Thursday, 19. November 2009
Wednesday, 11. November 2009
Falls das Wetter es zu läßt, ist es natürlich am Anfang am schönsten, die Stadt zu Fuß zu erkunden (es gibt eine Broschüre "Helsinki on foot") und man entdeckt, Helsinki ist nicht besonders groß, aber sehr schön.(Bild: Das Finnische Nationalmuseum)
Wednesday, 28. October 2009
Ein Wiedersehen
Wir kennen uns ja nur flüchtig – Helsinki und ich. Ich war sehr gespannt auf unser Wiedersehen, konnte mich kaum noch an Helsinkis Gesicht erinnern, dass ich für zweieinhalb Wochen im Juni täglich von Suomenlinna aus gesehen habe. Was ich dagegen gut erinnerte war Helsinkis Ausstrahlung. Im Juni hatte die Stadt auf mich gelassen, offen und klar gewirkt. Der Frühling war meinem Empfinden nach sehr spät dran gewesen. Nun, als ich für vier Tage im Rahmen der Helsinkier Buchmesse noch einmal in Finnland zu Gast sein durfte, schien mir dagegen der Herbst etwas ungeduldig. Helsinkis Baumkronen waren bereits gelb. Viel Laub lag auf Suomenlinnas Wegen und auf den Straßen in der Innenstadt rings um das Hotel Torni, in dem ich dieses Mal wohnte. Nach meiner Ankunft fuhr ich sofort in den 12. Stock und schaute über die Stadt. Als Erstes sah ich Suomenlinnas Leuchtturmkirche. Ich hatte wohlweislich eine Beleitung mitgenommen, so dass ich ganz Expertin spielen konnte:
Das dort ist der Senatsplatz, da drüben die russisch-orthodoxe Kirche, dahinter die Eisbrecher, in dieser Richtung liegt Kallio, da gehen wir olut trinken später.
Und warum haben alle Häuser eine Fahnenstange?, fragte die Begleitung.
Fahnenstangen? Ich hatte all die Fahnenstangen zuvor nicht wahrgenommen. Was alles hatte ich wohl übersehen bei meinem ersten Aufenthalt? Ich wollte nun sehr aufmerksam sein und soviel wie möglich entdecken, worüber ich im Juni hinweggeschaut hatte. So blendeten mich fortan Reflektoren. Sie baumelten mit einem Mal an nahezu jedem Finnen, sobald ich das Hotel verließ.
Wusstest Du, dass die Reflektoren in Finnland erfunden wurden?
Warum wusste die Begleitung schon nach anderthalb Tagen über Finnland und die Reflektoren Bescheid? Ich war doch die Finnlandexpertin, wenn ich all denjenigen Glauben schenken durfte, die mich nach meiner Rückkehr mit Fragen zu Elch und Sauna überhäuft hatten. Offenbar war ich es nicht, denn ich konnte nicht einmal Auskunft zu den tausend verschiedenen Lakritzsorten geben. Das Lakritz hatte mich bis dato nicht interessiert. Mir wurde ein weiteres Mal klar, dass drei Wochen in einem fremden Land nur ausreichen, um ein flüchtiges Gefühl zu entwickeln, in Augenblicken zu entscheiden, ob es ein gutes oder ein schlechtes Gefühl ist, und dass man sich mit Informationen zufrieden geben muss, die irgendwer einem irgendwo ganz willkürlich über dieses Land zuwirft.
Zumindest aber konnte ich meine Begleitung über die Insel lotsen. Hier die alte Bootswerft, da vorn die Kanonen, hier können wir Kaffee trinken. Das konnten wir dann aber doch nicht, denn das Café Piper hatte geschlossen, die Pizza gab es auf Suomenlinna auch nicht mehr. Ich musste einsehen, dass Helsinki, wenn der Flieder nicht blüht und die Blätter gelb sind, nicht mehr ganz so offen ist wie im Sommer.
So also sieht Helsinki im Oktober aus, dachte ich. Schön sah es aus. Es nieselte. Es dunkelte. Ich entschied in jedem Augenblick, dass es ein gutes Gefühl ist. Viel weniger Menschen waren unterwegs. Mir schien, sie bleiben in diesen Tagen lieber in ihren Häusern. Wenn die Finnen nicht aus ihren Häusern kommen, dachte ich, gehe ich eben zu ihnen hinein. Als ich am Töölönlahti entlang spazierte – mit einer anderen Begleitung, die des Finnischen mächtig ist – stießen wir auf eine der alten Holzvillen, die uns mit Heute hier Flohmarkt zu sich hineinlockte. Wir traten ein. Niemand war da. Vorsichtig schoben wir uns zwischen dem vielen Trödel von Zimmer zu Zimmer. Hier sah ich, was die Finnen in ihren Häusern haben - eine Menge Kaffeemaschinen, viele Lampen und zahlreiche Gesellschaftsspiele.
Wenn ich meinen Aufenthalt beschreiben soll, so gibt dieses Haus ein ziemlich genaues Bild dazu ab. Ich schob mich in kürzester Zeit durchs Allerlei, versuchte etwas zu sehen, hatte Angst das Wichtigste, Schönste, Spannendste, Skurrilste zu verpassen, fühlte mich wohl und war plötzlich wieder draußen.
Finnland ist für mich nun eine Holzhütte, bis oben hin voll mit Dingen, die entdeckt werden wollen.
Auf Wiedersehen!



Das dort ist der Senatsplatz, da drüben die russisch-orthodoxe Kirche, dahinter die Eisbrecher, in dieser Richtung liegt Kallio, da gehen wir olut trinken später.
Und warum haben alle Häuser eine Fahnenstange?, fragte die Begleitung.
Fahnenstangen? Ich hatte all die Fahnenstangen zuvor nicht wahrgenommen. Was alles hatte ich wohl übersehen bei meinem ersten Aufenthalt? Ich wollte nun sehr aufmerksam sein und soviel wie möglich entdecken, worüber ich im Juni hinweggeschaut hatte. So blendeten mich fortan Reflektoren. Sie baumelten mit einem Mal an nahezu jedem Finnen, sobald ich das Hotel verließ.
