Wenn man die Verspätung bedenkt, die er täglich ansammelt, sollte man ihn eher “Delay Builder” als “Empire Builder” nennen. Gestern sind wir mit zwei Stunden Verspätung in Rugby angekommen und hätten heute um Punkt 7.07 Uhr nach Malta (Montana) weiterfahren sollen. Doch unser Zug hat sich erst um 9.33 Uhr in Bewegung gesetzt – immer mit der Ruhe! Man hat ihn vor der Abfahrt sogar um 100 Meter nach vorne verschoben, damit wir unser Gepäck einfacher laden konnten.
In der Wartezeit haben wir Dale G. Niewoehner einen Besuch abgestattet. Der ehemalige Bürgermeister, der in der Zwischenzeit ein guter Freund von uns geworden ist, hat Arbeit und Familie unter ein Dach gebracht: Im Erdgeschoss befindet sich sein Bestattungsunternehmen (mit einer Ausstellung von Särgen und Urnen sowie einem Labor, in dem er die Leichen präpariert); im ersten Stock befindet sich das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, sämtliche Fundstücke ehemaliger Passagierdampfer (selbst der Andrea Doria), eine Sammlung an Backsteinen bekannter Gebäude und ein Bisonhaupt.
Mit seiner Frau Marilyn („Meinen Mann habe ich auf einer Beerdigung kennengelernt“) begleitet uns Dale zum Bahnhof und erklärt uns, warum Amtrak-Züge auf dieser Eisenbahnstrecke oft (immer?) zu spät sind: die Zuggleise gehören der BSFN-Gesellschaft und die Güterzüge (freight trains) haben demnach die Vorfahrt. Passagiere dürfen ruhig warten.
Der silberne Empire Builder fährt durch North Dakota (7879 Ölquellen und 18 Milliarden Barrels im Monat) und Montana in Richtung Seattle, im Bundesstaat Washington. Wir steigen schon in Malta, Montana, aus. Im Zug begegnen wir Mandy: sie kommt aus Minnesota und besucht einen Freund in Williston, Mittelpunkt des neuen Ölbooms. „Ein unglaublicher Ort“, erklärt sie uns. „Viele junge Männer, viel Alkohol und sehr wenig zu tun. Ich habe gesehen, wie sich Männer für eine Frau prügeln. Testosteron und Erdöl – wow“.
Mandys Freund jedoch arbeitet für 25 Dollar die Stunde im Umweltsektor: er greift zum Beispiel bei Ölaustritten u.Ä. ein. Doch das „Fracking“, die dort benutzte Förderungsmethode (Gas oder Flüssigkeiten werden in tiefe Bohrungen gepresst und erzeugen Risse in der Erdkrustenschicht), könnte das Grundwasser verseuchen. Man sagt, dass an einigen Orten das Trinkwasser jetzt schon entflammbar ist. Vor unserem Halt schlage ich unserer Producerin Soledad vor, folgendes Experiment durchzuführen: Sie könnte in Williston aussteigen, Wasser aus der Leitung trinken und gleich danach eine Zigarette zünden. Doch sie lässt sich als Römerin nicht über den Tisch ziehen und fertigt mich mit einem „Ich rauche nicht“ ab.
Kurz vor der Grenze wechseln wir unsere Zeitzone. In Montana ist der Himmel hellblau und grau; dicke Wolken nehmen auf den weiten Prärien Anlauf. Ab und zu regnet es ein wenig. Nach den vielen Ölquellen befinden wir uns jetzt in einer sanften und hellen Hügellandschaft. Die Lastzüge wirbeln viel Staub auf. Alberto filmt, Gianni schneidet seinen Videoblog und Andrea denkt an Dale G. Niewoehner und an seine Wohnung. Karl sitzt in der Panorama-Lounge und beschäftigt sich mit seinen intimen Interviews. Steve, ein Amerikaner der Richtung Westen fährt, seufzt: „Es reicht wenn ich binnen September wieder auf der East Coast zurück bin”. Das ist für mich die richtige Einstellung, wenn man mit der Bahn fährt.
Mitten am Nachmittag, mit 3 Stunden Verspätung, steigen wir in Malta (Montana) aus. Der Name dieses Ortes wurde von einem Beamten der Great Northern ausgesucht: Er ließ den Globus einmal um seine Achse drehen, schloss die Augen und setzte seinen Finger auf die Mittelmeerinsel. Sonne, Wind, 4 Straßen und insgesamt 10 Pick-ups. Die Inhaberin des „Maltana“ Motels, der einzige in der Stadt, scheint über diesen unerwarteten Besuch erstaunt. Wir auch. Stay tuned!

Beppe Severgnini









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