Guten Abend. Ich bin das Schreckgespenst des Bürgerkriegs und ich werde in diesem Blog-Post erscheinen.
Freitag, 25. Mai 2012
Seit meiner Ankunft passiert hier jeden Tag etwas. Letzten Dienstag (22. Mai), wurden libanesische Schiiten entführt, als sie von einer Pilgerfahrt aus dem Iran wiederkehrten. Die Identität ihrer Entführer bleibt unklar. Es soll sich um eine Gruppe von regime-feindlichen, syrischen Kämpfern handeln, die gegen Bashar al-Assad vorgehen. Letzterer bekennt sich zum alevitischen Glauben (der aus dem schiitischen Islam entstand). Er ist ein großer Verbündeter des Teheran-Regimes (der Iran ist das größte schiitische Land der Welt) und der libanesischen Hisbollah – ebenfalls schiitisch.
Die syrischen Kidnapper sollen sich zum sunnitischen Glauben bekennen und es ist so gut wie sicher, dass sie ihre Geiseln benutzen werden, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen.
Hier verfolgt man die Nachrichten mit Schrecken. Das Land umfasst eine große schiitische und sunnitische Bevölkerung, und die Entführung könnte den Konflikt wischen diesen beiden islamistischen Untergruppen im Libanon wieder entfachen.
Doch letztendlich – Überraschung – erfährt man, dass die Geiseln heute Morgen befreit und in die Türkei abgeführt wurden und heute Abend in Beirut ankommen werden. Alle sagen „uff“.
Es ist Freitagabend und ich werde mit Al, den Cousin von Zeina, etwas trinken gehen. Die Trinkenheit der Beiruter Nacht gehört uns! Auf in Richtung Torino Express!
Während des Kriegs in 2006 war der Torino Express die einzige Bar der Stadt, die geöffnet hatte.
Wir kamen mit Freunden hierher und haben uns den ganzen Tag besoffen. Auf jeden Fall konnten wir nichts anderes machen. Die Wirtschaft des Landes war lahm gelegt.
Um 22 Uhr gingen wir nach hause. Es war Sperrstunde – die Israleis begannen ihre Bombardierungen gegen 23 Uhr.
Mein Härr! Tu-Sholrt? 10 $
Öhm, nein danke.
Gab es Bombenangriffe in diesem Viertel?
Sehr wenige... die Israelis zerstampften vor allem den Süden der Stadt, dort, wo die Hisbollah lebt.
Am nächsten Tag trinke ich meinen Aperitif mit Anik, einer Libanesin, mit der ich 2010 für fünf Minuten auf einem Festival gesprochen habe. (Die Zeit, die ich brauche, um ein Freund auf Facebook zu werden).
Als der Krieg 2006 vorbei war, bin ich in die Viertel im Süden gegangen, um mir die Schäden dort anzusehen.
In einigen Straßen war jedes zweite Haus zerstört. Andere waren intakt.
Die Israelis gingen mit chirurgischen Schlägen vor: Sie zielten ausschließlich auf die Gebäude, in denen sich die Anführer des Hisbollah befanden.
Aber wie konnten sie sicher sein, dass sich keine Zivilisten darin befanden?
Am Vorabend haben sie Flyer über dem Viertel abgeworfen...
ACHTUNG! MORGEN GEGEN 23 UHR WERDEN WIR DIE GEBÄUDE 4, 6 UND 12 EURES VIERTELS BOMBARDIEREN. BITTE ENTSCHULDIGEN SIE DIE VORÜBERGEHENDEN UNANNEHMLICHKEITEN.
MIT FREUNDLICHEN GRÜSSEN,
DIE ISRAELISCHE ARMMEE
Sie waren vorsichtig. Sie wussten, dass der Tod von Unschuldigen schlecht für ihr Image war.
Kein Scherz?
Hast du einen von diesen Flyern?
Nein, leider habe ich nicht daran gedacht, einen zu behalten. Aber du kannst glaube ich welche auf Ebay finden.
Eine Stunde vor den Bombenangriffen verschickten sie ebenfalls SMS an die Bevölkerung von Beirut...
