Einer der Gründe für mich beim “Amazonas”-Projekt mitzumachen war, meinen langjährigen Emailfreund Claudio Toffoli (kurz Toffo) endlich einmal “in the flesh” kennenzulernen, denn er lebt und arbeitet hier in Sao Paulo. Seit 8 Jahren tauschen wir regelmäßig Gedanken über Musik aus – Toffo ist ein profunder Kenner brasilianischer Musik, von Brega (dem brasilianischen Wort für “Schlager” – hier sehr abfällig gebraucht) bis zu klassischer Musik.
Toffo ist ein typischer “Aussteiger” in Sachen Neuer Musik. Er studierte am damals noch unabhängigen Konservatorium in Sao Paulo (jetzt Teil der Universität) Komposition und Klavier, war aber schnell abgeschreckt durch die harsche serielle Lehre, die damals in Sao Paulo vorherrschte. Seine Vorliebe für Melodik und Humor machten ihn immer mehr zum Außenseiter am Konservatorium (so zumindest stellt es Toffo heute dar) und er entschied sich dann doch für eine Banklehre, denn die Aussichten auf einen Lebensunterhalt als E-Komponist in Brasilien sind nicht gerade rosig (entweder man hat eine Professur oder man schreibt Bregas – dazwischen gibt es nicht viel).
Als nun pensionierter Banker widmet sich Toffo seinen Lieblingshobbies: Dem Schreiben von Romanen, dem Komponieren und der Korrespondenz mit seinen zahllosen Freunden. Am wichtigsten ist es ihm, brasilianische Klischees zu durchbrechen. “Weißt Du, Brasilien ist nicht nur Samba und Fußball -so sieht uns die Welt, aber Brasilien ist doch viel mehr!”.
Mit seinem Lebensgefährten Cledson besuchen wir einen Markt in der Nähe meines Hotels. Auf dem Weg fährt ein Auto mit lauter Musik an uns vorbei, die 4 Insassen wippen fröhlich dazu. “Das ist Samba”, sagt Toffo trocken. Auf dem Markt essen wir “Pastel”, eine Art Leib-und Magenspeise der Brasilianer, eine Teigtasche die mit allem möglichen gefüllt wird, zum Beispiel mit Käse, Hackfleisch oder “Caipiri”, das nicht etwas Caipirinha enthält, sondern einfach nur Hühnchen und Hüttenkäse, sehr lecker, und hauptsächlich von der großen japanischen Bevölkerung hergestellt.
Direkt am Markt steht das “Pacaembu”, das wichtigste Fußballstadion der Stadt. Es fasst 50.000 Plätze, wenig für eine 12-Millionenstadt, daher muss für die WM 2014 noch ganz schön rangeschafft werden. Ich frage meine Begleiter, ob sie nicht Lust haben, das angrenzende Fußballmuseum mit mir zu besuchen, das man direkt unter die Tribüne ins Stadion hineingebaut hat.
Das Fußballmuseum ist eine reine Freude – voller Liebe und Leidenschaft zum Thema haben die Kuratoren ein großartiges Panoptikum der brasilianischen Geschichte ausgebreitet. Diese Geschichte besteht natürlich aus Fußball, Fußball, Fußball. Vom ersten großen Star, dem halbdeutschen Spieler Friedenreich, bis zu den Heroen Socrate und Pelé. Man kann Ronaldinho in 3D zuschauen, wie er Fußballtricks vollführt. Man geht unter die Tribüne, auf die von unten Bilder von Fankurven projiziert werden, mit authentischer Geräuschkulisse. Man erfährt, dass für das meistverkaufte Spiel in Sao Paulo 168.000 Karten verkauft wurden und für das am geringsten verkaufte 55, und natürlich werden alle bisherigen Weltmeisterschaften ausführlich präsentiert, mit allen brasilianischen Toren. Bei soviel Überzeugung für die Sache des brasilianischen Fußballs kann man für die WM 2014 nur konstatieren: Wir haben keine Chance. Wenn unsere Mannen hier in teilweise tropischen wie auch arktischen Temperaturen (Brasilien hat im Sommer alles von 0-40 Grad zu bieten) gegen die Brasilianer antreten müssen, wird ihnen das Herz in die Hose rutschen, so viel ist sicher.
