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Sonntag, 24. Juni 2012
Übernächtigt und müde...
Übernächtigt und müde haben unsere sechs Reisenden nach mehr als 6000 Kilometern im Zug endlich ihr Ziel erreicht: Portland, Oregon - vor ihren Augen erstreckt sich die Weite des Pazifischen Ozeans. Vielleicht sind unsere Helden ein wenig traurig, denn ihr amerikanisches Abenteuer geht jetzt zu Ende, ein Abenteuer, das wir mit ihnen teilen durften. Nach drei Wochen in amerikanischen Zügen haben die Sechs alle Geheimnisse rund um die Liegewagen und die etwas seltsamen Fahrpläne von Amtrak gelüftet. Aber noch viel wichtiger, sie haben uns Geschichten von einfachen Leuten erzählt, die in diesem bunten Land leben und darauf warten zu erfahren, wer sie in den nächsten vier Jahren regiert. Sie haben uns von Langusten, Baseball, Romney, Obama und seinem Friseur, von alten und virtuellen Buchläden, von Rock and Roll und Harley Davidsons erzählt. In Montana haben sie kuriose Versteigerungen besucht und wurden von einem etwas merkwürdigen Bestattungsunternehmer in North Dakota eingeladen. Beppe und Karl haben eine deutsche Einwanderergemeinde getroffen, die seit Jahren in Amerika lebt, aber weiterhin so tut, als würde sie immer noch an den Ufern der Donau beheimatet sein. Und denkt an den jungen Italiener, der studiert und gleichzeitig im Parlament von New York arbeitet.
Am Ende dieser langen Reise bleibt uns nichts anderes übrig, als allen von Herzen zu danken: Wir danken den beiden Journalisten Beppe Severgnini und Karl Hoffmann für ihre manchmal ironischen manchmal nachdenklichen Berichte, mit denen sie die Landschaften und ihre Bewohner akkurat nachgezeichnet haben. Wir danken Soledad Ugolinelli, unserer Produzentin, Organisatorin, Übersetzerin, der Seele der kleinen Gruppe, die immer ein Lächeln für uns bereit hatte, selbst nach durchwachten Nächten in Zügen oder am Computer.
Ein herzliches Dankschön geht an Andrea Salvadore, der für die Dokumentation bei La7 Regie führt und mit wachem und erfahrenem Auge seine Akteure geführt hat. Wir danken den Kameramännern Gianni Scimone und Alberto Engeli, die die amerikanische Landschaft in all ihrer Vielseitigkeit und Nuancen sensibel festgehalten haben: Wolkenkratzer, Seen, Strände, Berge und Wiesen haben sich in ihren täglichen Filmen so abgewechselt, dass man manchmal dachte, aus einem geöffneten Fenster zu blicken und Amerika beobachten zu können, ein Land, das uns Europäer doch immer noch fasziniert. Wir danken natürlich auch unseren Kolleginnen der Goethe-Institute in den Vereinigten Staaten, insbesondere Irmi Maunu-Kocian in Chicago und Annette Klein in Boston für ihre große Hilfe bei der schwierigen Reiseorganisation. Und auf keinen Fall darf ich die Übersetzer vergessen, Giles Watson und Srini, denen es von ihren Schreibtischen aus gelungen ist, unseren Blog auch auf Englisch les- und erlebbar zu machen.
Wir danken unseren Partnern: dem Corriere della Sera, der uns einmal mehr unterstützt hat, La7, die „unseren“ Film im September in der besten Prime Time senden, und der Lufthansa, die unsere Reisegruppe von Europa nach Amerika und zurück gebracht hat.
Und schließlich geht unser Dank auch an Euch alle, liebe Leser: Ihr habt mit gefiebert und den Blog mit euren ehrlichen und klugen Kommentaren richtig in Schwung gebracht. Ich hoffe, dass euch unsere amerikanische Story so in Erinnerung bleibt, als ob ihr selbst mitgefahren wart.
Herzliche Grüße
Eure
Susanne Höhn
Länderdirektorin, Goethe-Institut Italien
Am Ende dieser langen Reise bleibt uns nichts anderes übrig, als allen von Herzen zu danken: Wir danken den beiden Journalisten Beppe Severgnini und Karl Hoffmann für ihre manchmal ironischen manchmal nachdenklichen Berichte, mit denen sie die Landschaften und ihre Bewohner akkurat nachgezeichnet haben. Wir danken Soledad Ugolinelli, unserer Produzentin, Organisatorin, Übersetzerin, der Seele der kleinen Gruppe, die immer ein Lächeln für uns bereit hatte, selbst nach durchwachten Nächten in Zügen oder am Computer.
Ein herzliches Dankschön geht an Andrea Salvadore, der für die Dokumentation bei La7 Regie führt und mit wachem und erfahrenem Auge seine Akteure geführt hat. Wir danken den Kameramännern Gianni Scimone und Alberto Engeli, die die amerikanische Landschaft in all ihrer Vielseitigkeit und Nuancen sensibel festgehalten haben: Wolkenkratzer, Seen, Strände, Berge und Wiesen haben sich in ihren täglichen Filmen so abgewechselt, dass man manchmal dachte, aus einem geöffneten Fenster zu blicken und Amerika beobachten zu können, ein Land, das uns Europäer doch immer noch fasziniert. Wir danken natürlich auch unseren Kolleginnen der Goethe-Institute in den Vereinigten Staaten, insbesondere Irmi Maunu-Kocian in Chicago und Annette Klein in Boston für ihre große Hilfe bei der schwierigen Reiseorganisation. Und auf keinen Fall darf ich die Übersetzer vergessen, Giles Watson und Srini, denen es von ihren Schreibtischen aus gelungen ist, unseren Blog auch auf Englisch les- und erlebbar zu machen.
Wir danken unseren Partnern: dem Corriere della Sera, der uns einmal mehr unterstützt hat, La7, die „unseren“ Film im September in der besten Prime Time senden, und der Lufthansa, die unsere Reisegruppe von Europa nach Amerika und zurück gebracht hat.
Und schließlich geht unser Dank auch an Euch alle, liebe Leser: Ihr habt mit gefiebert und den Blog mit euren ehrlichen und klugen Kommentaren richtig in Schwung gebracht. Ich hoffe, dass euch unsere amerikanische Story so in Erinnerung bleibt, als ob ihr selbst mitgefahren wart.
Herzliche Grüße
Eure
Susanne Höhn
Länderdirektorin, Goethe-Institut Italien
Samstag, 23. Juni 2012
Achzehn Tage, achzehn Staaten (Ankunft in Portland, Oregon)
Im Zug, auch während der letzten Fahrt, kann man immer was dazu lernen. Zum Beispiel, dass deine Reisegefährten sich Sorgen um dich machen. Nur wenige Minuten vor der Abfahrt unseres Zuges nach Portland (Oregon) erreiche ich die King Street Station und Soledad, unsere Producerin, Übersetzerin, Beraterin, Psychologin, Verwalterin und Pflegerin, ist sichtlich nervös. Sie befürchtet, dass ich ernsthaft in Seattle bleiben könnte, um mit meinen Freunden Diego und Niccolò fischen zu gehen. Was natürlich auch stimmt, aber das konnte sie nicht wissen.
Der Coast-Startlight-Zug ist fast luxuriös und das sind wir nicht gewohnt. Er fährt von Seattle aus gen Süden in Richtung Los Angeles. Jack Rich, der uns im Auftrag von Amtrak begleitet, meint, dass man vom Fenster aus sogar Delfine sehen kann – vorausgesetzt man durchquert nicht gerade die Wälder von Washington. Heute haben wir Seattle in einem ganz neuen Licht kennengelernt: regnerisch und nebelig, wie eine wunderbare Stadt, die nach Sonne langt.
Unsere silberne Eisenbahnwagen wurden 1985 gebaut: nicht mehr ganz jung, aber in gutem Zustand. In diesem Zug gibt es eine erste „geriatrische“ Klasse, in der die Passagiere das Durchschnittsalter der italienischen Führungsklasse erreichen. Außerdem gibt es einen mit eiskalter Luft klimatisierten Kinosaal (Baujahr 1957) – wahrscheinlich wird dieser Raum, wenn der Zug nicht ausgebucht ist, als Tiefkühlschrank für das Geflügel genutzt. Wie immer sind wir in der economy class („coach“) untergebracht. Hinter uns sitzt der polnische Blogger Jakub Gorsk der von New York aus mit der Bahn nach Chicago gefahren ist und von dort aus über Seattle, Los Angeles, New Orleans wieder nach New York zurückkehren wird. 13.000 Kilometer in 13 Tagen mit einem Zugticket, das er für 200 Pfund in London gekauft hat. Nachts schläft Jacob nicht in einer Sleeperette, sondern macht es sich auf die zurückklappbaren Sitze gemütlich und deckt sich mit einer tarnfarbenen Decke.
Auf langen Reisen ist der letzte Tag immer etwas komisch: wir sind voller bitterer Freude, zeigen es aber nicht. Karl interviewt seine letzten Opfer, Gianni filmt die Tätowierungen einer jungen Frau, Andrea macht sich Notizen auf mittlerweile unhygienischen Post-it und Alberto denkt an Bruce Springsteen und an Santa Monica, wo er morgen zurückfliegen wird. Die Durchsagen unseres Zugschaffners sind heute zusammenhangslos: „Bitte beachten Sie, dass der Verzehr von Lutscher in den USA streng verboten ist! Ebenso ist es nicht erlaubt zu behaupten, dass die eigenen Eltern wohlhabend sind, wenn dies nicht zutrifft!“ Auf einmal droht er, alle Handys an Bord zu konfiszieren und erinnert auch, „dass das Rauchen auf Zügen rechtswidrig ist und dass die Täter in ein geheimes Gefängnis in Osteuropa landen werden!” Unser polnische Freund Jacob hört ihm gleichmütig zu.
Als wir uns mit Jack unterhalten erfahren wir einige interessante Fakten über die Welt der Bahn in den USA. Die Tickets decken nur einen Teil der Kosten, die Amtrak tragen muss: Die besten Ergebnisse erzielt der Empire Builder (79%) und der Coast Starlight (82%) – die schlechtesten der Sunset Limited (22%), der allerdings nur dreimal die Woche fahren darf. Der Rest wird staatlich oder bundesstaatlich finanziert. Amerikanische Züge sind langsam aber solide gebaut, um die Folgen bei einem Eisenbahnunfall zu minimieren – die schnellen europäischen Züge, hingegen, sind so gebaut, um genau jene Unfälle zu verhindern. Der Jahresumsatz von Amtrak entspricht den Ausgaben für 15 Minuten Krieg in Irak. Selbst die Federal Highway Administration gibt mehr Geld aus, um die Abfälle am Rande der Autobahnen zu beseitigen. „Wir haben keine Verbündeten in der Politik“, seufzt Rick. „Nur die Umweltschützer stehen auf unserer Seite und unterstützen uns“. Im Halbschlaf biete ich ihm unsere streitbaren Gegner des Hochgeschwindigkeitszuges in der Val di Susa an.
Pünktlich um 13.30 Uhr kommen wir an der Union Station in Portland, Oregon, an. Vor 18 Tagen sind wir von Portland, Main, aus losgefahren. Regen dort, Regen hier, dazwischen die Sonne. Ich bin fest überzeugt, dass Karl am liebsten noch jemanden interviewen würde, doch die Passagiere haben seine Absichten durchschaut und schwinden im Regen wie Erinnerungen im Regen. Von nun an sind sie, wie wir, nichts mehr als eine Erinnerung.
Der Coast-Startlight-Zug ist fast luxuriös und das sind wir nicht gewohnt. Er fährt von Seattle aus gen Süden in Richtung Los Angeles. Jack Rich, der uns im Auftrag von Amtrak begleitet, meint, dass man vom Fenster aus sogar Delfine sehen kann – vorausgesetzt man durchquert nicht gerade die Wälder von Washington. Heute haben wir Seattle in einem ganz neuen Licht kennengelernt: regnerisch und nebelig, wie eine wunderbare Stadt, die nach Sonne langt.
Unsere silberne Eisenbahnwagen wurden 1985 gebaut: nicht mehr ganz jung, aber in gutem Zustand. In diesem Zug gibt es eine erste „geriatrische“ Klasse, in der die Passagiere das Durchschnittsalter der italienischen Führungsklasse erreichen. Außerdem gibt es einen mit eiskalter Luft klimatisierten Kinosaal (Baujahr 1957) – wahrscheinlich wird dieser Raum, wenn der Zug nicht ausgebucht ist, als Tiefkühlschrank für das Geflügel genutzt. Wie immer sind wir in der economy class („coach“) untergebracht. Hinter uns sitzt der polnische Blogger Jakub Gorsk der von New York aus mit der Bahn nach Chicago gefahren ist und von dort aus über Seattle, Los Angeles, New Orleans wieder nach New York zurückkehren wird. 13.000 Kilometer in 13 Tagen mit einem Zugticket, das er für 200 Pfund in London gekauft hat. Nachts schläft Jacob nicht in einer Sleeperette, sondern macht es sich auf die zurückklappbaren Sitze gemütlich und deckt sich mit einer tarnfarbenen Decke.
Auf langen Reisen ist der letzte Tag immer etwas komisch: wir sind voller bitterer Freude, zeigen es aber nicht. Karl interviewt seine letzten Opfer, Gianni filmt die Tätowierungen einer jungen Frau, Andrea macht sich Notizen auf mittlerweile unhygienischen Post-it und Alberto denkt an Bruce Springsteen und an Santa Monica, wo er morgen zurückfliegen wird. Die Durchsagen unseres Zugschaffners sind heute zusammenhangslos: „Bitte beachten Sie, dass der Verzehr von Lutscher in den USA streng verboten ist! Ebenso ist es nicht erlaubt zu behaupten, dass die eigenen Eltern wohlhabend sind, wenn dies nicht zutrifft!“ Auf einmal droht er, alle Handys an Bord zu konfiszieren und erinnert auch, „dass das Rauchen auf Zügen rechtswidrig ist und dass die Täter in ein geheimes Gefängnis in Osteuropa landen werden!” Unser polnische Freund Jacob hört ihm gleichmütig zu.
