Café Strindberg: Sonntag vormittags, die Sonne kommt gerade über die Häuser der gegenüberliegenden Eteläesplanadi (Södra Esplanaden), wir sitzen draußen, weil wir ausnahmsweise rauchen. Die Bedienung sagt, sie habe uns die Tassen vorgewärmt, mit heißem Wasser ausgespült, damit der Kaffee warm bleibe. Sind wir dankbar. Eine Fähre hat gerade angelegt, kommt wohl aus Stockholm, und spült ihre Passagiere in die Stadt, sie strömen die Pohjoisesplanadi (Norra Esplanaden) hinauf und ziehen, leicht übernächtigt und etwas mitgenommen sehen sie aus, an uns vorbei. Und mir wird erklärt, was das Stockholm-Fahren eigentlich bedeute: Feiern, Saufen, Party, kurzer Landgang, dann wieder zurück, auf gleiche Weise. Das gehöre halt dazu.
Café Success, Korkeavuorenkatu (schwedisch Högbergsgatan): mit Pauliina, ich esse ein Korvapuusti, dieses Hefegebäck mit Zimt, riesig sind die dort. Ich saß ja schon mal hier, allein, vor ein paar Wochen.
Café Engel: einmal Sonntag nachmittags, ich esse wieder Fleischbällchen mit Kartoffelpüree und Gurke, du hast schon gegessen und ißt Kuchen. Und erzählst, daß du früher öfter hier warst, vor der Renovierung, als du noch studiert hast. Ist aber immer noch ein sehr schönes Kaffeehaus. Mit, das ist in Helsinki selten, Bedienung.
Ravintola Elite: Das Art-Déco-Interieur läßt an einen Ocean Liner denken, wir essen Elchbraten, ich wollte einmal Elch probieren. Ich fühle mich ein wenig komisch, weil ich mit meinen Wanderschuhen hier hineingetrampelt bin, zuvor sind wir einmal quer durch die Stadt und über die Insel Seurasaari gewandert, zuletzt an den jetzt verschlossenen Freiluftmuseumshäusern vorbei (vor vielen Jahren hast du da mal gearbeitet, einen Sommer lang, aber die Sommer sind hier ja nicht so lang). Bis auf das Paar am Nachbartisch sind alle um uns herum so alt, daß wir uns plötzlich jung vorkommen dürfen (schöne Illusion). Und ich sage noch, wie gut mir das Wort Ravintola gefällt. Es war das erste finnische Wort überhaupt, das ich mir merken konnte.
Corona Bar: fünf oder sechs Mal. Einmal stehen wir lange an der Bar und du erzählst von dem Projekt, bei dem du Live-Schreiben mußtest, in einem Bahnhof, auf einer Bühne. Auf Bildschirmen konnten die Passanten mitlesen, was die Autoren, drei an der Zahl, gerade schrieben, der Regisseur, das lief unter dem Label Theater, meinte, die Passanten sollten sich wiedererkennen können. Anstrengend sei das gewesen.
Einmal mit Kristina Norman, der Estin, die auf der Biennale in Venedig ihren nachgebauten sowjetischen Bronzesoldaten zeigte, das Original ist in Estland abgerissen worden. Sie erzählt, wie sie in einem Antiquariat in Tartu das alte russische Physik-Lehrbuch fand, aus dem sie ihre Arbeit Field of Genius entwickelte. Dann spricht sie über Transnistrien, dieses seltsame, international nicht anerkannte Land östlich des Dnister, eigentlich ein Teil Moldawiens. Sie dreht dort gerade, bald fährt sie wieder hin, einen Dokumentarfilm.
Noch einmal, abends, nach dem Kino, mit Laura und Martti-Tapio. Martti hat einen Stapel alter Fotos dabei, auf allen ist sein Schauspieler-Vater zu sehen, in Bühnenrollen der dreißiger und vierziger Jahre. Sechs Jahre war sein Vater im Krieg, sechs Kinder hatte er. Und immer wieder ist er auf den Bildern einer von Aleksis Kivis Sieben Brüdern, oft auch ein Operetten-Charakter mit Clark-Gable-Bart. Jetzt ist er 94jährig gestorben. Sein Nachruf stand tags zuvor im Helsingin Sanomat, der größten Zeitung Finnlands.
Corona, noch einmal, nachmittags, mit Pauliina, K, und Taka Kagitomi, dem Japaner aus Mönchengladbach, der für den Tag aus Tampere gekommen ist. Sehr lustig zu viert, zweimal fällt ein Bier um, aber wir sitzen gleich vorne an dem Spieltisch mit hochgezogener Holzkante, deshalb bleiben unsere Knie trocken. Wir essen Corona-Toasts, später gehen wir in die Galerie in Oksasenkatu, gleich neben dem Ravintola Elite. Sascha Boldt, der Deutsche aus der Kabelfabrik, spricht dort über seine Kunst und zeigt seine Selbstbildnisse vor Händen auf Plakatwänden. Die Finnin aus Irkutsk ist auch wieder da.
