere Interessenten acht Jahre Vorbereitung auf diesen Flug. Von ihnen werden nur ein paar wenige wirklich in den Kosmos fliegen. Die vorbereitenden Etappen werden von den Medien übertragen, und das entscheidende Wort bei der Auswahl der Astronauten werde man den Zuschauern überlassen, so die Verantwortlichen von „Mars One“.
Was also erwartet den Ukrainer Dmitrij vor seiner Reise zum Mars?
Zuerst einmal müssen er und die anderen Kandidaten sich an die Bedingungen eines beengten Raums mit einer bestimmten Zusammensetzung an Bewohnern gewöhnen – an den Simulator der Kolonie. Dieser wird auf der Erde gebaut, an einem kalten und wüstenähnlichen Ort. Dort wird Dmitrij mit spezieller Ausrüstung und simulierten Raketen Tests absolvieren.
Im Jahre 2016 kann Nosow verfolgen, wie Satelliten auf den Mars entsandt werden und dort 2,5 Tonnen Nahrungsmittel absetzen. Auch Anlagen mit überlebenswichtigen Funktionen und zur Energiegewinnung werden dorthin gebracht. Die nächste Mars-Expedition wählt einen für die Besiedelung geeigneten Ort in der hügeligen Landschaft aus. Dmitrij und die anderen Astronauten leben dann in Blöcken, die in Eishöhlen errichtet werden. Diese bieten Schutz vor radioaktiver Strahlung und erlauben zudem eine Versorgung mit Wasser und Sauerstoff.
Und 2022 findet dann die Reise des Astronauten vom Mond zum Mars in einem gesteuerten Flugzeug statt.
Nach ihrer Ankunft am Bestimmungsort werden der nunmehr 30-jährige Dmitrij und seine Truppe mit Ausstattung für die Herstellung von Wasser und Sauerstoff versorgt. Zwei Jahre lang werden sie dort die Bevölkerung stellen, während neue Freiwillige die Durchführung weiterer wissenschaftlicher Forschung und Experimenten auf dem unbekannten Planeten erlauben.
Auch sollen die Siedler mit der Zeit menschenähnlichen Wesen ähnlich werden – wenn man den wissenschaftlichen Prognosen Glauben schenken will, die in den Medien veröffentlicht worden sind.
Nach Dmitrijs Worten kann sich der Mensch an alles gewöhnen. Sollte die Wahl auf ihn fallen, möchte er zu seiner Inspiration Fotos von Gagarin und von seiner Familie mitnehmen, erzählte er der „Krim-Zeitung“. Und außerdem ist sich der Student sicher: in 100 Jahren werden auch andere Planeten von Menschen bewohnt sein. Da denkt man doch gleich an den Mond, dessen Erschließung derzeit stagniert. Und das, obwohl er sich viel näher an der Erde befindet als der weit entfernte Mars, welcher von der Sonne verdeckt wird. Der Astronaut Neil Armstrong hatte jedoch berichtet, dass er auf dem Mond außerirdische Flugobjekte gesehen hat – und ein UFO soll den Erdlingen telepathisch zu verstehen gegeben haben, den Mond in Ruhe zu lassen.
Es bleibt zu hoffen, dass das Gleiche mit dem Mars nicht passiert, und dass man mit der Zeit auch dorthin in Urlaub oder, zum Beispiel, in den Ferien mal zu Oma fliegen kann. Und das nicht nur einmal, sondern so oft man will – wie es die Träumer der Wissenschaft schon lange prophezeien…
Freitag, 22. Februar 2013
Eingeschlagen
Der letzte Monat des Winters wird uns mit wichtigen, aber bereits gewohnten und dadurch langweiligen Ereignissen im Gedächtnis bleiben. So wurde zum Beispiel ein Gesetz verabschiedet, das es Beamten untersagt, Konten und Besitz im Ausland zu haben (ein Abgeordneter von „Einiges Russland“ hatte sogar vorgeschlagen, Ehen mit Ausländerinnen zu verbieten); der ehemalige Verteidigungsminister Anatolij Serdjukowitsch wird endlich mit Vorwürfen nach zwei Paragraphen des Strafgesetzbuches konfrontiert: Betrug und Missbrauch von Amtsvollmachten (von einer unter seiner Führung gewachsenen Korruption ahnt vermutlich nur er selber nichts); der Abgeordnete Ilja Ponomarjow hat den Parteivorsitzenden der LDPR, Wladimir Schirinowskij, des Plagiats beim Schreiben seiner Doktorarbeit beschuldigt (eine deutsche Erfahrung: Beamte machen so was). Aber all diese Ereignisse waren nicht vergleichbar mit dem Maßstab an Aufregung, den es um einen Meteoritenhagel im Ural gegeben hat.
Wer hat noch nicht von dem gehört, was in Tscheljabinsk passiert ist? Wahrscheinlich findet sich da niemand. Schon in den ersten Minuten jagten Informationen darüber durch das Internet. Die Reaktionen darauf waren ganz unterschiedlich: Die Einwohner der Stadt hatten voreilig geschlossen, es müsse sich um einen militärischen Angriff (die USA oder Nordkorea), um Testversuche der örtlichen Wehrabteilungen oder schlussendlich um einen nuklearen Krieg handeln… Natürlich wussten längst nicht alle, dass etwa zu dieser Zeit ein gigantischer Asteroid an der Erde vorbeifliegen sollte. Es ist eben leichter, an einen heimtückischen Angriff von der Erde als aus dem All zu glauben. Panik gab es glücklicherweise keine.
Vielzählige Videos im Internet belegen, dass die großen Objekte, die da vom Himmel fielen, nicht einmal Autofahrer aus der Fassung brachten. Alle fuhren einfach ruhig weiter. Ausländer waren vor allem verwundert über die Anzahl an Videokameras in den Fahrzeugen: „Ist das in Russland Gesetz?“, hinterließen sie ihre Kommentare – und wussten dabei nicht, dass die Kameras nicht nur eine Möglichkeit sind, bei Unfällen den jeweils Schuldigen auszumachen, sondern auch gar keine schlechte Option, sich vor unbegründeten Strafmandaten der Verkehrspolizei zu schützen.
Insgesamt gesehen füllte sich das Internet vor allem mit heiteren Beiträgen: Nach Untersuchungsergebnissen des Medienlabors PROPHET ging es nur in 36 % von ihnen um Sorgen und Ängste. Auch tauchten Twitter-Nachrichten des Tscheljabinsker Meteoriten @chelmeteor selbst auf. „Ich lerne gerade die Erdlinge kennen. Bruce Willis bitte nicht herbitten“, und „Kalt ist es hier. Bären…“ – dieser Mittelklassehumor hatte schnell 700 Follower. Aber am meisten gefragt war der Videokanal von Russia Today mit mehr als 11 Millionen Zuschauer am ersten Tag: nicht wenige Internet-User wollten wissen, was denn da eigentlich im Himmel über Tscheljabinsk herumgeflogen war.
Doch das Wichtigste passierte natürlich offline (und das wird auch weiterhin so sein). Glücklicherweise hatte der Meteorit keine Todesfälle verursacht; insgesamt wurden aber 2.000 Menschen geschädigt. Fenster waren zersprungen, Dächer und Wände von Gebäuden beschädigt. Auch wurde schnell damit begonnen, aus den Ereignissen Profit zu schlagen: unternehmerische Bewohner der Orte, wo Teile des Meteoriten heruntergekommen waren, begannen, mit dessen Fragmenten zu handeln. Auf der Internet-Auktionsplattform eBay stieg ihr Preis auf bis zu 1.000 Dollar. So bot zum Beispiel ein Verkäufer aus Las Vegas für 999 Euro ein Fragment an, das seiner Aussage nach von seinem Bruder gefunden worden war, der als Journalist in Russland arbeitet.