Als wir das Museum verlassen, kommen wir an einer Sambakapelle vorbei, die authentisch 6 Trommler, einen Gitarristen und eine Sängerin beschäftigen. Sie sind phantastisch, die Besucher eines nahen Cafés fangen spontan an zu tanzen, alles verwandelt sich sofort in ein Fest. Etwas weiter kommt ein alter Mann tanzend auf mich zu, er will mir Parkplatzkarten verkaufen (bei ihm kosten sie 10 Real, normalerweise 3 Real). Seine Schritte wippen im Takt der Musik.
Als wir um die nächste Ecke kommen, spielt schon wieder eine Sambakapelle, diesesmal eine ganze Schule, Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren, die begeistert nach Vorgabe ihres Lehrers die Trommelstöcke schwingen, dabei die charakteristischen Pausen und 2 gegen 3 – Rhythmen markierend, die den Samba ausmachen.
“Weißt Du, Moritz, Brasilien ist nicht nur Samba und Fußball” sagt Toffo mahnend.
Ich nicke pflichtbewußt.
Bei meiner Rückkehr ins Hotel läuft Musik im Fahrstuhl. Es ist ein Samba.
(Von Moritz Eggert, 19.07.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Mndag, 31. januari 2011
Klimarettung in Sao Paulo Teil 1: Die lange Ankunft (frei nach Raymond Chandler)
Der Brasilianer an sich ist herzlich, gastfreundlich und liebt Kinder (so steht’s im Reiseführer). Und er liebt es, das Ankommen zu zelebrieren.
Vor lauter Ankommen am Flughafen Sao Paulo kommt man gar nicht mehr zu sich: zuerst einmal kommt man aus dem Flugzeug (an) und geht 30 Minuten einen langen Gang entl(an)g. An dessen Ende kommt man dann in der Einreisezone an, dieser Prozess samt Schlangestehen und Überprüfung des Ausweises dauert 1 1/2 Stunden nur aufgelockert durch Unterhaltung mit netten Liedbegleitern aus München, die man alle 10 Minuten wiedersieht, wenn die Schlange wieder den selben Knick macht. Dann kommt man in der Gepäckhalle an, dort hat man das Band aufgrund des langen Wartens auf die Ankommenden/Reisenden schon wieder abgeschaltet und die Gepäckstücke wieder ins Flugzeug zurückverladen, aber man erbarmt sich und lässt sie nach einer halben Stunde Warten dann doch noch mal zurück aufs Band. Nun könnte man dem Irrglauben verfallen, man sei nun endlich in Sao Paulo angekommen, aber nein, denn nun reiht man sich in die sich insgesamt 20 mal durch die Halle windende Schlange vor der Zollkontrolle ein, die nach einer weiteren Stunde Anstehen in einen dunklen Gang mündet. Am Ende dieses Ganges steht der Grund für die lange Schlange: eine einzige (!!!!) Zollbeamtin, die alle tausend Reisenden einzeln durchcheckt.
Aber noch immer ist des Ankommens nicht genug – erst einmal müssen wir in den Menschenmassen unseren Guide Rodrigo finden, der sich geschickt abseits und ganz hinten versteckt hält. Dann müssen alle Versprengten eingesammelt werden und man trifft sich vor der Schalterhalle – um dann wiederum eine weitere Stunde auf den Bus zu warten, der natürlich im Morgenstau aufgehalten wurde.
Hätte Bunuel einen Film namens „Der diskrete Charme des Ankommens” drehen wollen, er hätte hier genau den richtigen Ort dafür gefunden.
Ein ganz normaler Tag in Sao Paulo also. Aber warum bin ich eigentlich hier?