Café Ekberg, Bulevardi (Bulevarden, fast meine Lieblingsstraße, ich weiß nicht wieso): einmal zum Soup-Lunch, einmal nachmittags, mit C.. Erinnerte mich an Wien und die Zeit, als ich fast jeden Nachmittag im Bräunerhof oder im Prückel saß, 1993 muß das gewesen sein, ich versuchte ein Drehbuch zu schreiben, aus dem natürlich nie etwas wurde, die Flaktürme im Augarten spielten darin eine wichtige Rolle. Im Ekberg gefallen mir die grünen Marmortische, die meisten Ecken sind etwas abgestoßen, und ich wundere mich, daß wochentags nachmittags an vier von fünf Nachbartischen Schwedisch gesprochen wird (an einem von ihnen sitzen zwei sehr beeindruckend silbergrauhaarige Damen, beide tragen turbanähnliche Hutgebilden, sie unterscheiden sich eigentlich nur durch ihre Perlenketten – die Perlen der einen, etwas fülligeren Dame sind viel dicker als die der anderen). Am fünften Tisch unterhält man sich auf Englisch. Ich esse Sitruunapai (schwedisch Citronpaj), der Käsekuchen heißt, als Name finde ich das enttäuschend, einfach bloß Cheesecake.
Café Ursula, am Meer: da war fast noch Sommer. Das Bier war warm und teuer und ziemlich dünn, wir hatten einen tollen Blick über das Wasser.
Dienstag, 1. November 2011
Der Brief (2)
Habe ich ihr dann geantwortet?
Ich weiß es nicht mehr genau, ich glaube nicht. Wahrscheinlich ging es ging mir bloß um diesen einen Brief, ich wollte diesen Brief von ihr, der heute noch zuhause, in einer der Kisten auf dem Zwischenboden im hinteren Flur meiner Wohnung liegen muß. Bevor ich nun nach Helsinki kam, habe ich zwei oder drei Mal daran gedacht, diesen Brief aus Finnland zu suchen, er steckt wahrscheinlich in einem dieser alten Koffer, in denen ich all die Briefe, die ich damals bekam, aufgehoben habe. Hätte ich ihn, diesen finnischen Brief gefunden, hätte ich sie, die unbekannte Finnin, deren Namen ich nicht mehr weiß, wohl nur eine Minute später auf Facebook oder sonstwo wiederfinden können – aber ich vermute mal, ich wollte sie gar nicht finden, sondern lieber in einer der Straßenbahnen der Linien 6 oder 9 sitzen und in der Dämmerung an Häusern mit erleuchteten Fenstern vorbeifahren und mir vorstellen, daß sie, die Unbekannte dort wohnt, in einem der Häuser mit strenger Sechziger-Jahre-Fassade, die mir so sehr gefallen. Ich schaue also hinauf in eines dieser Fenster und stelle mir vor, dort sitze die Frau – ich hoffe, sie lebt noch – in ihrer Küche, vor ihrem Computer oder Gemüse schneidend, die unbekannte Finnin, die mir einmal einen Brief geschrieben hat, vor bald zwanzig Jahre. Vielleicht hat sie heute drei Kinder und lebt geschieden oder zum zweiten Mal verheiratet in einem Haus in Leppävaara oder in einem Wohnblock mit Aussicht auf einen anderen Wohnblock in Kannelmäki oder Itä-Pasila. Oder aber sie lebt noch immer mit ihrer Katze, die Katze ist mittlerweile eine andere, in Kallio und liest viel, Lesen war ja mal eines ihrer Hobbys.
Ich weiß es nicht mehr genau, ich glaube nicht. Wahrscheinlich ging es ging mir bloß um diesen einen Brief, ich wollte diesen Brief von ihr, der heute noch zuhause, in einer der Kisten auf dem Zwischenboden im hinteren Flur meiner Wohnung liegen muß. Bevor ich nun nach Helsinki kam, habe ich zwei oder drei Mal daran gedacht, diesen Brief aus Finnland zu suchen, er steckt wahrscheinlich in einem dieser alten Koffer, in denen ich all die Briefe, die ich damals bekam, aufgehoben habe. Hätte ich ihn, diesen finnischen Brief gefunden, hätte ich sie, die unbekannte Finnin, deren Namen ich nicht mehr weiß, wohl nur eine Minute später auf Facebook oder sonstwo wiederfinden können – aber ich vermute mal, ich wollte sie gar nicht finden, sondern lieber in einer der Straßenbahnen der Linien 6 oder 9 sitzen und in der Dämmerung an Häusern mit erleuchteten Fenstern vorbeifahren und mir vorstellen, daß sie, die Unbekannte dort wohnt, in einem der Häuser mit strenger Sechziger-Jahre-Fassade, die mir so sehr gefallen. Ich schaue also hinauf in eines dieser Fenster und stelle mir vor, dort sitze die Frau – ich hoffe, sie lebt noch – in ihrer Küche, vor ihrem Computer oder Gemüse schneidend, die unbekannte Finnin, die mir einmal einen Brief geschrieben hat, vor bald zwanzig Jahre. Vielleicht hat sie heute drei Kinder und lebt geschieden oder zum zweiten Mal verheiratet in einem Haus in Leppävaara oder in einem Wohnblock mit Aussicht auf einen anderen Wohnblock in Kannelmäki oder Itä-Pasila. Oder aber sie lebt noch immer mit ihrer Katze, die Katze ist mittlerweile eine andere, in Kallio und liest viel, Lesen war ja mal eines ihrer Hobbys.
