Café Strindberg: Sonntag vormittags, die Sonne kommt gerade über die Häuser der gegenüberliegenden Eteläesplanadi (Södra Esplanaden), wir sitzen draußen, weil wir ausnahmsweise rauchen. Die Bedienung sagt, sie habe uns die Tassen vorgewärmt, mit heißem Wasser ausgespült, damit der Kaffee warm bleibe. Sind wir dankbar. Eine Fähre hat gerade angelegt, kommt wohl aus Stockholm, und spült ihre Passagiere in die Stadt, sie strömen die Pohjoisesplanadi (Norra Esplanaden) hinauf und ziehen, leicht übernächtigt und etwas mitgenommen sehen sie aus, an uns vorbei. Und mir wird erklärt, was das Stockholm-Fahren eigentlich bedeute: Feiern, Saufen, Party, kurzer Landgang, dann wieder zurück, auf gleiche Weise. Das gehöre halt dazu.
Café Success, Korkeavuorenkatu (schwedisch Högbergsgatan): mit Pauliina, ich esse ein Korvapuusti, dieses Hefegebäck mit Zimt, riesig sind die dort. Ich saß ja schon mal hier, allein, vor ein paar Wochen.
Café Engel: einmal Sonntag nachmittags, ich esse wieder Fleischbällchen mit Kartoffelpüree und Gurke, du hast schon gegessen und ißt Kuchen. Und erzählst, daß du früher öfter hier warst, vor der Renovierung, als du noch studiert hast. Ist aber immer noch ein sehr schönes Kaffeehaus. Mit, das ist in Helsinki selten, Bedienung.
Ravintola Elite: Das Art-Déco-Interieur läßt an einen Ocean Liner denken, wir essen Elchbraten, ich wollte einmal Elch probieren. Ich fühle mich ein wenig komisch, weil ich mit meinen Wanderschuhen hier hineingetrampelt bin, zuvor sind wir einmal quer durch die Stadt und über die Insel Seurasaari gewandert, zuletzt an den jetzt verschlossenen Freiluftmuseumshäusern vorbei (vor vielen Jahren hast du da mal gearbeitet, einen Sommer lang, aber die Sommer sind hier ja nicht so lang). Bis auf das Paar am Nachbartisch sind alle um uns herum so alt, daß wir uns plötzlich jung vorkommen dürfen (schöne Illusion). Und ich sage noch, wie gut mir das Wort Ravintola gefällt. Es war das erste finnische Wort überhaupt, das ich mir merken konnte.
Corona Bar: fünf oder sechs Mal. Einmal stehen wir lange an der Bar und du erzählst von dem Projekt, bei dem du Live-Schreiben mußtest, in einem Bahnhof, auf einer Bühne. Auf Bildschirmen konnten die Passanten mitlesen, was die Autoren, drei an der Zahl, gerade schrieben, der Regisseur, das lief unter dem Label Theater, meinte, die Passanten sollten sich wiedererkennen können. Anstrengend sei das gewesen.
Einmal mit Kristina Norman, der Estin, die auf der Biennale in Venedig ihren nachgebauten sowjetischen Bronzesoldaten zeigte, das Original ist in Estland abgerissen worden. Sie erzählt, wie sie in einem Antiquariat in Tartu das alte russische Physik-Lehrbuch fand, aus dem sie ihre Arbeit Field of Genius entwickelte. Dann spricht sie über Transnistrien, dieses seltsame, international nicht anerkannte Land östlich des Dnister, eigentlich ein Teil Moldawiens. Sie dreht dort gerade, bald fährt sie wieder hin, einen Dokumentarfilm.
Noch einmal, abends, nach dem Kino, mit Laura und Martti-Tapio. Martti hat einen Stapel alter Fotos dabei, auf allen ist sein Schauspieler-Vater zu sehen, in Bühnenrollen der dreißiger und vierziger Jahre. Sechs Jahre war sein Vater im Krieg, sechs Kinder hatte er. Und immer wieder ist er auf den Bildern einer von Aleksis Kivis Sieben Brüdern, oft auch ein Operetten-Charakter mit Clark-Gable-Bart. Jetzt ist er 94jährig gestorben. Sein Nachruf stand tags zuvor im Helsingin Sanomat, der größten Zeitung Finnlands.
Corona, noch einmal, nachmittags, mit Pauliina, K, und Taka Kagitomi, dem Japaner aus Mönchengladbach, der für den Tag aus Tampere gekommen ist. Sehr lustig zu viert, zweimal fällt ein Bier um, aber wir sitzen gleich vorne an dem Spieltisch mit hochgezogener Holzkante, deshalb bleiben unsere Knie trocken. Wir essen Corona-Toasts, später gehen wir in die Galerie in Oksasenkatu, gleich neben dem Ravintola Elite. Sascha Boldt, der Deutsche aus der Kabelfabrik, spricht dort über seine Kunst und zeigt seine Selbstbildnisse vor Händen auf Plakatwänden. Die Finnin aus Irkutsk ist auch wieder da.
Café Ekberg, Bulevardi (Bulevarden, fast meine Lieblingsstraße, ich weiß nicht wieso): einmal zum Soup-Lunch, einmal nachmittags, mit C.. Erinnerte mich an Wien und die Zeit, als ich fast jeden Nachmittag im Bräunerhof oder im Prückel saß, 1993 muß das gewesen sein, ich versuchte ein Drehbuch zu schreiben, aus dem natürlich nie etwas wurde, die Flaktürme im Augarten spielten darin eine wichtige Rolle. Im Ekberg gefallen mir die grünen Marmortische, die meisten Ecken sind etwas abgestoßen, und ich wundere mich, daß wochentags nachmittags an vier von fünf Nachbartischen Schwedisch gesprochen wird (an einem von ihnen sitzen zwei sehr beeindruckend silbergrauhaarige Damen, beide tragen turbanähnliche Hutgebilden, sie unterscheiden sich eigentlich nur durch ihre Perlenketten – die Perlen der einen, etwas fülligeren Dame sind viel dicker als die der anderen). Am fünften Tisch unterhält man sich auf Englisch. Ich esse Sitruunapai (schwedisch Citronpaj), der Käsekuchen heißt, als Name finde ich das enttäuschend, einfach bloß Cheesecake.
Café Ursula, am Meer: da war fast noch Sommer. Das Bier war warm und teuer und ziemlich dünn, wir hatten einen tollen Blick über das Wasser.
Mittwoch, 2. November 2011
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Kommentare
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Herr Wagner, damit kein Missverständnis multipliziert wird: Der Bronzesoldat in Tallinn ist nicht abgerissen sondern verlegt worden, mit Gräbern auf einen nahegelegenen Friedhof.
#1
Heinrich Pesch
am
06.11.2011 07:53
(Antwort)













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