Wusstest Du, dass die Reflektoren in Finnland erfunden wurden?
Warum wusste die Begleitung schon nach anderthalb Tagen über Finnland und die Reflektoren Bescheid? Ich war doch die Finnlandexpertin, wenn ich all denjenigen Glauben schenken durfte, die mich nach meiner Rückkehr mit Fragen zu Elch und Sauna überhäuft hatten. Offenbar war ich es nicht, denn ich konnte nicht einmal Auskunft zu den tausend verschiedenen Lakritzsorten geben. Das Lakritz hatte mich bis dato nicht interessiert. Mir wurde ein weiteres Mal klar, dass drei Wochen in einem fremden Land nur ausreichen, um ein flüchtiges Gefühl zu entwickeln, in Augenblicken zu entscheiden, ob es ein gutes oder ein schlechtes Gefühl ist, und dass man sich mit Informationen zufrieden geben muss, die irgendwer einem irgendwo ganz willkürlich über dieses Land zuwirft.
Zumindest aber konnte ich meine Begleitung über die Insel lotsen. Hier die alte Bootswerft, da vorn die Kanonen, hier können wir Kaffee trinken. Das konnten wir dann aber doch nicht, denn das Café Piper hatte geschlossen, die Pizza gab es auf Suomenlinna auch nicht mehr. Ich musste einsehen, dass Helsinki, wenn der Flieder nicht blüht und die Blätter gelb sind, nicht mehr ganz so offen ist wie im Sommer.
So also sieht Helsinki im Oktober aus, dachte ich. Schön sah es aus. Es nieselte. Es dunkelte. Ich entschied in jedem Augenblick, dass es ein gutes Gefühl ist. Viel weniger Menschen waren unterwegs. Mir schien, sie bleiben in diesen Tagen lieber in ihren Häusern. Wenn die Finnen nicht aus ihren Häusern kommen, dachte ich, gehe ich eben zu ihnen hinein. Als ich am Töölönlahti entlang spazierte – mit einer anderen Begleitung, die des Finnischen mächtig ist – stießen wir auf eine der alten Holzvillen, die uns mit Heute hier Flohmarkt zu sich hineinlockte. Wir traten ein. Niemand war da. Vorsichtig schoben wir uns zwischen dem vielen Trödel von Zimmer zu Zimmer. Hier sah ich, was die Finnen in ihren Häusern haben - eine Menge Kaffeemaschinen, viele Lampen und zahlreiche Gesellschaftsspiele.
Wenn ich meinen Aufenthalt beschreiben soll, so gibt dieses Haus ein ziemlich genaues Bild dazu ab. Ich schob mich in kürzester Zeit durchs Allerlei, versuchte etwas zu sehen, hatte Angst das Wichtigste, Schönste, Spannendste, Skurrilste zu verpassen, fühlte mich wohl und war plötzlich wieder draußen.
Finnland ist für mich nun eine Holzhütte, bis oben hin voll mit Dingen, die entdeckt werden wollen.
Auf Wiedersehen!
Monday, 21. September 2009
Elmars Reise in den Norden
Elf. Stein
Eilf! Eine böse Zahl ...
Zwölf Zeichen hat der Tierkreis; Fünf und Sieben,
Die heil'gen Zahlen, liegen in der Zwölfe.
(Schiller, Die Piccolomini)
Auf einem endlos langen, mit Birkenholz beladenen Zug reist Elmar seinem letzten Ziel entgegen: der Küste, der Hauptstadt. Es kommt ihm vor, als ächzten die Stämme unter seinem Gewicht, von Stunde zu Stunde ist er schwerer und fester geworden. Es fühlt sich gut und richtig an. Er hat keine Schmerzen mehr. Er wird bald unverrückbar sein. Ab und zu blättert er in einem Nietzsche-Band, der zwischen seinen Sachen lag. Eine andere Morgenröte hat er noch nicht gesehen, seit er hier ist. Der Zug fährt durch die helle Nacht, die Gegend ändert sich, Felder und Wiesen bekommen einen größeren Anteil, doch weiterhin bestimmt der Wald das Gesicht des Landes. Elmar hat auch sein Handy wiedergefunden; es war zum Laden eingesteckt und der Akku ist prall voll. Er hat versucht daheim anzurufen bei der Frau, die er zurückließ, hat sie aber nicht erreicht. Der Fahrtwind macht ihn langsam kälter, er friert nicht. Hin und wieder wird ihm eng ums Herz, wenn er an die verlorenen Kinder denkt. Sie waren wie ein Geschenk, das er zurückgewiesen hat. Er fragt sich, ob durch sich durch die Kleinen sein Schaffen verändert hätte. Alles, was er gemacht hat, ist kalt geblieben. Selbst Spamo, sein viel gerühmtes Werk, war an seinen Ansprüchen erstickt und Elmar konnte ihm kein Leben mehr einhauchen. Er fürchtet, dass dies auch bei seinem letzten Werk so sein wird. Gleichzeitig spürt er die Lust am Machen, ein irres Gefühl, das vom Ergebnis völlig unabhängig ist.