Freitag, 28. Oktober 2011
Der Brief (1)
Der Brief
Gestern mußte ich wieder daran denken, daß ich vor Jahren, es muß 1991 oder 1992 gewesen sein, einmal einen Brief nach Finnland geschrieben habe, an eine mir völlig unbekannte Finnin. Ich schrieb ihr, weil ich jahrelang einen Ausriß aus einer Jugendzeitschrift von 1984 oder 1985 aufgehoben hatte, eine kleine Anzeige mit Foto in der stand, daß sie, die unbekannte Finnin, Brieffreundschaften suche, ihre Hobbys gab sie, der Text war auf Englisch, mit sailing, surfing, and reading an. Auf dem winzigen, kaum kinderfingernagelgroßen Bild lächelte ein blondes Mädchen (jedenfalls nahm ich an, daß das sie blond war, das Foto war schwarzweiß) mit lockigem Pagenkopf, sie lachte in die Kamera, ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, sie fünfzehn. Ich wußte, schreibe ich ihr jetzt, habe ich keine Chance. Ich riß ihr Bild und den kurzen Satz, den sie dazu geschrieben hatte aus der Zeitschrift, legte das kleine Stück Papier in eine Schreibtischschublade. Sieben oder acht Jahre später, ich war zuhause aus- und ein paar mal umgezogen, räumte ich meinen Schreibtisch auf und stieß wieder auf diesen Ausriß, wollte ihn schon wegwerfen, dachte dann aber, was soll’s, nun habe ich dich, Girl of North Country, so lange aufgehoben, jetzt kann ich dir auch schreiben. Und schrieb ihr also ein paar Sätze zu meinem Leben, und wie es dazu kam, daß sie nun einen Brief von mir erhielt. Nicht einmal zwei Wochen lag eine Antwort aus Helsinki in meinem Briefkasten – geschrieben hatte ich in eine andere Stadt, welche das war, weiß ich nicht mehr. Sie schrieb, sie habe sich sehr gewundert und sehr gefreut, ihre Mutter habe ihr meinen Brief aus ihrer Heimatstadt nachgesendet, sie lebe jetzt in Helsinki, habe eine Katze und arbeite als Verwaltungsangestellte. Und berichtete, damals, neun oder zehn Jahre zuvor, über zweihundert Briefe bekommen zu haben. Eine dauerhafte Brieffreundschaft sei jedoch nicht entstanden.
Habe ich ihr dann geantwortet?
(Fortsetzung folgt)
Gestern mußte ich wieder daran denken, daß ich vor Jahren, es muß 1991 oder 1992 gewesen sein, einmal einen Brief nach Finnland geschrieben habe, an eine mir völlig unbekannte Finnin. Ich schrieb ihr, weil ich jahrelang einen Ausriß aus einer Jugendzeitschrift von 1984 oder 1985 aufgehoben hatte, eine kleine Anzeige mit Foto in der stand, daß sie, die unbekannte Finnin, Brieffreundschaften suche, ihre Hobbys gab sie, der Text war auf Englisch, mit sailing, surfing, and reading an. Auf dem winzigen, kaum kinderfingernagelgroßen Bild lächelte ein blondes Mädchen (jedenfalls nahm ich an, daß das sie blond war, das Foto war schwarzweiß) mit lockigem Pagenkopf, sie lachte in die Kamera, ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, sie fünfzehn. Ich wußte, schreibe ich ihr jetzt, habe ich keine Chance. Ich riß ihr Bild und den kurzen Satz, den sie dazu geschrieben hatte aus der Zeitschrift, legte das kleine Stück Papier in eine Schreibtischschublade. Sieben oder acht Jahre später, ich war zuhause aus- und ein paar mal umgezogen, räumte ich meinen Schreibtisch auf und stieß wieder auf diesen Ausriß, wollte ihn schon wegwerfen, dachte dann aber, was soll’s, nun habe ich dich, Girl of North Country, so lange aufgehoben, jetzt kann ich dir auch schreiben. Und schrieb ihr also ein paar Sätze zu meinem Leben, und wie es dazu kam, daß sie nun einen Brief von mir erhielt. Nicht einmal zwei Wochen lag eine Antwort aus Helsinki in meinem Briefkasten – geschrieben hatte ich in eine andere Stadt, welche das war, weiß ich nicht mehr. Sie schrieb, sie habe sich sehr gewundert und sehr gefreut, ihre Mutter habe ihr meinen Brief aus ihrer Heimatstadt nachgesendet, sie lebe jetzt in Helsinki, habe eine Katze und arbeite als Verwaltungsangestellte. Und berichtete, damals, neun oder zehn Jahre zuvor, über zweihundert Briefe bekommen zu haben. Eine dauerhafte Brieffreundschaft sei jedoch nicht entstanden.
Habe ich ihr dann geantwortet?
(Fortsetzung folgt)
Lokale (1)
Lokale
Hesburger im Tennispalatsi: mit T., weil sie Cheeseburger essen wollte, die Pommes Frites waren okay, in den Burgern befand sich eine Art Remoulade, von der wir nicht so begeistert waren.