Als wir uns mit Jack unterhalten erfahren wir einige interessante Fakten über die Welt der Bahn in den USA. Die Tickets decken nur einen Teil der Kosten, die Amtrak tragen muss: Die besten Ergebnisse erzielt der Empire Builder (79%) und der Coast Starlight (82%) – die schlechtesten der Sunset Limited (22%), der allerdings nur dreimal die Woche fahren darf. Der Rest wird staatlich oder bundesstaatlich finanziert. Amerikanische Züge sind langsam aber solide gebaut, um die Folgen bei einem Eisenbahnunfall zu minimieren – die schnellen europäischen Züge, hingegen, sind so gebaut, um genau jene Unfälle zu verhindern. Der Jahresumsatz von Amtrak entspricht den Ausgaben für 15 Minuten Krieg in Irak. Selbst die Federal Highway Administration gibt mehr Geld aus, um die Abfälle am Rande der Autobahnen zu beseitigen. „Wir haben keine Verbündeten in der Politik“, seufzt Rick. „Nur die Umweltschützer stehen auf unserer Seite und unterstützen uns“. Im Halbschlaf biete ich ihm unsere streitbaren Gegner des Hochgeschwindigkeitszuges in der Val di Susa an.
Pünktlich um 13.30 Uhr kommen wir an der Union Station in Portland, Oregon, an. Vor 18 Tagen sind wir von Portland, Main, aus losgefahren. Regen dort, Regen hier, dazwischen die Sonne. Ich bin fest überzeugt, dass Karl am liebsten noch jemanden interviewen würde, doch die Passagiere haben seine Absichten durchschaut und schwinden im Regen wie Erinnerungen im Regen. Von nun an sind sie, wie wir, nichts mehr als eine Erinnerung.
Portland : Ankommen – Abfahren
Oft waren es nur 24 Stunden, die wir an einem Ort verbracht haben. Im immer gleichen Rhythmus: ankommen am Bahnhof, Taxi zum Hotel, Gepäck ins Zimmer, je nach Tageszeit einen Happen essen, schlafen, schreiben, besichtigen, Interviews führen, filmen, fotografieren, Koffer packen, Taxi zum Bahnhof, abfahren. Portland, Oregon ist die letzte Station dieser ruckartigen Fortbewegung quer durch die Vereinigten Staaten. Und das ist gut so. Man kann nicht endlos oft ankommen, und immer wieder von Neuem begeistert sein. Mit der Zeit überlagern sich die vielen Eindrücke, verschwimmen zu einer einzigen Silhouette aus Eisenbahngeleisen, Wolkenkratzern, Flüssen und Landschaften, die jede für sich eine spezielle Aufmerksamkeit verdienen. Ebenso wie die vielen Menschen, die Auskunft gaben, erzählten, sich Zeit nahmen, höflich und gastfreundlich waren, uns Glück wünschten für die Weiterreise und uns auf jeder neuen Etappe mit ihren Meinungen und Erfahrungen bereichert haben. Von Portland nach Portland ist ein Gesamtkunstwerk geworden, zu dem außergewöhnliche, kreative Menschen ihr Bestes beigetragen haben: Alberto, unermüdlicher Kameramann, Gianni, sein bienenfleißiger Kollege, der nächtelang Videos produzierte, Andrea, gleichermaßen kompetent als Regisseur und Bürger der USA, Soledad, die mit charmanter Strenge die Zügel ihrer kreativen Wildpferde fest in der Hand hielt, Beppe Severgnini, der von seinen Fans verehrte, von Diplomaten geachtete, vom Namensvetter Beppe Grillo gehasste, aber gleichzeitig ideale Repräsentant italienischer Kultur in der Welt. Der sich alles erlauben darf und dem niemand böse sein kann. Der die Klischees des Italieners auf charmante Weise bestätigt und sie gleichzeitig in Tugenden verwandelt. Ein einmaliges, unwiederholbares Erlebnis.
Portland ist eine ideale Endstation, wollte man hier für immer, oder wenigstens eine Weile bleiben. So, wie Giovanni der Barkeeper im Hotel Modera , der sich vor fünf Jahren in eine Touristin aus Portland verliebte, prompt sein Pub in der Ortigia von Syrakus aufgab und seither glücklich in Portland lebt. Die Stadt ist kleiner als Seattle, weiter südlich gelegen mit etwas milderem Klima, sie gilt als die liberalste Stadt in den USA. Nirgendwo auf der Welt , so behaupten die Barkeeper, gebe es so viele Lokale pro Einwohner wie in Portland, das noch weitere – nachgewiesene – Rekorde vorzuweisen hat: den größten Naturpark und den kleinsten Stadtpark, ganze 0,29 Quadratmeter Grundfläche. Skurriles und Alternatives wird hier geachtet und gepflegt und trotz aller Freizügigkeit gilt die Stadt als sicher und ordnungsliebend. Um sie sich intensiv zu betrachten fehlt die Zeit. Auch um mir den Abschied von „atlanticopacifico“ zu erleichtern stelle ich mir Portland als den Anfangspunkt einer künftigen Reise entlang der amerikanischen Westküste vor, in einem der silbernen Amtrakzüge, viele Tausend Kilometer hinunter nach San Francisco und Los Angeles, und weiter nach Houston und New Orleans, auf den Spuren von David Peter Alan, der seit Jahren mutterseelenalleine kreuz und quer durchs Land reist und jede Schwelle des immensen Schienennetzes der Vereinigten Staaten kennt. Sehnlichst wünscht er sich eine Frau an seiner Seite, aber es müsste eine sein, die seine Liebe für die Züge teilt. Ich drücke Peter von Herzen die Daumen, seine endlose Suche über unzählige Schwellen, Schienen und Weichen möge an irgendeinem gottverlassenen Bahnhof in der Prairie ein Happy End finden . Vielleicht wartet dort ja die verlassene Verlobte eines Lokomotivführers, vielleicht eine gescheiterte Schrankenwärterin, oder eben nur eine einsame Seele, die wie Peter ohne den Rhythmus rollender Räder auf den holprigen Gleisen keinen Schlaf mehr findet. Good night Peter!
P.S.
Gianni Lovato wünsche ich das Gleiche.
Allen treuen Bloglesern meinen herzlichen Dank für dafür, dass sie meine Gedanken gelesen und meine Gefühle verstanden haben.
Dank auch den neugewonnenen Freunden in Portland für den wunderbaren Abschlussabend.
Portland ist eine ideale Endstation, wollte man hier für immer, oder wenigstens eine Weile bleiben. So, wie Giovanni der Barkeeper im Hotel Modera , der sich vor fünf Jahren in eine Touristin aus Portland verliebte, prompt sein Pub in der Ortigia von Syrakus aufgab und seither glücklich in Portland lebt. Die Stadt ist kleiner als Seattle, weiter südlich gelegen mit etwas milderem Klima, sie gilt als die liberalste Stadt in den USA. Nirgendwo auf der Welt , so behaupten die Barkeeper, gebe es so viele Lokale pro Einwohner wie in Portland, das noch weitere – nachgewiesene – Rekorde vorzuweisen hat: den größten Naturpark und den kleinsten Stadtpark, ganze 0,29 Quadratmeter Grundfläche. Skurriles und Alternatives wird hier geachtet und gepflegt und trotz aller Freizügigkeit gilt die Stadt als sicher und ordnungsliebend. Um sie sich intensiv zu betrachten fehlt die Zeit. Auch um mir den Abschied von „atlanticopacifico“ zu erleichtern stelle ich mir Portland als den Anfangspunkt einer künftigen Reise entlang der amerikanischen Westküste vor, in einem der silbernen Amtrakzüge, viele Tausend Kilometer hinunter nach San Francisco und Los Angeles, und weiter nach Houston und New Orleans, auf den Spuren von David Peter Alan, der seit Jahren mutterseelenalleine kreuz und quer durchs Land reist und jede Schwelle des immensen Schienennetzes der Vereinigten Staaten kennt. Sehnlichst wünscht er sich eine Frau an seiner Seite, aber es müsste eine sein, die seine Liebe für die Züge teilt. Ich drücke Peter von Herzen die Daumen, seine endlose Suche über unzählige Schwellen, Schienen und Weichen möge an irgendeinem gottverlassenen Bahnhof in der Prairie ein Happy End finden . Vielleicht wartet dort ja die verlassene Verlobte eines Lokomotivführers, vielleicht eine gescheiterte Schrankenwärterin, oder eben nur eine einsame Seele, die wie Peter ohne den Rhythmus rollender Räder auf den holprigen Gleisen keinen Schlaf mehr findet. Good night Peter!
P.S.
Gianni Lovato wünsche ich das Gleiche.
Allen treuen Bloglesern meinen herzlichen Dank für dafür, dass sie meine Gedanken gelesen und meine Gefühle verstanden haben.
Dank auch den neugewonnenen Freunden in Portland für den wunderbaren Abschlussabend.
Freitag, 22. Juni 2012
Ein Zuhause für den armen Tyrannosaurus
An diesem seltenen Tag ohne Züge habe ich auf nur zwei Kilometern eine Mini-Freiheitsstatue, einen Tyrannosaurus hinter Glas, den goldenen Strand von Hawaii, einen mittelalterlichen Turm und zwei nebeneinanderstehende Bänke gesehen: eine blaue für die Demokraten und eine rote für die Republikaner.
Das ist keine psychedelische Erfahrung, und wir sind auch nicht in Florida oder Las Vegas, wo mit architektonischen Verwirrungen zu rechnen ist und diese noch gefördert werden. Wir befinden uns am Lake Washington, dem urbanen See, der an Seattle angrenzt, dieser vielseitigen und liberalen Stadt, in der Persönlichkeiten leben, die mit (unseren) Computern reich geworden sind: Bill Gates (Microsoft), Paul Allen (sein früherer Geschäftspartner), Jeff Bezos (Amazon) und viele mehr.
Die Häuser fallen zum Wasser hin ab, die Wiesen strahlen, das Klima hilft dabei. Es kommt sogar vor, dass man Menschen auf dem Gras liegen sieht, ohne einen Pulli oder eine Decke. In der Gegend von Medina liegt das Anwesen von Bezos hinter viel Grün ein wenig versteckt, der kleine Strand von Bill Gates scheint ganz kuschelig zu sein (microsoft?). Ich habe keine Ahnung, wem der Tyrannosaurus gehört, aber er ist gut hinter der Glaskonstruktion zu erkennen. Mir wurde gesagt, dass er auf einem Sockel steht und das Schwimmbad beherrscht. So weit, so gut: Wer hat nicht schon immer davon geträumt, schwimmen zu gehen und dabei von einem zweibeinigen Fleischfresser beobachtet zu werden, der zu der Gattung der Saurier gehört?
Der Abstand, der zwischen den Paleoplutokraten aus Seattle und den neuen Anwohnern von Malta, Montana, liegt, ist beachtlich: Aber auf alle Fälle sind beide Amerikaner und Gemeinsamkeiten sind feststellbar. Zum Beispiel: Häuser, weitaus mehr als Kleidung oder Autos, sind allgemein anerkannte starke soziale Indikatoren. Selbstverständlich auch Status- und Erfolgssymbole. Die Frage: „Wo wohnen Sie denn?“ wird in den USA selten ohne einen Hintergedanken gestellt. Die Antwort dient dazu, um eine Person einzuordnen. Um bei Seattle bzw. beim Washington Lake zu bleiben: Das Ostufer ist weitaus gefragter als das Westufer. Auf der einen Seite wohnen die Reichen, auf der anderen die etwas Bessergestellten.
Überall in den USA kann man leichter die wirtschaftliche und soziale Leiter erklimmen – was immer noch eine der erfolgreichsten Sportarten dieses Landes ist – wenn man in einer bestimmten Straße wohnt. Das amerikanische Zuhause ist ein Schloss ohne Schlösser, wohingegen einige Häuser in Italien zum Teil nur aus Schlössern bestehen. Die amerikanische Immobilienblase 2007/2008, die Auslöser für die aktuellen weltweiten Finanzprobleme war, wurde einerseits durch den fieberhaften Wunsch angetrieben, ein Eigenheim zu erwerben, deren Preis die eigenen finanziellen Mittel überstieg, und andererseits durch die Verantwortungslosigkeit derer, die enorme ungesicherte Darlehen vergaben und dabei dem unerschöpflichen Wachstum des Marktes vertrauten.
Als ich vor 17 Jahren ein Buch über Amerika schrieb, habe ich mich entschieden, die Geschichte eines Zuhauses zu erzählen. Ich war und bleibe davon überzeugt, dass die Haustür der Weg ist, um ins amerikanische Hirn vorzudringen; das nicht komischer oder komplizierter als unser Hirn ist, es ist einfach nur anders. Um es zu verstehen, reicht es nicht aus, mal eben aus einem vorbeifahrenden Zug einen verstohlenen Blick in die Fenster zu werfen. Man muss aussteigen, schauen, eintreten, versuchen zu verstehen. Natürlich ist es nicht einfach zu verstehen, warum jemand ein Haus an einem See für einen Tyrannosaurus baut. Hätte es nicht auch ein Triceratops getan? Er ist kleiner, fügt sich besser in die Landschaft ein.
Das ist keine psychedelische Erfahrung, und wir sind auch nicht in Florida oder Las Vegas, wo mit architektonischen Verwirrungen zu rechnen ist und diese noch gefördert werden. Wir befinden uns am Lake Washington, dem urbanen See, der an Seattle angrenzt, dieser vielseitigen und liberalen Stadt, in der Persönlichkeiten leben, die mit (unseren) Computern reich geworden sind: Bill Gates (Microsoft), Paul Allen (sein früherer Geschäftspartner), Jeff Bezos (Amazon) und viele mehr.
Die Häuser fallen zum Wasser hin ab, die Wiesen strahlen, das Klima hilft dabei. Es kommt sogar vor, dass man Menschen auf dem Gras liegen sieht, ohne einen Pulli oder eine Decke. In der Gegend von Medina liegt das Anwesen von Bezos hinter viel Grün ein wenig versteckt, der kleine Strand von Bill Gates scheint ganz kuschelig zu sein (microsoft?). Ich habe keine Ahnung, wem der Tyrannosaurus gehört, aber er ist gut hinter der Glaskonstruktion zu erkennen. Mir wurde gesagt, dass er auf einem Sockel steht und das Schwimmbad beherrscht. So weit, so gut: Wer hat nicht schon immer davon geträumt, schwimmen zu gehen und dabei von einem zweibeinigen Fleischfresser beobachtet zu werden, der zu der Gattung der Saurier gehört?