Geduldige Leser unseres Blogs werden sich an meine Berichte über die Vorbereitungen des aus 3 Opern (von Klaus Schedl, Tato Taborda und Ludger Brümmer/Peter Weibel) bestehenden Amazonas-Projektes in Karlsruhe erinnern, inzwischen waren ja die Aufführungen in München, und nun sind wir also in Sao Paulo. Lissabon – ein weiterer Gastspielort – wurde leider abgesagt, da Portugal sich kurz vorm Staatsbankrott befindet, und man deswegen natürlich unnötigen Kultur-”Ballast” (siehe Patricks letzten Artikel) abwerfen muss.
Ich bin also hier mit riesiger Mannschaft, in meinen zwei Rollen als Walter Raleigh (”Tilt” von Klaus Schedl) und singendes Kondom bzw. trommelnder Schamane (”Amazonas-Konferenz” vom ZKM) gemeinsam mit dem besten Ensemble für neue Musik ohne großes „N” in München, piano possibile, dem Team des ZKM, der Biennale, den Komponisten, den Sängern, den Schauspielern, etc.
Nun sitze ich hier im Hotel und es ist ja noch nicht so wahnsinnig viel passiert, da ja probenfrei ist. Im Flugzeug ist es mir gelungen, die Schlüsse all der Filme anzuschauen, die mir bei meinen letzten Flugreisen durch Landungen entgangen waren (irgendwie läuft ja weltweit im Flugzeug dasselbe). Daher hier meine kurze Filmkritik: „Alice im Wunderland” (Burton): hmmmm….ähhh, muß nicht sein, „Kampf der Titanen”: Arrgh! Scheusslich! Peinlich!, „Invictus” (Eastwood): Feelgood-Movie, ok aber nicht weltbewegend, „Date Night”: ganz schlimme Scheisse, „Valentinstag”: hier sollte man den Mantel des Schweigens über einen der widerlichsten und anbiedernsten Filme der letzten 10 Jahre breiten).
Aber immerhin: In der Süddeutschen lese ich Unglaubliches: Die Abholzung des Regenwaldes ist zurückgegangen! Also waren wir schon erfolgreich mit unserem international mahnenden Projekt, die Mächtigen des Marktnihilismus bzw. Marktkapitalismus haben ein Einsehen gehabt, die Kunst hat wirklich etwas bewirkt! Zumindest bleibt das zu Hoffen….eine Legitimation für die nächsten 20 Biennalen kann hier also direkt abgeleitet werden – Gut so!
Bleibt uns also nur noch, das Mahnen auch vor Ort anzubringen, den Brasilianern den amazonischen Schmerz (Sloterdijk) zu zeigen. 5 Aufführungen im SESC Pompeia, 21.-25. Juli. Los geht’s!
Moritz Eggert


(Von Moritz Eggert, 17.07.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Vor lauter Ankommen am Flughafen Sao Paulo kommt man gar nicht mehr zu sich: zuerst einmal kommt man aus dem Flugzeug (an) und geht 30 Minuten einen langen Gang entl(an)g. An dessen Ende kommt man dann in der Einreisezone an, dieser Prozess samt Schlangestehen und Überprüfung des Ausweises dauert 1 1/2 Stunden nur aufgelockert durch Unterhaltung mit netten Liedbegleitern aus München, die man alle 10 Minuten wiedersieht, wenn die Schlange wieder den selben Knick macht. Dann kommt man in der Gepäckhalle an, dort hat man das Band aufgrund des langen Wartens auf die Ankommenden/Reisenden schon wieder abgeschaltet und die Gepäckstücke wieder ins Flugzeug zurückverladen, aber man erbarmt sich und lässt sie nach einer halben Stunde Warten dann doch noch mal zurück aufs Band. Nun könnte man dem Irrglauben verfallen, man sei nun endlich in Sao Paulo angekommen, aber nein, denn nun reiht man sich in die sich insgesamt 20 mal durch die Halle windende Schlange vor der Zollkontrolle ein, die nach einer weiteren Stunde Anstehen in einen dunklen Gang mündet. Am Ende dieses Ganges steht der Grund für die lange Schlange: eine einzige (!!!!) Zollbeamtin, die alle tausend Reisenden einzeln durchcheckt.