Mööp, mööp, mööp – sein Handy reißt ihm aus dem Traum. Eine neue Mitteilung. Er öffnet sie und liest: Mitä tuuli kivelle mahtaa. Er sieht, dass er noch mehr Nachrichten dieser Art bekommen hat, die öffnet er erst gar nicht. Nach wie vor kann er kein Wort davon verstehen.Es ist schon wieder hell. Elmar starrt auf die Stämme mit der prächtigen weißen Rinde. Richtiger Trübsinn will nicht aufkommen. Weil er nichts anderes zu tun hat, streichelt er die Birkenrinde; sie schmeichelt seinen Fingern. Besonders dieser eine Stamm zieht seine Finger immer wieder an. Zupacken kann er damit nicht mehr. Alle Gelenke werden ihm im Fahrtwind steif. Dafür scheint der Stamm sich zu bewegen. Wahrhaftig, es kommt Leben in ihn. Elmar sieht einen menschlichen Umriss, ein Gesicht das sich bildet, die Züge einer Frau. Vorgänge wie dieser können Elmar nicht mehr erschrecken. Außerdem erkennt er bald, , dass diese Frau ganz anders ist als Hel. Die hier ist vollkommen hell, ihr Haar leuchtet fast weiß im Morgenlicht und sie trägt funkelnden Schmuck, von dem Elmar gern glauben will, dass er echt ist. Ihre Augen sind sehr klar, trotz ihres hellen Grüns wirken sie tief. An ihrer Seite trägt sie ein Messer, dass sie zwischendurch auch zückt und damit vor ihm rum fuchtelt, ohne dass er sich bedroht fühlen würde. Sie kommt aus einem alten Räubergeschlecht erzählt sie, Räuber von der Sorte Robin Hoods, die Reiche ärgerten und Armen halfen. Bis heute sind die Menschen aus ihrer Gegend wild und angeblich schnell mit dem Messer bei der Hand. Das könnte ein Ausweg sein, denkt Elmar, sich gesellschaftlich zu engagieren. Nur hat er seinen Weg schon eingeschlagen, und es gibt kein Zurück. Auch würde es ihm Wildheit mangeln. Aber diese funkelnde, helle und schöne Frau schaut er gern an. Elmar lässt sich von ihr seine letzte empfangene Kurznachricht übersetzen. „Was kann der Wind dem Stein schon anhaben.“ – Was kann er den Bäumen anhaben? Schon richtig, manchmal reißt er welche aus. Vollkommen beruhigt schläft Elmar ein.
Als ein erneutes Handy-Möpen ihn weckt, ist er allein. Nicht nur allein, er liegt auch nicht mehr auf dem Zug. Elmar befindet sich auf einer Wiese, nein, das ist keine Wiese, eher ein Park. Geräusche von Autos und Bussen dringen an sein Ohr, als er sich umschaut, sieht er Häuser. Alte Häuser, die in Blöcken errichtet sind. Überall schaut der Fels aus der Erde, mal sind es kleine Stücke, mal halbe Berge, die man nicht vollständig weggeräumt hat oder es nicht wollte, um zeigen, wie fest die Stadt gegründet ist.
Allmählich findet Elmar sich zurecht. Er ist nicht mehr, wer er war. Er ist nicht mehr, was er war. Ein Felsen ist aus ihm geworden, ein Stück Natur, ein Stück Grund. Auf dem Weg hierher hat er sein letztes Werk in die Welt entlassen, ohne zu wissen, um was es sich handelt. Wie ein Huhn hat er sein Ei gelegt und ist traumwandlerisch gackernd vom Nest weggegangen. Ob jemand es finden wird? Es nicht wirklich wichtig ... Noch etwas war ... sein Handy ... eine letzte Nachricht, bevor auch dieses Hilfsgerät sich seinem Zustand anverwandelt hat: „Du hast mich nicht gemacht. Hel.“
Mitten in Helsinki steht auf einem Felsrücken ein unbeaufsichtigtes Gepäckstück. Es könnte eine Kofferbombe sein – nur wen sollte sie erwischen, die nächste belebte Straße liegt hundert Meter entfernt. Irgendwas Unheimliches hat das Ding. Es tickt nicht darin, aber es wackelt. Der Reißverschluss geht auf, ein Stück und noch ein Stück weit. Heraus schaut ein Büschel blonder Haare, dann ein Kopf, schließlich ein ganzer kleiner Körper. Das ist Matka, die da auf den Rasen springt. Ihr folgen Nokia, Wiki und Peedia, die beiden Karhu-Brüder, Fünf bis sieben Kinder kommen hervor, fassen sich bei den Händen, klettern auf dem Felsen herum und laufen schließlich lachend zum nächsten Spielplatz. Wie ausgespuckt bleibt vor dem offenen Maul des Gepäckstücks lediglich ein Buch liegen.
Der Wind blättert durch die Morgenröte. Er liest: „Wie man versteinern soll. – Langsam, langsam hart werden wie ein Edelstein – und zuletzt still und zur Freude der Ewigkeit liegen bleiben.“

Smalltalk mit Pulla
Seitdem ich wieder zurück bin, ist Finnland in unabwendbaren Smalltalks zum Thema Nummer 1 geworden. "Sie waren doch in Helsinki!" "Ja, aber nur zweieinhalb Wochen", versuchte ich anfangs sofort den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen, sie hätten es nun mit einer Expertin zu tun. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass es keinen Unterschied macht, ob man als Expertin oder als komplett Unwissender gilt. Das ist wahrscheinlich der Sinn eines Smalltalks - die Fragen, bleiben die Gleichen. "Und, irgendwelche Elche gesehen?" "Elche", fragte ich die Dame, die mich vor meiner Lesung in der Buchhandlung in Empfang genommen hatte. "Nein." "Lachse springen?", bohrte sie munter weiter. "Nein." Es brauchte keine hellseherischen Kräfte, ihre dritte Möglichkeit zu erraten. "Beeren?" "Zum Glück nicht", sagte ich. "Ich hätte wohl ziemlich Angst gehabt." "Vor Beeren?", fragte sie irritiert. "Achso", dann lachte sie. "Nein, nein, ich meinte Beeren, diese kleinen runden Dinger, die es da in orange gibt, nicht die großen braunen und schwarzen." "Ah die Lakka-Beeren, ja die hab ich gesehen." "Wie schmecken die? So süß oder eher sauer?" Warum fragt niemand nach Mannerheim, nach Karelien, nach erhöhter Suizidrate? Das höchste der Gefühle ist ein: "Und, haben die finnischen Schüler alle einen schlauen Eindruck gemacht?" Eine Antwort, die über ein schelmisches Achselzucken hinausgeht, wird dabei allerdings nicht abgewartet. Welche Smalltalkfragen hatte es eigentlich während meines Finnlandaufenthaltes gegeben? Unterscheidet sich finnischer von deutschem Smalltalk? Ich erinnere mich an eine spätnachmittägliche Unterhaltung in einer Bar in Helsinki. Ich orderte zwei Bier an der Theke. Ein Herr lehnte mit einem Gebäck und einem Bier neben mir.
"Do you speak english?" Folgender Smalltalk-Dialog ereignete sich also in Englisch:
Deutschland?