Der Abstand, der zwischen den Paleoplutokraten aus Seattle und den neuen Anwohnern von Malta, Montana, liegt, ist beachtlich: Aber auf alle Fälle sind beide Amerikaner und Gemeinsamkeiten sind feststellbar. Zum Beispiel: Häuser, weitaus mehr als Kleidung oder Autos, sind allgemein anerkannte starke soziale Indikatoren. Selbstverständlich auch Status- und Erfolgssymbole. Die Frage: „Wo wohnen Sie denn?“ wird in den USA selten ohne einen Hintergedanken gestellt. Die Antwort dient dazu, um eine Person einzuordnen. Um bei Seattle bzw. beim Washington Lake zu bleiben: Das Ostufer ist weitaus gefragter als das Westufer. Auf der einen Seite wohnen die Reichen, auf der anderen die etwas Bessergestellten.
Überall in den USA kann man leichter die wirtschaftliche und soziale Leiter erklimmen – was immer noch eine der erfolgreichsten Sportarten dieses Landes ist – wenn man in einer bestimmten Straße wohnt. Das amerikanische Zuhause ist ein Schloss ohne Schlösser, wohingegen einige Häuser in Italien zum Teil nur aus Schlössern bestehen. Die amerikanische Immobilienblase 2007/2008, die Auslöser für die aktuellen weltweiten Finanzprobleme war, wurde einerseits durch den fieberhaften Wunsch angetrieben, ein Eigenheim zu erwerben, deren Preis die eigenen finanziellen Mittel überstieg, und andererseits durch die Verantwortungslosigkeit derer, die enorme ungesicherte Darlehen vergaben und dabei dem unerschöpflichen Wachstum des Marktes vertrauten.
Als ich vor 17 Jahren ein Buch über Amerika schrieb, habe ich mich entschieden, die Geschichte eines Zuhauses zu erzählen. Ich war und bleibe davon überzeugt, dass die Haustür der Weg ist, um ins amerikanische Hirn vorzudringen; das nicht komischer oder komplizierter als unser Hirn ist, es ist einfach nur anders. Um es zu verstehen, reicht es nicht aus, mal eben aus einem vorbeifahrenden Zug einen verstohlenen Blick in die Fenster zu werfen. Man muss aussteigen, schauen, eintreten, versuchen zu verstehen. Natürlich ist es nicht einfach zu verstehen, warum jemand ein Haus an einem See für einen Tyrannosaurus baut. Hätte es nicht auch ein Triceratops getan? Er ist kleiner, fügt sich besser in die Landschaft ein.
Bilanz am Tag davor
Am vorletzten Tag unserer Reise ist es Zeit für eine Bilanz. Nach mehr als sechstausend Kilometern in den Amtrak Zügen, vielen Dutzend Gesprächen mit Amerikanern unterschiedlichster Herkunft , Religion und Weltanschauung habe ich den Eindruck bekommen, dass die Wiederwahl von Barack Obama zumindest fraglich ist. Dass aber ein Wahlsieg von Mitt Romney das Land auch nicht wesentlich verändern wird. Es ist zu groß und weitläufig, seine Bürger zu vielfältig, als dass es selbst der mächtigste Mann der Welt so mir-nichts-dir-nichts umkrempeln könnte. Was Anhänger von Obama befürchten ist unter anderem eine Abkehr von der derzeitigen , defensiven amerikanischen Außenpolitik. Eine Befürchtung die ja auch viele Europäer teilen. Alle sind sich einig , dass ihnen die kommenden Monate einen heißen Wahlkampf bescheren werden, dessen Ausgang bis zuletzt ungewiss bleiben wird.
Das Reisen mit dem Zug war ein besonderes Erlebnis, Nicht nur, weil man auf den manchmal recht holprigen Schienen viele Stunden in Meditation angesichts der schier unendlichen Weite der Vereinigten Staaten verbringen kann, Vorzugsweise im Oberen Stockwerk des Lounge Car, der einen herrlichen Blick zu beiden Seiten des Zuges ermöglicht. Man muss nicht alle Etappen von Küste zu Küste absolvieren. Aber einige Abschnitte sind wirklich empfehlenswert, wie etwa entlang des Mississippi oder über die Rockie Mountains.
Die Bahn erlaubt nicht nur einen weitschweifenden Blick auf die Landschaft, sondern auch eine intensive Beziehung zu den mitreisenden Amerikanern. Sie lassen sich sehr leicht in Gespräche ein, erzählen gerne von sich und ihrem Land und vermitteln stets den Eindruck einer positiven und zukunftsorientierter Lebenseinstellung. Sie sind durchweg höflich und achten selbst in den oft engen Überlandzügen auf Ordnung und Sauberkeit. Das Zugpersonal gibt sich Mühe, die Küche in den Speisewagen ist nicht zu beanstanden. Eine der Regeln, die ich gelernt habe: je kleiner und provinzieller unsere Zwischenstationen, umso schärfer stellte sich der Blick auf die amerikanische Gesellschaft, die Männer und Frauen aus Rugby, Malta, Spokane, Milwaukee und den anderen von uns besuchten Orten. Sie sind die Hauptpersonen dieses dreiwöchigen Abenteuers und ihnen gilt mein Dank ebenso wie meinen Reisegefährten Beppe, Alberto, Andrea, Gianni und natürlich Soledad. Ihrer klugen Recherche ist es zu verdanken, dass ich zum Schluss noch eine Geschichte erzählen kann, die Stoff für einen Film bietet, dazu noch mit Happy End.
Sie handelt von Hanif Collins, der mit 17 seinen Namen in „Luck One“ änderte „Living Under Communism is Knowing that Oppression is Nearly Everywhere. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Sohn gutbürgerlicher afro-amerikanischer Eltern die Schule besucht, Saxophon gelernt, in einem Jugend-Symphonieorchester eine Musikerkarriere begonnen, dann einen Drogenhändler mit geladener Waffe ausgeraubt und war im Kerker gelandet. Erst saß er im Jugendgefängnis, mit 18 kam er zu den Erwachsenen. Mörder, Räuber, schwere Jungs. Er wehrte sich mit Aggression und verbrachte eineinhalb Jahre in Einzelhaft. Dort lernte er Spanisch, las Bücher, dachte in Takten und Rhythmen, sprach zu sich selber, erfand Weisheiten und Erfahrungen und als er nach fünf langen Jahren entlassen wurde, war Luck One ein fertiger Rapper. Gestern Abend trat er im Neumos, einer der vielen Musikkneipen von Seattle auf. Er könnte den Sprung in eine internationale Karriere schaffen, sagt Edward DeSano, sein Manager. Luck One’s Hip-Hop ist mitreißend, intelligent, der Junge sieht außerdem spitzenmäßig aus. Und er hat Humor. Was er am liebsten geworden wäre, hätte ihn das Schicksal nicht zum Rapper gemacht? Kritiker von Feinschmeckerrestaurant, weil man da umsonst essen könne, sagt Luck One und lacht sich schief.
Luck One ist inzwischen gläubiger Moslem, betet fünf Mal täglich und sein Drogenkonsum endet beim Ice-Tea. Von Obama hält er nicht viel, weil der auch nicht viel bewegt hätte. Was nicht heißt, dass er Romney wählen wird. Wahlen hält er, wie viele seiner Landsleute, für eine Farce, „a fake, You know!“. Und wie er das sagt, ist es schon wieder eine rhythmische Botschaft an seine Fans. Die bewundern ihn , denn er stellt einen der seltenen Fälle von Jugendkriminalität dar , in denen der Täter in langen Jahren hinter Gittern nicht zerbrochen, sondern gereift ist und ein neues, erfolgreiches Leben begonnen hat, mit Selbstdisziplin und professionellem Engagement. Portland, wo er aufgewachsen ist, hält er für die schönste Stadt Amerikas. Ein Grund mehr, um unsere Reise dort zu beenden.
Nach Seattle würde ich gerne noch einmal zurückkommen, um mir die in den nächsten Monaten erwartete Abfallflut nach dem japanischen Tsunami anzusehen, die schon jetzt für Schlagzeilen in der „Seattle Times“ sorgt: „An ocean of concern over tsunamis debris“ - „Massenhaft Müll erwartet, allerdings nicht tödlich“, steht leicht gruselig darunter. But that’s another story...
Das Reisen mit dem Zug war ein besonderes Erlebnis, Nicht nur, weil man auf den manchmal recht holprigen Schienen viele Stunden in Meditation angesichts der schier unendlichen Weite der Vereinigten Staaten verbringen kann, Vorzugsweise im Oberen Stockwerk des Lounge Car, der einen herrlichen Blick zu beiden Seiten des Zuges ermöglicht. Man muss nicht alle Etappen von Küste zu Küste absolvieren. Aber einige Abschnitte sind wirklich empfehlenswert, wie etwa entlang des Mississippi oder über die Rockie Mountains.
Die Bahn erlaubt nicht nur einen weitschweifenden Blick auf die Landschaft, sondern auch eine intensive Beziehung zu den mitreisenden Amerikanern. Sie lassen sich sehr leicht in Gespräche ein, erzählen gerne von sich und ihrem Land und vermitteln stets den Eindruck einer positiven und zukunftsorientierter Lebenseinstellung. Sie sind durchweg höflich und achten selbst in den oft engen Überlandzügen auf Ordnung und Sauberkeit. Das Zugpersonal gibt sich Mühe, die Küche in den Speisewagen ist nicht zu beanstanden. Eine der Regeln, die ich gelernt habe: je kleiner und provinzieller unsere Zwischenstationen, umso schärfer stellte sich der Blick auf die amerikanische Gesellschaft, die Männer und Frauen aus Rugby, Malta, Spokane, Milwaukee und den anderen von uns besuchten Orten. Sie sind die Hauptpersonen dieses dreiwöchigen Abenteuers und ihnen gilt mein Dank ebenso wie meinen Reisegefährten Beppe, Alberto, Andrea, Gianni und natürlich Soledad. Ihrer klugen Recherche ist es zu verdanken, dass ich zum Schluss noch eine Geschichte erzählen kann, die Stoff für einen Film bietet, dazu noch mit Happy End.
Sie handelt von Hanif Collins, der mit 17 seinen Namen in „Luck One“ änderte „Living Under Communism is Knowing that Oppression is Nearly Everywhere. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Sohn gutbürgerlicher afro-amerikanischer Eltern die Schule besucht, Saxophon gelernt, in einem Jugend-Symphonieorchester eine Musikerkarriere begonnen, dann einen Drogenhändler mit geladener Waffe ausgeraubt und war im Kerker gelandet. Erst saß er im Jugendgefängnis, mit 18 kam er zu den Erwachsenen. Mörder, Räuber, schwere Jungs. Er wehrte sich mit Aggression und verbrachte eineinhalb Jahre in Einzelhaft. Dort lernte er Spanisch, las Bücher, dachte in Takten und Rhythmen, sprach zu sich selber, erfand Weisheiten und Erfahrungen und als er nach fünf langen Jahren entlassen wurde, war Luck One ein fertiger Rapper. Gestern Abend trat er im Neumos, einer der vielen Musikkneipen von Seattle auf. Er könnte den Sprung in eine internationale Karriere schaffen, sagt Edward DeSano, sein Manager. Luck One’s Hip-Hop ist mitreißend, intelligent, der Junge sieht außerdem spitzenmäßig aus. Und er hat Humor. Was er am liebsten geworden wäre, hätte ihn das Schicksal nicht zum Rapper gemacht? Kritiker von Feinschmeckerrestaurant, weil man da umsonst essen könne, sagt Luck One und lacht sich schief.
Luck One ist inzwischen gläubiger Moslem, betet fünf Mal täglich und sein Drogenkonsum endet beim Ice-Tea. Von Obama hält er nicht viel, weil der auch nicht viel bewegt hätte. Was nicht heißt, dass er Romney wählen wird. Wahlen hält er, wie viele seiner Landsleute, für eine Farce, „a fake, You know!“. Und wie er das sagt, ist es schon wieder eine rhythmische Botschaft an seine Fans. Die bewundern ihn , denn er stellt einen der seltenen Fälle von Jugendkriminalität dar , in denen der Täter in langen Jahren hinter Gittern nicht zerbrochen, sondern gereift ist und ein neues, erfolgreiches Leben begonnen hat, mit Selbstdisziplin und professionellem Engagement. Portland, wo er aufgewachsen ist, hält er für die schönste Stadt Amerikas. Ein Grund mehr, um unsere Reise dort zu beenden.
Nach Seattle würde ich gerne noch einmal zurückkommen, um mir die in den nächsten Monaten erwartete Abfallflut nach dem japanischen Tsunami anzusehen, die schon jetzt für Schlagzeilen in der „Seattle Times“ sorgt: „An ocean of concern over tsunamis debris“ - „Massenhaft Müll erwartet, allerdings nicht tödlich“, steht leicht gruselig darunter. But that’s another story...
Donnerstag, 21. Juni 2012
Seattle
Seattle im Sonnenschein ist wie Inter Mailand in Bestform. Das kommt selten vor, aber wenn es vorkommt, dann ist das sagenhaft. Ja, gar unschlagbar.
Juni ist hier keine Garantie, darum nennen sie diesen Monat auch „Junuary“, eine Verschmelzung aus „June“ und „January“. Aber wir hatten Glück. Nach Wolken und Regen, die uns am Bahnhof begrüßten, um vielleicht das Gleichgewicht Atlantik–Pazifik zu halten, erwartete uns strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, der immer noch anhält. Im Westen, hinter dem Puget Sound, liegen die Olympic Mountains. Der schneebedeckte Kegel des Mount Rainier erhebt sich im Süden zur Freude von Japanern und Touristen aus dem Aostatal. Wenn sich die Stadt von Jimi Hendrix, dem ersten Starbucks und von Kurt Cobains Nirvana von ihrer besten Seite zeigt, dann hat sie keine Konkurrenten. In den USA kann nur Chicago mithalten oder New York, Los Angeles, Miami und San Francisco für die Liebhaber dieses Genres.
