Sicher jeder kennt dieses verdrießliche und demütigende Gefühl, wenn einem ein einst fließend gekonnter Ausdruck einfach nicht einfällt, nicht einmal ein völlig simples Wort. Oder die gesamte Sprachfertigkeit auf Grund mangelnden Gebrauchs eingefroren ist. Ich konnte sehr gut Deutsch, damals, vor langer Zeit. Ich hatte in der Schule das sogenannte „lange Deutsch“, und ein Studium an der Universität Hamburg sowie vor allem ein lebhaftes Studentenleben haben dann meinen Kenntnissen in der gesprochenen Sprache den letzten Schliff gegeben. Vor ein paar Jahren habe ich eine Freundin aus Studienzeiten getroffen, und wir versuchten, das damalige Gesprächslevel zu erreichen, ich blieb stecken und suchte nach Wörtern. Sie sah mich mitleidig an. "Du hast so viel verlernt - wie Schade!" Die schmerzliche Wahrheit.
Man sagt, dass man die einmal gelernten Sprachfähigkeiten nicht vergisst, dass nur ein wenig Moos darüber wächst. Weil das Anschauen deutscher Polizeiserien nicht genug war und man in immer mehr deutschen Kontexten Englisch benutzt, beschloss ich munter, dieses Moos in einem einmonatigen Intensivkurs abzuschütteln. Das Goethe-Institut hat dies leicht gemacht, indem mir ein Paket angeboten wurde, das eine Unterkunft beinhaltet.
Während es an manchen Orten Wohnheime gibt, bedeutet die Unterkunft in Berlin Untermiete in einer Privatwohnung. Hier wohnen die meisten in einem zusätzlichen Zimmer einer großen Wohnung, die einer älteren Berliner Dame gehört. Zwischenmenschliche Chemie trifft variabel aufeinander, wie dies im Leben immer ist, ich selbst bin auf eine gesellige Dame getroffen, die sehr gerne alles Mögliche fragt und diskutiert. Neben dem Kurs bekomme ich also Privattraining.
Die größte und angenehmste Überraschung für mich war, dass ich ganz und gar nicht die einzige ältere Schülerin war. Die Lehrerin Gabriele Kiehlmann erzählt, dass sie Schüler aus allen Altersgruppen hat. Die meisten aber sind junge Menschen, die an deutschen Universitäten studieren wollen, dann solche, die bereits einen Abschluss haben und Deutsch als Arbeitssprache brauchen.
In meiner Gruppe mit sieben Teilnehmern sind zwei, die sich an einer Universität bewerben und drei, die gerade ihren Abschluss gemacht haben und eine Karriere in der EU oder einer internationalen Institution anstreben. Sowie der Holländer Carel Braak, der bereits eine stattliche Karriere in der IT-Branche hinter sich hat und nun ein neues, ruhigeres Leben als Dokumentarfilmer hier im zu Kreativität ermutigenden Berlin anfängt.
Auf den Gängen und in den Kaffeepausen trifft man auf viele Deutschlernende, die bereits in Rente sind, auf junge, intelligente Menschen, die aus dem langen, ihnen noch verbleibenden Leben mehr heraus holen wollen…
„Normalerweise ist immer jemand aus Finnland im Kurs”, sagt die fröhlich lachende Kiehlmann. Sie legt besondere Aufmerksamkeit auf Finnen, denn sie war selbst als Deutschlehrerin 1988-89 in Kokkola und 1989-90 in Lahti.
Auch dem Leiter der Sprachabteilung, Günter Neuhaus, ist Finnland nicht unbekannt. Er war als Lehrer im Helsinkier Goethe-Institut.
In diesem Monat hier gibt es sonst nichts Finnisches – ich entziehe mich der Verlockung, etwas anderes als Deutsch zu reden. Kiehlmann erzählt, dass die größte nationale Gruppe die Amerikaner bilden. Sie sind leicht an ihrem starken Akzent zu erkennen. Darauf folgen Italiener und Spanier. Die Anzahl der Japaner hat sich verringert, und Russisch hört man öfters als früher, erzählt Kiehlmann.
In meiner eigenen Gruppe ist die 20-jährige Alexandra, die im letzten August aus ihrer Heimatstadt östlich von Novgorod nach Berlin kam, ohne ein Wort Deutsch zu können. Sie begann mit dem Anfängerkurs, kletterte von Monat zu Monat eine Gruppe nach oben und ist nun nach neun Monaten in der höchsten Gruppe, C2, fast auf Muttersprachen-Niveau. Sie will an eine deutsche Universität und hat nicht vor, wie viele andere junge Begabte, nach Russland zurück zu kehren, denn die Spielregeln des Lebens dort sind ihrer Meinung nach nicht fair.
Die beinahe beste Beigabe des Kurses ist für mich das Kulturprogramm: jeden Morgen und Abend vor und nach dem fünfstündigen Unterricht gibt es entweder einen Vortrag zu deutscher Geschichte, einen Spaziergang an historische Orte oder das Bestaunen der neuesten Veränderungen der Stadt. Führer und Vortragende sind fachkundige und mitreißende Deutsche, zum Beispiel Matthias Rau, der in einer ostdeutschen Kleinstadt mit einer nicht minder wichtigen Person als Angela Merkel zur Schule gegangen ist.
Merja Sundström (MTV 3) war einen Monat lang bei einem Intensivkurs des Goethe-Instituts in Berlin.

















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