Ja, Deutschland. Woher wissen Sie das? Ich habe doch noch gar nichts gesagt.
Es ist die Art, wie ihr Deutschen Bier trinkt.
Wie denn?
So ausdauernd. So, als hättet ihr nicht vor, noch was anderes zu trinken.
Hab ich auch nicht. Finnland?
Ja.
Woran erkenne ich das?
Probier mal meinen Kuchen hier.
Schmeckt gut.
Man könnte mich anhand des Kuchens als Finnen identifizieren.
Ich wusste nicht, dass ihr solche Kuchen habt.
Es kommt auf den Geschmack an. Wir machen überall Kardamom rein.
So wie die Schweden.
Nein, wir sind nicht wie die Schweden.
Natürlich nicht. Ich meine nur, wegen des Kardamoms.
Unser Kardamom schmeckt anders.
Pulla-Rezept
Zutaten:
1/2 l Milch
50 g Hefe
150 g Butter
1 Teel. Salz
1 1/2 dl Zucker
1 Eßl. Kardamom
900 g Mehl
Die Hefe in leicht erwärmter Milch auflösen. Die Butter schmelzen und in die Milch gießen. Salz, Zucker, Kardamom hinzugeben und mit dem Mehl zusammen kräftig schlagen. Ein wenig Mehl darüber streuen.
Mit einem Tuch abdecken und auf einem warmen Platz stellen und ca. 1 Stunde gehen lassen.
Den Teig anschließend erneut kneten, ihn zu einem Zopf flechten oder Bälle formen und auf ein Backblech legen, mit Eigelb bestreichen, zuckern.
Bei 200-225 Grad im vorgeheizten Ofen 20-25 Minuten backen.
"Do you speak english?" Folgender Smalltalk-Dialog ereignete sich also in Englisch:
Deutschland?
Ja, Deutschland. Woher wissen Sie das? Ich habe doch noch gar nichts gesagt.
Es ist die Art, wie ihr Deutschen Bier trinkt.
Wie denn?
So ausdauernd. So, als hättet ihr nicht vor, noch was anderes zu trinken.
Hab ich auch nicht. Finnland?
Ja.
Woran erkenne ich das?
Probier mal meinen Kuchen hier.
Schmeckt gut.
Man könnte mich anhand des Kuchens als Finnen identifizieren.
Ich wusste nicht, dass ihr solche Kuchen habt.
Es kommt auf den Geschmack an. Wir machen überall Kardamom rein.
So wie die Schweden.
Nein, wir sind nicht wie die Schweden.
Natürlich nicht. Ich meine nur, wegen des Kardamoms.
Unser Kardamom schmeckt anders.
Pulla-Rezept
Zutaten:
1/2 l Milch
50 g Hefe
150 g Butter
1 Teel. Salz
1 1/2 dl Zucker
1 Eßl. Kardamom
900 g Mehl
Die Hefe in leicht erwärmter Milch auflösen. Die Butter schmelzen und in die Milch gießen. Salz, Zucker, Kardamom hinzugeben und mit dem Mehl zusammen kräftig schlagen. Ein wenig Mehl darüber streuen.
Mit einem Tuch abdecken und auf einem warmen Platz stellen und ca. 1 Stunde gehen lassen.
Den Teig anschließend erneut kneten, ihn zu einem Zopf flechten oder Bälle formen und auf ein Backblech legen, mit Eigelb bestreichen, zuckern.
Bei 200-225 Grad im vorgeheizten Ofen 20-25 Minuten backen.
Friday, 11. September 2009
Karaoke und Kantele
Falls jemand denkt, ich versuche mit Finnland in Kontakt zu bleiben – falsch! Finnland versucht mit mir in Kontakt zu bleiben – und ich nehme es dankbar an. Es deutete sich bereits auf meinem Rückflug aus der Bretagne nach Berlin an. Im Fluggesellschaft-Magazin gab es einen großen Artikel, der mich mit dem Umstand bekannt machte, dass Finnland nach Japan DAS Karaokeland schlechthin sei. Eine Information, die mir bis dahin noch niemand zugetragen hatte. Es wurde dort im Artikel so erklärt, dass der Finne bekanntlich ein eher scheues, introvertiertes Wesen sei, das seine Gefühle nicht zeigen könne und die Karaoke-Bühne nun, gäbe ihm die Möglichkeit endlich, endlich aus sich herauszukommen. Man könne es sogar Therapie nennen, hieß es.
Heute und morgen findet in Lahti die Karaoke WM statt. Die besten Karaokesänger aus aller Welt pilgern nach Finnland, wo sie im Übrigen sogar Karaoke-Taxi fahren können, wie ich mir mittlerweile erzählen lassen habe. Und wer wohl brach vor zwei Jahren den chinesischen Rekord im Karaokedauersingen? Die Finnen brachten es auf 240 Stunden und halten seither den Rekord.
Ich hatte kurz im Flugzeug also über Finnland und Musik nachgedacht, erinnerte mich daran, dass ich noch eine Sibelius CD kaufen wollte, mir kam der finnische Tango wieder in den Sinn, ich summte ein Lied von der finnischen Folk CD an, die mir jemand in Helsinki geschenkt hatte, ich dachte an die Leningrad Cowboys und Hard Rock Hallelujah, an Metallica spielende Cellos und daran, wie mir jemand in Helsinki erzählt hatte, die Musik hätte ihn hierher gebracht und ich könne mir sicher denken, um welche Musik es sich handelte. Das konnte ich. Schließlich kam der Steward mit den Getränken und ich schlug das Magazin zu.
Und als wollte mich Finnland daran erinnern, die ganze Musiksache noch nicht anständig zu Ende gedacht zu haben, so traf ich gestern einen alten Bekannten aus Otterndorf, wo ich einst fünf Monate als Stadtschreiberin verbracht hatte. Otterndorf ist ein kleines Nordseebad mit ca. 7000 Einwohnern. Wir kamen nicht etwa meinetwegen auf Finnland zu sprechen, sondern weil Otterndorf derzeit ein bisschen Finnland stattfindet. Zu sehen ist dort eine Wanderausstellung des Finnland-Instituts, die das finnische Musikleben von seiner Entstehung im Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert beleuchtet. Zu hören sind im September diverse Konzerte. Im Mittelpunkt des jährlich in Otterndorf stattfindenden Musikfestivals „Stimmen Europas“ steht in diesem Jahr Finnland.