Mbar, im Lasipalatsi (Glaspalast): allein, als ich aus Turku zurückkam, es sang und spielte eine Musikerin namens Rebecca Clamp, gefiel mir, ich saß auf einem Hocker und aß einen Sandwich, blieb aber nicht bis zum Ende des Konzerts, sondern ging weiter ins Dubrovnik, dort fand der Prosak-Abend statt.
Ravintola Juttutupa: allein, ich hatte plötzlich Hunger, nachdem ich durch Kallio gelaufen war und versucht hatte, die Wege, die ich mit C. gegangen war wiederzufinden und noch einmal zu gehen. Im Juttutupa aß ich wieder Fleischbällchen, wie letztes Jahr, vorne fand eine Veranstaltung statt, es war voll, man lauschte einem Gespräch, ich vermute mal, es war ein sozialdemokratischer Politiker, der da sprach, wirkte wie auf einer SPD-Kultur-Veranstaltung in Berlin. Ich saß im Hinterzimmer, in einem Alkoven, und war dann wieder sehr satt von den finnischen Fleischbällchen mit Roter Beete und Gurke, ging zu Fuß zurück zum Hafen. Nahm die Fähre um zwanzig vor neun.
Bar Hemingway: ich gehe nur vorbei, mit fällt ein, daß wir da gesessen haben, letztes Jahr, am ersten Abend der Reise, mit Hanna, Martti-Tapio und Laura, das Hotel war in der Nähe. Wir hatten uns über den Namen der Bar amüsiert, daß sie ausgerechnet Hemingway heißen mußte. Was hatte der mit Helsinki zu tun?
Seahorse: mit K., ihre Mutter spielt im Theater im gegenüber, seit Jahren. K. war früher schon, als Kind oft hier. Sie erzählt von ihren Wohnungsproblemen, sie muß zum Ende des Jahren ausziehen, Wohnen ist hier so unglaublich teuer. In die Vorstadt will sie nicht, nein, auf keinen Fall, lieber sterben. K. trinkt Freixenet, echt finnischer Schaumwein, nein, natürlich nicht, und ißt eine Suppe, ich die Heringe, Ostsee-Heringe aus der Bratpfanne, ein riesiger Haufen, dazu Kartoffelpüree. An den Nachbartischen sitzen Touristen. Unter unserem Tisch suche ich nach den Aufklebern, die der fennophile Tex Rubinowitz dort in einer improvisierten Kunstaktion angebracht haben will, finde aber keine. Die müssen unter einem anderen kleben.
Moskau Bar: gleicher Abend, mit K., erinnert mich, vielleicht kommt das von den Bruch-Kacheln, an das Café M vor vielen Jahren, wir sitzen an dem einen Tisch in der Ecke, es ist noch früh, es wird noch nicht getanzt, und reden über das Familiending. Und daß man über seine Eltern eigentlich erst schreiben kann, wenn sie tot sind. K. trinkt Wodka und erzählt von ihren Selbstisolations-Strategien, sie kenne so viele Menschen hier (wieder kommt einer an den Tisch und begrüßt sie), sie wohne halt schon immer hier.
Hesburger im Tennispalatsi: mit T., weil sie Cheeseburger essen wollte, die Pommes Frites waren okay, in den Burgern befand sich eine Art Remoulade, von der wir nicht so begeistert waren.
Mbar, im Lasipalatsi (Glaspalast): allein, als ich aus Turku zurückkam, es sang und spielte eine Musikerin namens Rebecca Clamp, gefiel mir, ich saß auf einem Hocker und aß einen Sandwich, blieb aber nicht bis zum Ende des Konzerts, sondern ging weiter ins Dubrovnik, dort fand der Prosak-Abend statt.
Ravintola Juttutupa: allein, ich hatte plötzlich Hunger, nachdem ich durch Kallio gelaufen war und versucht hatte, die Wege, die ich mit C. gegangen war wiederzufinden und noch einmal zu gehen. Im Juttutupa aß ich wieder Fleischbällchen, wie letztes Jahr, vorne fand eine Veranstaltung statt, es war voll, man lauschte einem Gespräch, ich vermute mal, es war ein sozialdemokratischer Politiker, der da sprach, wirkte wie auf einer SPD-Kultur-Veranstaltung in Berlin. Ich saß im Hinterzimmer, in einem Alkoven, und war dann wieder sehr satt von den finnischen Fleischbällchen mit Roter Beete und Gurke, ging zu Fuß zurück zum Hafen. Nahm die Fähre um zwanzig vor neun.
Bar Hemingway: ich gehe nur vorbei, mit fällt ein, daß wir da gesessen haben, letztes Jahr, am ersten Abend der Reise, mit Hanna, Martti-Tapio und Laura, das Hotel war in der Nähe. Wir hatten uns über den Namen der Bar amüsiert, daß sie ausgerechnet Hemingway heißen mußte. Was hatte der mit Helsinki zu tun?