Aber noch immer ist des Ankommens nicht genug – erst einmal müssen wir in den Menschenmassen unseren Guide Rodrigo finden, der sich geschickt abseits und ganz hinten versteckt hält. Dann müssen alle Versprengten eingesammelt werden und man trifft sich vor der Schalterhalle – um dann wiederum eine weitere Stunde auf den Bus zu warten, der natürlich im Morgenstau aufgehalten wurde.
Hätte Bunuel einen Film namens „Der diskrete Charme des Ankommens” drehen wollen, er hätte hier genau den richtigen Ort dafür gefunden.
Ein ganz normaler Tag in Sao Paulo also. Aber warum bin ich eigentlich hier?
Geduldige Leser unseres Blogs werden sich an meine Berichte über die Vorbereitungen des aus 3 Opern (von Klaus Schedl, Tato Taborda und Ludger Brümmer/Peter Weibel) bestehenden Amazonas-Projektes in Karlsruhe erinnern, inzwischen waren ja die Aufführungen in München, und nun sind wir also in Sao Paulo. Lissabon – ein weiterer Gastspielort – wurde leider abgesagt, da Portugal sich kurz vorm Staatsbankrott befindet, und man deswegen natürlich unnötigen Kultur-”Ballast” (siehe Patricks letzten Artikel) abwerfen muss.
Ich bin also hier mit riesiger Mannschaft, in meinen zwei Rollen als Walter Raleigh (”Tilt” von Klaus Schedl) und singendes Kondom bzw. trommelnder Schamane (”Amazonas-Konferenz” vom ZKM) gemeinsam mit dem besten Ensemble für neue Musik ohne großes „N” in München, piano possibile, dem Team des ZKM, der Biennale, den Komponisten, den Sängern, den Schauspielern, etc.
Nun sitze ich hier im Hotel und es ist ja noch nicht so wahnsinnig viel passiert, da ja probenfrei ist. Im Flugzeug ist es mir gelungen, die Schlüsse all der Filme anzuschauen, die mir bei meinen letzten Flugreisen durch Landungen entgangen waren (irgendwie läuft ja weltweit im Flugzeug dasselbe). Daher hier meine kurze Filmkritik: „Alice im Wunderland” (Burton): hmmmm….ähhh, muß nicht sein, „Kampf der Titanen”: Arrgh! Scheusslich! Peinlich!, „Invictus” (Eastwood): Feelgood-Movie, ok aber nicht weltbewegend, „Date Night”: ganz schlimme Scheisse, „Valentinstag”: hier sollte man den Mantel des Schweigens über einen der widerlichsten und anbiedernsten Filme der letzten 10 Jahre breiten).
Aber immerhin: In der Süddeutschen lese ich Unglaubliches: Die Abholzung des Regenwaldes ist zurückgegangen! Also waren wir schon erfolgreich mit unserem international mahnenden Projekt, die Mächtigen des Marktnihilismus bzw. Marktkapitalismus haben ein Einsehen gehabt, die Kunst hat wirklich etwas bewirkt! Zumindest bleibt das zu Hoffen….eine Legitimation für die nächsten 20 Biennalen kann hier also direkt abgeleitet werden – Gut so!
Bleibt uns also nur noch, das Mahnen auch vor Ort anzubringen, den Brasilianern den amazonischen Schmerz (Sloterdijk) zu zeigen. 5 Aufführungen im SESC Pompeia, 21.-25. Juli. Los geht’s!
Moritz Eggert

Philipp Kolb (piano possibile) bei dem Versuch, unschuldige Regenwaldindianer mit dem zweitschlechtesten Bier Münchens zu missionieren

Ein vielversprechender Blick aus meinem Hotelfenster auf Sao Paulo, auch gerne „die bezaubernde und charmante Perle Brasiliens“ genannt
(Von Moritz Eggert, 17.07.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
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Tisdag, 25. januari 2011
Motti in die Mottenkiste?
Kein Festival, kein Spielplan, kein Programmheft kommt ohne sie aus: Motti! So zuletzt zum Beispiel bei der Münchener Biennale: „Der Blick des Anderen”.
