Die Schädlichkeit des sogenannten Fortschrittes wird immer deutlicher sichtbar, je länger wir uns mit dem Projekt befassen und je konkreter Form und Inhalt des Ereignisses wird, desto klarer werden die Ursachen dieser Schädlichkeit:
Was heißt Fortschritt? Letztlich heißt es nur immer noch mehr Ressourcen aller Art (inklusive Menschen!) in „commodities“ zu verwandeln, also nach Nutzbarkeit zu klassifizieren und benutzbar zu machen. Letztlich auch den Regenwald und auch dessen Menschen – und schließlich alle Menschen. Im Zuge unserer Arbeitsgespräche in Watoriki gab es eine sehr fruchtbare Streitsituation zwischen Roland und Bruce, die damit begann, dass Roland Bruce einen Wissenschaftler nannte. Das gefiel Bruce überhaupt nicht, weil er ja der Wissenschaft, die alles für den Fortschritt und zum „Glück der Menschheit“ unternimmt, den Rücken gekehrt hat. Die Leidenschaftlichkeit, mit der sich Bruce verteidigt hat und für Menschlichkeit anstelle von Fortschritt, Gottesfurcht und Volksbeglückung eintrat, hat dazu geführt, dass Roland ein Peanuts-Cartoon einfiel, das den Kern der Sache – in Übereinstimmung von uns allen inklusive Laymert und Bruce – trifft:
Linus zu Lucy: „When I will be grown up, I‘ll become a doctor.“
nächstes Bild: Lucy zu Linus: „You can‘t become a doctor. You hate mankind.“
nächstes Bild. Lucy geht weg, Linus bleibt sitzen.
Nächstes Bild: Linus sagt: „That is not true. I love mankind. - I just hate people.“
© Amazonas-Musiktheater/Hutukara Associação Yanomami
Tagtäglich begehen Glaubens-, Wissenschafts- und Volksvertreter aller Art Verbrechen aller Art – für die Menschheit – gegen die Menschen, die daran sterben. Diese Toten sind dann nicht die „notwendigen Opfer für eine bessere Zukunft der Menschheit“, wie uns so gerne weisgemacht wird, sie sind die ersten Opfer auf dem Weg zu einer menschenlosen Zukunft. Wenn es uns gelingt, diese Botschaft 10% tiefer ins Bewusstsein unserer Zuschauer dringen zu lassen, haben wir vor allem etwas für die Menschen getan – für die Wald- Menschen (=Yanomami) und die Stadtmenschen – und für den Regenwald, denn sein Zustand wird immer mehr zum Indikator dafür, ob der weiße Mann etwas für die Menschheit tut oder endlich wieder damit beginnt, etwas für die Menschen zu tun – angefangen bei ihm selbst.
Schließlich will ich im Namen aller Exkursionsteilnehmer all jenen Menschen hinter dem Projekt über Bruce hinaus danken, die hart für diese Exkursion gearbeitet haben und die auch weiterhin ebenso hart an der vor uns liegenden Intensivierung des Projektes arbeiten auf ein großartiges Ergebnis hin – der Uraufführung im Mai 2010.
Davi Kopenawa Yanomami, Lor di Val und alle anderen Schamanen und Einwohner von Watoriki für ihre freundliche Einladung, ihre Gastfreundschaft, für ihre ambitionierte Unterstützung und ihre vielfältigen Beiträge zu dem Projekt, den Schamanen Levi, Andre, Isaias von Totobi die sich zu den Menschen von Watoriki gesellten, um uns ihre Erfahrungen mitzuteilen und an allen Ritualen in Watoriki teilzunehmen, die zu erleben wir die Freude hatten, Joachim Bernauer vom Goethe Institut in Lissabon (vormals Sao Paulo), als einen der Erfinder und verlässlichen „Motoren“ des Projektes, dann Jana Binder vom Goethe Institut in Sao Paulo jetzt, und Carminha Gonghora die das Projekt tatkräftig aufrecht halten hilft und die schon seit Jahren dort arbeitet, nicht zu vergessen Ilona Rechlin – ebenda, Tilman Broszat und Andrea Hartenstein unser Brückenkopf bei der Münchener Biennale, Sergio Pinto unserem Brückenkopf im SESC – Sao Paulo, allen unseren Yanomami-Freunden bei Hutukara in Boa Vista, Carlo Zaquini, dieses weiße Herz, das seit langer Zeit schon im Yanomami-Rhythmus schlägt und Nayra, die für uns gekocht hat – all diesen Menschen sagen wir Dank für ihre umfangreiche, kompetente, professionelle, herzliche und leidenschaftliche Hingabe an das Projekt. Werner Kraft von der Münchener Biennale steckt ebenfalls bereits tief in den technischen Vorbereitungen, den Herausforderungen und Entwicklungen für die Reithalle in München ebenso, wie hinsichtlich der ganzen schwierigen Überlegungen im Zusammenhang mit den notwendigen Adaptionen für die Aufführungsräume in Sao Paulo und Lissabon – danke für allen Rat und alle begleitenden hilfreichen Hinweise auf dem Weg zur optimalen Raumlösung.
Weil all das der jüngste Schritt auf dem Weg zum Ergebnis im Mai 2010 war, habe ich mir erlaubt zunächst all jene Menschen zu nennen, die in der ersten Reihe der Verwirklichung dieser jüngsten Aktion standen, die notwendig war. Aber wir alle sind uns der starken Unterstützung durch Peter Ruzicka bei der Münchener Biennale, Peter Weibel, und Christiane Riedel vom ZKM, Rosana Paulo da Cunha von SESC – SP bewußt, ebenso wie der von Bernd Lintermann und Ludger Brümmer und all den anderen Künstlern und Mitarbeitern des ZKM, die an dem Projekt beteiligt sind. - Und wir sind bereits stark damit beschäftigt unseren künstlerischen Dialog mit allen diesen beteiligten Künstlern zu intensivieren, angefangen von Peter Weibel, Klaus Schedl (Komponist Teil I), Gisela Motta (Videokünstlerin) und viele Andere, die nicht mit uns in Watoriki waren.
Michael Scheidl (Regisseur)

© Amazonas-Musiktheater/Hutukara Associação Yanomami
Der Beitrag erschien erstmals auf der Website von
„netzzeit – Theater mit und oder ohne Musik“.