Das Zentrum, das sich zur Bucht, dem Pike Place Market, der Bellevue-Uferpromenade, dem Auf und Ab der Madison Avenue, den Läden und Restaurants in Capitol Hill hinabschlängelt: alles ist hell erleuchtet. Der Anblick ist so beeindruckend, dass sogar Microsoft, ein weiterer wichtiger Bewohner, für einen Augenblick romantisch erscheint (das geht vorbei). Um unserer Euphorie zu widerstehen und um einen schienenlosen Tag zu begehen, verbringen wir die Zeit an zwei scheinbar gegensätzlichen Orten: Bei Amazon.com und der Elliott Bay Book Company.
Mein Freund Diego Piacentini arbeitet bei ersterem, wo er für alle internationalen Angelegenheiten verantwortlich ist. Bei der Elliott Bay Book Company sehe ich Casey, Rick und ein paar andere wieder, die ich im Rahmen meiner Buchpräsentationen 2002 und 2006 kennengelernt habe. Erstaunlicherweise sind sowohl Amazon als auch die Buchhandlung zwei Jahre zuvor umgezogen und haben beide auf ihre Weise ganze Viertel neu belebt. Amazon.com hat es von seinem alten Firmensitz im ehemaligen Pacific Medical Center, einem Rotklinkerbau in Beacon Hill, nach South Lake Union verschlagen. Elliott Bay Book Co. vom nahe der Bucht gelegenen Pioneer Square nach Capitol Hill auf die andere Seite der Interstate 5.
Über Amazon.com wisst ihr – auch weil ihr wahrscheinlich bei Amazon.it einkauft: Sie haben keine neue Geschäftsidee, sondern einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Elliott Bay Book Co. war und bleibt die faszinierendste unabhängige Buchhandlung an der Westküste und vielleicht sogar der USA. Auf dem Buchmarkt sind sie selbstverständlich Rivalen. In der Buchhandlung beschweren sie sich darüber, dass einige nur zum Gucken vorbeikommen: Sie gehen in den Laden, dann zurück nach Hause und bestellen das Buch auf Amazon.com zu einem günstigeren Preis. Bei Amazon wird daran erinnert, dass alle industriellen Revolutionen am Anfang die Dinge ein wenig aufwühlten. Wir bieten unseren Kunden Kundenservice, so Amazon: Es hängt von ihnen ab, ob sie sich für oder gegen uns entscheiden.
Mir ist schon klar, dass die Dinge ein wenig komplizierter sind und es um Fragen zum Wettbewerb, zu Urheberrechten und um den öffentlichen Nutzen geht. Aber lasst an so einem schönen Tag einen, der viele Bücher kauft und einige geschrieben hat, ein wenig weiter träumen. Lasst mich einfach nur sagen, dass Amazon in Hinblick auf die Auswahl, den Preis und die Liefergeschwindigkeit unschlagbar ist. Aber eine Buchhandlung wird als sozialer Treffpunkt, der Möglichkeiten zum Austausch bietet (mit Buchhändlern, Autoren und anderen Lesern) nicht zu übertreffen sein. Es wäre traurig, alleine Zuhause zu bleiben und sich Bücher anliefern zu lassen, doch es wäre ebenso absurd, auf diese schnelle, bequeme und preisvorteilhafte Anlieferung zu verzichten.
ElliottAmazon.bay! Ich schwör, ich habe nicht die Substanzen genommen, die Jimi und Kurt so gefallen haben.
Juni ist hier keine Garantie, darum nennen sie diesen Monat auch „Junuary“, eine Verschmelzung aus „June“ und „January“. Aber wir hatten Glück. Nach Wolken und Regen, die uns am Bahnhof begrüßten, um vielleicht das Gleichgewicht Atlantik–Pazifik zu halten, erwartete uns strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, der immer noch anhält. Im Westen, hinter dem Puget Sound, liegen die Olympic Mountains. Der schneebedeckte Kegel des Mount Rainier erhebt sich im Süden zur Freude von Japanern und Touristen aus dem Aostatal. Wenn sich die Stadt von Jimi Hendrix, dem ersten Starbucks und von Kurt Cobains Nirvana von ihrer besten Seite zeigt, dann hat sie keine Konkurrenten. In den USA kann nur Chicago mithalten oder New York, Los Angeles, Miami und San Francisco für die Liebhaber dieses Genres.
Das Zentrum, das sich zur Bucht, dem Pike Place Market, der Bellevue-Uferpromenade, dem Auf und Ab der Madison Avenue, den Läden und Restaurants in Capitol Hill hinabschlängelt: alles ist hell erleuchtet. Der Anblick ist so beeindruckend, dass sogar Microsoft, ein weiterer wichtiger Bewohner, für einen Augenblick romantisch erscheint (das geht vorbei). Um unserer Euphorie zu widerstehen und um einen schienenlosen Tag zu begehen, verbringen wir die Zeit an zwei scheinbar gegensätzlichen Orten: Bei Amazon.com und der Elliott Bay Book Company.
Mein Freund Diego Piacentini arbeitet bei ersterem, wo er für alle internationalen Angelegenheiten verantwortlich ist. Bei der Elliott Bay Book Company sehe ich Casey, Rick und ein paar andere wieder, die ich im Rahmen meiner Buchpräsentationen 2002 und 2006 kennengelernt habe. Erstaunlicherweise sind sowohl Amazon als auch die Buchhandlung zwei Jahre zuvor umgezogen und haben beide auf ihre Weise ganze Viertel neu belebt. Amazon.com hat es von seinem alten Firmensitz im ehemaligen Pacific Medical Center, einem Rotklinkerbau in Beacon Hill, nach South Lake Union verschlagen. Elliott Bay Book Co. vom nahe der Bucht gelegenen Pioneer Square nach Capitol Hill auf die andere Seite der Interstate 5.
Über Amazon.com wisst ihr – auch weil ihr wahrscheinlich bei Amazon.it einkauft: Sie haben keine neue Geschäftsidee, sondern einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Elliott Bay Book Co. war und bleibt die faszinierendste unabhängige Buchhandlung an der Westküste und vielleicht sogar der USA. Auf dem Buchmarkt sind sie selbstverständlich Rivalen. In der Buchhandlung beschweren sie sich darüber, dass einige nur zum Gucken vorbeikommen: Sie gehen in den Laden, dann zurück nach Hause und bestellen das Buch auf Amazon.com zu einem günstigeren Preis. Bei Amazon wird daran erinnert, dass alle industriellen Revolutionen am Anfang die Dinge ein wenig aufwühlten. Wir bieten unseren Kunden Kundenservice, so Amazon: Es hängt von ihnen ab, ob sie sich für oder gegen uns entscheiden.
Mir ist schon klar, dass die Dinge ein wenig komplizierter sind und es um Fragen zum Wettbewerb, zu Urheberrechten und um den öffentlichen Nutzen geht. Aber lasst an so einem schönen Tag einen, der viele Bücher kauft und einige geschrieben hat, ein wenig weiter träumen. Lasst mich einfach nur sagen, dass Amazon in Hinblick auf die Auswahl, den Preis und die Liefergeschwindigkeit unschlagbar ist. Aber eine Buchhandlung wird als sozialer Treffpunkt, der Möglichkeiten zum Austausch bietet (mit Buchhändlern, Autoren und anderen Lesern) nicht zu übertreffen sein. Es wäre traurig, alleine Zuhause zu bleiben und sich Bücher anliefern zu lassen, doch es wäre ebenso absurd, auf diese schnelle, bequeme und preisvorteilhafte Anlieferung zu verzichten.
ElliottAmazon.bay! Ich schwör, ich habe nicht die Substanzen genommen, die Jimi und Kurt so gefallen haben.
Seattle: Cobain und die anderen
Wieder so ein Zufall : zweimal die gleiche Adresse, zwei unterschiedliche Orte. Lake Washington Avenue Blvd East 171 , Seattle. Linker Hand ein Reihe von am Wasser liegende Villen, rechts ein kleiner Park mit einer Bank vor einer wunderbaren, kerzengeraden Zeder.
Die Holzplanken sind vollgekritzelt mit Namen und Herzen und der immer gleichen Buchstabenkombination: K U R T - auf der Sitzfläche ein Strauß wilder Lilien, einige erloschene Kerzen. Von der Bank aus hat man einen Atem beraubenden Blick aufs Wasser und die dahinter liegende Bergkette mit den schneebedeckten Gipfeln.
Hier saß Kurt Cobain oft, bevor er sich Anfang April 1994 in seinem Haus gleich nebenan erschoss. „ Erschossen wurde“ , sagen auch heute noch die Anhänger einer der üblichen Verschwörungstheorien. Seattle, die von Vielen erträumte, von wenigen besuchte Stadt am Nordwestende der USA ist ein Ort der Kreativität, der den einen Glück und Erfolg, den anderen Niederlage und Tod beschert. Wie zu den Gründerzeiten, als der Goldrausch am Klondike-River begann und Seattle zum Umschlagplatz für Menschen und Waren und zum Vergnügungszentrum wurde. Die einen wurden reich, andere verloren alles. Kurt Cobain wollte lieber wie ein Feuerball verglühen als langsam und elendiglich zu verlöschen.
Whitney Mongé ist weit weg von dieser alles-oder nichts-Mentalität. Sie stammt aus Spokane ( „Wo einfach nicht viel los ist.“). Sie ist 27 Jahre alt, hat leicht dunkle Haut, große dunkelbraune Augen und ein unwiderstehliches Lachen. Eines Tages habe sie aus ihrem Fenster auf die Straßenmusiker vor dem Starbuck‘s Cafe Nr 1 geschaut und sich gesagt: „Das kann ich auch“ Sie komponierte ein paar Lieder, nahm ihre Gitarre, stellte sich vor das Starbucks- Café und fand in ihrem Hut nach einer Stunde glatt 50 Dollar.
An diesem wunderbaren regenfreien Junitag entfaltet Seattle seinen ganz besonderen Charme. Vor dem allerersten, bereits 1971 eröffneten Starbucks Café stehen Touristen Schlange. Und die Sänger wechseln jede Stunde. So darf jeder mal spielen und dabei ein kleines Sümmchen durch Spenden und mit verkauften CDs verdienen.
In Seattle scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Immer wieder tauchen betagte Hippies auf, mit langen Pferdeschwänzen. Manche tragen tiefe Spuren menschlicher Niederlagen in ihren Gesichtern. Drogenerfahrungen, Entzug, bei manchen sogar Jahre in Haft, haben aus den einstigen Flower-Power-Anhängern voller Ideale gescheiterte Existenzen gemacht. Nun versuchen sie, den Alltag voller Entbehrungen zu leben. Seattle hilft ihnen dabei . Die Stadt ist tolerant, denn sie lebt von den unkonventionellen, Menschen, die geniale Einfälle haben und zu globalen Erfolgsgeschichten werden: Microsoft, Boeing Amazon sind die wichtigsten Markenzeichen von Seattle. Sie sind der zweite Klondyke-Goldrausch in der kurzen Stadtgeschichte.
Der Taxifahrer hat sich verfahren, es war aber zum Teil auch unsere Schuld: die Adresse unserer Abendeinladung bei Mitgliedern der italienischen Gemeinde ist Lake Washington Blvd Northeast, wie die von Kurt Cobain’s Gedenkparkbank , allerdings im Vorort Bellevue. Diegos Villa- ich habe ihn bei Amazon kennen gelernt- liegt traumhaft am Meer, der Imbiss überwiegend italiensicher Prägung ist vorzüglich und die meist italienischen Gäste diskutieren über Geschäfte und Fußball. Fabrizio aus Sardinien und Ines aus Caserta, führen ein italienisches Feinschmecker-Restaurant in Seattle und freuen sich herzlich über die Anwesenheit der deutsch-italienischen Gäste. Fabrizio sagt den Satz des Tages.“ Würden die Italiener aussterben, dann müssten sich die Deutschen erschießen.“
In der nordwestamerikanischen Diaspora schwören Fabrizio und ich, dass es nie zwei Völker auf der Welt gegeben habe, die so intensiv versuchen, so zu werden wie das andere. Welch eine Kombination: ein italienischer Amerikaner in Seattle, Washington, und ein Deutsch-Italiener aus Palermo verkünden im Brustton der Überzeugung, dass diese Völkerverbindung nie wieder gelöst werden dürfe .
An diesem wunderbaren regenfreien Junitag entfaltet Seattle seinen ganz besonderen Charme. Vor dem allerersten, bereits 1971 eröffneten Starbucks Café stehen Touristen Schlange. Und die Sänger wechseln jede Stunde. So darf jeder mal spielen und dabei ein kleines Sümmchen durch Spenden und mit verkauften CDs verdienen.
Der Taxifahrer hat sich verfahren, es war aber zum Teil auch unsere Schuld: die Adresse unserer Abendeinladung bei Mitgliedern der italienischen Gemeinde ist Lake Washington Blvd Northeast, wie die von Kurt Cobain’s Gedenkparkbank , allerdings im Vorort Bellevue. Diegos Villa- ich habe ihn bei Amazon kennen gelernt- liegt traumhaft am Meer, der Imbiss überwiegend italiensicher Prägung ist vorzüglich und die meist italienischen Gäste diskutieren über Geschäfte und Fußball. Fabrizio aus Sardinien und Ines aus Caserta, führen ein italienisches Feinschmecker-Restaurant in Seattle und freuen sich herzlich über die Anwesenheit der deutsch-italienischen Gäste. Fabrizio sagt den Satz des Tages.“ Würden die Italiener aussterben, dann müssten sich die Deutschen erschießen.“
In der nordwestamerikanischen Diaspora schwören Fabrizio und ich, dass es nie zwei Völker auf der Welt gegeben habe, die so intensiv versuchen, so zu werden wie das andere. Welch eine Kombination: ein italienischer Amerikaner in Seattle, Washington, und ein Deutsch-Italiener aus Palermo verkünden im Brustton der Überzeugung, dass diese Völkerverbindung nie wieder gelöst werden dürfe .