Wenn sich Festivalmacher zusammensetzen, um eine neues Programm zu entwerfen, ist nicht die erste Frage „welche Künstler laden wir ein” sondern „welches Motto/Thema haben wir”. Sicherlich hat jeder schon einmal erlebt, dass eigene Stücke bei Festivals abgelehnt wurden, weil sie einfach nicht so gut zum Thema passten. War das Thema „Musik der Stille”, waren sie wohl nicht still genug. War das Thema „Einsamkeit”, waren sie wohl nicht einsam genug. Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit Stücke überhaupt „still” oder „einsam” sein können …
Paradebeispiel Biennale also: „Der Blick des Anderen”. Eigentlich ein sehr schönes Motto. Das Problem damit: jeder stellt sich halt etwas anderes als das „Andere” vor, und ist dann enttäuscht, wenn gerade der Aspekt, den man persönlich am meisten „anders” gefunden hätte, gerade nicht vorkommt. Für viele war es Anlass, der Biennale eben dies vorzuwerfen, sie sei nicht „anders” genug, das moderne Musiktheater drehe sich im Kreis etc.
Manch ein Kritiker agiert dann wie ein spießiger Oberlehrer, der die Deutsch-Hausarbeiten seiner Schüler mit „Thema verfehlt” bezeichnet – Als sei Kunst eine Schulaufgabe, die es „möglichst anständig” zu erfüllen gilt. Insofern wurde die Biennale hier sicherlich oft zu Unrecht diffamiert, denn ein Musiktheaterfestival, das seinen Komponisten bis ins letzte Detail vorschreibt, wie genau sie „anders” sein sollen, wäre eine unerträgliche Vorstellung, eine Perversion.
Doch vor nichts mehr haben die Verantwortlichen Angst: nämlich vor genau diesem Satz „Thema verfehlt”.
Daher sind Programmhefte inzwischen immer manischer zusammengestellte Broschüren, die dem geneigten Leser bzw. Kritiker beweisen sollen, dass man eben gerade NICHT das Thema verfehlt hat und es super ernst genommen hat: in leider typisch deutscher Eilfertigkeit und Unterwürfigkeit wird hier mit Zitaten, Artikeln, Bildern, Querverweisen nur noch um sich geworfen, bis jedes Programmheft selbst zum kleinsten Festival den Umfang einer Doktorarbeit annimmt, und allein die Literaturhinweise mehr Platz einnehmen als die Besetzungen. Wogegen früher ein Programmheft vornehmlich dazu da war, Ort und Zeitpunkt von Veranstaltungen sowie die Programme und deren Mitwirkenden aufzulisten, wird heutzutage meist ein ganzer Mitarbeiterstab damit beschäftigt, riesige Informationskonvolute zu erstellen, die – man muß es mal ehrlich aussprechen – vom Großteil des Publikums überhaupt nicht gelesen werden.
Die sogenannte Künstlerbiographie, zu Beethovens Zeiten auch eher unüblich, ist quasi schon Pflicht. Es reicht dafür übrigens nicht, eine einzige, stets aktualisierte Künstlerbiographie parat zu haben. Ich selber habe zum Beispiel inzwischen insgesamt 7 verschiedene Biographieversionen auf meinem Rechner, kurze, lange, mittellange, lustige, ernste, alberne, skurrile – je nach Gelegenheit und Anforderung. Hinzu kommt natürlich immer ein „Text zum Stück”, in dem wir Komponisten quasi das „Motto” unseres eigenen Stücks ausbreiten und ebenso ängstlich darauf achten müssen, auf keinen Fall das Falsche zu sagen. Aber das reicht natürlich noch nicht aus: hinzu kommen Interviews a la „Was bedeutete für Sie das Thema XY?” oder „Wie stehen Sie zum Niedergang der Kunstmusik?”, auf jeden Fall irgendetwas Hochtrabendes, denn wir haben ja immer noch nicht genug über das „Thema” geredet. Aber nein: Aus (der wie gesagt begründeten) Angst, der Festivalbesucher könnte das alles gar nicht lesen wollen, werden noch während des Festivals „Symposien” veranstaltet, auf denen man dann gemeinsam das Thema ausdiskutiert.