Seahorse: mit K., ihre Mutter spielt im Theater im gegenüber, seit Jahren. K. war früher schon, als Kind oft hier. Sie erzählt von ihren Wohnungsproblemen, sie muß zum Ende des Jahren ausziehen, Wohnen ist hier so unglaublich teuer. In die Vorstadt will sie nicht, nein, auf keinen Fall, lieber sterben. K. trinkt Freixenet, echt finnischer Schaumwein, nein, natürlich nicht, und ißt eine Suppe, ich die Heringe, Ostsee-Heringe aus der Bratpfanne, ein riesiger Haufen, dazu Kartoffelpüree. An den Nachbartischen sitzen Touristen. Unter unserem Tisch suche ich nach den Aufklebern, die der fennophile Tex Rubinowitz dort in einer improvisierten Kunstaktion angebracht haben will, finde aber keine. Die müssen unter einem anderen kleben.
Moskau Bar: gleicher Abend, mit K., erinnert mich, vielleicht kommt das von den Bruch-Kacheln, an das Café M vor vielen Jahren, wir sitzen an dem einen Tisch in der Ecke, es ist noch früh, es wird noch nicht getanzt, und reden über das Familiending. Und daß man über seine Eltern eigentlich erst schreiben kann, wenn sie tot sind. K. trinkt Wodka und erzählt von ihren Selbstisolations-Strategien, sie kenne so viele Menschen hier (wieder kommt einer an den Tisch und begrüßt sie), sie wohne halt schon immer hier.
Samstag, 22. Oktober 2011
Minigolf
Partys, hier auf der Insel, in einem der riesigen Bildhauer-Ateliers: bisher eine (letzten Freitag)
Indoor-Minigolf-Parcours, der dort über zwei Etagen hinweg gebaut wurde: einer
Minigolfspieler sind unter anderem:
-ein Kurator aus Barcelona, der in Helsinki Interviews mit Bauarbeitern führen will, die vor Jahren freiwillig und ohne Bezahlung ein von Avar Aalto entworfenes Gebäude errichteten
-die Finnin, die mit vier Jahren aus Irkutsk in Sibirien nach Helsinki kam, sie hat Kunstgeschichte studiert, zur Zeit verkauft sie Krawatten
-der deutsche Künstler aus Frankfurt am Main, er hat ein Atelier in der Kabelfabrik (und wie oft, wenn zwei Deutsche sich im Ausland begegnen, unterhalten wir uns erst eine Weile auf Englisch, bevor wir, vielleicht sogar ein wenig widerwillig, ins Deutsche wechseln)
-der Isländer mit dem irren Bart und den langen Haaren, seine finnische Frau meint, er werde auf der Straße gelegentlich Jesus gerufen – weil er aber eine Partie seines dunkelblonden, glatten Haars schon länger nicht mehr gekämmt hat und sich daher am Hinterkopf ein dicker Rasta-Zopf gebildet hat, werde er manchmal auch Jesus von Jamaica genannt
Als Minigolfschläger dienen: zwei Golfschläger, zwei Besen, eine mit Klebeband an einen Besenstiel befestigte Suppenkelle, zwei Schrubber und diverse andere Behelfskonstruktionen
Vasen von Alvar Aalto aus dem Büro, die als Auffangschüssel für Golfbälle unter einem in der Mitte des Sitzpolsters durchbohrten Pseudo-Barock-Fauteuil verwendet werden: eine (die Finnin, die diese Station des Parcours gebaut hat, meint, Aalto gehe ihr schwer auf die Nerven, diese blöde Vase (die angeblich der finnischen Seenlandschaft nachempfundene Savoy-Vase von 1936) finde sie schon immer häßlich, in ganz Finnland gebe es viel zu viele davon (sie zerbricht dann aber nicht))
Minigolfstationen die in ihrem Aufbau an Stationen des Films Der Lauf der Dinge von Peter Fischli und David Weiss erinnern: mindestens drei
Weitere Minigolfspieler sind:
-eine niederländische Konzeptkünstlerin, gerade erst auf der Insel angekommen
-drei finnischen Kunststudentinnen, eine von ihnen erzählt, daß das hiesige Kaufhaus Stockmann vor kurzem eine „I love Berlin“ –Woche veranstaltet habe, Berlin-Hype also auch hier. Und was wurde da angeboten? Bouletten? Die Kunststudentin gehört zu den sieben von acht Finnen, die schon mal in Berlin waren, von Berlin schwärmen, schon mal dort einmal gewohnt haben oder bald dort wohnen wollen
-eine finnische Fremdenführerin, sie lebt von Helsinki-Führungen auf Spanisch, Französisch und Englisch, Spanisch, meint sie, laufe derzeit am Besten
-eine weitere finnische Künstlerin, sie sagt I work with spaces
-noch eine finnische Künstlerin, sie tanzt sehr wild und hat die Minigolfstation mit dem Segelschiffchen auf dem Wasserbottich konstruiert, das mit dem Ventilator vorwärtsgetrieben einen Golfball transportieren soll (funktioniert leider nicht)
-ein ungarischer Künstler, wir saßen schon zusammen in der Sauna, er erzählt, daß er während seiner sozialistischen Kindheit zum Leistungssportler gequält werden sollte, Ringer sollte er werden, mit dem Ende des Sozialismus sei dann aber auch das Ende seiner Sportausbildung gekommen. Jetzt dann halt Kunst
-eine Finnin, die sagt, sie arbeite im Recycling-Business, sehr tätowiert, so sehr, daß kaum zu sehen ist, wo der Stoff ihres sehr auffällig gemusterten gelben Kleids aufhört und ihre nackte Haut, die eben gar nicht mehr nackt wirkt, anfängt. Sie sei bei der größten finnischen Recyclingfirme beschäftigt, und ich sage (oder ich denke es, wie das genau war, weiß ich nicht mehr): eigentlich bin ich doch auch im Recycling-Business, I recycle moments and things past.