Mittwoch, 20. Juni 2012
Seattle und Vivian Maier
Mit dem Zug an den Pazifik zu gelangen ist bezaubernd unspektakulär. Keine rauen Steilküsten mit tosender See, keine Flotten eifriger Fischerboote, keine spektakulär von Leuchttürmen gekrönte Felsen im Sturm. Nach der langsamen Bergabfahrt aus regennassen Wäldern plötzlich eine Lichtung, dahinter ein silberner Streifen, der zum flachen Spiegel wird, und da ist das unendlich breite Land zu Ende, hört Amerika am Pazifik auf. Es ist noch nicht die offene See, vorgelagert sind Inseln und Halbinseln, aber das Wasser ist salzig und man sieht die ständig wechselnden Spuren, die Ebbe und Flut hinterlassen. Dann Segelboote an einer Mole, eine Raffinerie, Öltanks, Parkplätze, Einkaufszentren, Straßenabfall, immer mehr Häuser, ein langer Tunnel, aus dem der silberne Zug zwischen Wolkenkratzern auftaucht und langsam zum Stehen kommt. Tausende Kilometer fast leerer Landschaft erscheinen im Nachhinein als eine Fata Morgana, die sich in Luft auflöste, nachdem unser Zug sie erreicht hatte. Und dahinter entfaltet nun eine quirlige Metropole, mit üppigen Märkten, bunten Kneipen und Bistrots, Parkhäusern, Bankenzentralen, Sitzen von weltweit operierenden Technologie-Giganten und Handelshäusern. Dieses Amerika zu schildern schien mir so sinnvoll, wie eine Abbildung von Seattle aus Wikipedia zu beschreiben, die jeder mit zwei Mausklicks selbst betrachten. Der Zufall führte mich am Abend in die „Eliott Bay Book Company“, ein weitläufiger, gemütlicher Buchladen, in dem Beppe Severgnini einer Fangemeinde sein letztes Buch über Berlusconi vorstellte. Und dort lernte ich beim Schlendern durch die hochaufragenden Regale Vivian Maier kennen. Wieder eines jener geheimnisvollen Ereignisse, die Zufall zu nennen ich mich aus purer Laune erst einmal weigere.
Vivian Maier steht aufrecht, sie trägt ein längsgestreiften, vermutlich dunkelgrauem Kostüm mit aufgenähten Taschen. Sie trägt kurzes, linksgescheiteltes, wohl mittelbraunes Haar, ihr Alter würde ich auf Mitte bis Ende dreißig schätzen, von den Augen sieht man nur das linke, denn ein länglicher Schatten fällt genau bis zur Mitte ihres Gesichtes. Zu sehen ist auch nur die linke Hand, die sich seitlich an eine Rolleiflex mit geöffnetem Lichtschacht presst und die Kamera etwa in Höhe des Zwerchfells hält. Offenbar steht Vivian vor einem Spiegel, denn ich sehe sie so, wie sie sich in diesem Augenblick selbst abbildet. Ich blättere sie um und finde sie ein paar Seiten weiter noch einmal, jetzt tatsächlich in einem runden Wandspiegel neben der auf einem Stativ stehenden Kamera. Rechts hängt eine seitenverkehrte Uhr, es ist zehn nach fünf. Hier scheint Vivian jünger, sie hat eine schlanke Figur, den Blick in die Ferne gerichtet, den Mund geschlossen. Ich suche weiter und nun stehe ich plötzlich an ihrer Stelle und sehe mit ihren Augen: einen Jungen mit Elvis Presley-Haartolle, verschränkten Armen und einem Baseballhandschuh. Ein kleines blondes Mädchen mit Tränen in den Augen und einer Hand, die sich in den beim Schluchzen weitgeöffneten Mund hineinschiebt. Einen alten Mann in Latzhose, riesiger Nase, abstehenden Ohren, mit von Adern durchzogenen Unterarmen und einer blendend weißen Zigarette in der linken Hand. Mein Blick fällt auf einen dösenden Verkäufer inmitten seines von Zeitschriften vollgehängten Kiosks, unter dessen Kinn zweimal nebeneinander der Titel „Life“ prangt. Auf eine Brezenverkäuferin, auf eine ältere Dame in Pelz und Haarnetz, die mir im Vorbeigehen einen fragenden Blick zuwirft. Es taucht ein Schrottplatz mit ausrangierten Lieferwagen auf. Eine Haltestelle der Hochbahn, von der wartende Fahrgäste auf den dichten Autoverkehr hinabschauen. Ein verkrüppelter Mann fragt mich nach einer Münze, dann stoße ich auf einen Bettler, der auf dem Boden kauert. Ein Mann geht vorbei mit einer Zeitung unter dem Arm, von deren Schlagzeile man nur das Wort „Killer“ lesen kann. Gestochen scharf sind diese Bilder von Amerika, so authentisch wie vor 50 Jahren, als Vivian begann, ihr Land mit ihrer Kamera zu verewigen.
Vivian wurde 1926 geboren und war Zeit ihres Lebens Kindermädchen in Chicagos Northside, keine drei Schritte vom Hotel entfernt, in dem wir vor zehn Tagen Station machten. Zwischen 1950 und 1990 hat sie weit über einhunderttausend Fotos geschossen und nie ein einziges veröffentlicht, weil sie ihrem Genie nicht trauen wollte. Ihre Negative wurden versteigert, als sie in hohem Alter ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnte. Ein Zufall (!) brachte die Kiste mit den Kostbarkeiten wieder ans Tageslicht. Nun sind einige ihrer Ansichten von Amerika in einem Buch erschienen: „Street Photographer“ steht vorne unter ihrem Selbstbild. Ich stelle den Band nicht zurück ins Regal, sondern nehme ihn mit zur Kasse. Vivian ist zwar 2009 gestorben, aber vielleicht ergibt sich ja doch irgendwann mal – rein zufällig – die Gelegenheit, dass sie es mir signiert. Dank ihrer Fotos ist sie jetzt ja unsterblich.
Vivian Maier steht aufrecht, sie trägt ein längsgestreiften, vermutlich dunkelgrauem Kostüm mit aufgenähten Taschen. Sie trägt kurzes, linksgescheiteltes, wohl mittelbraunes Haar, ihr Alter würde ich auf Mitte bis Ende dreißig schätzen, von den Augen sieht man nur das linke, denn ein länglicher Schatten fällt genau bis zur Mitte ihres Gesichtes. Zu sehen ist auch nur die linke Hand, die sich seitlich an eine Rolleiflex mit geöffnetem Lichtschacht presst und die Kamera etwa in Höhe des Zwerchfells hält. Offenbar steht Vivian vor einem Spiegel, denn ich sehe sie so, wie sie sich in diesem Augenblick selbst abbildet. Ich blättere sie um und finde sie ein paar Seiten weiter noch einmal, jetzt tatsächlich in einem runden Wandspiegel neben der auf einem Stativ stehenden Kamera. Rechts hängt eine seitenverkehrte Uhr, es ist zehn nach fünf. Hier scheint Vivian jünger, sie hat eine schlanke Figur, den Blick in die Ferne gerichtet, den Mund geschlossen. Ich suche weiter und nun stehe ich plötzlich an ihrer Stelle und sehe mit ihren Augen: einen Jungen mit Elvis Presley-Haartolle, verschränkten Armen und einem Baseballhandschuh. Ein kleines blondes Mädchen mit Tränen in den Augen und einer Hand, die sich in den beim Schluchzen weitgeöffneten Mund hineinschiebt. Einen alten Mann in Latzhose, riesiger Nase, abstehenden Ohren, mit von Adern durchzogenen Unterarmen und einer blendend weißen Zigarette in der linken Hand. Mein Blick fällt auf einen dösenden Verkäufer inmitten seines von Zeitschriften vollgehängten Kiosks, unter dessen Kinn zweimal nebeneinander der Titel „Life“ prangt. Auf eine Brezenverkäuferin, auf eine ältere Dame in Pelz und Haarnetz, die mir im Vorbeigehen einen fragenden Blick zuwirft. Es taucht ein Schrottplatz mit ausrangierten Lieferwagen auf. Eine Haltestelle der Hochbahn, von der wartende Fahrgäste auf den dichten Autoverkehr hinabschauen. Ein verkrüppelter Mann fragt mich nach einer Münze, dann stoße ich auf einen Bettler, der auf dem Boden kauert. Ein Mann geht vorbei mit einer Zeitung unter dem Arm, von deren Schlagzeile man nur das Wort „Killer“ lesen kann. Gestochen scharf sind diese Bilder von Amerika, so authentisch wie vor 50 Jahren, als Vivian begann, ihr Land mit ihrer Kamera zu verewigen.
Vivian wurde 1926 geboren und war Zeit ihres Lebens Kindermädchen in Chicagos Northside, keine drei Schritte vom Hotel entfernt, in dem wir vor zehn Tagen Station machten. Zwischen 1950 und 1990 hat sie weit über einhunderttausend Fotos geschossen und nie ein einziges veröffentlicht, weil sie ihrem Genie nicht trauen wollte. Ihre Negative wurden versteigert, als sie in hohem Alter ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnte. Ein Zufall (!) brachte die Kiste mit den Kostbarkeiten wieder ans Tageslicht. Nun sind einige ihrer Ansichten von Amerika in einem Buch erschienen: „Street Photographer“ steht vorne unter ihrem Selbstbild. Ich stelle den Band nicht zurück ins Regal, sondern nehme ihn mit zur Kasse. Vivian ist zwar 2009 gestorben, aber vielleicht ergibt sich ja doch irgendwann mal – rein zufällig – die Gelegenheit, dass sie es mir signiert. Dank ihrer Fotos ist sie jetzt ja unsterblich.
Ankunft in Seattle
„Pünktlich verspätet“, wie Karl zu sagen pflegt. Die Taktik, die Amtrak bis heute verfolgt hat, könnte nicht besser zusammengefasst werden. Doch in Seattle kommen wir sogar eine halbe Stunde früher an: um 9.55 Uhr statt um 10.25 Uhr. Dies verdanken wir dem sogenannten „padding“ – bei der Fahrplanaufstellung einiger Bahnhöfe wird die übliche Verspätung gleich mitberechnet. Dieser eher italienische als amerikanische Trick soll jene Fahrgäste besänftigen, die bis zur Endhaltestelle fahren.
Bei dieser Zugfahrt scheint unser Nachtschaffner (sleeping car attendant) besonders clever zu sein. Er heißt Kevin H. und kennt sich in Sachen Geografie und Aussprache sehr gut aus: Spricht er den Namen eines Ortes aus, erklärt er dir gleich, wie man ihn richtig ausschreibt. Als wir ihn fragen, ob wir das Fenster herunterlassen können, um den Zug während der Fahrt zu filmen, antwortet er „Nein!“, nickt uns aber gleichzeitig zustimmend zu. Somit hat er sich gleichzeitig an die Vorschriften gehalten und gesunden Menschenverstand gezeigt.
In Seattle regnet es, aber das ist keine Neuigkeit. Seit 1994 war ich schon mehrmals in dieser Stadt und erinnere mich heute noch an die Aufkleber, die viele Autos trugen: „We don’t tan. We rust“ (Wir werden nicht braun, wir rosten). Nach einem Bier mit Blick auf die Wasserfälle von Spokane und zwei Stunden provisorischem Schlaf, sind wir um 2.35 Uhr losgefahren. Sechs Zombies dreier Staatsangehörigkeiten (drei Italiener, ein Deutscher und ein Schweizer): gestern Nacht am Bahnhof in Spokane hätte man uns ruhig als Statisten für die Twilight-Saga anwerben können.
Einmal im Zug war ich wieder voller Lebenskraft. Nach 16 Tagen merke ich, dass ich mir bestimmte „Bahngewohnheiten“ angeeignet habe. Ich habe mich noch nicht in den Schriftsteller und Rechtsanwalt David Peter Alan, den wir bereits zweimal während unserer Fahrt getroffen haben, verwandelt. Er verbringt sein ganzes Leben auf Zügen und ist stolz darauf, dass er in den letzten 40 Jahren niemals geflogen ist. Genauso wie beim Klavierspieler auf dem Ozeandampfer, hat er sein gesamtes Arbeits- und Sozialleben in den Zug verlegt, berichtet darüber und setzt sich dafür ein, dass dieses Verkehrsmittel öfters genutzt wird („Wenn es nur einen Mann gibt, der über die gesamte amerikanische Bahn geschrieben hat, dann reicht es einfach nicht!“).
Nein, meine Fertigkeiten sind durchaus bescheidener und einfallsloser. Ich kann Gepäckstücke aufeinanderstapeln und die Gänge entlang schieben (im Zug braucht man immer einen Trolley mit 4 Rollen!). Ich kann die Türen zwischen den einzelnen Wagen mit einem Fußtritt öffnen. Ich weiß, wie ich einen Kaffee trinken kann, ohne mich dabei zu verbrennen, oder einen Tisch zu verschließen, ohne mir dabei die Finger abzutrennen. Ich weiß, wo sich der Knopf für die Spülung meiner Mikrotoilette befindet und es genügt ein Daumendruck um den Wasserhahn zu betätigen und mir die Hände zu waschen. Ich weiß, wo sich die Stecker und der Kleiderhaken befinden, wie ich die Klimaanlage regeln und die Leselampe ein- und ausschalten kann. Die Sleeperette und meine Wenigkeit, wir haben uns lieb.
Bei Tagesanbruch gleitet unser Zug am Columbia River entlang und die Sonne dringt durch die Wolken durch, um ihn zu bescheinen. Um 8.00 Uhr fahren wir am Skykomish River entlang und auf einmal sehen wir wieder bebaute Felder und Pick-ups, die wie kaum vernehmbare mechanische Insekten neben dem Zug auf- und abtauchen. Um 8.50 Uhr erreichen wir Everett und die Durchsagen des Zugschaffners werden immer schnulziger. Sobald wir das salzige Wasser des Puget Sounds erblicken, der mit dem Pazifischen Ozean verbunden ist, sind auch wir gerührt. Wir sind von der atlantischen Küste losgefahren und hier angekommen. Es regnete, als wir losgefahren sind und der Regen erwartet uns auch hier. Doch die Durchreise von einem Ozean zum anderen ist uns gelungen und Amerika hat sich vor unseren Augen verändert. Wären wir geflogen, hätten wir nur eine Landkarte durchquert. Mit dem Zug, hingegen, haben wir ein Land kennengelernt.
Wir werden noch einige Tage in Seattle verbringen und dann unsere Endstation Portland, Oregon, erreichen. Doch ab hier geht es, genauso wie es bei unserer Ankunft in Lissabon, nicht mehr weiter. Wir müssen uns was neues für 2013 ausdenken. Es sei denn, der berühmte Rechtsanwalt und Schriftsteller David Peter Alan überzeugt Obama und Romney, die Eisenbahnschienen auf den Pazifischen Ozean laufen zu lassen.