Richtig zufrieden ist man erst, wenn ein Thema wirklich „erschöpfend” behandelt wurde, es seitenlang ausgebreitet und verhandelt wurde, es in endlosen Roundtable-Diskussionen besprochen wurde und Positionen wie auch Gegenpositionen gebührend zu Wort kamen. Am Ende weiß man dann meist gar nichts mehr, man ist so schlau wie vorher.
All dies ergibt die skurrile Situation, dass der geistige Überbau oft wichtiger wird, als die künstlerischen Resultate selber. Dass der Zuschauer im Programmheft über die Ramifikationen des „Mottos” liest, aber nur, weil er sich gerade in der aktuellen Aufführung eines dem „Motto” gewidmeten Konzertes tödlich langweilt und daher Zeit zum Lesen hat, ist schon ziemlich komisch, aber die Wahrheit. Gar nicht zu sprechen von den vielen Situationen, in denen bestimmte Werke mühsam ein Motto übergestülpt bekommen, damit es irgendwie passt. Wie bei Procrustes fühlt sich das an, wenn Dinge so in ein Themenkorsett gezwungen werden.
Fast sehnt man sich zurück in die Zeit, als ein Konzert einfach noch ein Konzert war, eine Opernaufführung einfach noch eine Opernaufführung. Aber natürlich sind diese Zeiten vorbei, was auch viel mit unserem Lieblingsthema, der schwierigen „Vermittlung” von Kunst zu tun hat. Motti, einst eine Kampfansage an die Oberflächlichkeit und Dumpfheit bunt zusammengewürfelter Wischi-Waschi-Programme, sind inzwischen selber ihre eigene Zwangskür geworden, die nun auch nicht mehr richtig froh macht. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen – gegen kluge Gedanken und interessante Themen ist ja nun wirklich nichts einzuwenden, und ein tolles Festival mit einem tollen Motto ist nach wie vor vorstellbar. Aber ebenso toll wäre auch einmal wieder ein Festival OHNE Motto, in dem einfach die Qualität des Gezeigten für sich selber spricht, und echte und ungehinderte Vielfalt wieder möglich ist. Der Besuch eines Konzertes soll auch ein Abenteuer sein, nicht die Erfüllung des zu Erwartenden.
Wir sind ja schliesslich – gottseidank – nicht alle Kritiker.
Moritz Eggert
(Von eggy, 18.05.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Wenn sich Festivalmacher zusammensetzen, um eine neues Programm zu entwerfen, ist nicht die erste Frage „welche Künstler laden wir ein” sondern „welches Motto/Thema haben wir”. Sicherlich hat jeder schon einmal erlebt, dass eigene Stücke bei Festivals abgelehnt wurden, weil sie einfach nicht so gut zum Thema passten. War das Thema „Musik der Stille”, waren sie wohl nicht still genug. War das Thema „Einsamkeit”, waren sie wohl nicht einsam genug. Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit Stücke überhaupt „still” oder „einsam” sein können …
Paradebeispiel Biennale also: „Der Blick des Anderen”. Eigentlich ein sehr schönes Motto. Das Problem damit: jeder stellt sich halt etwas anderes als das „Andere” vor, und ist dann enttäuscht, wenn gerade der Aspekt, den man persönlich am meisten „anders” gefunden hätte, gerade nicht vorkommt. Für viele war es Anlass, der Biennale eben dies vorzuwerfen, sie sei nicht „anders” genug, das moderne Musiktheater drehe sich im Kreis etc.
Manch ein Kritiker agiert dann wie ein spießiger Oberlehrer, der die Deutsch-Hausarbeiten seiner Schüler mit „Thema verfehlt” bezeichnet – Als sei Kunst eine Schulaufgabe, die es „möglichst anständig” zu erfüllen gilt. Insofern wurde die Biennale hier sicherlich oft zu Unrecht diffamiert, denn ein Musiktheaterfestival, das seinen Komponisten bis ins letzte Detail vorschreibt, wie genau sie „anders” sein sollen, wäre eine unerträgliche Vorstellung, eine Perversion.
Doch vor nichts mehr haben die Verantwortlichen Angst: nämlich vor genau diesem Satz „Thema verfehlt”.