Finninnen, die Wein trinken, und sich an ihrer persönlichen, mitgebrachten Weinflasche mit dem praktischen Schraubverschlußflasche festhalten: mindestens vier (ansonsten viel Dosenbier, es gibt aber auch Wein aus der Tüte, der sich in Plastikbecher abfüllen läßt, Tütenbier wird nicht getrunken)
Österreicherinnen, die sich an ihre persönliche Wodkaflasche halten (Koskenkorva, sehr schönes Etikett): eine
Anzahl der Minigolfstationen: sieben oder acht, gespielt wird dann aber doch nicht, eigentlich wird nur noch getanzt. Und fast alle tanzen.
Indoor-Minigolf-Parcours, der dort über zwei Etagen hinweg gebaut wurde: einer
Minigolfspieler sind unter anderem:
-ein Kurator aus Barcelona, der in Helsinki Interviews mit Bauarbeitern führen will, die vor Jahren freiwillig und ohne Bezahlung ein von Avar Aalto entworfenes Gebäude errichteten
-die Finnin, die mit vier Jahren aus Irkutsk in Sibirien nach Helsinki kam, sie hat Kunstgeschichte studiert, zur Zeit verkauft sie Krawatten
-der deutsche Künstler aus Frankfurt am Main, er hat ein Atelier in der Kabelfabrik (und wie oft, wenn zwei Deutsche sich im Ausland begegnen, unterhalten wir uns erst eine Weile auf Englisch, bevor wir, vielleicht sogar ein wenig widerwillig, ins Deutsche wechseln)
-der Isländer mit dem irren Bart und den langen Haaren, seine finnische Frau meint, er werde auf der Straße gelegentlich Jesus gerufen – weil er aber eine Partie seines dunkelblonden, glatten Haars schon länger nicht mehr gekämmt hat und sich daher am Hinterkopf ein dicker Rasta-Zopf gebildet hat, werde er manchmal auch Jesus von Jamaica genannt
Als Minigolfschläger dienen: zwei Golfschläger, zwei Besen, eine mit Klebeband an einen Besenstiel befestigte Suppenkelle, zwei Schrubber und diverse andere Behelfskonstruktionen
Vasen von Alvar Aalto aus dem Büro, die als Auffangschüssel für Golfbälle unter einem in der Mitte des Sitzpolsters durchbohrten Pseudo-Barock-Fauteuil verwendet werden: eine (die Finnin, die diese Station des Parcours gebaut hat, meint, Aalto gehe ihr schwer auf die Nerven, diese blöde Vase (die angeblich der finnischen Seenlandschaft nachempfundene Savoy-Vase von 1936) finde sie schon immer häßlich, in ganz Finnland gebe es viel zu viele davon (sie zerbricht dann aber nicht))
Minigolfstationen die in ihrem Aufbau an Stationen des Films Der Lauf der Dinge von Peter Fischli und David Weiss erinnern: mindestens drei
Weitere Minigolfspieler sind:
-eine niederländische Konzeptkünstlerin, gerade erst auf der Insel angekommen
-drei finnischen Kunststudentinnen, eine von ihnen erzählt, daß das hiesige Kaufhaus Stockmann vor kurzem eine „I love Berlin“ –Woche veranstaltet habe, Berlin-Hype also auch hier. Und was wurde da angeboten? Bouletten? Die Kunststudentin gehört zu den sieben von acht Finnen, die schon mal in Berlin waren, von Berlin schwärmen, schon mal dort einmal gewohnt haben oder bald dort wohnen wollen
-eine finnische Fremdenführerin, sie lebt von Helsinki-Führungen auf Spanisch, Französisch und Englisch, Spanisch, meint sie, laufe derzeit am Besten
-eine weitere finnische Künstlerin, sie sagt I work with spaces
-noch eine finnische Künstlerin, sie tanzt sehr wild und hat die Minigolfstation mit dem Segelschiffchen auf dem Wasserbottich konstruiert, das mit dem Ventilator vorwärtsgetrieben einen Golfball transportieren soll (funktioniert leider nicht)
-ein ungarischer Künstler, wir saßen schon zusammen in der Sauna, er erzählt, daß er während seiner sozialistischen Kindheit zum Leistungssportler gequält werden sollte, Ringer sollte er werden, mit dem Ende des Sozialismus sei dann aber auch das Ende seiner Sportausbildung gekommen. Jetzt dann halt Kunst
-eine Finnin, die sagt, sie arbeite im Recycling-Business, sehr tätowiert, so sehr, daß kaum zu sehen ist, wo der Stoff ihres sehr auffällig gemusterten gelben Kleids aufhört und ihre nackte Haut, die eben gar nicht mehr nackt wirkt, anfängt. Sie sei bei der größten finnischen Recyclingfirme beschäftigt, und ich sage (oder ich denke es, wie das genau war, weiß ich nicht mehr): eigentlich bin ich doch auch im Recycling-Business, I recycle moments and things past.
