Interview mit Elpida Karaba – Gute Kunst ist immer politisch

Elpida Karamba, Copyright: Michael Pappas
Die ACTOPOLIS-Kuratorin Elpida Karaba über die Energie ihrer Heimatstadt Athen, Kunst in Zeiten der Krise und ihre Veranstaltungsreihe "The Soft Power Lectures" (German only).
Thembi Wolf: Frau Karaba, in ihrer Veranstaltungsreihe PAT-Lectures begeben Sie sich auf die Suche nach der „Energie“ Athens.

Elpida Karaba: Nun ja, wenn einer Stadt solche Attribute zugeschrieben werden, ist das doch immer eine Art „Branding“, eine Marke. Wir sagen, eine Stadt ist lebendig oder müde. Aber das sind immer Zuschreibungen von außen.

Thembi Wolf: Man sagt, Berlin sei arm aber sexy.

Elpida Karaba: Für mich ist das ein Witz. Berlin ist reich verglichen mit Athen. Deswegen reicht es nicht, über solche Schlagwörter zu sprechen.

Thembi Wolf: Sie empfinden Athen also nicht als lebendige Stadt?

Elpida Karaba: Doch, Athen ist eine lebendige pulsierende Stadt. Sehr lebendig. Allerdings versuchen wir zu verstehen, was das für uns Athener bedeutet. Was tun wir mit dieser „Energie“? Und wofür steht der Begriff? Wir müssen über die Fakten sprechen, die so ein Begriff aufnimmt.

Thembi Wolf: Sie meinen die Krise, soziale Probleme.

Elpida Karaba: Auch. Ich arbeite mit Künstlerinnen zusammen, die sich mit dem öffentlichen Raum beschäftigen. Meine Methode ist forschungsbasiertes Kuratieren. Wir arbeiten also nicht nur mit Objekten und Räumen, sondern auch mit weniger sichtbaren Sphären: Diskursen.

Thembi Wolf: Das Projekt Actopolis rückt die Besonderheiten urbaner Räume in Südosteuropa in den Fokus. Was zeichnet die Arbeit in Athen aus?

Elpida Karaba: Athen ist ein spezieller Ort für Künstler. Die Menschen gehen ins Museum, um ein schönes Wochenende mit ihren Kindern zu verbringen. Die Szene für zeitgenössische Kunst dagegen ist sehr klein. Es gibt keine Institutionen, keine bedeutenden Sponsoren. Vieles passiert informell. So ist das aber auf dem gesamten Balkan.

Thembi Wolf: Worum wird es in den PAT-Lectures gehen?

Elpida Karaba: Konzeptionell handelt es sich um eine „temporäre Kunstakademie“. Es wird eine Reihe Lesungen und Performances geben, immer mit Bezug auf Fragen, die sich um den urbanen Raum „Athen“ drehen. Das Projekt wird sich an zwei Achsen ausrichten: den Faktoren, die die Stadt beeinflussen – Migration, Arbeit – und daran, wie diese rezipiert werden.

Thembi Wolf: Grundsätzlich spielt sich Ihre Arbeit weniger in Kunsthallen als in öffentlichen Räumen ab. Gehört Kunst auf die Straßen?

Elpida Karaba: Wenn ich sage, dass ich mit öffentlichen Räumen arbeite, denken viele an riesige Events, monumentale Plätze und so etwas. Aber ich denke gar nicht in so großen Maßstäben. Meine Strategie ist es, Diskurse in ein kleines Publikum zu tragen, das sie dann weiterträgt. Umdenken beginnt nicht mit einem großen Knall.

Thembi Wolf: Ist das nicht sehr elitär?

Elpida Karaba: Natürlich. Aber wenn man stattdessen ein Stück über Immigranten macht und dann erwartet, dass viele Immigranten kommen und sich unters Publikum mischen, ist das ein Witz. Elitär ist nicht die Frage, ob Migranten zu meinen Veranstaltungen kommen oder nicht. Elitär ist, dass ich zur Uni gehen durfte, dass ich Zeit habe, mir Kunst anzusehen. Deshalb darf man nicht nach den einfachen Lösungen suchen. Es muss einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs geben, in dem Künstler eine Stimme sind.

Thembi Wolf: Kann man Gesellschaften durch Kunst verändern?

Elpida Karaba: Diskutieren, intervenieren, verändern – das sind ganz unterschiedliche Anforderungen.

Thembi Wolf: Und welche kann Kunst erfüllen?

Elpida Karaba: Sie meinen das, was immer als klassisches Dilemma verstanden wird: Kunst oder Aktivismus? Theorie oder Praxis? Dabei geht es ja gar nicht so sehr darum, etwas Messbares zu verändern. Kunst kann keine sozialen Strukturen ersetzen oder so etwas. Kunst bewohnt die Zwischenräume. Wir können Diskurse anstoßen, Vorstellungen beeinflussen.

Thembi Wolf: Aber ob man in Zeiten der Krise Kraft und Ressourcen für Kunst oder Aktivismus aufwendet, ist doch eine ganz praktische Entscheidung.

Elpida Karaba: Das ist ein Pseudodilemma. Das eine ersetzt nicht das andere. Beides ist lebensnotwendig für den Menschen. Auf unterschiedliche Weise.

Thembi Wolf: Muss Kunst politisch sein?

Elpida Karaba: Ja, ich denke schon, dass gute Kunst immer politisch ist. Nicht unbedingt mit einem bestimmten Programm. Aber wir haben die Aufgabe, einen widerständigen Diskurs anzustoßen.

Thembi Wolf: Durch die Turbulenzen der vergangenen Jahre rückt zeitgenössische griechische Kunst gerade in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit.

Elpida Karaba: Es gibt immer einen „touristischen“ Aspekt bei diesem Thema. Die Menschen hören so viel über die Situation hier in Griechenland und finden es interessant, das zu sehen. Das ist keine Frage von gut oder schlecht, sondern einfach natürlich.

Thembi Wolf: Profitieren griechische Künstler von diesem Interesse?

Elpida Karaba: Ja. Viele haben sich auch ganz pragmatisch dafür entschieden, die Krise zu thematisieren. Und es ist viel Interessantes entstanden in den letzten Jahren. Das gab es ja schon, als der Ostblock kollabierte; da war es auf einmal angesagt, postsowjetische Kunst zu fördern. Und gerade wird eben die „documenta“ in Athen geplant.

Thembi Wolf: Einige griechische Künstler kritisieren dieses durch die Krise kanalisierte Interesse. Sie haben das Gefühl, dass sie zu „Exoten“ gemacht werden.

Elpida Karaba: Diese Skepsis teile ich überhaupt nicht. Ich finde, die „documenta“ hat eine starke, interessante Agenda, von der wir profitieren werden. Außerdem kann man den exotischen Blick gar nicht vermeiden. Mir ging es genauso, als ich mit Künstlern in Jakarta gearbeitet habe. Wichtig ist doch, dass man das reflektiert. Ich erwarte übrigens auch keine großen Veränderungen, denn die Szene für zeitgenössische Kunst in Griechenland ist sehr überschaubar. Das wird wohl vorerst auch so bleiben. Es wird keine großartigen Veränderungen geben – höchstens eine kleine „postnatale Depression“.




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