Inzwischen ist mir klar, Finnland ist eine absolute Musiknation. Bereits in den Schulen wird Musik, anders als in Deutschland, intensiv gefördert.
Sehr schön finde ich die Entstehungsgeschichte des traditionellen finnischen Zupfinstruments, der Kantele: Der alte Zaubersänger Väinämöinen baut im Kalevala die erste Kantele aus dem Kiefer eines Hechtes. Aus seinen Zähnen entstehen die Wirbel, aus Rosshaaren die Saiten. Selbstverständlich kann nur Väinämöinen das fertige Instrument spielen. Als er es tut, hält es Mensch und Tier in seinem Bann. Wenn ich es richtig verstanden habe, so machte die Kantele die Menschen von Pohjola schläfrig, so dass der Sampo ins Boot geschafft werden konnte. Anschließend jedoch kam es zu einem Kampf, die Kantele fiel ins Wasser (die zweite entstand später aus einer Birke) und der Sampo zerbrach. So brachte er dem Land Fruchtbarkeit.
Es geht Finnland gut - wegen eines Musikinstrumentes.
Ich drücke den Finnen die Daumen für die WM. www.kwc.fi
Heute und morgen findet in Lahti die Karaoke WM statt. Die besten Karaokesänger aus aller Welt pilgern nach Finnland, wo sie im Übrigen sogar Karaoke-Taxi fahren können, wie ich mir mittlerweile erzählen lassen habe. Und wer wohl brach vor zwei Jahren den chinesischen Rekord im Karaokedauersingen? Die Finnen brachten es auf 240 Stunden und halten seither den Rekord.
Ich hatte kurz im Flugzeug also über Finnland und Musik nachgedacht, erinnerte mich daran, dass ich noch eine Sibelius CD kaufen wollte, mir kam der finnische Tango wieder in den Sinn, ich summte ein Lied von der finnischen Folk CD an, die mir jemand in Helsinki geschenkt hatte, ich dachte an die Leningrad Cowboys und Hard Rock Hallelujah, an Metallica spielende Cellos und daran, wie mir jemand in Helsinki erzählt hatte, die Musik hätte ihn hierher gebracht und ich könne mir sicher denken, um welche Musik es sich handelte. Das konnte ich. Schließlich kam der Steward mit den Getränken und ich schlug das Magazin zu.
Und als wollte mich Finnland daran erinnern, die ganze Musiksache noch nicht anständig zu Ende gedacht zu haben, so traf ich gestern einen alten Bekannten aus Otterndorf, wo ich einst fünf Monate als Stadtschreiberin verbracht hatte. Otterndorf ist ein kleines Nordseebad mit ca. 7000 Einwohnern. Wir kamen nicht etwa meinetwegen auf Finnland zu sprechen, sondern weil Otterndorf derzeit ein bisschen Finnland stattfindet. Zu sehen ist dort eine Wanderausstellung des Finnland-Instituts, die das finnische Musikleben von seiner Entstehung im Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert beleuchtet. Zu hören sind im September diverse Konzerte. Im Mittelpunkt des jährlich in Otterndorf stattfindenden Musikfestivals „Stimmen Europas“ steht in diesem Jahr Finnland.
Inzwischen ist mir klar, Finnland ist eine absolute Musiknation. Bereits in den Schulen wird Musik, anders als in Deutschland, intensiv gefördert.
Sehr schön finde ich die Entstehungsgeschichte des traditionellen finnischen Zupfinstruments, der Kantele: Der alte Zaubersänger Väinämöinen baut im Kalevala die erste Kantele aus dem Kiefer eines Hechtes. Aus seinen Zähnen entstehen die Wirbel, aus Rosshaaren die Saiten. Selbstverständlich kann nur Väinämöinen das fertige Instrument spielen. Als er es tut, hält es Mensch und Tier in seinem Bann. Wenn ich es richtig verstanden habe, so machte die Kantele die Menschen von Pohjola schläfrig, so dass der Sampo ins Boot geschafft werden konnte. Anschließend jedoch kam es zu einem Kampf, die Kantele fiel ins Wasser (die zweite entstand später aus einer Birke) und der Sampo zerbrach. So brachte er dem Land Fruchtbarkeit.
Es geht Finnland gut - wegen eines Musikinstrumentes.
Ich drücke den Finnen die Daumen für die WM. www.kwc.fi
Elmars Reise in den Norden
Zehn. Insel
Elmar kann sich nur undeutlich an die vergangene Nacht erinnern. Er ist in einer zweifelhaften Bar gelandet, aber es war nicht das Big Tits, sondern irgendein Lokal, wo man noch aus dem Fenster schauen kann. Er hat die Sonne niedergehen sehen und wieder mal vergeblich auf die Dunkelheit gewartet. Eine sturzbesoffene Frau hat ihn angesprochen und über die üblichen Dinge geredet: wie das Wetter ist, was Elmar in Finnland macht. Sie hat ihm gesagt, dass er besser im Juli gekommen wäre, aber beim Versuch, die Monate nacheinander durchzugehen, hat sie sich dauernd verheddert, selbst unter Zuhilfenahme der Finger. Dauernd ist ihr ein Februar in die Reihe gerutscht. „What ist next?“, hat sie Elmar gefragt und ihn dabei an der Brust berührt, und er hat es ihr gesagt, doch sie ist wieder hängen geblieben. Das nächste ist immer der nächste Wodka gewesen. Bei jedem Satz ist ihre Blondheit ihm mehr auf die Pelle gerückt. Er weiß nicht, ob er die Nacht mit ihr verbracht hat, aber eigentlich glaubt er nicht daran, denn er wacht in der Wohnung auf, in der er eine Weile mit Hel und den Kindern gelebt hat. Das Bett ist zerwühlt. Ist das mehr als ein Hinweis auf seinen unruhigen Schlaf?