Daher sind Programmhefte inzwischen immer manischer zusammengestellte Broschüren, die dem geneigten Leser bzw. Kritiker beweisen sollen, dass man eben gerade NICHT das Thema verfehlt hat und es super ernst genommen hat: in leider typisch deutscher Eilfertigkeit und Unterwürfigkeit wird hier mit Zitaten, Artikeln, Bildern, Querverweisen nur noch um sich geworfen, bis jedes Programmheft selbst zum kleinsten Festival den Umfang einer Doktorarbeit annimmt, und allein die Literaturhinweise mehr Platz einnehmen als die Besetzungen. Wogegen früher ein Programmheft vornehmlich dazu da war, Ort und Zeitpunkt von Veranstaltungen sowie die Programme und deren Mitwirkenden aufzulisten, wird heutzutage meist ein ganzer Mitarbeiterstab damit beschäftigt, riesige Informationskonvolute zu erstellen, die – man muß es mal ehrlich aussprechen – vom Großteil des Publikums überhaupt nicht gelesen werden.
Die sogenannte Künstlerbiographie, zu Beethovens Zeiten auch eher unüblich, ist quasi schon Pflicht. Es reicht dafür übrigens nicht, eine einzige, stets aktualisierte Künstlerbiographie parat zu haben. Ich selber habe zum Beispiel inzwischen insgesamt 7 verschiedene Biographieversionen auf meinem Rechner, kurze, lange, mittellange, lustige, ernste, alberne, skurrile – je nach Gelegenheit und Anforderung. Hinzu kommt natürlich immer ein „Text zum Stück”, in dem wir Komponisten quasi das „Motto” unseres eigenen Stücks ausbreiten und ebenso ängstlich darauf achten müssen, auf keinen Fall das Falsche zu sagen. Aber das reicht natürlich noch nicht aus: hinzu kommen Interviews a la „Was bedeutete für Sie das Thema XY?” oder „Wie stehen Sie zum Niedergang der Kunstmusik?”, auf jeden Fall irgendetwas Hochtrabendes, denn wir haben ja immer noch nicht genug über das „Thema” geredet. Aber nein: Aus (der wie gesagt begründeten) Angst, der Festivalbesucher könnte das alles gar nicht lesen wollen, werden noch während des Festivals „Symposien” veranstaltet, auf denen man dann gemeinsam das Thema ausdiskutiert.
Richtig zufrieden ist man erst, wenn ein Thema wirklich „erschöpfend” behandelt wurde, es seitenlang ausgebreitet und verhandelt wurde, es in endlosen Roundtable-Diskussionen besprochen wurde und Positionen wie auch Gegenpositionen gebührend zu Wort kamen. Am Ende weiß man dann meist gar nichts mehr, man ist so schlau wie vorher.
All dies ergibt die skurrile Situation, dass der geistige Überbau oft wichtiger wird, als die künstlerischen Resultate selber. Dass der Zuschauer im Programmheft über die Ramifikationen des „Mottos” liest, aber nur, weil er sich gerade in der aktuellen Aufführung eines dem „Motto” gewidmeten Konzertes tödlich langweilt und daher Zeit zum Lesen hat, ist schon ziemlich komisch, aber die Wahrheit. Gar nicht zu sprechen von den vielen Situationen, in denen bestimmte Werke mühsam ein Motto übergestülpt bekommen, damit es irgendwie passt. Wie bei Procrustes fühlt sich das an, wenn Dinge so in ein Themenkorsett gezwungen werden.
Fast sehnt man sich zurück in die Zeit, als ein Konzert einfach noch ein Konzert war, eine Opernaufführung einfach noch eine Opernaufführung. Aber natürlich sind diese Zeiten vorbei, was auch viel mit unserem Lieblingsthema, der schwierigen „Vermittlung” von Kunst zu tun hat. Motti, einst eine Kampfansage an die Oberflächlichkeit und Dumpfheit bunt zusammengewürfelter Wischi-Waschi-Programme, sind inzwischen selber ihre eigene Zwangskür geworden, die nun auch nicht mehr richtig froh macht. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen – gegen kluge Gedanken und interessante Themen ist ja nun wirklich nichts einzuwenden, und ein tolles Festival mit einem tollen Motto ist nach wie vor vorstellbar. Aber ebenso toll wäre auch einmal wieder ein Festival OHNE Motto, in dem einfach die Qualität des Gezeigten für sich selber spricht, und echte und ungehinderte Vielfalt wieder möglich ist. Der Besuch eines Konzertes soll auch ein Abenteuer sein, nicht die Erfüllung des zu Erwartenden.