Zur gleichen Zeit wandten sich bereits Ausländer an Tscheljabinsker Reisebüros – mit der Bitte, Ausflüge zum Tschebarkul-See zu organisieren, dem Ort, wo der Großteil des Meteoriten heruntergegangen war. Möglicherweise hilft das sogar, Lücken im Budget zu füllen: denn der durch Druckwellen verursachte Schaden beläuft sich nach Einschätzungen des Gouverneurs des Gebietes Tscheljabinsk auf eine Milliarde Rubel (250 Millionen Euro).
Wer hat noch nicht von dem gehört, was in Tscheljabinsk passiert ist? Wahrscheinlich findet sich da niemand. Schon in den ersten Minuten jagten Informationen darüber durch das Internet. Die Reaktionen darauf waren ganz unterschiedlich: Die Einwohner der Stadt hatten voreilig geschlossen, es müsse sich um einen militärischen Angriff (die USA oder Nordkorea), um Testversuche der örtlichen Wehrabteilungen oder schlussendlich um einen nuklearen Krieg handeln… Natürlich wussten längst nicht alle, dass etwa zu dieser Zeit ein gigantischer Asteroid an der Erde vorbeifliegen sollte. Es ist eben leichter, an einen heimtückischen Angriff von der Erde als aus dem All zu glauben. Panik gab es glücklicherweise keine.
Vielzählige Videos im Internet belegen, dass die großen Objekte, die da vom Himmel fielen, nicht einmal Autofahrer aus der Fassung brachten. Alle fuhren einfach ruhig weiter. Ausländer waren vor allem verwundert über die Anzahl an Videokameras in den Fahrzeugen: „Ist das in Russland Gesetz?“, hinterließen sie ihre Kommentare – und wussten dabei nicht, dass die Kameras nicht nur eine Möglichkeit sind, bei Unfällen den jeweils Schuldigen auszumachen, sondern auch gar keine schlechte Option, sich vor unbegründeten Strafmandaten der Verkehrspolizei zu schützen.
Insgesamt gesehen füllte sich das Internet vor allem mit heiteren Beiträgen: Nach Untersuchungsergebnissen des Medienlabors PROPHET ging es nur in 36 % von ihnen um Sorgen und Ängste. Auch tauchten Twitter-Nachrichten des Tscheljabinsker Meteoriten @chelmeteor selbst auf. „Ich lerne gerade die Erdlinge kennen. Bruce Willis bitte nicht herbitten“, und „Kalt ist es hier. Bären…“ – dieser Mittelklassehumor hatte schnell 700 Follower. Aber am meisten gefragt war der Videokanal von Russia Today mit mehr als 11 Millionen Zuschauer am ersten Tag: nicht wenige Internet-User wollten wissen, was denn da eigentlich im Himmel über Tscheljabinsk herumgeflogen war.
Doch das Wichtigste passierte natürlich offline (und das wird auch weiterhin so sein). Glücklicherweise hatte der Meteorit keine Todesfälle verursacht; insgesamt wurden aber 2.000 Menschen geschädigt. Fenster waren zersprungen, Dächer und Wände von Gebäuden beschädigt. Auch wurde schnell damit begonnen, aus den Ereignissen Profit zu schlagen: unternehmerische Bewohner der Orte, wo Teile des Meteoriten heruntergekommen waren, begannen, mit dessen Fragmenten zu handeln. Auf der Internet-Auktionsplattform eBay stieg ihr Preis auf bis zu 1.000 Dollar. So bot zum Beispiel ein Verkäufer aus Las Vegas für 999 Euro ein Fragment an, das seiner Aussage nach von seinem Bruder gefunden worden war, der als Journalist in Russland arbeitet.
Zur gleichen Zeit wandten sich bereits Ausländer an Tscheljabinsker Reisebüros – mit der Bitte, Ausflüge zum Tschebarkul-See zu organisieren, dem Ort, wo der Großteil des Meteoriten heruntergegangen war. Möglicherweise hilft das sogar, Lücken im Budget zu füllen: denn der durch Druckwellen verursachte Schaden beläuft sich nach Einschätzungen des Gouverneurs des Gebietes Tscheljabinsk auf eine Milliarde Rubel (250 Millionen Euro).
Donnerstag, 7. Februar 2013
Mit Geschwindigkeiten
Der 21. Dezember 2012 hätte für Tausende von Ukrainern tatsächlich der letzte Tag ihres Lebens werden können – das hatte man erst Anfang Januar publik gemacht. Die Passagiere eines Hyundai-Schnellzuges aus koreanischer Herstellung waren damals aus Kiew in Richtung Lwiw unterwegs und hatten keine Vorstellung davon, welche Konsequenzen eine Störung dieses neuen Schnellzuges für sie gehabt haben könnte.

Die koreanischen Hyundai-Züge waren vor der Europameisterschaft 2012 angeschafft worden, damit man vor den europäischen Fans nicht doof dastand: denn die alten Züge waren schon zu Zeiten der Sowjetunion im Einsatz gewesen. Der Regierung blieb ziemlich wenig Zeit für diesen Kauf. Nur die koreanischen Hersteller sagten zu, ihre Modelle innerhalb des engen Zeitraums bereitstellen zu können. Ende 2010 wurde der Vertrag unterschrieben, und bereits im Juni 2012 wurden die neuen Züge in die Ukraine geliefert.
Allerdings blieb den Koreanern nicht genügend Zeit für die Überprüfung der Ausstattung. Es wurden keinerlei Tests durchgeführt, und die Züge wurden sofort in Betrieb genommen. Darum waren in einigen Waggons die Knöpfe für die Systemsteuerung nicht an Ort und Stelle. Ein so grenzenloses Vertrauen war der Firma Hyundai noch nie entgegengebracht worden.
Als Initiator für den Kauf der koreanischen Hyundai-Züge war der Ex-Vorsitzende des Ministeriums für Infrastruktur in der Ukraine, Boris Kolesnikow, aufgetreten. Nach einer Serie von Pannen hatte er sich bei den Passagieren entschuldigt und seinen Fehler zugegeben. Doch wie bekannt ist, helfen Worte eben weniger als Taten. Und kurz darauf erlebten die Ukrainer schon den nächsten Zwischenfall.
Am Abend des 21. Dezember 2012 wurde ein Zug an der Station Kladiewo zwei Stunden lang festgehalten; den Grund dafür teilten die Bahnmitarbeiter den Passagieren nicht mit. Denn wozu sollte man diese schließlich grundlos beunruhigen? Zeitgleich riss an der Station das Kontaktkabel, und die Schaltzentrale für den Zugverkehr ging in Flammen auf. Wegen des Feuers funktionierte in anderen Bereichen die Signalgebung für den Gegenverkehr nicht mehr, weswegen dort Bahnarbeiter die Schlagbäume mit der Hand bedienen mussten. In Gefahr waren somit auch Fahrgäste in anderen Zügen, die auf der gleichen Strecke unterwegs waren. Nach inoffiziellen Angaben betrafen die Einschränkungen durch den Brand etwa eine Million Bürger.
Die Regierung hielt Informationen über diese Vorgänge unter Verschluss. Die Leitzentrale wurde renoviert, aber an der Gesamtsituation änderte sich kaum etwas: Die Ausrüstung an den Stationen, die gesamte Schienen-Infrastruktur – und darunter eben auch die Kontaktkabel – sind nicht kompatibel mit den koreanischen Zügen. Das wurde spätestens mit dem Kälteeinbruch klar, als an den Zügen nach dem Schneeballsystem ganze Schadensserien auftraten. Einer nach dem anderen waren sie nicht mehr auf die Gleise zu bringen oder gingen unterwegs kaputt. Und das einige Male pro Woche. Die Passagiere saßen stundenlang zwischen irgendwelchen Feldern und bei Dunkelheit wie Kälte in den Waggons.
Für solche „Attraktionen“ in den zehn Hyundai-Schnellzügen hat die ukrainische Regierung 307 Millionen Dollar ausgegeben, und noch einmal für 125 Millionen Dollar Reparatur-Depots gebaut. Dabei sind die Zugtickets doppelt so teuer geworden (25 bzw. 36 Dollar, je nach Klasse). Viele Passagiere haben mittlerweile gegen die Beförderungsfirma „Ukrsalisniza“ Anzeige erstattet.