Irgendetwas arbeitet in ihm. Etwas entsteht. Er fühlt sich wieder fruchtbar. Die unsäglich Schwere, die mit diesem Gefühl einhergeht, schiebt er auf den Schnaps und das sehr süße alkoholische Zeug, das er getrunken hat. Genaueres weiß er nicht.

Beim Kaffee fällt ihm ein weiterer Fetzen des Abends ein.
„You must visit the Waltari exhibition“, hat die Betrunkene zu ihm gesagt, als sie schon auf seinem Schoß saß, „he’s the most important writer of our country. It’s all about ... art ... you will see ...“
Dass ein Flyer auf dem Tisch liegt, der die Ausstellung bewirbt, ist eigentlich komisch. Doch über solche Kleinigkeiten wundert Elmar sich längst nicht mehr. Er schaut die Straße im Stadtplan nach und geht mit nicht mehr als einem Kaffee im Magen hinaus. An einer Ampel bleibt er stehen. Oben auf dem Signal sitzt eine Möwe und schreit die wartenden Autos an. Sie wird erst still, als die Ampel auf Grün springt und der Verkehr anrollt. Elmar muss noch eine Phase warten.
Er streift einen zum Park gewordenen Friedhof, Rasen, auf dem noch einige Grabsteine stehen. Sie ziehen ihn merkwürdig an. Besonders gefallen ihm die Obelisken. Bei einem von ihnen sind in der Höhe vier Ketten angesetzt, die nach den vier Ecken der ehemaligen Grabstätte gespannt sind. Naja, eigentlich hängen sie durch. Elmar bleibt stehen. Er begreift noch nicht, aber bald wir er vollständig begreifen. In diesem Park sieht Elmar außerdem die ersten wirklich dicken Bäume des Landes, mächtige und alte Stämme, die ihm erst klar machen, wie intensiv das Land, das er bei seiner Wanderung gesehen hat, bewirtschaftet wird.
In der Ausstellung läuft eine Waltari-Dokumentation aus den Vierzigerjahren, vielleicht sogar aus der Kriegszeit. Die Bilder sind ausgeblichen, sie wirken nur noch manchmal bunt. Die Aufnahmen von Dichter selbst könnten in Schwarzweiß gedreht sein. Elmar hält es für möglich, dass dieser Effekt nur in seiner Wahrnehmung existiert. Waltari schaut gern mit einer träumerisch langsamen Kopfbewegung nach oben, er steht da und scheint nach innen zu horchen, dann setzt er sich in Bewegung wie von einer für andere nicht hörbaren Stimme gesteuert und nimmt ein Buch aus dem Regal oder tritt zum Fenster. Immer sind es sehr kleine Bewegungen, keine Handlungsfolgen. Beim Tippen an der Maschine ist er dagegen entschlossen, Zeichen folgt auf Zeichen, schon ist das Blatt voll und er zieht es von der Walze. Er tippt mit zwei Fingern. Dieser inspiriert schauende, den eigenen Seelenwinden lauschende Dichter will nichts von der Manier haben, in der eine Sekretärin am Schreibtisch sitzt und tippt. Die Schreibmaschine, denkt Elmar, hat den Autoren die Aura genommen. Deshalb sind sie so beharrlich bei dem elenden Zweifingersystem geblieben, um zu zeigen, dass die sie in Wahrheit nicht die Männer für dieses schmähliche Werkzeug waren. Haben Autorinnen sich je mit Schreibmaschine inszeniert?
Im Übrigen geht es in dieser Ausstellung weniger um den Schriftsteller selbst als um seine malenden Freunde. Im Keller, in dem die Dokumentation läuft, gibt es Bilder von einem Autodidakten, wie die Infotafeln betonen, der wirklich wild gemalt hat. Sehr lustvolle Bilder von üppigen Frauen und eine knallige Rosarot-Palette. Elmar spürt das Unmittelbare dieser Malerei, und es zieht ihn an. Gleichzeitig denkt er, dass es ihm selbst um etwas anderes geht. Was für ein Gedanke – so was denkt ein Kreativer! Er wird wieder etwas machen! Die Freude über seine Entdeckung wird von Elmars Kater schwer gedämpft.
Er nimmt den Aufzug, um in die oberen Räume zu gelangen.
Zu seiner Überraschung steht Elmar plötzlich vor einem Christusbild. Der Kopf mit der riesigen, gebogenen Nase ist zur linken Schulter gesunken. Ein erschöpfter Mann. Aber der hat weibliche Brüste! Sie wirken ausgelutscht, aber sie sind eindeutig weiblich. Das ist zu viel. Elmar stürzt auf die Straße. Es ist beileibe nicht der richtige Tag, um sich eine Kunstausstellung anzusehen. Am Ende wird er noch glauben, die Züge auf dem Bild ähnelten denen von Hel. Hat die Gestalt ihm nicht zugezwinkert? Nein, das braucht er nicht. Jetzt nicht und auch sonst nicht. In der Wohnung packt er so schnell er kann seine Sachen. Sie passen nun alle in den einen Koffer. Wunderbar leicht lässt der sich heben. Nur seine Rückenmuskeln spannt Elmar aus Angst vor dem Schmerz so heftig an, dass es wehtut.
„You must visit the Waltari exhibition“, hat die Betrunkene zu ihm gesagt, als sie schon auf seinem Schoß saß, „he’s the most important writer of our country. It’s all about ... art ... you will see ...“
Dass ein Flyer auf dem Tisch liegt, der die Ausstellung bewirbt, ist eigentlich komisch. Doch über solche Kleinigkeiten wundert Elmar sich längst nicht mehr. Er schaut die Straße im Stadtplan nach und geht mit nicht mehr als einem Kaffee im Magen hinaus. An einer Ampel bleibt er stehen. Oben auf dem Signal sitzt eine Möwe und schreit die wartenden Autos an. Sie wird erst still, als die Ampel auf Grün springt und der Verkehr anrollt. Elmar muss noch eine Phase warten.