Wir sind ja schliesslich – gottseidank – nicht alle Kritiker.
Moritz Eggert
(Von eggy, 18.05.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Tisdag, 18. januari 2011
Dürfen Kritiker Komponisten prügeln?
Nun, sie tun es ja oft, zumindest verbal, aber gestern bei der „Amazonas”-Premiere, die querstand (Alexander Strauch) so wortreich in den Kommentaren beschrieben hat, kam es doch zu einer (fast) physischen Realisierung eines solchen Vorhabens.
Klaus Schedl (Komponist „TILT”) wurde nämlich nach seiner bescheidenen Frage an den Münchener AZ-Kritiker R. B., ob es ihm denn gefallen hätte, dermaßen verbal angegangen, dass er sich zuerst einmal auf die Toilette flüchten musste. Der geifernde Kritiker verfolgte ihn dann allerdings dorthin und setzte seine Attacken fort, woraufhin Schedl sich, der auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist, ebenfalls zu Wehr setzte.
Es kam wohl zu folgendem, hier wahrscheinlich nicht 100% originalgetreu rekonstruierten Dialog:
„Schedl, Du verstehst nichts von Musik! Du schreibst Rockmusik mit Dirigenten! Das ist doch Sch…!”
„B., das sagt gerade der Richtige, der noch nicht einmal Mezzosoprane von Sopranen unterscheiden kann”
„Ach du, mit Deinem eitlen Komponistenhemd! Du mit Deinem Hemd!”
„Pass auf, B., jetzt gehst Du einfach!”
„Nein, Schedl, ich will nicht!”
„Ach, Du bist immer noch nicht fort? Geh, B., da ist die Tür!”
Dies tat B. dann auch, bevor es zu Handgreiflichkeiten kam.
Da kann man nur sagen: „Tilt”! Und sich auf die Kritik in der AZ freuen …
Als Komponist lebt man immer gefährlicher heutzutage.
Moritz Eggert
(Von eggy, 09.05.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Klaus Schedl (Komponist „TILT”) wurde nämlich nach seiner bescheidenen Frage an den Münchener AZ-Kritiker R. B., ob es ihm denn gefallen hätte, dermaßen verbal angegangen, dass er sich zuerst einmal auf die Toilette flüchten musste. Der geifernde Kritiker verfolgte ihn dann allerdings dorthin und setzte seine Attacken fort, woraufhin Schedl sich, der auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist, ebenfalls zu Wehr setzte.
Es kam wohl zu folgendem, hier wahrscheinlich nicht 100% originalgetreu rekonstruierten Dialog:
„Schedl, Du verstehst nichts von Musik! Du schreibst Rockmusik mit Dirigenten! Das ist doch Sch…!”
„B., das sagt gerade der Richtige, der noch nicht einmal Mezzosoprane von Sopranen unterscheiden kann”
„Ach du, mit Deinem eitlen Komponistenhemd! Du mit Deinem Hemd!”
„Pass auf, B., jetzt gehst Du einfach!”
„Nein, Schedl, ich will nicht!”
„Ach, Du bist immer noch nicht fort? Geh, B., da ist die Tür!”
Dies tat B. dann auch, bevor es zu Handgreiflichkeiten kam.
Da kann man nur sagen: „Tilt”! Und sich auf die Kritik in der AZ freuen …
Als Komponist lebt man immer gefährlicher heutzutage.
Moritz Eggert
(Von eggy, 09.05.2010)
Mit freundlicher Genehmigung der nmz – neue musikzeitung
Skapad av Moritz Eggert
i Moritz Eggert's Bad Blog Of Musick
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