WENN ICH SIE WÄRE, WÜRDE ICH NICHT IN DER NÄHE EINES HISBOLLAH HAUSEN. NAJA, ICH SAGE DAS NUR SO, MH.
KÜSSCHEN, DIE ISRAELISCHE ARMEE ☺
Aber wie sind sie denn an eure Telefonnummern gekommen?
Keine Ahnung, aber es war echt nervig! Und surrealistisch. Meine Tante erhielt eine SMS, obwohl sie im Urlaub in der Schweiz war.
HALLO MONIQUE! TRAINIEREN WIR FÜR DIE OLYMPISCHEN SPIELE? SIND HISBOLLAH-LEUTE IN DEINER HÜTTE? RUFEN WIR UNS SPÄTER AN UND GEHEN WAS SCHÖNES ESSEN?
LOVE, DIE ISRAELISCHE ARMEE ☺
P.S.: MEINE FREUNDE NENNEN MICH TSAHAL
Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen wurden viele Zivilisten getötet. Und letztendlich ist die Hisbollah noch stärker aus dieser Prüfung herausgegangen.
Aber kommen wir zurück auf den Vorabend, im Torino Express...
Die Flugzeuge überflogen mitten in der Nacht das Stadtzentrum von Beirut und durchbrachen dabei die Schallmauer. Nur um uns eine Mordsangst einzujagen.
Hey guck mal, da drüben ist ein Typ, der zeichnet...
Das ist Maza! Er lebt in dieser Bar. Lass uns hingehen, er ist nett!
Wow! Das ist hübsch, was Sie da machen!
„Hübsch“?
Das ist ein großer libanesischer Comic-Autor.
Ich zeichne auch Comics in Frankreich.
Super! Dann mach doch hier einen! Hast du was zum zeichnen dabei?
Ah ja! Ich habe mir ja ein Heft gekauft, für den Fall der Fälle.
Können wir Champagner haben?
Al!
Tina! Kommst du aus New York wieder?
Gerade eben. Ich habe mir gesagt: Der beste Weg, um meinen Jetlag loszuwerden ist, ein Gläschen im Torino zu trinken.
Im Torino wird man alle seine Sorgen los!
Um sich danach neue zu machen...
Verdammt! Er zeichnet, ohne auf’s Papier zu gucken...
Ich werde mich lieber in eine Ecke der Bar verkriechen, da kann ich besser zeichnen.
Mein Härr! Tu-Sholrt? 5 $
Öhm, nein danke.
Man gebe mir eine Trompete und noch mehr Champagner! Auf dass ich die Grenzen der 9. Kunst durchbreche!
Also... konzentrieren wir uns auf die Kraftlinien der Architektur...
Al, ich habe überlegt, meine eigene Bar zu eröffnen. In einem Anti-Flieger-Schutzraum. Weißt du, für den Fall, das der Krieg wieder beginnt...
Das ist eine große Idee.
Ein Ort, der die ganze Nacht geöffnet ist. Sogar während der Bombenangriffe.
Man müsste einen so genialen Ort schaffen, dass sogar Leute aus dem Ausland hingehen.
Aber es gibt ein Problem: Wie soll man sichergehen, dass das Kartenzahlgerät im Falle eines verlängerten Konflikts funktioniert?
Ti Sheurte?
Nein.
Man dürfte den Eintritt nur denen erlauben, die mindestens 1.000 $ in bar dabei haben.
Sie müssten Ihre Bar an der Küste eröffnen, damit Sie sich über Zypern mit Getränken eindecken können...
Ach du Scheiße! Die Geiseln...
Was? Sind sie auf dem Flughafen von Beirut gelandet?
Sie wurden nicht befreit.
Sind Sie noch in der Türkei?
Das weiß man nicht...
Gerüchten zufolge sollen sie in Syrien getötet worden sein!
A bottle of rosé!
Geben Sie mir Arrak!
Noch ein Gin-Tonic!
Einen Rotwein!
Zwei!
Champagner!
Margarita royal!
Triple Wodka!
Pint of beer!
Whisky!
Calvados!
Wein!
Drei Mojitos!
Was zu trinken!
Gin!