Der Präsident der Ukraine, Wiktor Janukowitsch, hat den Kauf der koreanischen Züge mittlerweile als eine grobe Fehlentscheidung bezeichnet. Die Regierung hat beschlossen, anstatt der Hyundais zum gleichen Preis Züge aus dem Krjukowskij-Waggonwerk (in der Stadt Krementschuk) zu kaufen: denn diese sind auf ukrainische Stromnetze und Klimaverhältnisse ausgerichtet. Die gleichen Millionenbeträge werden nun ohne Eile investiert, um die nötigen Lauftests durchzuführen. Und bis dahin kann man ganz offensichtlich noch Menschenleben riskieren – zuliebe von Politikern, die vor der internationalen Gesellschaft gut dastehen wollen.

Die koreanischen Hyundai-Züge waren vor der Europameisterschaft 2012 angeschafft worden, damit man vor den europäischen Fans nicht doof dastand: denn die alten Züge waren schon zu Zeiten der Sowjetunion im Einsatz gewesen. Der Regierung blieb ziemlich wenig Zeit für diesen Kauf. Nur die koreanischen Hersteller sagten zu, ihre Modelle innerhalb des engen Zeitraums bereitstellen zu können. Ende 2010 wurde der Vertrag unterschrieben, und bereits im Juni 2012 wurden die neuen Züge in die Ukraine geliefert.
Allerdings blieb den Koreanern nicht genügend Zeit für die Überprüfung der Ausstattung. Es wurden keinerlei Tests durchgeführt, und die Züge wurden sofort in Betrieb genommen. Darum waren in einigen Waggons die Knöpfe für die Systemsteuerung nicht an Ort und Stelle. Ein so grenzenloses Vertrauen war der Firma Hyundai noch nie entgegengebracht worden.
Als Initiator für den Kauf der koreanischen Hyundai-Züge war der Ex-Vorsitzende des Ministeriums für Infrastruktur in der Ukraine, Boris Kolesnikow, aufgetreten. Nach einer Serie von Pannen hatte er sich bei den Passagieren entschuldigt und seinen Fehler zugegeben. Doch wie bekannt ist, helfen Worte eben weniger als Taten. Und kurz darauf erlebten die Ukrainer schon den nächsten Zwischenfall.
Am Abend des 21. Dezember 2012 wurde ein Zug an der Station Kladiewo zwei Stunden lang festgehalten; den Grund dafür teilten die Bahnmitarbeiter den Passagieren nicht mit. Denn wozu sollte man diese schließlich grundlos beunruhigen? Zeitgleich riss an der Station das Kontaktkabel, und die Schaltzentrale für den Zugverkehr ging in Flammen auf. Wegen des Feuers funktionierte in anderen Bereichen die Signalgebung für den Gegenverkehr nicht mehr, weswegen dort Bahnarbeiter die Schlagbäume mit der Hand bedienen mussten. In Gefahr waren somit auch Fahrgäste in anderen Zügen, die auf der gleichen Strecke unterwegs waren. Nach inoffiziellen Angaben betrafen die Einschränkungen durch den Brand etwa eine Million Bürger.
Die Regierung hielt Informationen über diese Vorgänge unter Verschluss. Die Leitzentrale wurde renoviert, aber an der Gesamtsituation änderte sich kaum etwas: Die Ausrüstung an den Stationen, die gesamte Schienen-Infrastruktur – und darunter eben auch die Kontaktkabel – sind nicht kompatibel mit den koreanischen Zügen. Das wurde spätestens mit dem Kälteeinbruch klar, als an den Zügen nach dem Schneeballsystem ganze Schadensserien auftraten. Einer nach dem anderen waren sie nicht mehr auf die Gleise zu bringen oder gingen unterwegs kaputt. Und das einige Male pro Woche. Die Passagiere saßen stundenlang zwischen irgendwelchen Feldern und bei Dunkelheit wie Kälte in den Waggons.
Für solche „Attraktionen“ in den zehn Hyundai-Schnellzügen hat die ukrainische Regierung 307 Millionen Dollar ausgegeben, und noch einmal für 125 Millionen Dollar Reparatur-Depots gebaut. Dabei sind die Zugtickets doppelt so teuer geworden (25 bzw. 36 Dollar, je nach Klasse). Viele Passagiere haben mittlerweile gegen die Beförderungsfirma „Ukrsalisniza“ Anzeige erstattet.
Der Präsident der Ukraine, Wiktor Janukowitsch, hat den Kauf der koreanischen Züge mittlerweile als eine grobe Fehlentscheidung bezeichnet. Die Regierung hat beschlossen, anstatt der Hyundais zum gleichen Preis Züge aus dem Krjukowskij-Waggonwerk (in der Stadt Krementschuk) zu kaufen: denn diese sind auf ukrainische Stromnetze und Klimaverhältnisse ausgerichtet. Die gleichen Millionenbeträge werden nun ohne Eile investiert, um die nötigen Lauftests durchzuführen. Und bis dahin kann man ganz offensichtlich noch Menschenleben riskieren – zuliebe von Politikern, die vor der internationalen Gesellschaft gut dastehen wollen.
Dienstag, 29. Januar 2013
Dies und das
So, da bin ich wieder. Nach längerer Pause kann ich nun den Blog über das aktuelle politische Zeitgeschehen in Deutschland, bei dem ich mich stets um Einbindung der machtsoziologischen bzw. konspirologischen Perspektive bemühe, fortsetzen. In der Zwischenzeit hab ich an einem Roman gearbeitet – ein Politthriller natürlich – der auch in Bälde fertig sein wird. Und ohne zu viel versprechen zu wollen, aber: Das wird der totale Hammer!
Na ja, davon mal abgesehen ist es ja zum Glück etwas langweilig geworden. Im Herbst stehen in Deutschland Wahlen an und da stellt sich die mäßig interessante Frage: Wer gewinnt? Der Herausforderer Peer Steinbrück von der SPD hat sich dabei durch sein raffgieriges Verhältnis zum Geld so dermaßen unbeliebt gemacht, dass er eigentlich unwählbar ist. Nach Schröder als selbsternanntem „Genossen der Bosse“, Steinmeier als Mittäter im Guantanamo-System (Fall Kurnaz) hat die SPD nun also einen Genossen der Banker als Spitzenkandidaten (der sich schon dazu genötigt sah zu versichern, er sei „kein Knecht des Kapitals“).
Das zu behaupten würde auch ganz gewiss zu weit gehen. Es reicht ja, dass er ein Kumpel des Kapitals ist. Immerhin hängt er in seiner Freizeit gerne mit den sogenannten „Bilderbergern“ ab. Das ist ein elitärer Club aus Bankiers, Superreichen, Männern aus dem Sicherheitsapparat und und und. Die Treffen finden einmal jährlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit für drei Tage in einem Nobel-Hotel statt. Networking und Meinungsbildung auf höchstem Niveau. Steinbrück war 2011 dort zu Gast, sein potenzieller Vize von den Grünen, Jürgen Trittin, hatte 2012 die Ehre.
Und da wird’s dann doch interessant. Wie weit reicht wohl der Einfluss dieses Bilderberger-Netzwerks? Schaffen sie´s, dass auch ein extrem unbeliebter Typ wie Steinbrück Kanzler wird?
Doch auch thematisch beginnt der Wahlkampf grotesk. Inhaltlich besinnt sich die SPD ja tatsächlich auf soziale Themen wie Wohnungsbau, Kampf gegen Steuerhinterziehung, Mindestlohn und anderes. Insofern funktioniert plötzlich das Links/rechts Schema wieder. Allerdings sind diese Themen bei aller Relevanz doch geringfügig, wenn man sie mit dem vergleicht, was finanzpolitisch und institutionell während der heißen Phase der Euro-Rettung verändert wurde (nämlich dem Verlust der Budgethoheit des Bundestages). Doch das fällt jetzt alles unter den Tisch und wird nicht mehr diskutiert (so weit ich sehe auch nicht von der Linkspartei). Damit gleicht Deutschland gerade einem Auto, in dem sich die fünf Insassen darüber streiten, wer ans Steuer kommt, während sie gleichzeitig wissen, dass die Lenkung eh in der Hand derer liegt, die mithilfe eines Elektromagneten das Auto am Dach hochgezogen haben.
