Mein Eindruck ist: Finnen können sich kaum vorstellen, daß auch andere Weltgegenden ein Wetter haben. Doch, sage ich, wir in Berlin haben auch Wetter, sogar manchmal Schnee. Das mit dem Schnee hätte ich besser verschwiegen. Berlin, tief im Süden, ohne dauernde Dunkelheit, aber dennoch mit Schnee, das geht etwas weit. Den Schnee, soviel begreife ich, hat ein gerechter Gott für den Norden Europas geschaffen, ausschließlich für diesen, zum Ausgleich für andere Unbill. Und schnell wechseln wir das Thema.
Im Oktober herrscht jedenfalls diese merkwürdige Saison mit hochgestellten Stühlen und verkürzten Öffnungszeiten. Kaum ist es hell geworden, macht alles wieder zu. Womöglich suche ich auch immer die falschen Stellen auf. Egal wohin ich mich wende, ich bin immer so gut wie allein. Ein mehrstöckiges Bekleidungsgeschäft: Außer mir noch ein russisches Paar, das über den Preis von Filzstiefeln diskutiert. Sonst hier und da hinter den Kleiderständern eine Verkäuferin, kein weiterer Kunde. Menschenleere Kneipen, Bars und Restaurants. Am See sowieso niemand. Das ist an sich kein Nachteil, gar kein Nachteil. So habe ich mir Finnland auch vorgestellt: die minimale Menschenmenge pro Quadratmeter. Kein Gedrängel. Keine scheußliche Hektik. Beim Einkaufen wird man nicht von übereifrigen Händlern abgelenkt, die partout etwas vorzeigen müssen, was man gar nicht sehen wollte. Kein Sog von Fußgängermassen, die einen irgendwohin spülen, wohin man nicht zu gehen plante. Früh dunkel, kein Streß.
Wunderbar finde ich die Cafés. Normalerweise mag ich keine Cafés, erst recht keine Restaurants. Mahlzeiten in aller Öffentlichkeit sind mir suspekt, und die soziale Kontrolle durch eine ständig heranschwirrende Bedienung halte ich für perfide. Aber in Finnland: es gibt winzige Cafés in alten Holzhäusern mit nur zwei oder drei Tischen, man holt sich an der Theke einen Kaffee und einen Kardamomkringel und wird dann an einem der zwei oder drei Tische vollkommen in Ruhe gelassen. Oder man setzt sich gleich nach draußen, durchaus auch im Winter. Jetzt ist ja Winter.













das mit den Jahreszeiten habe ich anders erlebt. Einmal hatte ich im Betrieb gewitzelt, in Finnland gäbe es gar keinen Winter. Erst spricht man vom Herbst, und nach Neujahr beginnt schon die Frühlingssaison! Spätestens im Februar sprechen alle davon, es wäre schon recht frühlingshaft. Ja, man merkt, es wird Frühling. An den Schulen und auf der Uni gibt es ja auch nur Herbst- und Frühlingssemester. Der Winter wird totgeschwiegen.
In den letzten Jahren allerdings haben die finnischen Tourismusbetriebe allerdings eingesehen, dass der finnische Winter ein Trumpf ist.
Viel Schnee in Berlin wünsche ich Ihnen. Aber nicht am zweiten Dezemberwochenende, da bin ich nämlich in Berlin, um den Weihnachtsmarkt zu genießen. Frost ist zulässig.