Bei dieser Zugfahrt scheint unser Nachtschaffner (sleeping car attendant) besonders clever zu sein. Er heißt Kevin H. und kennt sich in Sachen Geografie und Aussprache sehr gut aus: Spricht er den Namen eines Ortes aus, erklärt er dir gleich, wie man ihn richtig ausschreibt. Als wir ihn fragen, ob wir das Fenster herunterlassen können, um den Zug während der Fahrt zu filmen, antwortet er „Nein!“, nickt uns aber gleichzeitig zustimmend zu. Somit hat er sich gleichzeitig an die Vorschriften gehalten und gesunden Menschenverstand gezeigt.
In Seattle regnet es, aber das ist keine Neuigkeit. Seit 1994 war ich schon mehrmals in dieser Stadt und erinnere mich heute noch an die Aufkleber, die viele Autos trugen: „We don’t tan. We rust“ (Wir werden nicht braun, wir rosten). Nach einem Bier mit Blick auf die Wasserfälle von Spokane und zwei Stunden provisorischem Schlaf, sind wir um 2.35 Uhr losgefahren. Sechs Zombies dreier Staatsangehörigkeiten (drei Italiener, ein Deutscher und ein Schweizer): gestern Nacht am Bahnhof in Spokane hätte man uns ruhig als Statisten für die Twilight-Saga anwerben können.
Einmal im Zug war ich wieder voller Lebenskraft. Nach 16 Tagen merke ich, dass ich mir bestimmte „Bahngewohnheiten“ angeeignet habe. Ich habe mich noch nicht in den Schriftsteller und Rechtsanwalt David Peter Alan, den wir bereits zweimal während unserer Fahrt getroffen haben, verwandelt. Er verbringt sein ganzes Leben auf Zügen und ist stolz darauf, dass er in den letzten 40 Jahren niemals geflogen ist. Genauso wie beim Klavierspieler auf dem Ozeandampfer, hat er sein gesamtes Arbeits- und Sozialleben in den Zug verlegt, berichtet darüber und setzt sich dafür ein, dass dieses Verkehrsmittel öfters genutzt wird („Wenn es nur einen Mann gibt, der über die gesamte amerikanische Bahn geschrieben hat, dann reicht es einfach nicht!“).
Nein, meine Fertigkeiten sind durchaus bescheidener und einfallsloser. Ich kann Gepäckstücke aufeinanderstapeln und die Gänge entlang schieben (im Zug braucht man immer einen Trolley mit 4 Rollen!). Ich kann die Türen zwischen den einzelnen Wagen mit einem Fußtritt öffnen. Ich weiß, wie ich einen Kaffee trinken kann, ohne mich dabei zu verbrennen, oder einen Tisch zu verschließen, ohne mir dabei die Finger abzutrennen. Ich weiß, wo sich der Knopf für die Spülung meiner Mikrotoilette befindet und es genügt ein Daumendruck um den Wasserhahn zu betätigen und mir die Hände zu waschen. Ich weiß, wo sich die Stecker und der Kleiderhaken befinden, wie ich die Klimaanlage regeln und die Leselampe ein- und ausschalten kann. Die Sleeperette und meine Wenigkeit, wir haben uns lieb.
Bei Tagesanbruch gleitet unser Zug am Columbia River entlang und die Sonne dringt durch die Wolken durch, um ihn zu bescheinen. Um 8.00 Uhr fahren wir am Skykomish River entlang und auf einmal sehen wir wieder bebaute Felder und Pick-ups, die wie kaum vernehmbare mechanische Insekten neben dem Zug auf- und abtauchen. Um 8.50 Uhr erreichen wir Everett und die Durchsagen des Zugschaffners werden immer schnulziger. Sobald wir das salzige Wasser des Puget Sounds erblicken, der mit dem Pazifischen Ozean verbunden ist, sind auch wir gerührt. Wir sind von der atlantischen Küste losgefahren und hier angekommen. Es regnete, als wir losgefahren sind und der Regen erwartet uns auch hier. Doch die Durchreise von einem Ozean zum anderen ist uns gelungen und Amerika hat sich vor unseren Augen verändert. Wären wir geflogen, hätten wir nur eine Landkarte durchquert. Mit dem Zug, hingegen, haben wir ein Land kennengelernt.
Wir werden noch einige Tage in Seattle verbringen und dann unsere Endstation Portland, Oregon, erreichen. Doch ab hier geht es, genauso wie es bei unserer Ankunft in Lissabon, nicht mehr weiter. Wir müssen uns was neues für 2013 ausdenken. Es sei denn, der berühmte Rechtsanwalt und Schriftsteller David Peter Alan überzeugt Obama und Romney, die Eisenbahnschienen auf den Pazifischen Ozean laufen zu lassen.
Dienstag, 19. Juni 2012
Spokane - Die unglücklichen Kinder der Sonne
Städte wie Spokane machen es dem Besucher erst einmal nicht leicht. Die breiten Innenstadtstraßen mit den üblichen Hochhäusern täuschen darüber hinweg, dass hier nur 204000 Einwohner leben und die Stadt gleich hinter den Hochhäusern praktisch zu Ende ist. Von der Weltausstellung, die hier im Jahr 1974 stattgefunden hat , zeugt heute grade mal ein hübscher, aber insgesamt eher bescheidener Park rund um die Insel zwischen den beiden Armen des Spokane River, geradezu lächerlich im Vergleich zu dem gigantischen Expo-Milliarden-Projekt, das derzeit in Mailand vorbereitet wird. Die wahre und einzige Attraktion sind die mitten in der Stadt gelegenen tosenden Wasserfälle des Spokane-River, über dessen Aussprache Unklarheit herrscht: Spokä-in oder Spokahn – beides scheint üblich. Spokane kommt aus der Sprache der Ureinwohner und bedeutet „Kinder der Sonne“. Allerdings haben die Spokaner eine eher irreführende Vorstellung von Klima, zumindest was ihre Bekleidung anbelangt: kurze Hosen, Badeschlappen, ärmellose T-Shirts stehen in merkwürdigem Kontrast zu dem sturmgepeitschten Regenschauern, die bei maximal 15 Grad durch die nackten Innenstadtstraßen fegen. Die Menschen sind zwar freundlich, aber unverständlich, sie sprechen schnell, breit und verschlucken so viele Teile der Wörter, dass Zweifel auftauchen, ob das noch etwas mit Englisch zu tun hat.
Wie Glak Glak, 30 Jahre alt, die sich zwar sichtlich Mühe mit der Aussprache gibt, weil wir Ausländer sind, aber so rasant formuliert, dass man beim Zuhören leicht ins Schleudern kommt. Glak Glak, geboren als Tara Dowd, leitet das „Native Project“, ein Sozialzentrum mit angeschlossener Klinik, in der amerikanische Ureinwohner , gemeinhin Indianer genannt, von mehr als 211 verschiedenen Tribus betreut werden. Der Bevölkerungsanteil der amerikanischen Ureinwohner ist mit 8000 Menschen sogar geringfügig höher als jener der Afro-Amerikaner. In der Region leben nur noch ein Drittel der Natives in den weit außerhalb der Stadt gelegenen Reservaten, die sich als sozialer und kultureller Fehlschlag herausgestellt haben.Nur noch kläglicher Rest der zahlreichen Volksstämme, die bereits 10000 Jahre lang im nordwestlichen Amerika lebten, bevor die ersten europäischen Siedler kamen. Eine Zeitlang funktionierte das Miteinander zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen, dann brach der Goldrausch aus und als sich die Stämme weigerten, ihr Land freiwillig herzugeben, wurden sie systematisch ausgerottet.
Dass ihr Bruder nie mit seiner Wut zurechtkam und schon mit 12 zum ersten Mal im Gefängnis landete, sei nur eine der Spätfolgen dieses Völkermordes, sagt Tara. Auch die überdurchschnittliche hohe Alkohol- und Drogenabhängigkeit verdanken die Native Americans dem Lebensstil, der ihnen durch die weißen Einwanderer aufgezwungen wurde. Übergewicht, Diabetes schließlich rühren von einer Ernährung her, die schon vielen eingewanderten Amerikanern nicht bekommt, geschweige denn den Ureinwohnern, die über Jahrtausende hinweg eine gesunde Lebensweise pflegten und sich ausschließlich von natürlichen Speisen ernährten. Die Folgen des erlittenen Unrechts sind nun auch noch der Grund für eine ständige Diskriminierung: immer wieder werde ihre Mutter, die sehr deutliche Züge ihrer Abstammung trägt, im Supermarkt angerempelt. Kinder von „Indianern“ würden wie Ware behandelt. Haben Eltern Probleme mit Alkohol, dann würden ihnen Neugeborene weggenommen und zur Adoption freigegeben. Glak Glaks Nichte drohte das gleiche Schicksal, doch das hat sie verhindert. Die neunjährige Tochter ihres Bruders, der inzwischen aus der Haft entlassen ist, und einer alkoholkranken Mutter lebt bei ihr. Sie ist jetzt ihre Mutter, ohne Papiere und Adoption , wie es die Tradition ihres Stammes will. Die Inupiat leben im Nordwesten Alaskas, knapp unter dem Polarkreis. Glak Glak ist Taras Stammesname. Sie weiß nicht, was er bedeutet, sie kann die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr und war noch nie in Alaska, weil sie dafür kein Geld hat. Aber eines Tages wird sie mit der angenommenen Tochter ihre Leute besuchen. Und sie ist überzeugt, dass sie dann nach Generationen in der Diaspora endlich wieder zu Hause sein wird.
Dass ihr Bruder nie mit seiner Wut zurechtkam und schon mit 12 zum ersten Mal im Gefängnis landete, sei nur eine der Spätfolgen dieses Völkermordes, sagt Tara. Auch die überdurchschnittliche hohe Alkohol- und Drogenabhängigkeit verdanken die Native Americans dem Lebensstil, der ihnen durch die weißen Einwanderer aufgezwungen wurde. Übergewicht, Diabetes schließlich rühren von einer Ernährung her, die schon vielen eingewanderten Amerikanern nicht bekommt, geschweige denn den Ureinwohnern, die über Jahrtausende hinweg eine gesunde Lebensweise pflegten und sich ausschließlich von natürlichen Speisen ernährten. Die Folgen des erlittenen Unrechts sind nun auch noch der Grund für eine ständige Diskriminierung: immer wieder werde ihre Mutter, die sehr deutliche Züge ihrer Abstammung trägt, im Supermarkt angerempelt. Kinder von „Indianern“ würden wie Ware behandelt. Haben Eltern Probleme mit Alkohol, dann würden ihnen Neugeborene weggenommen und zur Adoption freigegeben. Glak Glaks Nichte drohte das gleiche Schicksal, doch das hat sie verhindert. Die neunjährige Tochter ihres Bruders, der inzwischen aus der Haft entlassen ist, und einer alkoholkranken Mutter lebt bei ihr. Sie ist jetzt ihre Mutter, ohne Papiere und Adoption , wie es die Tradition ihres Stammes will. Die Inupiat leben im Nordwesten Alaskas, knapp unter dem Polarkreis. Glak Glak ist Taras Stammesname. Sie weiß nicht, was er bedeutet, sie kann die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr und war noch nie in Alaska, weil sie dafür kein Geld hat. Aber eines Tages wird sie mit der angenommenen Tochter ihre Leute besuchen. Und sie ist überzeugt, dass sie dann nach Generationen in der Diaspora endlich wieder zu Hause sein wird.
Manche kommen voran, andere blicken zurück
Wer nach Spokane reist und behauptet, dies sei eine schöne Stadt, sollte dringend einen Alkoholtest machen. Spokane ist auch keine einfache Stadt: Zu Fuß kommt man nur schwer herum, selbst im Juni ist eine Stadtbesichtigung anstrengend (10° C und viel Wind) und der Stadtname ist eigentlich unaussprechlich [Spokän]. Die Spokane sind ein nordamerikanischer Indianerstamm und der Name bedeutet „Kinder der Sonne“ – doch bis jetzt haben wir keinen einzigen Sonnenstrahl gesehen.
Trotz alldem ist Spokane, im Bundesstaat Washington, in der Nähe der Grenze zu Idaho, ein interessanter Ort. Eine amerikanische Stadt, die nicht von ihrem unermesslichen Ruhm erschlagen wird, wie New York, San Francisco und Los Angeles. Eine nette Stadt, die sich über jede Aufmerksamkeit freut: der Chefredakteur der lokalen Tageszeitung „The Spokesman-Review“ (1894 gegründet) empfängt uns in seiner Redaktion und hilft uns auf jede erdenkliche Art und Weise. Spokane ist eine praktische Stadt, die immer in Bewegung ist, die sich weiter entwickelt und immer noch im Entstehen ist. Und obwohl es manchmal so ausschaut, als ob nichts mehr weiter ginge, bleibt Spokane nicht stehen und das gereicht dieser Stadt zur Ehre. Die Gesellschaft hier in Amerika ist dynamisch und setzt auf Veränderungen und Umwälzungen. Es ist ja kein Zufall, dass der Schaukelstuhl in diesem Lande erfunden wurde, um den Eindruck zu erwecken, sich auch im Sitzen fortzubewegen.
In Spokane sind wir gestern Nacht um 3:00 Uhr mit unserem Zug aus Montana angekommen. Bahnhöfe haben nachts einen besonderen Charme, der manchmal schwer zu erkennen ist, vor allem nach 8 Stunden Fahrt im Zug (ohne Schlafwagen und zur Abwechselung mit 2 Stunden Verspätung). Wir stürzen uns sofort in unsere Zimmer im „Lusso Hotel“ auf der W. Sprague Avenue. Lasst euch nicht vom Namen täuschen: Den wahren Luxus findet man höchstens im Hotel gegenüber, dem riesigen Davenport. 1914 wurde hier die erste Klimaanlage eingebaut und als Wechselgeld erhielten Hotelkunden frisch polierte, so gut wie nagelneue Münzen (ein harmloser Prototyp der Geldwäsche, des „money laundering“, wenn man genau hinschaut).