Jedenfalls würde es mich nicht wundern, wenn es am Ende zu einer Rot-rot-grünen Koalition kommt, die aus der Perspektive des Kapitals bestimmt wahnsinnig praktisch ist, wenn es darum geht, die Rechnung für die Euro-Rettung begleichen zu lassen. Spannend wäre es noch, da zu beobachten, ob es dieses Jahr wieder eine hysterische Kampagne gegen die Linkspartei geben wird. Auch da tippe ich auf Nein, da die Linkspartei schon signalisiert hat, Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen und wohl wissen wird, dass man dafür einen Preis zu entrichten hat.
Ach ja, ansonsten sind die deutschen Politiker jetzt so weit, militärische Hilfe (für den Mali-Krieg) anzubieten, ohne vorher danach gefragt worden zu sein. Auch wenn es sich dabei nur um logistische und materielle Unterstützung handelt, verrät es doch einiges über die Psychologie der Beteiligten: Sie sind beim Thema Krieg auf den Geschmack gekommen. Also: Im Westen nichts Neues.
P.S. Natürlich klingt das jetzt alles sehr negativ – und man kann mit gleichem Recht alles positiv sehen: Endlich wird das Ersparte der Deutschen wieder in Umlauf gebracht und auf diese Weise die „fiskalische Angstverstopfung“ der deutschen Seele gelöst. Endlich haben wir einen Kanzlerkandidaten, der sagt, was er meint („Mehr Gehalt für mich!“). Endlich haben wir eine SPD, die wieder ansatzweise ok ist („Mehr Geld für die anderen!“) und beim Thema Krieg bleiben wir nachwievor am Schlachtfeldrand stehen.
Na ja, davon mal abgesehen ist es ja zum Glück etwas langweilig geworden. Im Herbst stehen in Deutschland Wahlen an und da stellt sich die mäßig interessante Frage: Wer gewinnt? Der Herausforderer Peer Steinbrück von der SPD hat sich dabei durch sein raffgieriges Verhältnis zum Geld so dermaßen unbeliebt gemacht, dass er eigentlich unwählbar ist. Nach Schröder als selbsternanntem „Genossen der Bosse“, Steinmeier als Mittäter im Guantanamo-System (Fall Kurnaz) hat die SPD nun also einen Genossen der Banker als Spitzenkandidaten (der sich schon dazu genötigt sah zu versichern, er sei „kein Knecht des Kapitals“).
Das zu behaupten würde auch ganz gewiss zu weit gehen. Es reicht ja, dass er ein Kumpel des Kapitals ist. Immerhin hängt er in seiner Freizeit gerne mit den sogenannten „Bilderbergern“ ab. Das ist ein elitärer Club aus Bankiers, Superreichen, Männern aus dem Sicherheitsapparat und und und. Die Treffen finden einmal jährlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit für drei Tage in einem Nobel-Hotel statt. Networking und Meinungsbildung auf höchstem Niveau. Steinbrück war 2011 dort zu Gast, sein potenzieller Vize von den Grünen, Jürgen Trittin, hatte 2012 die Ehre.
Und da wird’s dann doch interessant. Wie weit reicht wohl der Einfluss dieses Bilderberger-Netzwerks? Schaffen sie´s, dass auch ein extrem unbeliebter Typ wie Steinbrück Kanzler wird?
Doch auch thematisch beginnt der Wahlkampf grotesk. Inhaltlich besinnt sich die SPD ja tatsächlich auf soziale Themen wie Wohnungsbau, Kampf gegen Steuerhinterziehung, Mindestlohn und anderes. Insofern funktioniert plötzlich das Links/rechts Schema wieder. Allerdings sind diese Themen bei aller Relevanz doch geringfügig, wenn man sie mit dem vergleicht, was finanzpolitisch und institutionell während der heißen Phase der Euro-Rettung verändert wurde (nämlich dem Verlust der Budgethoheit des Bundestages). Doch das fällt jetzt alles unter den Tisch und wird nicht mehr diskutiert (so weit ich sehe auch nicht von der Linkspartei). Damit gleicht Deutschland gerade einem Auto, in dem sich die fünf Insassen darüber streiten, wer ans Steuer kommt, während sie gleichzeitig wissen, dass die Lenkung eh in der Hand derer liegt, die mithilfe eines Elektromagneten das Auto am Dach hochgezogen haben.
Jedenfalls würde es mich nicht wundern, wenn es am Ende zu einer Rot-rot-grünen Koalition kommt, die aus der Perspektive des Kapitals bestimmt wahnsinnig praktisch ist, wenn es darum geht, die Rechnung für die Euro-Rettung begleichen zu lassen. Spannend wäre es noch, da zu beobachten, ob es dieses Jahr wieder eine hysterische Kampagne gegen die Linkspartei geben wird. Auch da tippe ich auf Nein, da die Linkspartei schon signalisiert hat, Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen und wohl wissen wird, dass man dafür einen Preis zu entrichten hat.
Ach ja, ansonsten sind die deutschen Politiker jetzt so weit, militärische Hilfe (für den Mali-Krieg) anzubieten, ohne vorher danach gefragt worden zu sein. Auch wenn es sich dabei nur um logistische und materielle Unterstützung handelt, verrät es doch einiges über die Psychologie der Beteiligten: Sie sind beim Thema Krieg auf den Geschmack gekommen. Also: Im Westen nichts Neues.
P.S. Natürlich klingt das jetzt alles sehr negativ – und man kann mit gleichem Recht alles positiv sehen: Endlich wird das Ersparte der Deutschen wieder in Umlauf gebracht und auf diese Weise die „fiskalische Angstverstopfung“ der deutschen Seele gelöst. Endlich haben wir einen Kanzlerkandidaten, der sagt, was er meint („Mehr Gehalt für mich!“). Endlich haben wir eine SPD, die wieder ansatzweise ok ist („Mehr Geld für die anderen!“) und beim Thema Krieg bleiben wir nachwievor am Schlachtfeldrand stehen.
Montag, 21. Januar 2013
Vom Kinderrecht auf eine Familie
Dima Jakowljew wurde zwei Jahre alt. Er war von einer amerikanischen Familie adoptiert worden. In seiner Heimat, dem Gebiet Pskow in Russland, hatte ihn seine Mutter zur Adoption freigegeben – denn der Junge war behindert. Drei Monate später kam der Kleine ums Leben: Sein neuer Vater hatte ihn im Auto vergessen, wo er neun Stunden lang 30 Grad Hitze ausgesetzt war.

Den Namen dieses Jungen, der im Jahr 2008 zu Tode gekommen war, haben die Abgeordneten der Staatsduma jetzt für die Benennung eines neuen Gesetzes herangezogen. So schnell wie fast keine andere Verordnung im Land hat Russland eine Antwort auf das „Magnitskij-Gesetz“ verabschiedet. Allerdings keine eindeutige – denn es ist schwer zu sagen, wem sie die Suppe mehr versalzen wird: den amerikanischen Beamten oder den russischen Bürgern.
Das „Magnitskij-Gesetz“ ist ein neuer Erlass der USA mit einer Reihe von Verboten für russische Beamte, die einen vermeintlichen Anteil am Tod von Sergej Magnitskij haben. Dieser Russe, der als Anwalt für eine amerikanische Firma in Moskau gearbeitet hatte und 2009 verhaftet wurde, war in einem Gefängniskrankenhaus zu Tode gekommen. Der Fall Magnitskij gestaltete sich verzwickt; wie Anwälte bestätigten, lag ein Straftatbestand vor. Das zum Ende des letzten Jahres verabschiedete Gesetz droht etwa 60 russischen Beamten mit Arrest und einem Einreiseverbot für die USA. Dabei wird die Liste der betroffenen Namen unter Verschluss gehalten, und Präsident Obama hatte zudem erklärt, dass auch andere Beamte unter das Gesetz fallen könnten.