Finninnen, die Wein trinken, und sich an ihrer persönlichen, mitgebrachten Weinflasche mit dem praktischen Schraubverschlußflasche festhalten: mindestens vier (ansonsten viel Dosenbier, es gibt aber auch Wein aus der Tüte, der sich in Plastikbecher abfüllen läßt, Tütenbier wird nicht getrunken)
Österreicherinnen, die sich an ihre persönliche Wodkaflasche halten (Koskenkorva, sehr schönes Etikett): eine
Anzahl der Minigolfstationen: sieben oder acht, gespielt wird dann aber doch nicht, eigentlich wird nur noch getanzt. Und fast alle tanzen.
Donnerstag, 20. Oktober 2011
Fähre (2)
Fähre (2)
Tage, an denen ich mich nicht mit der Fähre habe übersetzen lassen: bisher keiner
Tage, an denen ich zwei Mal zwischen Insel und Festland hin und her fahre: bisher einer
Schwäne auf dem Wasser, heute, mindestens vierhundert Meter vom Ufer entfernt: zwei (sind das gleich zwei Schwäne von Tuonela? Wo aber liegt Tuonela? Ist es die Insel hinter mir? Liegt es auf dem Festland, in der Nähe des Kraftwerks mit dem hohen Schornstein oder bei den weißen Öltanks am Wasser? Ist eine der riesigen roten Stockholm-Fähren, die abwechselnd im Hafen liegen (sie heißen Gabriella und Mariella), vielleicht das Ungeheuer Surma, das sich von Menschenblut ernährt? Bewachen die Fähren Kalmas Zuhause? Kalma (das weiß ich alles von dir) ist die Göttin des Todes und der Verwesung, ihr Name bedeutet Leichengestank, Menschen fallen tot um, wenn sie Kalma nur riechen. Interessantes Parfüm, sagt T., die auch meint, daß es am Hafen, es ist gerade Heringsmarkt, unglaublich stinke. Sie mag noch keinen Fisch, sie hält sich die Nase zu. Tot um aber fallen wir nicht)
Male, die ich dann, nach Jahren wieder, Schwan von Tuonela höre: zweieinhalb Mal (zu einigen Aufnahmen bei Youtube gibt es sehr kuriose, psychedelisch-esoterische Videos, hier zum Beispiel, mir fällt ein, daß ich einmal ein oder zwei Sibelius-CDs besessen habe, ich weiß nicht mehr, wo die abgeblieben sind, weiß aber noch, wie sehr ich damals, vor Jahren, ich war Anfang zwanzig, von Jean Sibelius’ grimmigem Gesichtsausdruck beeindruckt war)
Male die wir auf der Fähre über die großen Fährunglücke (Estonia und Herald of Free Enterprise reden: zwei Mal (T. interessiert sich sehr für Schiffsuntergänge)
Geringste Anzahl von Passagieren auf der Fähre bisher (mich eingeschlossen): einer (war sehr schön, ganz allein übers Meer gefahren zu werden, der Mond schien aufs Wasser)
Höchste Zahl auf der elektronischen Anzeige, welche die Minuten bis zum nächsten Ablegen der Fähre anzeigt: 204 (nachts, um 2 Uhr 36)
Tage, an denen ich mich nicht mit der Fähre habe übersetzen lassen: bisher keiner
Tage, an denen ich zwei Mal zwischen Insel und Festland hin und her fahre: bisher einer
Schwäne auf dem Wasser, heute, mindestens vierhundert Meter vom Ufer entfernt: zwei (sind das gleich zwei Schwäne von Tuonela? Wo aber liegt Tuonela? Ist es die Insel hinter mir? Liegt es auf dem Festland, in der Nähe des Kraftwerks mit dem hohen Schornstein oder bei den weißen Öltanks am Wasser? Ist eine der riesigen roten Stockholm-Fähren, die abwechselnd im Hafen liegen (sie heißen Gabriella und Mariella), vielleicht das Ungeheuer Surma, das sich von Menschenblut ernährt? Bewachen die Fähren Kalmas Zuhause? Kalma (das weiß ich alles von dir) ist die Göttin des Todes und der Verwesung, ihr Name bedeutet Leichengestank, Menschen fallen tot um, wenn sie Kalma nur riechen. Interessantes Parfüm, sagt T., die auch meint, daß es am Hafen, es ist gerade Heringsmarkt, unglaublich stinke. Sie mag noch keinen Fisch, sie hält sich die Nase zu. Tot um aber fallen wir nicht)
Male, die ich dann, nach Jahren wieder, Schwan von Tuonela höre: zweieinhalb Mal (zu einigen Aufnahmen bei Youtube gibt es sehr kuriose, psychedelisch-esoterische Videos, hier zum Beispiel, mir fällt ein, daß ich einmal ein oder zwei Sibelius-CDs besessen habe, ich weiß nicht mehr, wo die abgeblieben sind, weiß aber noch, wie sehr ich damals, vor Jahren, ich war Anfang zwanzig, von Jean Sibelius’ grimmigem Gesichtsausdruck beeindruckt war)
Male die wir auf der Fähre über die großen Fährunglücke (Estonia und Herald of Free Enterprise reden: zwei Mal (T. interessiert sich sehr für Schiffsuntergänge)
Geringste Anzahl von Passagieren auf der Fähre bisher (mich eingeschlossen): einer (war sehr schön, ganz allein übers Meer gefahren zu werden, der Mond schien aufs Wasser)
Höchste Zahl auf der elektronischen Anzeige, welche die Minuten bis zum nächsten Ablegen der Fähre anzeigt: 204 (nachts, um 2 Uhr 36)
Sonntag, 16. Oktober 2011
Beim Fotografieren fotografiert (Suomenlinna)



Welche Farbe hat Helsinki? (FAZ zur Buchmesse, 15.10.2011)

Welche Farbe hat Helsinki?