Vor hundert Jahren lebte diese Stadt von den Erträgen der Bergwerke, des Holzhandels und der Eisenbahn. Der Erfolg dauerte nicht lange an, hat aber tiefe Spuren hinterlassen. Regelmäßig zu Gast im Davenport waren Bing Crosby, der hier aufwuchs, der Pilot Charles Lindbergh, der Schauspieler Bob Hope und der Schriftsteller Dashiell Hammet. Vor Kurzem wurde die Einrichtung bis ins kleinste Detail renoviert und die Andenken jener ruhmvollen Zeit hängen nun an den Wänden. Das Davenport bewahrt noch heute jene besondere Melancholie einst bekannter Hotels wie das Adelphi in Liverpool, das Metropol in Moskau oder das Plaza in Rom.
Ich befürchte jedoch, dass Amerikaner dies nicht bemerken: sie sind, wie gesagt, zu sehr damit beschäftigt, voranzuschreiten. Europa hingegen schaut mit einem Auge immer in den Rückspiegel. Eine durchaus nützliche Erfindung: So wissen wir, wer uns gleich überholen wird. Auch das ist eine Form von Trost.
Trotz alldem ist Spokane, im Bundesstaat Washington, in der Nähe der Grenze zu Idaho, ein interessanter Ort. Eine amerikanische Stadt, die nicht von ihrem unermesslichen Ruhm erschlagen wird, wie New York, San Francisco und Los Angeles. Eine nette Stadt, die sich über jede Aufmerksamkeit freut: der Chefredakteur der lokalen Tageszeitung „The Spokesman-Review“ (1894 gegründet) empfängt uns in seiner Redaktion und hilft uns auf jede erdenkliche Art und Weise. Spokane ist eine praktische Stadt, die immer in Bewegung ist, die sich weiter entwickelt und immer noch im Entstehen ist. Und obwohl es manchmal so ausschaut, als ob nichts mehr weiter ginge, bleibt Spokane nicht stehen und das gereicht dieser Stadt zur Ehre. Die Gesellschaft hier in Amerika ist dynamisch und setzt auf Veränderungen und Umwälzungen. Es ist ja kein Zufall, dass der Schaukelstuhl in diesem Lande erfunden wurde, um den Eindruck zu erwecken, sich auch im Sitzen fortzubewegen.
In Spokane sind wir gestern Nacht um 3:00 Uhr mit unserem Zug aus Montana angekommen. Bahnhöfe haben nachts einen besonderen Charme, der manchmal schwer zu erkennen ist, vor allem nach 8 Stunden Fahrt im Zug (ohne Schlafwagen und zur Abwechselung mit 2 Stunden Verspätung). Wir stürzen uns sofort in unsere Zimmer im „Lusso Hotel“ auf der W. Sprague Avenue. Lasst euch nicht vom Namen täuschen: Den wahren Luxus findet man höchstens im Hotel gegenüber, dem riesigen Davenport. 1914 wurde hier die erste Klimaanlage eingebaut und als Wechselgeld erhielten Hotelkunden frisch polierte, so gut wie nagelneue Münzen (ein harmloser Prototyp der Geldwäsche, des „money laundering“, wenn man genau hinschaut).
Vor hundert Jahren lebte diese Stadt von den Erträgen der Bergwerke, des Holzhandels und der Eisenbahn. Der Erfolg dauerte nicht lange an, hat aber tiefe Spuren hinterlassen. Regelmäßig zu Gast im Davenport waren Bing Crosby, der hier aufwuchs, der Pilot Charles Lindbergh, der Schauspieler Bob Hope und der Schriftsteller Dashiell Hammet. Vor Kurzem wurde die Einrichtung bis ins kleinste Detail renoviert und die Andenken jener ruhmvollen Zeit hängen nun an den Wänden. Das Davenport bewahrt noch heute jene besondere Melancholie einst bekannter Hotels wie das Adelphi in Liverpool, das Metropol in Moskau oder das Plaza in Rom.
Ich befürchte jedoch, dass Amerikaner dies nicht bemerken: sie sind, wie gesagt, zu sehr damit beschäftigt, voranzuschreiten. Europa hingegen schaut mit einem Auge immer in den Rückspiegel. Eine durchaus nützliche Erfindung: So wissen wir, wer uns gleich überholen wird. Auch das ist eine Form von Trost.
Montag, 18. Juni 2012
Regen auf Obamas Träume
„Ein Mann, der behauptet hatte während eines Aufenthalts in Montana zur Verfassung seines Buches „Kindness in Montana“ (Freundlichkeit in Montana), von einem Schuss aus einem vorbeiflitzenden Auto verletzt worden zu sein, hat sich in Wirklichkeit selbst angeschossen. Aus dem Büro des Sheriffs verlautet, es habe sich um einen verzweifelten Akt der Eigenwerbung gehandelt. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt gegeben“.
Wie kann man nur von einem solchen Ort nicht fasziniert sein? Diese Nachricht füllt die Titelseite des „Great Falls Tribune“ und lässt Montana in einem Pop-Licht erscheinen. Wenn man von der Prärie aus mit dem Zug hierher fährt ist der Ausblick umwerfend: die Rocky Mountains umschließen westlich den Horizont, wie die Bande eines Billards. Dann fährt der Zug am Fluss entlang und steigt zum Glacier National Park hinauf. In West Glacier ist die Stimmung wie im italienischen Bergdorf Pinzolo in der Nebensaison: Eine Natur, die im Regen glänzt, und viele warme Sweatshirts. Wir erreichen den McDonald-See – der heißt wirklich so, auch ohne Sponsoring. Weiterfahren ist nicht erlaubt: der Pass ist zugeschneit.
Entweder regnet es in den Nationalparks oder es hat gerade aufgehört bzw. es wird gleich regnen: Das ist etwas, was ich auf meinen Reisen in den letzten 35 Jahren nach Amerika verstanden habe. (Übrigens: was zum Teufel machen Bären Sonntag Nachmittags bei diesem Wetter?). Außerdem habe ich begriffen, dass Amerikaner, die außerhalb der Großstädte leben, Ausländern wohlgesinnt sind. Auf unsere Reise vom Atlantik hierher haben wir hunderte an Menschen getroffen und ihnen zugehört (Züge sind wie Beichtstühle auf Gleisen). Keiner hat sich jemals geweigert, unsere Fragen zu beantworten.
Im nassen Park, zwischen grünblauen Seen und Schnee im Hintergrund, haben wir Familien aus Montana getroffen, deren Töchter es kaum erwarten konnten, nach Afrika umzuziehen; zwei Damen mit graumelierten Haaren, die sich nicht zwischen dem Charme eines Grizzlybären und dem unserer Producerin entscheiden konnten; zwei Brüder, beide Inhaber einer Hütte, die sich über die Politik aufregten; ein konservativer, junger Mann aus Spokane, der stolz auf seine Arbeiterstadt war; ein Ranger des Nationalparks, der seinen Pferdeschwanz unter seinem Hut versteckt hatte, im Schwarzwald geboren war und in Mailand als Graveur gearbeitet hatte. Wenn David Lynch den Tag mit uns verbracht hätte, hätte er schon sein Casting beendet.
Auf Reisen und im Gespräch mit den Leuten versteht man, warum so viele Kinofilme in diesem Land produziert werden. Die Vereinigten Staaten liefern nicht nur evokative Bilder, sondern auch eine unendlich lange Reihe interessanter Charaktere, die in unserem Falle Zeugen ihres Landes werden. Diese Durchquerung im Zug sollte auch die Stimmungslage in Amerika im Jahr der Präsidentschaftswahlen aufspüren. Vier Tage vor unserer Ankunft, wage ich es zu sagen: am kommenden 6. November könnte es für Obama knapp werden.
Amerika wird ihm die Rechnung vorlegen. Dieses Land hat bemerkt, dass es ärmer ist als es dachte und was ihre Banken und Kreditgesellschaften sie glauben machten. Belastende Kredite, vorsichtige Einkäufe, drastische Umzüge, um irgendeine Anstellung zu finden (von Kalifornien nach North Dakota). Die offizielle Arbeitslosenquote beläuft sich auf 8,2%, berücksichtigt jedoch all die kleinen Jobs nicht, die zu einem Mindestlohn ausgeübt werden. Mit solchen Berufen kann man keine Familie gründen. Heute erinnern mich die Vereinigten Staaten wie es im Jahre 1992 war, als ich ebenfalls in den Vereinigten Staaten unterwegs war. Nur einige Monate später wurde der US-Präsident (George Bush Senior) nach seinem ersten Mandat nicht wiedergewählt. Ein Erfahrung, die Barack Obama sehr gut kennt und ungern auf die eigene Haut wieder erleben möchte. Doch derzeit wird er von den amerikanischen Zügen verurteilt.
Wie kann man nur von einem solchen Ort nicht fasziniert sein? Diese Nachricht füllt die Titelseite des „Great Falls Tribune“ und lässt Montana in einem Pop-Licht erscheinen. Wenn man von der Prärie aus mit dem Zug hierher fährt ist der Ausblick umwerfend: die Rocky Mountains umschließen westlich den Horizont, wie die Bande eines Billards. Dann fährt der Zug am Fluss entlang und steigt zum Glacier National Park hinauf. In West Glacier ist die Stimmung wie im italienischen Bergdorf Pinzolo in der Nebensaison: Eine Natur, die im Regen glänzt, und viele warme Sweatshirts. Wir erreichen den McDonald-See – der heißt wirklich so, auch ohne Sponsoring. Weiterfahren ist nicht erlaubt: der Pass ist zugeschneit.
Entweder regnet es in den Nationalparks oder es hat gerade aufgehört bzw. es wird gleich regnen: Das ist etwas, was ich auf meinen Reisen in den letzten 35 Jahren nach Amerika verstanden habe. (Übrigens: was zum Teufel machen Bären Sonntag Nachmittags bei diesem Wetter?). Außerdem habe ich begriffen, dass Amerikaner, die außerhalb der Großstädte leben, Ausländern wohlgesinnt sind. Auf unsere Reise vom Atlantik hierher haben wir hunderte an Menschen getroffen und ihnen zugehört (Züge sind wie Beichtstühle auf Gleisen). Keiner hat sich jemals geweigert, unsere Fragen zu beantworten.
Im nassen Park, zwischen grünblauen Seen und Schnee im Hintergrund, haben wir Familien aus Montana getroffen, deren Töchter es kaum erwarten konnten, nach Afrika umzuziehen; zwei Damen mit graumelierten Haaren, die sich nicht zwischen dem Charme eines Grizzlybären und dem unserer Producerin entscheiden konnten; zwei Brüder, beide Inhaber einer Hütte, die sich über die Politik aufregten; ein konservativer, junger Mann aus Spokane, der stolz auf seine Arbeiterstadt war; ein Ranger des Nationalparks, der seinen Pferdeschwanz unter seinem Hut versteckt hatte, im Schwarzwald geboren war und in Mailand als Graveur gearbeitet hatte. Wenn David Lynch den Tag mit uns verbracht hätte, hätte er schon sein Casting beendet.
Auf Reisen und im Gespräch mit den Leuten versteht man, warum so viele Kinofilme in diesem Land produziert werden. Die Vereinigten Staaten liefern nicht nur evokative Bilder, sondern auch eine unendlich lange Reihe interessanter Charaktere, die in unserem Falle Zeugen ihres Landes werden. Diese Durchquerung im Zug sollte auch die Stimmungslage in Amerika im Jahr der Präsidentschaftswahlen aufspüren. Vier Tage vor unserer Ankunft, wage ich es zu sagen: am kommenden 6. November könnte es für Obama knapp werden.
Amerika wird ihm die Rechnung vorlegen. Dieses Land hat bemerkt, dass es ärmer ist als es dachte und was ihre Banken und Kreditgesellschaften sie glauben machten. Belastende Kredite, vorsichtige Einkäufe, drastische Umzüge, um irgendeine Anstellung zu finden (von Kalifornien nach North Dakota). Die offizielle Arbeitslosenquote beläuft sich auf 8,2%, berücksichtigt jedoch all die kleinen Jobs nicht, die zu einem Mindestlohn ausgeübt werden. Mit solchen Berufen kann man keine Familie gründen. Heute erinnern mich die Vereinigten Staaten wie es im Jahre 1992 war, als ich ebenfalls in den Vereinigten Staaten unterwegs war. Nur einige Monate später wurde der US-Präsident (George Bush Senior) nach seinem ersten Mandat nicht wiedergewählt. Ein Erfahrung, die Barack Obama sehr gut kennt und ungern auf die eigene Haut wieder erleben möchte. Doch derzeit wird er von den amerikanischen Zügen verurteilt.
Das Land der Vielfalt
Die Vereinigten Staaten sind das Land der Vielfalt. Nirgendwo gibt es so viele verschiedene Ethnien, so unterschiedliche Religionsgemeinschaften, Hamburgersorten und Wasserhähne. Während Vorletztere sich vor allem durch die mit steigender Masse zunehmende Unessbarkeit auszeichnen, bis hin zu jenem Bostoner „Uberburger“, der erst in seine Einzelteile zerlegt werden muss, bevor er sich in Mundöffnungen in Normalgröße stopfen lässt, sind Letztere ein steter Quell nicht nur von heißem und kaltem Wasser, sondern auch mancher Überraschungen. Das weiterverbreitete Modell ist jenes, bei dem man zwar die Temperatur, nicht aber die Menge regulieren kann. Umweltbewusste europäische Wassersparer haben keine Chance, sie müssen sich unter niagaraartige Fälle stellen, die keinerlei sinnvolle Einwirkung des Shampoos auf die Kopfhaut zulassen. Eine weitere Version sind Doppelhähne, die nicht nach warm und kalt getrennt sind, sondern einerseits die Temperatur, andererseits die Menge regeln, im morgendlichen Halbschlaf keine ganz leicht zu bewältigende Denksportaufgabe. Gestern in West Glacier bemühte ich mich krampfhaft das Geheimnis der beiden Hähne am Waschbecken zu lösen. Sowohl rechts wie links kam nahezu kochend heißes Wasser. Ich entschied mich gegen die Methode, meine Hände durch Verbrühen keimfrei zu machen und wusch sie in der Badewanne. In Malta funktionierten die Hähne, indem man sie gegeneinander drehte. Auch das eine Variante, die geistig fit hält. In Malta fand ich partout keinen Knopf, Hebel oder Hahn, mit dem sich das Badewasser in die Duschvorrichtung umleiten lies, bis ich herausfand, das man am Mund das Hahnes, sozusagen an seinen Lippen ziehen musste, worauf dieselben sich schlossen und das Wasser ins Duschrohr schoss, zu schnell um mich vorher noch auszuziehen. In den Amtrakzügen muss man Hebel drücken oder Knöpfe drehen, wodurch eine geringe Menge Wasser herauskommt, der Hahn aber sofort wieder dicht macht und man belämmert mit eingeseiften Händen vorm trockenen Waschbecken steht.