Die USA haben beschlossen, für Menschenrechte und gegen Korruption in der ganzen Welt zu kämpfen, Russland aber erinnerte sich an die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges. Dabei will ja niemand abstreiten, dass eine Reaktion hierauf gar nicht ausbleiben konnte. Aber vielleicht keine solche… Im Endeffekt haben wir nun ein Gesetz, dass es Amerikanern verbietet, russische Kinder zu adoptieren. Die trockene Statistik lautet folgendermaßen: von 1991 bis 2011 sin in den USA 19 Kinder zu Tode gekommen, die aus Russland adoptiert worden waren. Das ist keine geringe Zahl, und sie wird auch tagtäglich vom russischen Zentralfernsehen heraustrompetet. Gleichzeitig weiß aber kaum jemand, dass in Russland im gleichen Zeitraum etwa 1.500 adoptierte Kinder ums Leben gekommen sind. Die Frage müsste also lauten: Warum werden Morde nach ihrer territorialen Verortung beurteilt? Aus Patriotismus?
Wenn Kinder zu Geiseln gemacht werden, ist das erbärmlich. Und so wird der neue Erlass im Internet auch als „Schurkengesetz“ bezeichnet. Mit leichter Hand haben hier ein paar beleidigte Beamte Kinder um die Möglichkeit gebracht, in einer richtigen Familie zu leben – sei es auch nicht in ihrer Heimat. Und zwar nicht, weil die Anzahl der Fälle, in denen mit Adoptivkindern in den USA grausam umgegangen wurde, besorgniserregend ist, sondern, weil man eben irgendwie reagieren musste. Man hätte aber zum Beispiel auch mit einem russischen Einreiseverbot für amerikanische Soldaten reagieren können, die an der Ermordung von Zivilbevölkerung an amerikanischen Einsatzorten beteiligt waren.
Die Russen wissen, wie es um die Sache mit den Waisenkindern steht: von denen gibt es nämlich nicht wenige, und diejenigen von ihnen, die keine Aufnahmefamilie finden, leben in Kinderheimen. Mit 18 Jahren beginnen sie ein selbständiges Erwachsenenleben, auf das sie absolut nicht vorbereitet sind. In Russland gibt es ca. 650.000 Waisen und Kinder, die ohne die Obhut ihrer Eltern zurückgeblieben sind. Und nur 5.000 von ihnen werden jährlich von ausländischen Staatsbürgern adoptiert. Das scheint erst einmal sehr wenig zu sein. Doch wenn man das Einzelschicksal eines ganz konkreten Kindes betrachtet, dann sind das 5.000 kleine Menschen, die erfahren, was eine Familie ist. Mit Kindern ist das nämlich sehr einfach: Sie wünschen sich einen Papa und eine Mama – welcher Nationalität die sind, und in welches Land man sie zu sich nimmt, das ist erst einmal zweitrangig.

Den Namen dieses Jungen, der im Jahr 2008 zu Tode gekommen war, haben die Abgeordneten der Staatsduma jetzt für die Benennung eines neuen Gesetzes herangezogen. So schnell wie fast keine andere Verordnung im Land hat Russland eine Antwort auf das „Magnitskij-Gesetz“ verabschiedet. Allerdings keine eindeutige – denn es ist schwer zu sagen, wem sie die Suppe mehr versalzen wird: den amerikanischen Beamten oder den russischen Bürgern.
Das „Magnitskij-Gesetz“ ist ein neuer Erlass der USA mit einer Reihe von Verboten für russische Beamte, die einen vermeintlichen Anteil am Tod von Sergej Magnitskij haben. Dieser Russe, der als Anwalt für eine amerikanische Firma in Moskau gearbeitet hatte und 2009 verhaftet wurde, war in einem Gefängniskrankenhaus zu Tode gekommen. Der Fall Magnitskij gestaltete sich verzwickt; wie Anwälte bestätigten, lag ein Straftatbestand vor. Das zum Ende des letzten Jahres verabschiedete Gesetz droht etwa 60 russischen Beamten mit Arrest und einem Einreiseverbot für die USA. Dabei wird die Liste der betroffenen Namen unter Verschluss gehalten, und Präsident Obama hatte zudem erklärt, dass auch andere Beamte unter das Gesetz fallen könnten.
Die USA haben beschlossen, für Menschenrechte und gegen Korruption in der ganzen Welt zu kämpfen, Russland aber erinnerte sich an die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges. Dabei will ja niemand abstreiten, dass eine Reaktion hierauf gar nicht ausbleiben konnte. Aber vielleicht keine solche… Im Endeffekt haben wir nun ein Gesetz, dass es Amerikanern verbietet, russische Kinder zu adoptieren. Die trockene Statistik lautet folgendermaßen: von 1991 bis 2011 sin in den USA 19 Kinder zu Tode gekommen, die aus Russland adoptiert worden waren. Das ist keine geringe Zahl, und sie wird auch tagtäglich vom russischen Zentralfernsehen heraustrompetet. Gleichzeitig weiß aber kaum jemand, dass in Russland im gleichen Zeitraum etwa 1.500 adoptierte Kinder ums Leben gekommen sind. Die Frage müsste also lauten: Warum werden Morde nach ihrer territorialen Verortung beurteilt? Aus Patriotismus?
Wenn Kinder zu Geiseln gemacht werden, ist das erbärmlich. Und so wird der neue Erlass im Internet auch als „Schurkengesetz“ bezeichnet. Mit leichter Hand haben hier ein paar beleidigte Beamte Kinder um die Möglichkeit gebracht, in einer richtigen Familie zu leben – sei es auch nicht in ihrer Heimat. Und zwar nicht, weil die Anzahl der Fälle, in denen mit Adoptivkindern in den USA grausam umgegangen wurde, besorgniserregend ist, sondern, weil man eben irgendwie reagieren musste. Man hätte aber zum Beispiel auch mit einem russischen Einreiseverbot für amerikanische Soldaten reagieren können, die an der Ermordung von Zivilbevölkerung an amerikanischen Einsatzorten beteiligt waren.
Die Russen wissen, wie es um die Sache mit den Waisenkindern steht: von denen gibt es nämlich nicht wenige, und diejenigen von ihnen, die keine Aufnahmefamilie finden, leben in Kinderheimen. Mit 18 Jahren beginnen sie ein selbständiges Erwachsenenleben, auf das sie absolut nicht vorbereitet sind. In Russland gibt es ca. 650.000 Waisen und Kinder, die ohne die Obhut ihrer Eltern zurückgeblieben sind. Und nur 5.000 von ihnen werden jährlich von ausländischen Staatsbürgern adoptiert. Das scheint erst einmal sehr wenig zu sein. Doch wenn man das Einzelschicksal eines ganz konkreten Kindes betrachtet, dann sind das 5.000 kleine Menschen, die erfahren, was eine Familie ist. Mit Kindern ist das nämlich sehr einfach: Sie wünschen sich einen Papa und eine Mama – welcher Nationalität die sind, und in welches Land man sie zu sich nimmt, das ist erst einmal zweitrangig.
Donnerstag, 27. Dezember 2012
Über Rampen in den Europäischen Gerichtshof
Vor mir liegt eine Rampe, die zu einem Geschäft führt. Man kann auch daran vorbei laufen und die Stufen hochgehen, aber ich hab´s eilig: Ein paar Schritte auf der Rampe, und schon bin ich drinnen. Die Steigung ist allerdings nicht von schlechten Eltern, und ich rutsche und schwanke, laufe aber weiter. Im Sommer hatte ich mit meinen Freunden versucht, auf Skates über so eine Rampe zu fahren – das war eine ähnliche Herausforderung!

