Bevor das Amazonas-Musiktheater heute, am 8. Mai 2010, in der Reithalle in München im Zuge der Münchener Biennale Premiere feiert, trafen sich am Vortag (7.5.2010) am Projekt beteiligte Künstler, Wissenschaftler und der Yanomami Schamane Davi Kopenawa in der Zentrale des Goethe-Instituts in München zu einer Diskussionsrunde.
Begrüßt wurden die Gäste im Hilmar-Hoffmann-Saal um 17 Uhr vom Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann. Im Anschluss sprach Danilo Santos de Miranda, Direktor des SESC São Paulo, dem Kulturinstitut des brasilianischen Handels, einem der Partner des Amazonas-Projektes. Der SESC (Servico Social do Comércio) wird im Juli 2010 in São Paulo die Südamerika-Premiere der Amazonasoper ausrichten. Besonders wichtig an dem Projekt ist Danilo Santos de Miranda die Zusammenarbeit mit den Yanomami: „Der Dialog mit den Yanomami ist darum so viel wert, weil wir, indem wir ihre Sicht der Dinge kennenlernen, unsere technologisch hochgerüstete Welt anders betrachten lernen.“
Das Interesse von Brasiliens Politikern und Wissenschaftlern, den Dialog mit den zahlreichen indigenen Bevölkerungen des Landes zu suchen, ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Das zeigt sich auch daran, dass der Vize-Kulturminister Brasiliens, Alfredo Manevy, nach München gekommen ist. Er betont in seiner Rede den Willen der brasilianischen Regierung, den Reichtum der kulturellen Vielfalt Brasiliens zu schützen. Davi Kopenawa nimmt für ihn hier eine Schlüsselrolle ein. Er stehe als Sprachrohr des Stammes der Yanomami stellvertretend für alle indigenen Bevölkerungsgruppen Brasiliens.
Joachim Bernauer, heute Leiter des Goethe-Instituts Lissabon, berichtet, wie die Idee zu dem Projekt „Amazonas“ entstanden ist – 2006 im Garten des Goethe-Instituts São Paulo. Davi Kopenawa, der als nächster spricht, erzählt vom Besuch Joachim Bernauers in seinem Dorf Watoriki, vom Besuch „des Mannes, der gerade eben gesprochen hat“. Denn die Yanomami kennen keine Namen. Davi Kopenawa hat sich selbst nur darum einen Namen gegeben, weil er weiß, dass die Weißen auf Namen großen Wert legen. Als „Außenminister“ der Yanomami kämpft er seit Jahrzehnten für das Überleben seines Volkes und gegen die fortschreitende Zerstörung des Regenwaldes. Gekleidet in Jeans und Turnschuhen, mit einer Umhängetasche und Federschmuck, macht er auf dem Podest einen sehr entspannten Eindruck. Und doch geht es für ihn um so viel mehr als um eine Oper. „Sehr überrascht“ war er beim ersten Besuch der Amazonas-Gruppe in seinem Dorf im Februar 2008. Die Projektbeteiligten fragten ihn damals, was er von ihrer Idee einer multimedialen Amazonas-Oper halte. Zuerst einmal hat er sich damals erklären lassen, was eine Oper ist und was dabei passiert. Dann stimmte er zu. Seitdem ist die Hutukara Associação Yanomami Projektpartner.
Die Zusammenarbeit mit den Yanomami wäre unmöglich gewesen ohne die Hilfe von Bruce Albert, einem Ethnologen, der seit 35 Jahren mit den Yanomami eng zusammenarbeitet und für ihre Belange kämpft. Auf die Frage des Moderators Christoph Bartmann, was ihn am meisten an den Yanomami fasziniere, antwortet er: „Ihr Intellekt, ihre Eleganz und ihr Humor, den sie sich trotz allem, was sie erlitten haben, bewahrt haben.“
Das besondere Interesse des Soziologen Laymert Garcia dos Santos lässt sich an den Schlagworten Zukunft, Wissenschaft und Regenwald festmachen. In der Oper, sagt er, wird der Regenwald in Klang und Bild übertragen. Während der Vorstellung werden die Besucher erfahren, dass es nicht nur die eine westliche Perspektive gibt, sondern dass die Weltsicht der Yanomami als gleichzeitiges Konzept existiert.
Bruce Albert schildert nun die Gefahr, in der die Yanomami schweben. Ihr Leben hänge unmittelbar vom internationalen Goldpreis ab. Goldsucher, die Flüsse verpesten und Krankheiten in den Regenwald bringen, sind mit die größten Feinde der Yanomami, die in einem Land so groß wie Portugal leben, in dem es viele von den Weißen begehrte Ressourcen (Gold, Holz, Erdöl) gibt.
Davi Kopenawa formuliert am Ende der Diskussion seine Botschaft:
„Ihr und wir kannten uns nicht, nun haben wir freundschaftliche Bande geknüpft. Warum? Weil unsere Kinder gemeinsam kämpfen sollen, um den Regenwald zu verteidigen. Die Weißen haben einen großen Teil des Regenwalds bereits zerstört. Jetzt wollen wir Yanomami mit euch sprechen, damit das endlich aufhört. Wenn wir aus dem Regenwald verschwinden, dann verschwindet auch der Regenwald.“
Und das hätte verheerende globale Folgen. Zum Schluss bittet Davi Kopenawa, dessen Worte von Bruce Albert ins Portugiesische übersetzt werden, darum, seine Botschaft an die Familie und an alle Freunde weiterzugeben.