Man kann diese letztlich unwesentliche Details ganz am Rande einer großartigen Reise mit erprobten und inzwischen vertrauten Gefährten als lächerlich abtun, umso mehr als Soledad im Falle eines Heißwasserunglücks sofort für Brandsalbe sorgen würde. Aber erstaunlicherweise ähneln die sich drehenden und sprühenden Wasserhähne vielen der von uns nach ihren politischen Meinungen befragten Amerikanern, die wichtigsten Protagonisten unserer Reise. Da hat man einen gestandenen Alternativen vor sich, der soziale Gerechtigkeit und staatliche Ordnung predigt um dann herauszufinden, dass er Romney wählt. Andere sprühen, nach ihrer politischen Meinungen befragt und beenden ihren Redeschwall dann mit der überraschenden Feststellung, dass sie noch nie zur Wahl gegangen sind und es diesmal erst recht nicht tun werden. Es gibt Menschen, die zwar, wie die Wasserhahn eine blaue oder rote Farbe haben, d.h. überzeugt demokratisch oder republikanisch sind, aber sämtliche derzeitigen Politiker als Schmarotzer ablehnen, die sich nur Privilegien verschaffen wollten. Viele der Verdrießten waren Obama Wähler; ganz normale Bürger, die sich vor vier Jahren noch etwas mehr als den bereits erreichten Wohlstand erhofft hatten. Jetzt werden sie von der globalen Krise zum Sparen gezwungen, und geben ihrem Präsidenten dafür die Schuld. Dessen Chancen für die Wiederwahl scheinen mit jedem Tag unserer langsam zu Ende gehenden Reise zu sinken, wobei das eine natürlich nichts mit dem anderen zu tun hat.
Heute war auch der Tag des Aufatmens. Im Glacier National Park gibt es als so viel Natur, wie man sich nur wünschen kann. Sauberste Luft, Gletscher, Flüsse, Bären, Regen, Seen und mittendrin Oliver Meister. Er stammt aus dem Schwarzwald, hat einige Zeit in Mailand gelebt und, nach dem er die Welt zehn Jahre lang erkundet hat, den Job als Ranger am oberen Eingang des Nationalparks angenommen. Da will er bleiben, weil es der schönste Platz ist , den er finden konnte. Die Winter seien zwar lang und hart. Und man braucht man einen Berg Holz und viele Vorräte. Aber mit genügend Büchern, Wein und einem warmen Bett wird das ein absolut angenehmer Winterschlaf. Er hat es viel besser als die Bären, die hier zahlreicher als die Menschen sind. Vom Ausgang der Präsidentschaftswahl wird er wohl erst im Frühling erfahren, Oliver hat nicht mal einen Fernseher.
Man kann diese letztlich unwesentliche Details ganz am Rande einer großartigen Reise mit erprobten und inzwischen vertrauten Gefährten als lächerlich abtun, umso mehr als Soledad im Falle eines Heißwasserunglücks sofort für Brandsalbe sorgen würde. Aber erstaunlicherweise ähneln die sich drehenden und sprühenden Wasserhähne vielen der von uns nach ihren politischen Meinungen befragten Amerikanern, die wichtigsten Protagonisten unserer Reise. Da hat man einen gestandenen Alternativen vor sich, der soziale Gerechtigkeit und staatliche Ordnung predigt um dann herauszufinden, dass er Romney wählt. Andere sprühen, nach ihrer politischen Meinungen befragt und beenden ihren Redeschwall dann mit der überraschenden Feststellung, dass sie noch nie zur Wahl gegangen sind und es diesmal erst recht nicht tun werden. Es gibt Menschen, die zwar, wie die Wasserhahn eine blaue oder rote Farbe haben, d.h. überzeugt demokratisch oder republikanisch sind, aber sämtliche derzeitigen Politiker als Schmarotzer ablehnen, die sich nur Privilegien verschaffen wollten. Viele der Verdrießten waren Obama Wähler; ganz normale Bürger, die sich vor vier Jahren noch etwas mehr als den bereits erreichten Wohlstand erhofft hatten. Jetzt werden sie von der globalen Krise zum Sparen gezwungen, und geben ihrem Präsidenten dafür die Schuld. Dessen Chancen für die Wiederwahl scheinen mit jedem Tag unserer langsam zu Ende gehenden Reise zu sinken, wobei das eine natürlich nichts mit dem anderen zu tun hat.
Heute war auch der Tag des Aufatmens. Im Glacier National Park gibt es als so viel Natur, wie man sich nur wünschen kann. Sauberste Luft, Gletscher, Flüsse, Bären, Regen, Seen und mittendrin Oliver Meister. Er stammt aus dem Schwarzwald, hat einige Zeit in Mailand gelebt und, nach dem er die Welt zehn Jahre lang erkundet hat, den Job als Ranger am oberen Eingang des Nationalparks angenommen. Da will er bleiben, weil es der schönste Platz ist , den er finden konnte. Die Winter seien zwar lang und hart. Und man braucht man einen Berg Holz und viele Vorräte. Aber mit genügend Büchern, Wein und einem warmen Bett wird das ein absolut angenehmer Winterschlaf. Er hat es viel besser als die Bären, die hier zahlreicher als die Menschen sind. Vom Ausgang der Präsidentschaftswahl wird er wohl erst im Frühling erfahren, Oliver hat nicht mal einen Fernseher.
Sonntag, 17. Juni 2012
Marsmenschen in Montana
Beim Einschlafen ist es schön, dem Geräusch vorbeifahrender Züge zu lauschen, schrieb einst der großartige Don De Lillo. Womöglich hatte er sich ein Zimmer im Maltana Motel in Malta, Montana gemietet und litt nicht an Schlaflosigkeit. Die mächtigen BSFN-Güterzüge fahren ununterbrochen an uns vorbei und bleiben nicht unbemerkt. Sie stürzen sich plärrend auf den unbewachten Bahnübergang, um dann in der Prärie zu verschwinden: zwei prometheische Lokomotiven, 200 Güterwagen, viele davon mit chinesischer Beschriftung. Sie ziehen von Westen nach Osten und dann von Osten nach Westen, in einem unaufhörlichen Getöse.
Sie sind ein großartiges Schlafmittel – noch besser als klassische Musik. Um 20.30 Uhr, während draußen dank der neuen Zeitverschiebung (Mountain Time) die Sonne noch glänzt, haben wir uns bereits in unsere jeweiligen Zimmer zurückgezogen und profitieren von der Internetverbindung die – Gott sei Dank - funktioniert. Eine Stunde später – wurde mir berichtet – habe man an meine Türe geklopft, um mir mitzuteilen, dass die Verabredung am darauf folgenden Tag um 7.00 Uhr abgesagt worden war. Doch wenn mich selbst 200 Güterwagen nicht wecken, wie sollte ich von dem höflichen Anklopfen zweier Italiener wach werden?
Malta ist ein Ort den Wim Wenders sicherlich gemocht hätte: es ist keine amerikanische Kleinstadt, sondern ein Bühnenbild, das auf einen Film wartet. Gerade, weite und öde Straßen, rechte Winkel, ein kobaltblauer Himmel und verblasste Innschriften. Die Hauptattraktionen hier sind die Überreste eines Dinosauriers (namens Leonardo) und der Räuber Kid Curry (Harvey Logan), der 1901 unweit weg von hier einen Zug überfiel. Dieser Angriff ging als letzter Raub der Wild-Bunch-Bande in die Geschichte, bevor Butch Cassidy und Sundance Kid sich nach Südamerika absetzten, um die unverdiente Rente zu genießen.
Wir irren durch leere Straßen umher, in die das Licht der schrägstehenden Sonne fällt, bis uns jemand freundlich in die Lucky-Bullet-Bar einlädt, ohne uns zu erschießen. Sobald man sich diesem gemäldeartigen und filmischen Amerika nähert und anspricht, löst es sich in wahren, persönlichen und oft auch bitteren Geschichten auf. Janae sitzt am Tresen und zeigt mir ein Bild des Vaters ihrer Tochter, der gestern nach Afghanistan gezogen ist, während ihre übergewichtigen Freundinnen über eine kollegiale doch allzu neugierige Freundin lästern. Dennis und Dodiee zeigen mir einen Sattel, den sie beim Rodeo gewonnen haben. Im Restaurant des Great Northern Hotels, der uns in die Geschichte der Eisenbahn zurückführt, erzählt uns Cheryl, ein 23-jährige Kellnerin, dass sie aus Portland (Oregon) hierher gezogen ist, um Arbeit zu finden. Mit ihrer Frisur ähnelt sie einer Schauspielerin die gerade ohne Helm aus einer Motorradfahrt zurückgekommen ist. Eine Auktion, bei der Krimskrams versteigert wird, zieht ein Zehntel der örtlichen Bevölkerung an: in den Regalen ist der amerikanische Alltag ausgestellt – eine melancholische und doch tröstliche Wirklichkeit, wie die meisten jungen Erinnerungen.
Um sieben Uhr morgens scheint eine glänzende Sonne, als ob jemand in der Nacht den Himmel poliert hätte. Ein Ingenieur mit seinen drei blonden Töchtern hat zwei Zimmer im Maltana Motel gemietet: sein Auto ist wie ein Pferd vor dem Schlafplatz geparkt. Die Mädchen frühstücken auf der Motorhaube und warten auf den Schwimmwettkampf.
Den Rest des Tages laufen wir ziellos an verlassenen Gleisen entlang und warten auf unseren Empire Builder, der uns nach West Glacier führen wird. Der Zug hat derzeit zwei Stunden Verspätung. Es könnten auch drei oder nur eine Stunde werden: Amtrak ist wie ein Lebenstraining. Dass wir mit dem Zug nach Malta gekommen sind und kein Auto haben ist in dieser Gegend nicht nachvollziehbar. Fünf Italiener und ein Deutscher besichtigen Dinosaurier und schlendern am Bahndamm entlang? Wir sind wie Marsmenschen in Montana – Ennio Flaiano hätte das sehr gut gefallen.
Sie sind ein großartiges Schlafmittel – noch besser als klassische Musik. Um 20.30 Uhr, während draußen dank der neuen Zeitverschiebung (Mountain Time) die Sonne noch glänzt, haben wir uns bereits in unsere jeweiligen Zimmer zurückgezogen und profitieren von der Internetverbindung die – Gott sei Dank - funktioniert. Eine Stunde später – wurde mir berichtet – habe man an meine Türe geklopft, um mir mitzuteilen, dass die Verabredung am darauf folgenden Tag um 7.00 Uhr abgesagt worden war. Doch wenn mich selbst 200 Güterwagen nicht wecken, wie sollte ich von dem höflichen Anklopfen zweier Italiener wach werden?
Malta ist ein Ort den Wim Wenders sicherlich gemocht hätte: es ist keine amerikanische Kleinstadt, sondern ein Bühnenbild, das auf einen Film wartet. Gerade, weite und öde Straßen, rechte Winkel, ein kobaltblauer Himmel und verblasste Innschriften. Die Hauptattraktionen hier sind die Überreste eines Dinosauriers (namens Leonardo) und der Räuber Kid Curry (Harvey Logan), der 1901 unweit weg von hier einen Zug überfiel. Dieser Angriff ging als letzter Raub der Wild-Bunch-Bande in die Geschichte, bevor Butch Cassidy und Sundance Kid sich nach Südamerika absetzten, um die unverdiente Rente zu genießen.
Wir irren durch leere Straßen umher, in die das Licht der schrägstehenden Sonne fällt, bis uns jemand freundlich in die Lucky-Bullet-Bar einlädt, ohne uns zu erschießen. Sobald man sich diesem gemäldeartigen und filmischen Amerika nähert und anspricht, löst es sich in wahren, persönlichen und oft auch bitteren Geschichten auf. Janae sitzt am Tresen und zeigt mir ein Bild des Vaters ihrer Tochter, der gestern nach Afghanistan gezogen ist, während ihre übergewichtigen Freundinnen über eine kollegiale doch allzu neugierige Freundin lästern. Dennis und Dodiee zeigen mir einen Sattel, den sie beim Rodeo gewonnen haben. Im Restaurant des Great Northern Hotels, der uns in die Geschichte der Eisenbahn zurückführt, erzählt uns Cheryl, ein 23-jährige Kellnerin, dass sie aus Portland (Oregon) hierher gezogen ist, um Arbeit zu finden. Mit ihrer Frisur ähnelt sie einer Schauspielerin die gerade ohne Helm aus einer Motorradfahrt zurückgekommen ist. Eine Auktion, bei der Krimskrams versteigert wird, zieht ein Zehntel der örtlichen Bevölkerung an: in den Regalen ist der amerikanische Alltag ausgestellt – eine melancholische und doch tröstliche Wirklichkeit, wie die meisten jungen Erinnerungen.
Um sieben Uhr morgens scheint eine glänzende Sonne, als ob jemand in der Nacht den Himmel poliert hätte. Ein Ingenieur mit seinen drei blonden Töchtern hat zwei Zimmer im Maltana Motel gemietet: sein Auto ist wie ein Pferd vor dem Schlafplatz geparkt. Die Mädchen frühstücken auf der Motorhaube und warten auf den Schwimmwettkampf.
Den Rest des Tages laufen wir ziellos an verlassenen Gleisen entlang und warten auf unseren Empire Builder, der uns nach West Glacier führen wird. Der Zug hat derzeit zwei Stunden Verspätung. Es könnten auch drei oder nur eine Stunde werden: Amtrak ist wie ein Lebenstraining. Dass wir mit dem Zug nach Malta gekommen sind und kein Auto haben ist in dieser Gegend nicht nachvollziehbar. Fünf Italiener und ein Deutscher besichtigen Dinosaurier und schlendern am Bahndamm entlang? Wir sind wie Marsmenschen in Montana – Ennio Flaiano hätte das sehr gut gefallen.
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