Denn die Rampen sind ausschließlich für Mamas mit Kinderwägen und für Kinder ausgerichtet, die ja gerne im Winter Abhänge runterrutschen. Die Behinderten aber, für die sie eigentlich gedacht sind, trifft man ohnehin nicht so oft auf der Straße an – warum sollte man also für sie die ganze Stadt mit Rampen ausrüsten? So lautet wahrscheinlich die Logik der Behörden und Privatunternehmer in der Ukraine.
Der 28-jährige Dmitrij Scharyj hatte jetzt genug von dieser Einstellung. Er ist ein Rollstuhlfahrer aus Dnepropetrowsk, den mittlerweile das ganze Land kennt. Denn der junge Mann verklagt eine der Apotheken in der Stadt, deren Rampe nicht den erforderlichen Maßstäben entspricht. Dmitrij ist Jurist und hatte keine Angst davor, gegen den Inhaber einer Kette von 100 Apotheken vor Gericht zu ziehen.
Dass die Unzufriedenheit eines Behinderten einen Gerichtsprozess auslöst – so etwas gibt es in der Ukraine zu ersten Mal. Der Rechtsstreit war schon vor zwei Jahren aufgenommen worden. Zuerst hatte Dmitrij noch versucht, einen Konsens mit der Apothekenleitung zu finden; wie viele ukrainische Unternehmer hatte der Inhaber nicht erwartet, dass man ihn verklagen könnte. Dokumente über die Erteilung seiner Lizenz anfordern. Und dass sogar die Drohung laut wird, die Apotheken zu schließen. Wegen einer solchen „Kleinigkeit“ – einer Rampe! Aber ohne Witz: In der Ukraine sind Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sozial gesehen, ungeschützt und praktisch hilflos vor dem Gesetz.
Den ersten Prozess hat Dmitrij Scharyj verloren, doch er hat Berufung eingelegt und wartet nun gerade auf die Entscheidung des Gerichts. Und der junge Mann ist auch bereit, noch weiter zu gehen: Wenn das örtliche Gericht sein Gesuch wieder ablehnt, will er sich an den Europäischen Gerichtshof wenden, teilte er ukrainischen Medien gegenüber mit.
Nach Angaben der Stiftung für sozialen Schutz gibt es in der Ukraine 2,4 Millionen Behinderte. Und dabei sind spezielle Aufzüge, Geländer und abgeflachte Bürgersteige selbst in den größten Städten des Landes eine Seltenheit. Bürgersteige an Ampeln werden für Behinderte zu komplexen Herausforderungen, Besuche in Theatern und Konzertsälen zu seltenen Ereignissen im Leben. Keine Ausflüge, kein Austausch, keine neuen Eindrücke, und dazu noch eine sehr geringe soziale Unterstützung (etwa 150 Euro im Monat) – ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, ist unter solchen Bedingungen unmöglich.
Gleichzeitig redet die Regierung immer öfter über die Rechte von Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten. Es werden Trolleybusse mit niedrigem Einstieg angeschafft, Blindenampeln und Rampen aufgestellt. Doch wenn so etwas gemacht wird, dann in so geringem Maße, dass sich die Situation im Ganzen nicht verändert.
Für Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten in den westlichen Ländern ist dagegen ein so abgeschlossenes Leben etwas ganz Unvorstellbares. Und natürlich geht es nicht nur um eine Rampe, über die man in eine Apotheke kommen kann, sondern um die Arbeit staatlicher Behörden, die die Einhaltung gesetzlicher Normen überwachen sollen. So sind zum Beispiel in den USA die Straßen mit allen nur denkbaren Variationen an Rampen ausgestattet, und in Schwimmbädern und Theatern gibt es spezielle Plätze für Behinderte.
Ich komme schon wieder zu spät. Daher vermeide ich die Stufen und laufe die krasse Rampe im Metroübergang herunter, wobei ich mich an der Handleiste festhalte. Noch nicht ein einziges Mal habe ich hier einen Rollstuhlfahrer gesehen, denn schließlich muss man ja von Zuhause aus auch erst mal bis zur Metro kommen… wann wohl werde ich hier endlich mal einen zu Gesicht kriegen?

Denn die Rampen sind ausschließlich für Mamas mit Kinderwägen und für Kinder ausgerichtet, die ja gerne im Winter Abhänge runterrutschen. Die Behinderten aber, für die sie eigentlich gedacht sind, trifft man ohnehin nicht so oft auf der Straße an – warum sollte man also für sie die ganze Stadt mit Rampen ausrüsten? So lautet wahrscheinlich die Logik der Behörden und Privatunternehmer in der Ukraine.
Der 28-jährige Dmitrij Scharyj hatte jetzt genug von dieser Einstellung. Er ist ein Rollstuhlfahrer aus Dnepropetrowsk, den mittlerweile das ganze Land kennt. Denn der junge Mann verklagt eine der Apotheken in der Stadt, deren Rampe nicht den erforderlichen Maßstäben entspricht. Dmitrij ist Jurist und hatte keine Angst davor, gegen den Inhaber einer Kette von 100 Apotheken vor Gericht zu ziehen.
Dass die Unzufriedenheit eines Behinderten einen Gerichtsprozess auslöst – so etwas gibt es in der Ukraine zu ersten Mal. Der Rechtsstreit war schon vor zwei Jahren aufgenommen worden. Zuerst hatte Dmitrij noch versucht, einen Konsens mit der Apothekenleitung zu finden; wie viele ukrainische Unternehmer hatte der Inhaber nicht erwartet, dass man ihn verklagen könnte. Dokumente über die Erteilung seiner Lizenz anfordern. Und dass sogar die Drohung laut wird, die Apotheken zu schließen. Wegen einer solchen „Kleinigkeit“ – einer Rampe! Aber ohne Witz: In der Ukraine sind Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sozial gesehen, ungeschützt und praktisch hilflos vor dem Gesetz.
Den ersten Prozess hat Dmitrij Scharyj verloren, doch er hat Berufung eingelegt und wartet nun gerade auf die Entscheidung des Gerichts. Und der junge Mann ist auch bereit, noch weiter zu gehen: Wenn das örtliche Gericht sein Gesuch wieder ablehnt, will er sich an den Europäischen Gerichtshof wenden, teilte er ukrainischen Medien gegenüber mit.
Nach Angaben der Stiftung für sozialen Schutz gibt es in der Ukraine 2,4 Millionen Behinderte. Und dabei sind spezielle Aufzüge, Geländer und abgeflachte Bürgersteige selbst in den größten Städten des Landes eine Seltenheit. Bürgersteige an Ampeln werden für Behinderte zu komplexen Herausforderungen, Besuche in Theatern und Konzertsälen zu seltenen Ereignissen im Leben. Keine Ausflüge, kein Austausch, keine neuen Eindrücke, und dazu noch eine sehr geringe soziale Unterstützung (etwa 150 Euro im Monat) – ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, ist unter solchen Bedingungen unmöglich.
Gleichzeitig redet die Regierung immer öfter über die Rechte von Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten. Es werden Trolleybusse mit niedrigem Einstieg angeschafft, Blindenampeln und Rampen aufgestellt. Doch wenn so etwas gemacht wird, dann in so geringem Maße, dass sich die Situation im Ganzen nicht verändert.
Für Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten in den westlichen Ländern ist dagegen ein so abgeschlossenes Leben etwas ganz Unvorstellbares. Und natürlich geht es nicht nur um eine Rampe, über die man in eine Apotheke kommen kann, sondern um die Arbeit staatlicher Behörden, die die Einhaltung gesetzlicher Normen überwachen sollen. So sind zum Beispiel in den USA die Straßen mit allen nur denkbaren Variationen an Rampen ausgestattet, und in Schwimmbädern und Theatern gibt es spezielle Plätze für Behinderte.