Er streift einen zum Park gewordenen Friedhof, Rasen, auf dem noch einige Grabsteine stehen. Sie ziehen ihn merkwürdig an. Besonders gefallen ihm die Obelisken. Bei einem von ihnen sind in der Höhe vier Ketten angesetzt, die nach den vier Ecken der ehemaligen Grabstätte gespannt sind. Naja, eigentlich hängen sie durch. Elmar bleibt stehen. Er begreift noch nicht, aber bald wir er vollständig begreifen. In diesem Park sieht Elmar außerdem die ersten wirklich dicken Bäume des Landes, mächtige und alte Stämme, die ihm erst klar machen, wie intensiv das Land, das er bei seiner Wanderung gesehen hat, bewirtschaftet wird.
In der Ausstellung läuft eine Waltari-Dokumentation aus den Vierzigerjahren, vielleicht sogar aus der Kriegszeit. Die Bilder sind ausgeblichen, sie wirken nur noch manchmal bunt. Die Aufnahmen von Dichter selbst könnten in Schwarzweiß gedreht sein. Elmar hält es für möglich, dass dieser Effekt nur in seiner Wahrnehmung existiert. Waltari schaut gern mit einer träumerisch langsamen Kopfbewegung nach oben, er steht da und scheint nach innen zu horchen, dann setzt er sich in Bewegung wie von einer für andere nicht hörbaren Stimme gesteuert und nimmt ein Buch aus dem Regal oder tritt zum Fenster. Immer sind es sehr kleine Bewegungen, keine Handlungsfolgen. Beim Tippen an der Maschine ist er dagegen entschlossen, Zeichen folgt auf Zeichen, schon ist das Blatt voll und er zieht es von der Walze. Er tippt mit zwei Fingern. Dieser inspiriert schauende, den eigenen Seelenwinden lauschende Dichter will nichts von der Manier haben, in der eine Sekretärin am Schreibtisch sitzt und tippt. Die Schreibmaschine, denkt Elmar, hat den Autoren die Aura genommen. Deshalb sind sie so beharrlich bei dem elenden Zweifingersystem geblieben, um zu zeigen, dass die sie in Wahrheit nicht die Männer für dieses schmähliche Werkzeug waren. Haben Autorinnen sich je mit Schreibmaschine inszeniert?
Im Übrigen geht es in dieser Ausstellung weniger um den Schriftsteller selbst als um seine malenden Freunde. Im Keller, in dem die Dokumentation läuft, gibt es Bilder von einem Autodidakten, wie die Infotafeln betonen, der wirklich wild gemalt hat. Sehr lustvolle Bilder von üppigen Frauen und eine knallige Rosarot-Palette. Elmar spürt das Unmittelbare dieser Malerei, und es zieht ihn an. Gleichzeitig denkt er, dass es ihm selbst um etwas anderes geht. Was für ein Gedanke – so was denkt ein Kreativer! Er wird wieder etwas machen! Die Freude über seine Entdeckung wird von Elmars Kater schwer gedämpft.
Er nimmt den Aufzug, um in die oberen Räume zu gelangen.
Zu seiner Überraschung steht Elmar plötzlich vor einem Christusbild. Der Kopf mit der riesigen, gebogenen Nase ist zur linken Schulter gesunken. Ein erschöpfter Mann. Aber der hat weibliche Brüste! Sie wirken ausgelutscht, aber sie sind eindeutig weiblich. Das ist zu viel. Elmar stürzt auf die Straße. Es ist beileibe nicht der richtige Tag, um sich eine Kunstausstellung anzusehen. Am Ende wird er noch glauben, die Züge auf dem Bild ähnelten denen von Hel. Hat die Gestalt ihm nicht zugezwinkert? Nein, das braucht er nicht. Jetzt nicht und auch sonst nicht. In der Wohnung packt er so schnell er kann seine Sachen. Sie passen nun alle in den einen Koffer. Wunderbar leicht lässt der sich heben. Nur seine Rückenmuskeln spannt Elmar aus Angst vor dem Schmerz so heftig an, dass es wehtut.

Er weiß, dass er fort muss, er weiß auch schon wohin er gehen wird. Aber er fühlt sich zu matt. Ein zweiter Prospekt ist ihm in die Hände gefallen, als er vorhin seine Papiere sortiert hat. Von diesem weiß er, woher er stammt. Elmar selbst hat ihn am Hafen mitgenommen, gleich nach seinem Besuch im KoskiKeskus. „For peace and tranquility one can visit the island’s ecumenial chapel“, steht da und er glaubt es sofort, denn er braucht gerade Ruhe und Frieden. Er wird sich noch einen halben Tag gönnen und noch eine Nacht, bevor er abhaut. Er will das Schiff zur Insel Vikinssari nehmen. In der langen Schlange, die sich an der Anlegestelle gebildet hat, kommen Elmar Zweifel. Wie soll er Ruhe finden, wenn Hunderte von Menschen mit ihm zugleich auf die Insel fahren? Doch auf dem Deck des Schiffs vergisst er seine Sorge wieder. Er sitzt da und sieht das Glitzern der Sonne in dem heiligen See, er spürt den Fahrtwind im Gesicht und fühlt sich für ein paar Minuten wie daheim. „Even the name Pyhäjärvi (Holy lake)“, hat er gelesen, „refers, in addition to ist religious meaning, to a border between two worlds.“ So fühlt er sich: an der Grenze. Vielleicht auch an der Grenze zwischen Welt und Nichts.

Die Überfahrt ist kurz, etwa eine Viertelstunde. Er sieht das Ufer, an dem er schon einmal entlang geschlendert ist, noch einmal von der Seeseite. Als er genau hinschaut, sieht er, dass der bewaldete Uferstreifen letztlich voller Häuser steht. Die Idee von Unberührtheit der Natur, die wir so gern verfolgen, greift auch hier nicht.
Auf der Insel kommt er an wie in einem Schlaraffenland. Sofort ist dem Ort, aber auch den Leuten, die herkommen, anzumerken, dass es rein um Erholung geht. Ein paar Holzhäuschen stehen da, ein Restaurant, eine Info, ein Kiosk, der Tanzboden. Es gibt einen Spielplatz, einen Sportplatz, einen Grillplatz. Es gibt Strände, an denen Sand aufgeschüttet ist.