Isländer! Überall Isländer! Ist es im Gastland jetzt nicht öde? Wir haben den Schriftsteller David Wagner hingeschickt,
um nachzugucken. Leider kam er nur bis Finnland.
Na, schon in einer heißen Quelle gebadet, Herr Wagner?
Leider hab ich noch gar keine gefunden. Dafür aber sehr heiße Saunen. Es gibt in jedem Haus eine. Und die Wohnungen, selbst die alte Festung, in der ich zurzeit wohne, sind erstaunlich gut geheizt.
Geysire?
Fehlanzeige. Aber ich bin ja auch erst eine Woche hier. Was weiß ich schon. Eigentlich nichts. Und ich verstehe ja kein Wort Finnisch. Wirklich kein einziges Wort, aber das ist auf eine Weise sehr angenehm. Nichtverstehen kann auch sehr schön sein.
Wie ist das zu verstehen?
Wie der Reiz des Kannitverstan zu verstehen ist? Alles wird Klang. Der halbgesungene Vokalreichtum der Sprache macht das Finnische zu Musik in meinen Ohren. Im Flughafenbus saß ich hinter zwei sehr blonden Finnair-Stewardessen, die sich angeregt unterhielten – das hörte sich an, als ob zwei Waldvöglein sängen, so schön. Ist Olivier Messiaen oft in Finnland gewesen, habe ich mich da gefragt, und kein Wunder, daß es so viele finnische Opernsänger gibt.
Was machen Sie denn auf einer Festung? Sind Sie da eingesperrt?
Ja, die Festung auf der Insel Suomenlinna soll mein Schreibgefängnis sein. Die Insel ist Weltkulturerbe, Ausflugsziel, hat aber auch ein Gefängnis. Und eine Künstlerkolonie. Wobei ich nach einer flüchtigen Besichtigung den Eindruck hatte, daß das Gefängnis noch schöner liegt und noch besser ausgestattet sein könnte als die Künstlerwohnungen. Im Atelier nebenan entsteht übrigens gerade eine Indoor-Minigolfanlage.
Sie wohnen also in einer alten Festung auf der Insel vor Helsinki. Das hört sich ja sehr romantisch an. Was macht man da so den Tag lang?
Ich stehe am Meer und brülle die Brandung an. Ich schaue in den Himmel. Ich starre aufs Wasser. Was man halt so macht, auf der Suche nach schönen Sätzen. Am meisten beschäftigen mich derzeit die Karotten, die ich in Kauppatorilta, dem Markt am Hafen, auf dem Festland kaufe. Warum schmecken die hier so unglaublich gut? Und warum schmecken die Kartoffeln so gut?
Interessante Fragen, die Sie da aufwerfen. Sollten Sie nicht ein Blog für das Goethe Institut schreiben?
Ja, eigentlich schon, ich war bisher allerdings zu beschäftigt, finnische Dichterinnen und russische Emigrantinnen zu treffen. Ich wurde in einem Nationalpark entführt, habe einige Fliegenpilze gesehen, Pilze gegessen und wurde zum Trinken verführt. Ich war sehr erstaunt, noch in diesen Tagen, im Oktober, so viele Finnen zelten zu sehen. Sehr entspannt liegen sie mitten im Wald in und vor ihren Zelten. Kalt scheint ihnen nicht zu sein. Vielleicht mache ich das demnächst auch.
Welche Farbe hat Helsinki?
Ich überlege noch. Welche Farbe hat das Meer? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schneit es bald. Dann wird die Stadt wohl weiß sein.
Warum eigentlich Helsinki, fällt uns da gerade ein. Kann es sein, daß Sie da eine Kleinigkeit verwechselt haben?
Ach, bin ich hier nicht richtig? Dann bin ich hier wohl richtig, wenn ich hier nicht richtig bin. Gastland hin, Gastland her, ich fühle mich, sehr wohl. Finnland ist sehr gastfreundlich.
Und schon in drei Jahren wird Finnland doch tatsächlich Gastland der Frankfurter Buchmesse sein.
Wird dann all dieses Finnlandwissen, das ich gerade sammle, nicht plötzlich sehr wertvoll sein?
(Interview: Wiebke Porombka)
(Seite 1 von 2, insgesamt 11 Einträge)
nächste Seite »













Comments