Ich komme schon wieder zu spät. Daher vermeide ich die Stufen und laufe die krasse Rampe im Metroübergang herunter, wobei ich mich an der Handleiste festhalte. Noch nicht ein einziges Mal habe ich hier einen Rollstuhlfahrer gesehen, denn schließlich muss man ja von Zuhause aus auch erst mal bis zur Metro kommen… wann wohl werde ich hier endlich mal einen zu Gesicht kriegen?
Montag, 17. Dezember 2012
So wie man das Weltende begeht, so begeht man auch...
„Na Sie haben sich aber gut versorgt für den Weltuntergang!“, lacht ein junger Mann, der in den Einkaufswagen einer älteren Dame an der Kasse schaut. Drei große Wasserflaschen und einige Dutzend verschiedene Konservendosen: von Büchsenfleisch bis Ananas.
„Was für ein Weltuntergang, das Neujahr gilt es zu überstehen! Solange die Preise nicht steigen, muss man noch rechtzeitig alles kaufen“, antwortet die Kundin, die scheinbar die gesamten Regale des kleinen Supermarktes geleert hat, mit vollem Ernst.

Ach ja, der Weltuntergang. Während ich drei Bananen und eine Milchpackung auf das Kassenband lege, versinke ich in Gedanken. Alle meine Bekannten entscheiden gerade, wie sie den Weltuntergang begehen werden, wo sie sich treffen, auf welche Party sie gehen. Auch die Medien können dieses ungewöhnliche Ereignis nicht ignorieren. Fast alle großen Zeitungen und Sender haben Umfragen zum Thema Weltuntergang gemacht: glaubt ihr an das Weltende und falls ja, mit welchen Lebensmitteln habt ihr euch eingedeckt, für den Fall, dass es hart auf hart kommt? Nach der Anzahl der Antworten zu urteilen ist das Thema beliebt. Denjenigen, die schon vorher wissen wollen, was uns erwartet, schlage ich die Variante „Apokalypse“ vor. In der „Rossiskaja Gaseta“ erscheinen täglich wissenschaftliche Artikel über mögliche Ereignisse am 21. Dezember.
Manche erkunden währenddessen Bunker. So bietet die Verwaltung des Stalinbunkers in Moskau neben den Standardveranstaltungen (Teambuildingsseminare für Unternehmen, Ausstellungen oder Hochzeiten) einen neuen Service an. Gegen Bezahlung von ca. 500 000 Rubel (ca. 12 500 €) kann man den Weltuntergang im tiefsten Bunker der Welt erleben. Man kann sich mit dem Unausweichlichem aber auch versöhnen. Etwa unter dem Motto: „Wir kümmern uns um ihre Kinder“ - der Rektor der westsibirischen Staatsakademie für Kultur und Kunst ordnete einen zusätzlichen freien Tag an – für den 21. Dezember.
In der Tat demonstriert das bevorstehende Datum anschaulich die Reaktion der Leute auf diese besondere Situation, denn sie teilt die Menschheit in Optimisten, Pessimisten und Realisten ein. Erstere begegnen der Situation mit Humor, die zweiten bereiten sich auf das Schlimmste bevor und letztere bemühen sich, die Situation nüchtern einzuschätzen. Natürlich wird der Weltuntergang kein bewaffneter Konflikt oder ein Regierungsumsturz sein (aus Perspektive der Realisten). Aber wenn man mal halbernste Erklärungen, Begebenheiten und Nachrichten außer Acht lässt, dann gibt es schon wirklich etwas, was zum Nachdenken anregt. Klimawandel, Katastrophen, Menschen, die verhungern, die Erschöpfung natürlicher Ressourcen, eine ökonomische Krise nach der anderen... vielleicht bewegen wir uns wirklich in diese Richtung? (Das ist dann schon Pessimismus.)
Realistischer sieht man das Bevorstehende aber aus der Perspektive des Optimisten. Schon mehrmals haben Wissenschaftler erklärt, dass der Maja-Kalender nicht richtig interpretiert wurde. Also lasst uns das То4ка-Treff Top-Thema für Dezember lesen, Bilanz ziehen für dieses Jahr und die Eroberung neuer Gipfel für das nächste Jahr planen! Und natürlich darf man Weihnachten und Neujahr nicht vergessen – nach dem Weltuntergang erwarten uns noch unsere Lieblingsfeste.
„Was für ein Weltuntergang, das Neujahr gilt es zu überstehen! Solange die Preise nicht steigen, muss man noch rechtzeitig alles kaufen“, antwortet die Kundin, die scheinbar die gesamten Regale des kleinen Supermarktes geleert hat, mit vollem Ernst.

Ach ja, der Weltuntergang. Während ich drei Bananen und eine Milchpackung auf das Kassenband lege, versinke ich in Gedanken. Alle meine Bekannten entscheiden gerade, wie sie den Weltuntergang begehen werden, wo sie sich treffen, auf welche Party sie gehen. Auch die Medien können dieses ungewöhnliche Ereignis nicht ignorieren. Fast alle großen Zeitungen und Sender haben Umfragen zum Thema Weltuntergang gemacht: glaubt ihr an das Weltende und falls ja, mit welchen Lebensmitteln habt ihr euch eingedeckt, für den Fall, dass es hart auf hart kommt? Nach der Anzahl der Antworten zu urteilen ist das Thema beliebt. Denjenigen, die schon vorher wissen wollen, was uns erwartet, schlage ich die Variante „Apokalypse“ vor. In der „Rossiskaja Gaseta“ erscheinen täglich wissenschaftliche Artikel über mögliche Ereignisse am 21. Dezember.
Manche erkunden währenddessen Bunker. So bietet die Verwaltung des Stalinbunkers in Moskau neben den Standardveranstaltungen (Teambuildingsseminare für Unternehmen, Ausstellungen oder Hochzeiten) einen neuen Service an. Gegen Bezahlung von ca. 500 000 Rubel (ca. 12 500 €) kann man den Weltuntergang im tiefsten Bunker der Welt erleben. Man kann sich mit dem Unausweichlichem aber auch versöhnen. Etwa unter dem Motto: „Wir kümmern uns um ihre Kinder“ - der Rektor der westsibirischen Staatsakademie für Kultur und Kunst ordnete einen zusätzlichen freien Tag an – für den 21. Dezember.
In der Tat demonstriert das bevorstehende Datum anschaulich die Reaktion der Leute auf diese besondere Situation, denn sie teilt die Menschheit in Optimisten, Pessimisten und Realisten ein. Erstere begegnen der Situation mit Humor, die zweiten bereiten sich auf das Schlimmste bevor und letztere bemühen sich, die Situation nüchtern einzuschätzen. Natürlich wird der Weltuntergang kein bewaffneter Konflikt oder ein Regierungsumsturz sein (aus Perspektive der Realisten). Aber wenn man mal halbernste Erklärungen, Begebenheiten und Nachrichten außer Acht lässt, dann gibt es schon wirklich etwas, was zum Nachdenken anregt. Klimawandel, Katastrophen, Menschen, die verhungern, die Erschöpfung natürlicher Ressourcen, eine ökonomische Krise nach der anderen... vielleicht bewegen wir uns wirklich in diese Richtung? (Das ist dann schon Pessimismus.)
Realistischer sieht man das Bevorstehende aber aus der Perspektive des Optimisten. Schon mehrmals haben Wissenschaftler erklärt, dass der Maja-Kalender nicht richtig interpretiert wurde. Also lasst uns das То4ка-Treff Top-Thema für Dezember lesen, Bilanz ziehen für dieses Jahr und die Eroberung neuer Gipfel für das nächste Jahr planen! Und natürlich darf man Weihnachten und Neujahr nicht vergessen – nach dem Weltuntergang erwarten uns noch unsere Lieblingsfeste.
Dienstag, 27. November 2012
Geschlossen. Für drei Tage
Letzten Monat wurde das Bibliotheks-Portal „Librusek“ zeitweiße auf die Liste der in Russland verbotenen Internetseiten gestellt – ebenso Links zu einer Reihe von Seiten im populärsten russischen Social Network „Vkontakte“ und sogar die kultige Enzyklopädie der Internet-Phänomene „Lurkmore“. Vergangene Woche erschien plötzlich „YouTube“ auf der Liste. Das konnte das Internet-Publikum nicht aushalten: Die Beunruhigung über das neue Gesetz hat sich in Empörung verwandelt.