Sehr schön findet Elmar es, den vorwiegend alten Leuten beim Tanzen zuzuschauen. Die meisten bewegen sich geschickt, nicht übertrieben ausdrucksvoll, aber sehr bei der Sache. Die Musik kommt von einer kleinen Kapelle und ist populär, manchmal gibt es Schlager wie „O sole mio“ auf Finnisch. Mehrere Behinderte haben sich ganz selbstverständlich unter die anderen Besucher gemischt. Eine Frau spricht ihn an und als er spontan in seiner Muttersprache antwortet, fordert sie ihn in gutem Deutsch zum Tanzen auf. Elmar findet keine Ausrede und tanzt. Er fühlt sich in den Gelenken steif und insgesamt schwer, als hätte sein Gewicht sich in den vergangenen Stunden verdreifacht. Die Augen der alten Frau leuchten ihn mild an, sie ist viel beweglicher als er, sie ist ganz bei der Sache und als das Lied zu Ende geht und Elmar sich höflich verbeugt, sagt sie: „Da haben wir doch viel Spaß gehabt. Wollen wir zusammen einen Wodka trinken?“
Elmar entkommt zu einem Kiosk. Er versucht auf Finnisch einen Hotdog zu bestellen. Die Frau an der Kasse stellt ihm darauf eine Frage und er versteht kein Wort. Dafür spricht ihn ein älterer Mann an und fragt, „from wich country do you come“, und als er es sagt, antwortet der Alte auf Deutsch. Der Hotdog kommt ohne Zutaten, nur eine Wurst in einem Brötchen.
Als Elmar später zurückfährt, begegnet er dem Mann vom Kiosk in der Menge vor dem Landungssteg wieder. Der Alte schaut ihn an und sagt plötzlich: "Geschwindigkeitsüberschreitungsgeldstrafe.“ Mit triumphierenden Lächeln fährt er fort: „Leichtes Deutsch!“ Sicher glaubt er, das längste deutsche Wort zu kennen, und tatsächlich übertrifft es die finnischen Wörter, die Elmar bisher gesehen hat, um Einiges an Länge.
Der Landungssteg ächzt unter Elmars schweren Schritten. Er hat die Vorstellung, ins Wasser zu fallen. Nie im Leben würde er noch schwimmen können, vielmehr müsste er untergehen wie ein Stein. Im Vergleich mit ihm ist die Ankerkette eine leicht dahin gleitende Schlange, die ihren unendlichen Leib ins Wasser windet. Elmar sieht einen Filmstreifen vor sich. Die Bilder darauf so schmal wie sonst die Stege zwischen ihnen und umgekehrt. Er versucht, sich die Bilder vor Augen zu führen, die so auf der Leinwand entstehen würden.
Die Überfahrt ist kurz, etwa eine Viertelstunde. Er sieht das Ufer, an dem er schon einmal entlang geschlendert ist, noch einmal von der Seeseite. Als er genau hinschaut, sieht er, dass der bewaldete Uferstreifen letztlich voller Häuser steht. Die Idee von Unberührtheit der Natur, die wir so gern verfolgen, greift auch hier nicht.
Auf der Insel kommt er an wie in einem Schlaraffenland. Sofort ist dem Ort, aber auch den Leuten, die herkommen, anzumerken, dass es rein um Erholung geht. Ein paar Holzhäuschen stehen da, ein Restaurant, eine Info, ein Kiosk, der Tanzboden. Es gibt einen Spielplatz, einen Sportplatz, einen Grillplatz. Es gibt Strände, an denen Sand aufgeschüttet ist.

Sehr schön findet Elmar es, den vorwiegend alten Leuten beim Tanzen zuzuschauen. Die meisten bewegen sich geschickt, nicht übertrieben ausdrucksvoll, aber sehr bei der Sache. Die Musik kommt von einer kleinen Kapelle und ist populär, manchmal gibt es Schlager wie „O sole mio“ auf Finnisch. Mehrere Behinderte haben sich ganz selbstverständlich unter die anderen Besucher gemischt. Eine Frau spricht ihn an und als er spontan in seiner Muttersprache antwortet, fordert sie ihn in gutem Deutsch zum Tanzen auf. Elmar findet keine Ausrede und tanzt. Er fühlt sich in den Gelenken steif und insgesamt schwer, als hätte sein Gewicht sich in den vergangenen Stunden verdreifacht. Die Augen der alten Frau leuchten ihn mild an, sie ist viel beweglicher als er, sie ist ganz bei der Sache und als das Lied zu Ende geht und Elmar sich höflich verbeugt, sagt sie: „Da haben wir doch viel Spaß gehabt. Wollen wir zusammen einen Wodka trinken?“
Elmar entkommt zu einem Kiosk. Er versucht auf Finnisch einen Hotdog zu bestellen. Die Frau an der Kasse stellt ihm darauf eine Frage und er versteht kein Wort. Dafür spricht ihn ein älterer Mann an und fragt, „from wich country do you come“, und als er es sagt, antwortet der Alte auf Deutsch. Der Hotdog kommt ohne Zutaten, nur eine Wurst in einem Brötchen.
Als Elmar später zurückfährt, begegnet er dem Mann vom Kiosk in der Menge vor dem Landungssteg wieder. Der Alte schaut ihn an und sagt plötzlich: "Geschwindigkeitsüberschreitungsgeldstrafe.“ Mit triumphierenden Lächeln fährt er fort: „Leichtes Deutsch!“ Sicher glaubt er, das längste deutsche Wort zu kennen, und tatsächlich übertrifft es die finnischen Wörter, die Elmar bisher gesehen hat, um Einiges an Länge.
Der Landungssteg ächzt unter Elmars schweren Schritten. Er hat die Vorstellung, ins Wasser zu fallen. Nie im Leben würde er noch schwimmen können, vielmehr müsste er untergehen wie ein Stein. Im Vergleich mit ihm ist die Ankerkette eine leicht dahin gleitende Schlange, die ihren unendlichen Leib ins Wasser windet. Elmar sieht einen Filmstreifen vor sich. Die Bilder darauf so schmal wie sonst die Stege zwischen ihnen und umgekehrt. Er versucht, sich die Bilder vor Augen zu führen, die so auf der Leinwand entstehen würden.

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