Seit dem 1. November existiert ein einheitliches Verzeichnis von Internetseiten, die „schädliche Informationen“ enthalten – Kinderpornografie und die Propagierung von Drogen und Selbstmord. Die Website wurde auf den Grundlagen der neuen Abänderungen zum Gesetz „Über den Schutz von Kindern vor Informationen, die eine Gefahr für die Gesundheit und Entwicklung verursachen“ gegründet. Man sollte glauben, es sei eine gute Lösung des Problems. In Deutschland gibt es auch eine „schwarze Liste“. Tatsächlich kann man aber auf die verbotenen Websites gehen, wenn man nachweist, dass man älter als 18 Jahre ist und die Dokumente per Post vorlegt oder die IP-Adresse eingibt. In den USA wird an Schulen, Universitäten und öffentlichen Bibliotheken eine Filterung realisiert. Eine politische Färbung hat der Zugang zum Internet in China bekommen. Man verbietet nicht nur Content, der Kinderpornographie enthält sondern auch Informationen über oppositionelle politische Bewegungen. Zudem kann man in China auch nicht die Seite von „Facebook“ besuchen. Allerdings verstimmt das die Chinesen nicht besonders: So hat meine Freundin, die vor einem Jahr Kunst in Shanghai studiert hat, ein spezielles Programm verwendet, mit dem sie auf alle verbotenen Seiten gelangten konnte.
In Russland funktioniert das einheitliche Verzeichnis der Internetseiten (zapret-info.gov.ru) so: Auf der Internetressource erscheint die Adresse der Seite und im Laufe von 72 Stunden muss der Betreiber die verbotenen Informationen entfernen. Im Fall von „Lurkmore“ wurde ein Artikel mit einer Gebrauchsanweisung für eine Droge gefunden. Werden die Informationen nicht entfernt, wird die Seite ganz blockiert – nicht einfach nur der Link zu einem Buch in „Librusek“ oder zu einem Video auf „YouTube“ sondern die ganze Seite. Zudem kann sich jeder an „Roskomnadsor“ (eine staatliche Institution, die in Russland u.a. für die Beaufsichtigung der Massenmedien verantwortlich ist, Anm. d. Ü.) wenden: Hat man selbst strittige Informationen gefunden, kann man ohne weiteres ein Formular auf der Seite ausfüllen und die Adresse der Seite angeben.
Die Einführung des Gesetzes entsetzte die Öffentlichkeit in Russland. Man verfolgt jede „Neuerung“ auf zapret-info.gov.ru, doch bereits jetzt sind in das Verzeichnis 180 Seiten eingetragen und mehr als 6000 Meldungen eingegangen. Wenn daraus eine „Fließband“-Arbeit entsteht, wird es schwieriger, eine „Volkskontrolle“ auszuüben. Die jüngste Geschichte hat gezeigt, dass die Meetings gegen die unehrliche Wahlen im Jahr 2011 durch das Auftauchen von einer stetig steigenden Zahl an Gesetzen und Verboten beendet wurden. Und bisher scheint es zweifelhaft, dass der Gang auf die Straßen, wie ihn aktive „Facebook“-, „Twitter“- oder „LiveJournal“- User aus dem Internet-Raum praktizieren, um ihre Rechte auf freien Zugang zu jeder beliebigen Seite zu bewahren, effektiv sein wird.
Als dieses Gesetz verabschiedet wurde, war ich in Deutschland. In einem Gespräch mit deutschen Bekannten habe ich davon erzählt, dass auf uns nun die Zensur des Internets zukommen kann – der einzige Platz für freie Meinungsäußerung in Russland. Ein Junge setzte sich sofort vor den Computer und zeigte mir eine türkische Seite, durch die man auf jede Seite gelangen kann. Ich lächelte: Es ist nicht ganz so traurig…Man wird um den Link bitten müssen.

Seit dem 1. November existiert ein einheitliches Verzeichnis von Internetseiten, die „schädliche Informationen“ enthalten – Kinderpornografie und die Propagierung von Drogen und Selbstmord. Die Website wurde auf den Grundlagen der neuen Abänderungen zum Gesetz „Über den Schutz von Kindern vor Informationen, die eine Gefahr für die Gesundheit und Entwicklung verursachen“ gegründet. Man sollte glauben, es sei eine gute Lösung des Problems. In Deutschland gibt es auch eine „schwarze Liste“. Tatsächlich kann man aber auf die verbotenen Websites gehen, wenn man nachweist, dass man älter als 18 Jahre ist und die Dokumente per Post vorlegt oder die IP-Adresse eingibt. In den USA wird an Schulen, Universitäten und öffentlichen Bibliotheken eine Filterung realisiert. Eine politische Färbung hat der Zugang zum Internet in China bekommen. Man verbietet nicht nur Content, der Kinderpornographie enthält sondern auch Informationen über oppositionelle politische Bewegungen. Zudem kann man in China auch nicht die Seite von „Facebook“ besuchen. Allerdings verstimmt das die Chinesen nicht besonders: So hat meine Freundin, die vor einem Jahr Kunst in Shanghai studiert hat, ein spezielles Programm verwendet, mit dem sie auf alle verbotenen Seiten gelangten konnte.
In Russland funktioniert das einheitliche Verzeichnis der Internetseiten (zapret-info.gov.ru) so: Auf der Internetressource erscheint die Adresse der Seite und im Laufe von 72 Stunden muss der Betreiber die verbotenen Informationen entfernen. Im Fall von „Lurkmore“ wurde ein Artikel mit einer Gebrauchsanweisung für eine Droge gefunden. Werden die Informationen nicht entfernt, wird die Seite ganz blockiert – nicht einfach nur der Link zu einem Buch in „Librusek“ oder zu einem Video auf „YouTube“ sondern die ganze Seite. Zudem kann sich jeder an „Roskomnadsor“ (eine staatliche Institution, die in Russland u.a. für die Beaufsichtigung der Massenmedien verantwortlich ist, Anm. d. Ü.) wenden: Hat man selbst strittige Informationen gefunden, kann man ohne weiteres ein Formular auf der Seite ausfüllen und die Adresse der Seite angeben.
Die Einführung des Gesetzes entsetzte die Öffentlichkeit in Russland. Man verfolgt jede „Neuerung“ auf zapret-info.gov.ru, doch bereits jetzt sind in das Verzeichnis 180 Seiten eingetragen und mehr als 6000 Meldungen eingegangen. Wenn daraus eine „Fließband“-Arbeit entsteht, wird es schwieriger, eine „Volkskontrolle“ auszuüben. Die jüngste Geschichte hat gezeigt, dass die Meetings gegen die unehrliche Wahlen im Jahr 2011 durch das Auftauchen von einer stetig steigenden Zahl an Gesetzen und Verboten beendet wurden. Und bisher scheint es zweifelhaft, dass der Gang auf die Straßen, wie ihn aktive „Facebook“-, „Twitter“- oder „LiveJournal“- User aus dem Internet-Raum praktizieren, um ihre Rechte auf freien Zugang zu jeder beliebigen Seite zu bewahren, effektiv sein wird.
Als dieses Gesetz verabschiedet wurde, war ich in Deutschland. In einem Gespräch mit deutschen Bekannten habe ich davon erzählt, dass auf uns nun die Zensur des Internets zukommen kann – der einzige Platz für freie Meinungsäußerung in Russland. Ein Junge setzte sich sofort vor den Computer und zeigte mir eine türkische Seite, durch die man auf jede Seite gelangen kann. Ich lächelte: Es ist nicht ganz so traurig…Man wird um den Link bitten müssen.
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Tim Jungeblut, Hamburg
Julija Ogorodnikowa, Moskau
Swetlana Rybka, Kiew 